Wilhelm Brauns (1841-1914) – Vom Landapotheker in Brome zum Fabrikbesitzer in Quedlinburg

Wilhelm Brauns (1841-1914) , dessen Geburtsdatum sowie der Geburtsort uns immer noch unbekannt sind, erlernte die Pharmazie in der Apotheke seines Onkels Karl Theodor Friedrich Bracht im altmärkischen Osterburg. Wann genau er die Apotheke in Brome übernommen hat, ist leider bis heute nicht bekannt.

Apotheke Brome um 1930 (Quelle: Digitale Sammlung MHV Brome)

Die Apotheke Brome wurde im Jahr 1837 von Apotheker Wilhelm Dietrich Meyer gegründet. Bis heute befindet die Apotheke sich in diesem Gebäude. Ihm folgte der Apotheker Ernst Friedrich von Hadeln. Anschließend übernahm in einem uns unbekannten Jahr Wilhelm Brauns die Bromer Apotheke. Unsere Apotheke gilt als Geburtsstätte der Wilhelm Brauns GmbH, Anilinfabriken in Quedlinburg. In dem Vortrag Die deutsche Apotheke als Keimzelle der deutschen pharmazeutischen Industrie, den Georg Urdang auf der Hauptversammlung der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie 1931 in Wien gehalten hat, heißt es über Wilhelm Brauns:

Der junge Apothekenbesitzer Wilhelm Brauns, dem der wenig umfangreiche Apothekenbetrieb nur recht bescheidene Einnahmen brachte, hatte schon Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die deutsche Teerfarbenindustrie noch wenig entwickelt und die Auswahl des Brauchbaren nur gering war, die gewaltige Bedeutung dieser Farbstoffe für die Verwendung im Haushalt erkannt. 1874 stellte er in Brome die ersten für den Hausgebrauch zubereiteten Stoffarben her und brachte sie nach eigenhändiger Abfüllung in die bekannten Päckchen in seiner Apotheke zum Verkauf. Ende der siebziger Jahre siedelte er nach Quedlinburg über, um sich dort ganz der Herstellung dieser Stoffarben zu widmen. Der glückliche Gedanke und die ständige Verbindung mit den wissenschaftlichen Fortschritten auf dem Gebiete der Farbenchemie verschafften dem Unternehmen, in das Wilhelm Brauns im Jahre 1884 seinen Bruder Johannes und 1899 den erfindungsreichen Chemiker Dr. Weller als Teilhaber aufnahm, einen außerordentlichen Erfolg. Als sich Wilhelm Brauns im Jahre 1910 aus dem Betriebe zurückzog und gleichzeitig seinen Sohn Willibald als seinen Nachfolger einsetzte, konnte er mit Stolz auf die Entwicklung seiner Schöpfung zurückblicken. Er starb am 3. März 1914 im Alter von 73 Jahren.

Die Wilhelm Brauns GmbH war auf der Erfolgsspur. Bis Anfang der 30er Jahre hatte die Firma Filialen und Tochtergesellschaften in Berlin, Barcelona, Desio-Mailand, Reichenberg (frühere Tschechoslowakei), Chilli (früheres Jugoslawien), Warschau, Wien und Zürich, wie es am Ende des Heftes Brauns´ Neues Färbe-Lehrbuch aus den 30er Jahren heißt.

Nach dem 2. Weltkieg fusionieren die beiden Unternehmen Brauns und Heitmann. Dieses Unternehmen existiert auch heute noch. Weitere Informationen sind hier zu finden.

Das Kriegerdenkmal Brome – Ein neues Heft in der Reihe Bromer Schriften zur Volkskunde (Bd. 22)

Bereits von langer Hand war die Herausgabe eines Heftes über das Bromer Kriegerdenkmal geplant – und nun wurde dieses Vorhaben von Jens Winter angesichts der aktuellen Ereignisse schnellstmöglich umgesetzt.

