Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Kategorie: Croya (Seite 1 von 3)

„Die Freude einer Revanche” — ein Anwaltsbrief nach Brome von 1853

Dieser Beleg ist etwas Besonderes: Er ist nicht nur ein Poststück, sondern ein inhaltsreicher Brief, der ein ganzes kleines Rechtsdrama aus dem Brome der 1850er Jahre aufblättert. Ein Anwalt aus Celle rät der Gemeinde von einer Klage ab — und gibt dabei einen seltenen Einblick in eine lokale Steueraffäre, in Grenzjäger und Steuerbeamte, in die Grenzen dessen, was das Recht damals leisten konnte.

Der Beleg

Vor uns liegt ein gefalteter Briefbogen im Alltagsgebrauch — auch hier diente der Bogen selbst als Umschlag. Oben links prangt ein ovaler blauer Firmenstempel:

Ober-Appellations-Gerichts-Anwalt M. Jüdell in Celle

Adressiert ist der Brief:

Herrn H. F. Meyer in Brome

Ein grüner Kreisstempel Celle 3/3 10-11 dokumentiert die Aufgabe, der Eingangsstempel Brome 4/3 die Ankunft am folgenden Tag. Da noch keine Briefmarke verwendet wurde, ist das Porto handschriftlich auf der Rückseite vermerkt: Hinporto 2 gute Groschen, Rückporto 1 guter Groschen 2 Pfennig, zusammen 3 gute Groschen 2 Pfennig. Der Vermerk deutet darauf hin, dass Hin- und Rücksendung gemeinsam abgerechnet wurden — ein Hinweis auf regen Schriftwechsel in dieser Sache.

Schreiben des Anwalts M. Jüdell an H. F. Meyer in Brome mit Poststempel Celle 3. März 1853 (Sammlung Jens Winter)
Auf der Rückseite wurde das Hin- und Rückporto handschriftlich vermerkt.

Der Absender: ein Anwalt am höchsten Gericht

Der Absender M. Jüdell war Ober-Appellationsgerichts-Anwalt in Celle — also zugelassen am Ober-Appellationsgericht, dem höchsten Gericht des Königreichs Hannover mit Sitz in Celle. Dass die Gemeinde Brome sich in ihrer Angelegenheit an einen Anwalt dieses Ranges wandte, zeigt, wie ernst die Sache genommen wurde.

Der Empfänger, H. F. Meyer in Brome, dürfte in die Sache als Vertreter der Gemeinde eingebunden gewesen sein — vermutlich als Mitglied des Gemeinderats. Oder war er sogar Bürgermeister von Brome? Sicher belegt ist seine Funktion aus dem Brief allein nicht; das bleibt eine offene Frage.

Der Fall: eine Steueraffäre und die Frage nach der Klage

Der Brief antwortet auf ein Schreiben Meyers vom 28. Februar 1853 und behandelt zwei Punkte. Zum ersten, seiner Honorarrechnung, zeigt sich Jüdell großzügig: Er will gern warten, bis ein Gemeindebeschluss darüber vorliegt, ob die Kosten aus der Gemeindekasse zu bestreiten sind, und bietet den drei mittellosen Beteiligten sogar Ratenzahlung an.

Der zweite Punkt ist der eigentlich brisante. Es geht um die Frage, ob gegen die Steuerofficianten — also Steuerbeamte — Anklage erhoben werden solle. Jüdell rät entschieden ab. Er schreibt:

die Frage: ob gegen die Steuerofficianten eine Anklage zu erheben? muß ich deshalb verneinen, weil ich es nicht für gerathen halte Kosten aufzuwenden. Eine Criminal-Untersuchung würde einen andern Ausgang nicht haben als die gegen die Croyer weil diese ebenso betheiligt sind, als die Grenzaufseher denen man Glauben nicht geschenkt hat.

Eine Strafuntersuchung, so sein nüchternes Urteil, würde ebenso ausgehen wie das bereits gescheiterte Verfahren gegen die „Croyer” — die Leute aus Croya —, denn diese seien genauso beteiligt wie die Grenzaufseher, denen man vor Gericht keinen Glauben geschenkt habe. Und eine Zivilklage auf Entschädigung hätte noch weniger Aussicht auf Erfolg.

Jüdell bringt das Dilemma auf den Punkt: Selbst wenn für die Eingeweihten die Schuld der Beamten zweifellos feststehe, lasse sich die Sache nicht so beweisen, dass alle Schuld auf die Grenzjäger abgewälzt werden könne. Ohnehin werde die Staatsanwaltschaft kaum eine erneute Untersuchung einleiten.

