Ein kurzes, aber bedeutsames Kapitel der Bromer Geschichte
Wer heute durch Brome spaziert, ahnt kaum, welche dramatischen Ereignisse sich hier in den 1930er Jahren abspielten. Eine zentrale Figur in diesem dunklen Kapitel war Konrad Erling – ein Mann, der innerhalb kürzester Zeit vom Förster zum NSDAP-Ortsgruppenleiter und schließlich zum Bürgermeister aufstieg.
Die Anfänge: Ein Förster kommt nach Brome
Konrad Erling wurde am 19. August 1903 in Breslau geboren. Sein Weg nach Brome führte über mehrere Stationen: Am 2. September 1930 meldete er sich in Wendischbrome an, kam von Polanska, wo er in der Dorfstraße Nr. 3 gewohnt hatte. Bereits drei Monate später, am 1. Dezember 1930, zog er nach Brome um. Von Beruf war er Förster.


Der Parteigänger: Früher Eintritt in die NSDAP
Konrad Erling war kein Mitläufer, der erst nach der Machtübernahme auf den fahrenden Zug aufsprang. Er trat bereits am 1. November 1930 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 347800). Nach der Auflösung der NSDAP Ortsgruppe Brome Ende 1930 trat er am 7. April 1932 erneut in die Partei ein.

Seine politische Bedeutung wuchs rasch: Am 1. Oktober 1931 wurde die NSDAP-Ortsgruppe Brome nach einer Phase der Auflösung neu gegründet. Zu den drei Gründungsmitgliedern gehörten Willi Knoch, Werner Davids – und Konrad Erling. Erling wurde zum Ortsgruppenleiter ernannt, ein Amt, das er bis August 1934 innehatte.

Der Aufstieg: Vom Beigeordneten zum Bürgermeister
Die Ereignisse des Jahres 1933 überschlugen sich. Bei der Bürgermeisterwahl am 30. März 1933 wurde zunächst noch Wilhelm Baucke mit 9 zu 3 Stimmen wiedergewählt. Konrad Erling wurde mit 9 Stimmen zum Beigeordneten gewählt. Doch die Gauleitung der NSDAP in Hannover hatte andere Pläne.
Nur drei Wochen später, am 21. April 1933, wurde Erling auf Weisung der Gauleitung kommissarisch mit den Geschäften des Bürgermeisters beauftragt. Wilhelm Baucke, der langjährige Bürgermeister, war faktisch entmachtet – innerhalb von nur zwei Wochen.
Die erzwungene Wahl: Gleichschaltung in Aktion
Am 14. Juni 1933 kam es zur nächsten Bürgermeisterwahl. Otto Bannier hatte eine nicht-öffentliche Dringlichkeitssitzung beantragt – angeblich auf Anordnung der Gau- und Kreisleitung. Das Ergebnis: 9 Stimmen für Konrad Erling, 2 Gegenstimmen. Otto Bannier wurde mit 8 gegen 4 Stimmen zum ersten Beigeordneten gewählt.
Wilhelm Baucke, der an der Sitzung teilnahm, legte Einspruch ein. In seinem Brief an den Regierungspräsidenten vom 22. Juni schilderte er, wie Bannier zu Beginn erklärt hatte: „Wir 8 Nationalsozialisten stimmen für Erling als Bürgermeister und Otto Bannier als ersten Beigeordneten.“ Bauckes Fazit war vernichtend: „Dieser Vorgang war keine Wahl, sondern eine Einsetzung.“
Tatsächlich erklärte das Landratsamt am 24. Juli die Wahl vom 15. Juni für ungültig. Doch das Ergebnis änderte sich nicht: Am 31. Juli 1933 wurde Konrad Erling einstimmig per Zuruf zum Bürgermeister gewählt.
Das kurze Amt: Nur gut ein Jahr
Konrad Erlings Zeit als Bürgermeister währte nicht lange. Bereits am 25. Juli 1934 – gut ein Jahr nach seiner Einsetzung – bat er um Entbindung von seinen Dienstgeschäften ab dem 15. August. Der Grund: Er hatte eine neue Arbeitsstelle angetreten.
Erling heiratete die Tochter des Bromer Kaufmanns Hermann Roeder, der am 1. März 1933 ebenfalls in die NSDAP eingetreten war. Nach seinem Weggang aus Brome zog er nach Tanne, wo er Mitglied der dortigen NSDAP-Ortsgruppe wurde. Am Ende des 2. Weltkrieges beging Konrad Erling mit seiner Familie erweiterten Suizid.
Ein Lehrstück der Gleichschaltung
Die Geschichte von Konrad Erling ist mehr als die Biografie eines einzelnen Mannes. Sie zeigt exemplarisch, wie die nationalsozialistische Gleichschaltung auf kommunaler Ebene funktionierte: Ein junger, linientreuer Parteifunktionär wurde von der Gauleitung eingesetzt, um einen demokratisch gewählten Bürgermeister zu ersetzen. Die lokale Selbstverwaltung wurde ausgehebelt, die Parteizentrale bestimmte, wer regierte.
Konrad Erling war Werkzeug und Nutznießer dieses Systems zugleich. Seine kurze Amtszeit als Bürgermeister steht für den Beginn einer dunklen Epoche in der Bromer Geschichte – einer Zeit, in der nicht mehr Kompetenz und demokratische Legitimation zählten, sondern Parteibuch und Gehorsam gegenüber der Führung.
Wie genau Wilhelm Baucke von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde und welche Rolle Konrad Erling dabei spielte, erfahrt ihr in unserer Podcastfolge „Der Sturz des Bromer Bürgermeisters Wilhelm Baucke im Jahr 1933“. Dort beleuchten wir die dramatischen Ereignisse jener Wochen im Detail und lassen die historischen Dokumente sprechen.
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