Der Band 22 der Reihe „Bromer Schriften zur Volkskunde“ trägt den Titel Das Kriegerdenkmal in Brome und die Erinnerungskultur des hiesigen Schützenvereins. Es geht in diesem Band nicht nur um das Kriegerdenkmal und dessen Geschichte, sondern auch darum, wie das Kriegerdenkmal in der Erinnerungskultur des Fleckens Brome verankert ist. Beispielhaft wurde hierfür die Beziehung des Schützenvereins Brome von 1813 zum Kriegerdenkmal beleuchtet.

Das Heft umfasst insgesamt 44 Seiten mit zahlreichen historischen und aktuellen Fotos zum Kriegerdenkmal und den Wilhelmsplatz.

Das Heft, welches in einer Erstauflage von 100 Exemplaren gedruckt wird, kann vorübergehend ab Samstag, den 19. Dezember 2020 tagsüber von 8 bis 20 Uhr vor der Haustür des 1. Vorsitzenden Jens Winter (Heideweg 1 in Brome) coronagerecht erworben werden. Es kostet 5 €. Bitte das Geld passend mitnehmen und in die bereitgestellte Kasse legen!

Das Bromer Kriegerdenkmal und seine Geschichte (1871-2020)

Das Bromer Kriegerdenkmal in der Ortsmitte (Foto: Jens Winter, 30. Juli 2020)

Die Geschichte des Bromer Kriegerdenkmals in der Ortsmitte beginnt im Jahr 1871, kurz nachdem König Wilhelm von Preußen am 18. Januar 1871 zum Deutschen Kaiser proklamiert wurde.

Am 18. Juni 1871 wurde unter großer Beteiligung der Bevölkerung in der Bromer Ortsmitte eine „Friedenseiche“ gepflanzt. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wurde auch bestimmt, diesen Platz in Wilhelm-Platz zu benennen. Der Name dieses Platzes geht also auf Kaiser Wilhelm I. zurück. Neben der Eiche zeugt euch ein kleiner Sandstein mit dem eingemeißelten Datum 18. Juni 1871 von diesem Ereignis.

Gedenkstein an die Pflanzung der „Friedenseiche“ mit der Inschrift „Den 18. Juni 1871“ (Foto: Jens Winter, 30. Juli 2020)

Das Kriegerdenkmal wurde vom Bromer Steinmetzmeister Löde im Jahre 1877 angefertigt. Auf dem Denkmal sind die Namen derer zu lesen, die in den Kriegen 1866 und 1870/71 ihr Leben gelassen haben. Zu lesen ist u.a. vom Füsilier Jh. Ch. Bartels, der am 9. August 1866 in Brünn in Südmähren gefallen ist. Es sind also keineswegs nur Bromer Gefallenen, denen dieses Denkmal gewidmet war, sondern auch den Gefallen aus den anderen Orten des Kirchspiels Brome, das bis 1945 auch über die Landesgrenze hinaus in die Altmark reichte.

Das Ensemble wurde später dann durch einen schmiedeeisernen Zaun des Schlossermeisters Gustav Junge ergänzt.

Postkarte des Wilhelmsplatzes um 1910 – hier fehlt noch der schmiedeeiserne Zaun (Digitales Archiv MHV Brome)
Postkarte des Wilhelmplatzes um 1911 – nun mit dem schmiedeeisernen Zaun des Schlossermeisters Gustav Junge (Digitales Archiv MHV Brome)

In den frühen Morgenstunden des 13. Dezember 2020 ist dieses Denkmal nun durch einen Autounfall komplett zerstört worden. Die Säule, die einstmals den Adler trug, ist zerbrochen. Der Stein mit den Namen der Gefallenen liegt schrägt neben dem eigentlichen Sockel. Auch er ist durch Abplatzung am Sandstein beschädigt. Der eiserne Adler liegt am Boden und ist ebenfalls stark beschädigt. Hoffen wir, dass das Denkmal bald wieder in seinem alten Glanz erstrahlen wird!