Sein Schlusssatz hat einen ganz eigenen Klang:

Es ist mir daher leid, daß ich der Gemeinde Croya die Freude einer Revanche nicht versprechen kann, wie ich sonst gern gethan haben würde.

Was steckte dahinter?

Der Brief nennt die Beteiligten, ohne den Sachverhalt für den heutigen Leser vollständig auszubreiten — die Zeitgenossen wussten, worum es ging. Aus den erwähnten Rollen lässt sich der Zusammenhang aber mit einiger Wahrscheinlichkeit erschließen: Steuerbeamte, Grenzaufseher beziehungsweise Grenzjäger und die Gemeinde Croya stehen im Zentrum. Da Brome und seine Nachbardörfer unmittelbar an der Grenze zum Königreich Preußen lagen, ist anzunehmen, dass die Grenzjäger zur Überwachung eben dieser Grenze eingesetzt waren — und dass es im Kern um eine Angelegenheit von Steuer- oder Zollhinterziehung ging, in die sowohl Beamte als auch Ortsansässige verwickelt waren. Ein früheres Verfahren gegen die Croyer war offenbar bereits ergebnislos verlaufen; nun wollte die Gemeinde wissen, ob sich gegen die Beamten selbst vorgehen ließe.

All dies bleibt eine begründete Deutung, keine aktenfeste Gewissheit. Die genaue Natur des Vergehens, der Kreis der Beschuldigten und der Ausgang der Sache müssten aus weiteren Quellen — etwa Gerichts- oder Amtsakten — erschlossen werden.

Ein Stück Rechts- und Alltagsgeschichte

Gerade in seiner Unvollständigkeit ist der Brief ein Schatz. Er zeigt, wie eine kleine Gemeinde an der hannoversch-preußischen Grenze um 1853 mit einem Rechtsproblem rang, wie sie sich anwaltlichen Rat am höchsten Gericht des Landes einholte — und wie dieser Rat, allen Gerechtigkeitsgefühlen zum Trotz, zur Zurückhaltung riet. Zwischen den Zeilen wird eine ganze Welt sichtbar: Grenzüberwachung, Steuerwesen, die Ohnmacht gegenüber Beamten, denen vor Gericht mehr geglaubt wurde als den Dorfbewohnern. Und mit Jüdells bedauerndem Schlusssatz von der „Freude einer Revanche” bekommt der nüchterne Rechtsfall sogar einen menschlichen, beinahe ironischen Ton.

Vollständiger Text des Schreibens

Herrn H. F. Meyer in Brome

Auf Ihr gefälliges Schreiben vom 28. Febr. d. J. erwidere ich:

1. in Betreff meiner Rechnung, daß ich gern warten will bis ein Gemeindebeschluß über die Frage: ob diese Kosten aus der Gemeinde-Casse zu entnehmen zu Stande gebracht ist, mich auch erbiete in dem Falle, daß die 3 unvermögenden Leute nicht auf einmal bezahlen könnten, denselben Frist zu ertheilen.

2. die Frage: ob gegen die Steuerofficianten eine Anklage zu erheben? muß ich deshalb verneinen, weil ich es nicht für gerathen halte Kosten aufzuwenden. Eine Criminal-Untersuchung würde einen andern Ausgang nicht haben als die gegen die Croyer weil diese ebenso betheiligt sind, als die Grenzaufseher denen man Glauben nicht geschenkt hat.

In einer Civilklage würde aber dieser Grundsatz noch strenger aufrecht erhalten werden, demnach weniger Hoffnung vorhanden sein mit einer Entschädigungsklage durchzukommen.

Wenn auch für diejenigen, welche genau Bescheid wissen, die Schuld der Officanten zweifellos ist, so ist die Sache doch nicht so zu erweisen, daß alle Schuld auf die Grenzjäger gewälzt werden könnte. Ohnehin dürfte die Staatsanwaltschaft nicht darauf eingehen eine nochmalige Untersuchung einzuleiten.

Es ist mir daher leid, daß ich der Gemeinde Croya die Freude einer Revanche nicht versprechen kann, wie ich sonst gern gethan haben würde.

Celle, den 2ten März 1853

Ihr ergebener

M. Jüdell

Ein Brief an den Doktor — ein Postbeleg aus der Inflationszeit 1923

Manche Fundstücke erzählen ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick. Ein schlichter Briefumschlag, adressiert an einen Bromer Arzt, abgestempelt am 23. März 1923 — auf den ersten Blick nichts Besonderes. Und doch führt dieser Beleg mitten hinein in ein Jahr, das den Menschen in Brome und im ganzen Deutschen Reich in Erinnerung bleiben sollte: das Jahr, in dem das Geld seinen Wert verlor.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Umschlag, der als Drucksache verschickt wurde — der entsprechende Aufdruck ist oben auf der Vorderseite noch schwach zu erkennen. Adressiert ist er in schwungvoller Schrift:

An Herrn Dr. med. Andrae in Brome

Frankiert wurde die Sendung mit zwei Briefmarken zu je 10 Mark, zusammen also 20 Mark. Die roten Marken gehören zur Dauermarkenserie „Posthorn” (Michel-Nr. 206, verausgabt 3. Juni 1922) — einer der schmucklosen, rasch herzustellenden Freimarkenserien, mit denen die Reichspost auf die immer neuen Portoerhöhungen der Inflation reagierte. Entwertet sind sie mit einem Poststempel, dessen Ortsangabe sich als Hankensbüttel lesen lässt, mit dem Datum 23.3.23 9-10V (23.03.1923 um 9–10 Uhr Vormittag).

Die Rückseite trägt einen runden violetten Absenderstempel. Auch wenn er blass und teilweise verwischt ist, lässt er sich entziffern:

Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Damit ist der Weg der Sendung geklärt: Sie ging von der Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen an den Bromer Arzt — ein ganz alltäglicher Vorgang im Schriftverkehr zwischen einer Krankenkasse und dem behandelnden Kassenarzt, und gerade deshalb ein aufschlussreiches Zeugnis.

Drucksache mit Stempel Hankensbüttel vom 23. März 1923 an Dr. med. Andrae in Brome (Sammlung Jens Winter)
Absenderstempel auf der Rückseite: Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Der Empfänger: Dr. med. Gustav Andrae

Der Adressat ist Dr. med. Heinrich Gustav Andrae (Rufname Gustav), der über zwei Jahrzehnte hinweg das ärztliche Leben in Brome mitprägte. Nach den Ärzteverzeichnissen des Reichs-Medizinal-Kalenders erhielt er seine Approbation 1907 und ist in Brome durchgehend von 1912 bis mindestens 1935 nachweisbar. Er rückte damit um 1911/12 in eine Lücke nach, die der Tod des jung verstorbenen Dr. Walter Braun(e) gerissen hatte.

Zeit seines Wirkens teilte sich Andrae die ärztliche Versorgung des Fleckens mit Dr. Friedrich August Otto Hornhardt (approbiert 1896), der sogar noch länger — von 1903 bis mindestens 1935 — in Brome praktizierte. Zwei Ärzte für einen Ort, dessen Einwohnerzahl in diesen Jahren bei rund 1.100 lag: Das war eine für ländliche Verhältnisse durchaus ordentliche Versorgung.

Eine kleine Eigenheit am Rande: Der Familienname erscheint in den amtlichen Verzeichnissen in wechselnder Schreibung — mal Andrae, mal Andrä, mal Andräe. Das konstante Approbationsjahr 1907 sichert jedoch, dass stets dieselbe Person gemeint ist. Auf unserem Umschlag ist die Form „Andrae” gewählt.

20 Mark Porto – und was das über das Jahr 1923 verrät

Hier wird der Beleg zum Zeitdokument. 20 Mark Porto für eine Drucksache — das klingt nach viel und war zugleich schon fast nichts mehr wert. Genau 20 Mark kostete eine Drucksache bis 25 g seit dem 1. März 1923; unser Brief ist also portogerecht frankiert. Wie kurz diese Gültigkeit währte, zeigt der nächste Tarifschritt: Schon zum 1. Juli 1923 stieg dieselbe Drucksachengebühr auf 60 Mark — eine Verdreifachung binnen vier Monaten. Zum Vergleich: Für den einfachen Fernbrief galt in denselben Wochen ab dem 1. März 1923 ein Porto von 100 Mark.

Um die Größenordnung einzuordnen: Wenige Jahre zuvor, in der Portoperiode vom 1. August 1916 bis 30. September 1918, hätte eine solche Drucksache drei Pfennig gekostet. Im März 1923 waren daraus 20 Mark geworden — und das war erst der Anfang. Die eigentliche Hyperinflation beschleunigte sich erst ab dem Sommer 1923; im Herbst kletterten die Portosätze dann in astronomische Millionen- und Milliardenbeträge, bis zur Währungsreform im November/Dezember 1923, als die Rentenmark die entwertete Papiermark ablöste und das Briefporto wieder bei 10 Rentenpfennig lag. Unser Brief vom 23. März steht also gleichsam an der Schwelle: Das Geld war schon stark entwertet, aber der völlige Absturz kam erst.