„Wölfe – auch schon damals“

Der letzte Wolf im Landkreis Gifhorn wurde im Jahre 1956 bei Boitzenhagen erlegt. Danach gab es Jahrzehnte lang in den heimischen Wäldern und Fluren keine Wölfe mehr, erst seit 2017 gilt ihre Rückkehr im hiesigen Raum als gesichert.

Die kontroverse Debatte darüber konnte man in verschiedenen Medien verfolgen, angefeuert von den jeweils unterschiedlichen Interessenlagen und Standpunkten.

Mich interessierte, welche Erfahrungen die Menschen unserer Region in früheren Zeiten mit dem Wolf gemacht hatten. Dazu bin ich bei dem Bromer Heimatforscher Karl Schmalz, der sich mit vielen Aufsätzen zur Heimatgeschichte verdient gemacht hat, fündig geworden.

In der Zusammenfassung seiner Aufsätze befinden sich die Berichte „Eine Wolfsjagd im Ehraer Holz“, „Wolfsplage vor 300 Jahren“, „Wolfsjagd zwischen Radenbeck und „Tesekendorf“ und „Wölfe – auch schon damals“.

Der Wolf hatte besonders damals, aber auch heute noch, für viele Menschen das Image des gefährlichen und blutrünstigen Raubtieres. Als Nahrungskonkurrent, der das kostbare Vieh der Bauern und der kleinen Leute riss, wurde er verfolgt und wenn möglich, zur Strecke gebracht. 

Auch wenn es in der Beschreibung über die Wolfsjagd in Ehra vor allem darum geht, wer damals das Jagdrecht in unseren heimischen Wäldern hatte, so erfährt man in der Vernehmung von Ehraer Bürgern durch den Knesebecker Amtmann im März 1702 doch etwas über die Methode dieser Jagd.

Dazu wurden Leinen mit Lappen versehen und zwischen Bäume gespannt, um die Tiere in eine bestimmte Richtung zu lenken. Konnte ein Wolf entwischen, war er „durch die Lappen gegangen“. Zwischen den Bäumen wurden zudem Netze aufgestellt, in die die Wölfe getrieben werden sollten. Jagdhelfer stiegen auf Bäume und hielten von dort oben Wache. Wurde ein Wolf gesichtet, sollte er in den nach und nach enger gestellten Netzen gefangen und erlegt werden.

So war auch der Plan damals in Ehra. Besonders erfolgreich war das in diesem Falle nicht, denn obwohl die Jäger acht Tage lang zum Schießen ausgezogen waren, bekamen sie keinen Wolf zu Gesicht und damit auch keinen vor die Flinte.

Eine andere Jagdmethode war die Jagd mit Wolfskuhlen. Dicht an der Grenze zur Bromer Gemarkung gibt es sowohl eine „Große Wolffs Kuhl“ als auch eine „Kleine Wolffskuhl“.  Die Bezeichnungen deuten darauf hin, dass die Jagd mit Fallgruben auch hier durchgeführt wurde.

In die getarnten Gruben (Kuhlen) wurde der Wolf getrieben und konnte aus eigener Kraft nicht mehr entkommen. Das gefangene Tier konnte entweder gleich getötet oder lebend entnommen werden und einer Jagdgesellschaft zugeführt werden.

Wolfsjagden waren ein Teil des adligen Lebens und erfreuten sich in diesen Kreisen großer Beliebtheit „… Eß werden die vf künfftigen vnserm Beylager zur Lust benöthigte Wölffe in Vnsern Landen nicht mehr zu erlangen stehen“, sorgte sich Herzog Christian Ludwig in einem Schreiben vom März 1653 an seinen Oberforst- und Jägermeister Georg von Wangenheim.

Die lebend gefangenen Wölfe wurden in extra hergerichteten Gehegen für dieses besondere „Jagdvergnügen“ solange gehalten, bis wieder eine herrschaftliche Wolfsjagd anstand.