Genau das macht solche Belege für die Regionalgeschichte so wertvoll. Es ist ein Alltagszeugnisse, das im Kontext der Post- und Wirtschaftsgeschichte die ganze Dramatik des Jahres 1923 zeigt. Eine Krankenkasse schreibt ihrem Kassenarzt — ein Vorgang, der sich hundertfach wiederholte. Und der aufgeklebte Wert von 20 Mark hält die damals ständig steigende Inflation fest.

Ein Stück Bromer Postgeschichte

Für die Heimatgeschichte ist ein solcher Umschlag ein doppeltes Fundstück: Er dokumentiert zum einen die Postgeschichte unserer Region in der Inflationszeit, zum anderen ein Stück Bromer Medizingeschichte — verkörpert im Namen des Dr. Gustav Andrae, der die Kranken des Fleckens durch diese unruhigen Jahre begleitete.

Die Stärkefabrik Croya – Aufstieg und Ende eines lokalen Industriebetriebs

Von Kartoffelstärke bis Maltose: Die wechselvolle Geschichte einer Fabrik, die fast ein Jahrhundert lang das Leben im Dorf Croya prägte.

Im Jahr 1884 gründeten Bauern aus Croya und der näheren Umgebung eine Aktiengesellschaft mit dem Ziel, den Kartoffelanbau in der Region zu stärken und die Ernte gewinnbringend zu verarbeiten. So entstand die Actien-Stärke-Fabrik Croya in Croya. Den Betrieb nahm die Fabrik wohl 1886 auf. Wer genau zu den ersten Aktionären gehörte, ließ sich bislang nicht ermitteln.

Vorderansicht der Stärkefabrik Croya (1954)

Die Anfänge: Eine Fabrik auf Aktien

Das Handbuch der deutschen Aktien-Gesellschaften von 1898/99 gibt uns zumindest einen Einblick in die damaligen Verhältnisse. Das Unternehmen verfügte über ein Kapital von 70.800 Mark, aufgeteilt in 236 Aktien zu je 300 Mark. Als Direktion sind H. Peckmann, C. Wienecke und E. Wienecke verzeichnet. Der Zweck des Unternehmens war schlicht und eindeutig: die Fabrikation von Kartoffelstärke.

Wirtschaftlich lief es allerdings schon früh nicht rund. In den Geschäftsjahren 1890/91 und 1891/92 wurde noch eine Dividende von 3 Prozent an die Aktionäre ausgeschüttet – danach nicht mehr. Bis 1897/98 blieb die Ausschüttung aus. Die Fabrik produzierte zwar, warf aber keinen Gewinn ab.

Stärkefabriken der Umgebung (1898/99) im Vergleich

OrtStammkapitalDividende 1890/91Dividende 1897/98
Croya70800 Mark3%0%
Glüsingen66000 Mark4%7%
Radenbeck66000 Mark3,5%6%
Wittingen63300 Mark9%8%

Stilllegung und Neuanfang

Die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre brachte das vorläufige Ende: Die Fabrik stellte den Betrieb ein, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig war und ihre Anlagen längst veraltet waren. Eine kostspielige Modernisierung wäre nötig gewesen – doch dazu kam es zunächst nicht.

Der Wendepunkt kam 1937, als die Hamburger Firma C. F. Hildebrandt das Werk von den Aktionären aufkaufte. Die Maschinen wurden erneuert, die Produktion wieder aufgenommen. 1937 verarbeitete die Fabrik täglich bis zu 60 Tonnen Kartoffeln.

Kriegswichtige Produktion

Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Fabrik eine unerwartete Rolle in der Versorgungswirtschaft. Die Schulchronik von Croya berichtet:

In den Kriegsjahren wurden auch Kartoffeln getrocknet. Die Kartoffel wurde in Scheiben geschnitten und getrocknet. Die getrockneten Kartoffeln wurden für die Wehrmacht hergestellt. Im Sommer wurde auch Spinat getrocknet.

Produktion in den Nachkriegsjahren

1945 ergänzte Hildebrandt die Produktion um eine Sirupanlage. Kartoffelstärke wurde nun zu Maltose und Glukose weiterverarbeitet. In der Nachkriegszeit – zwischen 1945 und der Währungsreform 1948 – nutzte man diese Anlage, um aus Stärke einen süßen Brotaufstrich herzustellen. Die Chronik beschreibt das Verfahren anschaulich:

Die erzeugte Stärke wurde durch ein besonderes Verfahren verzuckert, durch Kochen eingedickt, das entstandene Produkt hieß Maltose. Maltose konnte man auch als Brotaufstrich verwenden. Aus Maltose konnte man auch Alkohol herstellen.

Wachstum und neue Rohstoffe

Nach der Währungsreform 1948 kehrte die Fabrik zur Stärkeproduktion zurück. Die feuchte Stärke wurde in Säcken nach Hamburg geliefert und dort in anderen Werken der Firma Hildebrandt weiterverarbeitet. Die Maltose- und Glukoseproduktion wurde 1950 in Croya eingestellt und an den Hauptstandort in Hamburg verlagert.

Im gleichen Jahr versuchte man, die produktionsfreien Zeiten zwischen den Kartoffelsaisons zu überbrücken – durch die Verarbeitung von Milokorn. Das Experiment scheiterte jedoch an den zu hohen Rohstoffkosten.

Ab 1953 öffnete sich die Fabrik einem ganz anderen Rohstoff: Maniok, angeliefert als Mehl aus Belgisch-Kongo. Die Ausbeute war allerdings ernüchternd: Aus dem Maniokmehl ließen sich in Croya nur etwa 10 Prozent der enthaltenen Stärke gewinnen, während die Rückstände – die sogenannte Pülpe – noch rund 60 Prozent Stärke enthielten. Die Pülpe wurde schließlich als Tierfutter für die Schweinemast verkauft.

1954 hatte die Fabrik im Zweischichtbetrieb eine Kapazität von 100 Tonnen Kartoffeln und 18 Tonnen Maniok täglich. Rund 20 Menschen arbeiteten dort.

Kartoffellager der Stärkefabrik Croya (1954)

Gestank, Abwässer und das Ende

Mit dem Wachstum der Fabrik wuchs auch die Belastung für das Dorf. Die Geruchsbelästigung nahm erheblich zu. Dazu kamen Probleme mit den Abwässern: Zunächst wurden diese ungeklärt in den Landgraben eingeleitet, was zu Fischsterben führte. Hildebrandt ließ daraufhin große Absetzbecken bauen, in denen sich Schmutz und Eiweißstoffe absetzen sollten – doch auch diese Lösung war nicht dauerhaft: Die Becken begannen zu gären und verbreiteten einen, wie die Schulchronik berichtet, „furchtbaren Gestank“.

Über Abhilfemaßnahmen wurde noch gesprochen, als Hildebrandt die Fabrik am 21. Oktober 1965 an Dr. Oetker verkaufte. Der neue Eigentümer betrieb das Werk noch einige Jahre weiter, bevor er es schließlich wegen Unrentabilität schloss.

Den Abschluss dieser Geschichte hält die Schulchronik in wenigen trockenen Sätzen fest:

Eine Firma wurde beauftragt, das Fabrikgelände für 60.000 DM abzureißen, der Bauschutt mußte auf dem Gelände unter Erdoberfläche eingebuddelt werden, damit fand die Beerdigung der Fabrik auf eigenem Gelände statt.

Abwasser- und Pülpebecken der Stärkefabrik Croya (1954)
Spatenfeste Pülpe (1954)

Postkarte von Croya (1908)

Fotografien und Postkarten aus Croya sind im Archiv des Museum Burg Brome nur spärlich vorhanden. Die hier gezeigte Postkarte stammt aus dem Jahr 1908 und zeigt Gebäude, die in dieser Form heute nicht mehr existieren.

Die Gastwirtschaft Wienecke wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erheblich verändert: Der Stallteil des Wohnhauses wurde verkürzt, der ursprüngliche Hauseingang von der Vorderseite auf die nördliche Giebelseite verlegt und der Bereich der ehemaligen Toreinfahrt zu Wohnraum umgebaut.

Die Stärkefabrik Croya blickte auf eine über achtzigjährige Geschichte zurück: 1884 gegründet, wurde sie 1965 an die Dr. Oetker KG verkauft. Kurz darauf stellte die Fabrik ihren Betrieb ein, die Gebäude wurden abgerissen.

Die neue Schule entstand in den Jahren 1907/08 – zur selben Zeit, als die Postkarte aufgenommen wurde. Nach ihrer Schließung im Jahr 1972 wurde auch der markante Dachturm abgetragen.