Damit wurde deutlich, dass es längst nicht nur darum ging, das Vieh zu schützen, sondern „wieder einmal in Abenteuerlust die Aufregungen einer Wolfsjagd genießen zu können“, wie Karl Schmalz bilanzierte.

Bei den abkommandierten Jagdhelfern der adligen Jagd hielt sich die Begeisterung über den Einsatz dagegen in Grenzen.

Zur Wolfsjagd wurde stets ein starkes Aufgebot an Helfern benötigt. Weil die sich nur schwerlich freiwillig bereit fanden, griff der Adel zum verpflichtenden Mittel der „Landfolge“. Dazu gab es eigens aufgestellte Listen, in denen die zur Landfolge aufgestellten Männer aufgeführt wurden. Allein das Amt Knesebeck zählte im Jahre 1663 ganze 245 Mann, die unbefristet und ohne Entlohnung aufgerufen werden konnten.

Probleme hat es für die Bauern und Tierhalter durch den Wolf immer wieder gegeben. Die im März 1647 erfolgte Meldung durch einen Thomas Daume aus dem Amt Lüne berichtete sogar von einem Angriff auf eine Frau. Der Wolf soll ihr nach dem Aufstehen nach der Kehle gefasst haben und wurde von dem herangeeilten Gesinde erstochen.

In einem anderen Fall hatte der Pfarrer von Jeggau im Jahre 1659 ins Kirchenbuch eingetragen: „Ein Wolf hat… den Schulzen Hans Mumme beim Anfahren des Holzes für den Prediger, im Dorf angegriffen, so daß er elendiglich gestorben“.

Wie es zu den Zwischenfällen gekommen war, sowie die näheren Umstände der Attacken, wurde leider nicht festgehalten.

Bei zahlreichen früheren Berichten aus Geschichte und Literatur, in denen über Wolfsattacken auf Menschen durch bis zu 20 Tiere starke Rudel geschrieben wurde, handelt es sich ganz sicher um Übertreibungen.

Wölfe leben im Familienverbund, ähnlich dem Menschen. Im Alter von 11 bis 12 Monaten verlassen die Jungtiere ihr Rudel um sich ein neues Revier und einen Partner zu suchen, mit dem sie eine eigene Familie gründen können. Bei dieser Suche legen sie lange Strecken zurück. Thomas Pusch, der Sprecher des Landesfachausschusses Wolf beim Naturschutzbund in Nordrhein-Westfalen erklärte, „Ein Wolfsrudel besteht aus acht bis 10 Tieren, die auf einem Gebiet von 250 Quadratkilometern leben. Größer wird das Rudel nicht, denn „Es gibt eine Inzuchtsperre…“

In dem Aufsatz über die „Wolfsjagd zwischen Radenbeck und „Teskendorf“ wird davon berichtet, dass bei einer offenbar ungenehmigten Wolfsjagd ein zwölfjähriger Junge versehentlich angeschossen wurde, so dass er 5 Tage später verstarb. Ansonsten wird vermerkt „nichts gesehen, nichts gefangen und nichts geschossen“.

Aus dem vierten Bericht von Karl Schmalz über „Wölfe – auch schon damals“, erfahren wir, dass es in der hiesigen Gegend bis in die neuere Zeit immer wieder Wolfsjagden gegeben hat. So wurden ein „großer Ehraer Wolf“ im Dezember 1824 und ein Schönewörder Wolf 1871 bei Erpensen erlegt.

Schmalz vermutete, die Bezeichnung Wolf könnte früher allgemein als Synonym für wilde Tiere gebraucht worden sein, so dass nicht immer ganz eindeutig war, ob es sich bei dem „Übeltäter“ tatsächlich um einen Wolf handelte.

Aus unserer Natur ist der Wolf inzwischen nicht mehr wegzudenken. Weder sollten wir ihn romantisieren, noch unbegründete Ängste schüren. Ob Karl Schmalz das wohl auch so gesehen hätte? Wohl nicht, dazu war er, der 1966 gestorben ist, wohl doch zu sehr der Denkweise seiner Zeit verpflichtet, in der „der letzte Gifhorner Wolf“ als gefährliches Raubtier erlegt wurde.

Während des 2. Weltkrieges in Altendorf

In der Kriegszeit vom 1. April 1940 bis zum 20. Dezember 1945 wurde in Altendorf keine Schulchronik geführt. Die Kinder aus Altendorf und Benitz wurden in dieser Zeit in Brome beschult, da viele Lehrer, wie auch die meisten anderen wehrfähigen Männer, zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Der Lehrer Hermann Büttner war nach Kriegsende als Flüchtling nach Altendorf gekommen und begann seinen Dienst an der Volksschule mit deren Wiedereröffnung am 20. Dezember 1945.

Büttner bedauerte sehr, dass in der Chronik „… für die Gemeinde Altendorf so viele gewaltige und dabei so folgenschwere Ereignisse… nicht festgehalten waren“. So machte er sich daran, seine neuen Mitbürger in Altendorf über diese Zeit zu befragen und die Ergebnisse dieser Befragungen in die Schulchronik aufzunehmen. Aus diesen Berichten notierte Büttner, was sich in der Gemeinde Altendorf getan hatte.

Wie in anderen Gemeinden und Städten in Deutschland wurden Kriegsgefangene aus den ersten siegreichen Kriegsjahren als Arbeitskräfte eingesetzt. In Altendorf arbeiteten sie in der Landwirtschaft und hatten es damit meistens besser getroffen als ihre Leidensgenossen, die in anderen Bereichen Zwangsarbeit leisten mussten. Junge Bauern und Landarbeiter waren im Kriegsdienst, viele inzwischen bereits verwundet oder sogar gefallen. Mit der Arbeit der Gefangenen sollte ein Ausgleich geschaffen und die Produktion in der Landwirtschaft aufrechterhalten werden.

Wegen der allgemeinen Verknappung der Lebensmittel wurden Lebensmittelkarten eingeführt, durch die eine gleichmäßige Verteilung der Grundnahrungsmittel erreicht werden sollte. Da die Versorgung auf dem Land naturgemäß besser war als in den Städten, machten sich viele Stadtbewohner mit sog. Hamsterfahrten auf den Weg in die Dörfer. Um ein paar zusätzliche Lebensmittel zu erhalten, kamen auch etliche Leute nach Altendorf. Ansonsten ging das Leben hier seinen gleichmäßigen und ruhigen Gang. „Von den Schrecken des fortschreitenden Krieges bekam das Dorf in den ersten Kriegsjahren nichts zu spüren“.

Schließlich versuchten immer mehr Menschen aus den Städten, auf dem Lande Zuflucht zu nehmen. Auch ganze Schulklassen mit den sie begleitenden Lehrkräften wurden im Rahmen der Kinderlandverschickung dorthin geschafft. Von der Wolfsburger Mittelschule wurden drei Klassen ausquartiert. „2 Klassen wurden in Brome untergebracht und eine in Altendorf“.

„Einen kleinen Begriff von den Schrecken, die die Stadtbewohner bei dem zunehmenden Luftterror durchzumachen hatten, bekam auch unser Dorf gegen Ende des Krieges zu spüren. An einem Novemberabend im Jahre 1943 … ließ ein feindliches Flugzeug auf die Benitzer Feldmark… eine Luftmine, zwölf Phosphorbomben und ungefähr 100 Brandbomben fallen“.

„Im Januar 1945 … warf ein feindliches Flugzeug im Notwurf 10 Bomben beiderseits der Altendorf-Benitzer Chaussee“. „Ende März 1945 … fielen 2 Bomben auf den Acker des Bauern Rehfeldt in Benitz“, verursachten zum Glück aber nur Flurschaden.

„Am 22.2.1945 … stürzte ein amerikanischer viermotoriger Bomber, der in Luftkämpfen abgeschossen worden war, in der Nähe der Altendorfer – Wiswedeler Straße … ab“. Die Flugzeugteile lagen weit verstreut. „Von den 9 Insassen des Flugzeuges retteten sich 6 durch Fallschirmabsprung. 2 Mann lagen tot unter der Maschine, ein dritter 20 m entfernt, ebenfalls tot. Der eine Abspringer landete auf Dieckmanns Scheunendach, riß dabei ein Loch ins Dach…“ Der Verwundete wurde verbunden und der Polizei übergeben.

Seit dem Frühjahr 1944 häuften sich die Angriffe feindlicher Tiefflieger auf die Kleinbahnstrecke der OHE. Bei diesen Vorfällen waren Verwundete und Tote zu beklagen, Altendorfer Bürger gehörten nicht zu den Opfern.

Was sich dann im Frühjahr 1945 in seiner neuen Heimat ereignete, hielt Hermann Büttner ebenfalls fest: „Daß der Krieg seinem schrecklichen Ende entgegenging, zeigte der erste Flüchtlingstransport, der hier Anfang Februar ankam. Er war aus Berlin gekommen. Frauen und Kinder wollte man dort fortbringen. Ein langer Zug rollte in den Kreis Gifhorn und wurde auf allen Bahnhöfen entlang der Strecke Oebisfelde – Wittingen entladen“. Auch die Frau des Lehrers Büttner kam mit ihren drei Kindern auf diese Weise hier an.

Von den Altendorfern wurden die ersten Flüchtlinge herzlich und liebevoll aufgenommen, allerdings blieben das nicht die einzigen Flüchtlinge. Nach zwei Wochen setzte der Flüchtlingsstrom aus dem Osten ein und damit kamen auch immer mehr Menschen nach Altendorf. Viele dieser Menschen waren lange Strecken zu Fuß gegangen oder mit Wagen quer durch Deutschland gefahren und suchten nun irgendwo eine Bleibe. „Wochenlang, seit Mitte Januar, waren sie bei Wind und Wetter, Frost und Schneesturm unterwegs gewesen, hatten kein anderes Dach über dem Kopf gehabt, als den Wagenplan, waren erschöpft, krank, die Pferde abgetrieben, klopften nun an die Tore der hiesigen Bauernhöfe, baten um Aufnahme und wurden aufgenommen. Bald war jeder Hof, auch der kleine, mit Flüchtlingen voll belegt.“ „Viele Wochen dauerte dieser Flüchtlingsstrom an“.

Im April 1945 waren die vorrückenden Amerikaner in den Kreis Gifhorn gelangt und am 11. April fuhren erste amerikanische Panzer durch Altendorf. In den Tagen danach war „die Kampflage vollständig undurchsichtig“ notierte Hermann Büttner.

„So durchfuhr am 16.4. eine deutsche Abteilung, bestehend aus 5 Panzern und ungefähr 25 Lastwagen, Altendorf und nahm für kurze Zeit in der näheren Umgebung Aufstellung.“ Glücklicherweise kam es zu keinen Kampfhandlungen, so dass „…keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben“ bestand.

Ein Teil eines größeren Gefangenentransports von mehreren tausend Russen und Franzosen, die von Westen kommend, in die Altmark gebracht werden sollten, machte in Altendorf Station. „Während der Nacht wurden sie in den Scheunen der Bauern einquartiert. So waren auf Bromanns Hof 180 Franzosen, auf Fritz Knokes Hof 200 gefangene Russen untergebracht“. Beim Weiterzug gerieten die Gefangenen und ihre deutschen Bewacher bei Wendischbrome und Radenbeck in das Feuer feindlicher Panzer. „Bei dem nun entstehenden Wirrwarr und dem allgemeinen Durcheinander sprengten sowohl Wachmannschaften, als auch Gefangene, nach allen Seiten auseinander“. Die ehemals Gefangenen verstreuten sich in der Gegend und verlangten von den Dorfbewohnern Unterkunft und Verpflegung. In der aufgeladenen und spannungsreichen Atmosphäre gab es viele gefährlichen Situationen, auch Plünderungen und Messerstechereien kamen vor. Die Russen hielten sich mehrere Tage hier auf, bis sie weiterzogen. Als sich schließlich stärkere amerikanische Kräfte näherten, wurden von ihnen Ruhe und Ordnung wiederhergestellt.

Historisch gesichert ist, dass die russischen Kriegsgefangenen doppelt unter die Räder des Kriegsgeschehens gerieten. Ihre Gefangennahme wurde von dem stalinistischen System als „Vaterlandsverrat“ eingestuft und wie ein mit Absicht begangenes Verbrechen behandelt. So führte ihr Weg in der Heimat meistens gleich in sibirische Straflager.

Hermann Büttner hielt auch fest, dass sich Polen, die bei den hiesigen Bauern zwangsbeschäftigt waren, an Plünderungen beteiligten. Einzelne Polen und eine Baltin konnten aber auch im Konflikt mit Russen vermittelnd und beschützend eingreifen. Über den Verbleib der Franzosen ist in der Chronik nichts zu lesen, womöglich waren sie unauffälliger und sind so schnell wie möglich auf irgendwelchen Wegen in ihre Heimat zurückgekehrt.

„Am 24.4.45 wurde Altendorf dauernd besetzt, zunächst von den Amerikanern, später von den Engländern“. Drei Bauernhöfe wurden mit Truppen belegt. „Auf Bromanns Hof waren 15 Panzer aufgestellt“. Die Bauernfamilien mussten die Höfe verlassen, durften nichts mitnehmen und die Ställe nur zum Füttern des Viehs betreten.

Die Besetzung Altendorfs dauerte vier Wochen. Auf der Straße zwischen Brome und Radenbeck fuhren Panzer mehrere Male am Tag Patrouille und von 22 Uhr bis 5 Uhr herrschte Sperrzeit, in der sich kein Zivilist auf der Straße aufhalten durfte.

Monatelang gab es keine Möglichkeit, Nachrichten zu übermitteln, da der Post- und Bahnverkehr ruhte. Wollte man in einen anderen Ort, konnte man den nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen.

„Hunderttausende, vielleicht Millionen von Menschen, waren in diesen Monaten unterwegs“. Entlassene Soldaten oder solche, die sich heimlich entfernt hatten, schlugen sich durch, evakuierte Städter wollten endlich zurück in die Heimatstädte. Flüchtlinge wollten zu ihren Verwandten, die es anderswohin verschlagen hatte. „Alles wanderte schwer bepackt, tagelang, wochenlang. Einzeln, in kleineren u. größeren Gruppen durchzogen sie unser Dorf“.

So war die kleine beschauliche Gemeinden Altendorf, deren Bewohner sich so weit entfernt von den Wirren des Krieges glaubten, doch noch Schauplatz kriegerischer Ereignisse und seiner Nachwirkungen geworden. Der Krieg, der von Deutschland aus in die Welt gegangen war, hatte auch hier seine Spuren hinterlassen, wenn auch in weitaus geringerem Maße, als in den Städten und den Gebieten, über die der Krieg grausam hinweggefegt war. Zeitzeugen, die sich zu den damaligen Geschehnissen äußern könnten, sind entweder verstorben oder hoch betagt, so dass sich ihre Erinnerungen verwischt haben. Dem Lehrer Hermann Büttner gebührt für diese Aufzeichnungen in der Altendorfer Schulchronik, Band II, großer Dank, denn ohne sie wäre das Wissen um die Geschehnisse dieser Zeit in Altendorf und Umgebung verloren gegangen.