Zahlungsaufforderung des Wolfsburger Gerichts an die Wiswedeler Untertanen (1826)

Im Archiv Museum Burg Brome befindet sich in den Wiswedeler Gemeindeakten ein Schreiben des Gerichts Wolfsburg an die Wiswedeler Untertanen, das auf den 26. März 1826 datiert ist. Es handelt sich um eine Zahlungsaufforderung, die von den Untertanen bis zum 10. April 1826 morgens um 9 Uhr zu begleichen war.

Bemerkenswert ist der Inhalt des Schreibens, denn darin werden 23 gerichtliche Untersuchungen aufgezählt, die von den Untertanen der Dörfer Sandkamp, der Dörfer des Boldecker Landes, dem Dorf Croya und den ehemaligen brandenburgischen Dörfern Ehra, Lessien, Wiswedel und halb Voitze zu bezahlen waren. Gleich unter Punkt 1 wird die gerichtliche Untersuchung eines in Voitze tot aufgefundenen Körpers aufgezählt. Diese muss im Jahr 1807 oder früher stattgefunden haben! Die Gebühren für die Untersuchung wurden aber erst 29 Jahre später abgerechnet. Unter Punkt 6 wird die Untersuchung eines weiteren toten Körpers, ebenfalls in Voitze aus dem jahr 1814 erwähnt. Unter Punkt 22 wird ein Brand in Jembke genannt. Vermutlich handelt es sich dabei um den Brand im Jahr 1824, nach dem auch die Bromer Bürger für die Abgebrannten gespendet hatten. Die anderen aufgezählten Untersuchungen sind leider nicht datiert.

Die Gesamtsumme für alle Döfer belief sich auf über 337 Reichstaler. Der Anteil der Wiswedeler Untertanen betrug 12 Reichstaler 12 Groschen 2 Pfennig. Den Erhalt dieser Summe quittierte der Gerichtsbote Böwing am 25. Juni 1826 im benachbarten Steimke.

Hier der Text des Dokuments:

Da die durch folgende Untersuchungen

  1. wegen eines zu Voitze gefundenen toden Körpers, weshalb die Gemeinde Voitze auf das letzte Ausschreiben vom 8ten Sept. 1807 an Unkosten 14 Thlr. 9 ggr abgezogen hat,
  2. wegen des Inquisiten Sauerwatd
  3. wegen Dedekind
  4. wegen einer Besichtigung zu Oslos wegen Tietge
  5. wegen Worckmeister
  6. wegen eines im Jahr 1814 zu Voitze gefundenen todten Körpers
  7. wegen Bischof zu Tappenbeck
  8. wegen einer im Zollhause entwendeten Uhr
  9. wegen des Färber Krüger
  10. wegen des Grosgebausschen Todtschlags
  11. wegen des Pferdediebes Olfermann
  12. wenige des bei Evers in Sandkamp verübten Diebstahls
  13. für mehrmalige Bestellung und Jistierung der Sophie Lohmann nach Gifhorn
  14. wegen des Brandes der Weihäuser Mühle
  15. wegen eines Bäumediebstahls zu Sandkamp
  16. wegen des zu Sandkamp arrestierten Daubert
  17. wegen des Deserteur Koch zu Tappenbeck
  18. wegen des mit einem Meßer verwundeten Kauschischen Kindes zu Jemcke
  19. wegen des ehemaligen Soldat Müller zu Tappenbeck
  20. wegen des Brandes zu Tappenbeck inso weit eine Erstattung nicht erfolgt ist,
  21. wegen des Schraderschen Wagens in Jemcke
  22. wenige des Brandes zu Jemcke
  23. wegen des Franerschen Diebstahls zu Bockensdorf

verursachte, und sich auf

337 thlr 1 ggr – ch-

belaufende baare Auslagen wozu ein jeder der combinirten Unterthanen des Dorfs Sandcamp, Croye, des Boldeckerlandes und die der permutirten Dörfer, mit Ausnahme der ganz kleinen Leute zu Jemcke, Barwedel, Ehra und Croye, welche bei diesen Dörfern besonders aufgeführt werden sollen,

12 thlr 6 ggr 2 ch Covent Münze auf zu bringen hat, so wird den Eingeseßenen hierdurch anbefohlen, diese Vorschüße binnen 4 Wochen und spätestens in termino

den 10ten April Morgens 9 Uhr auf der Gerichtsstube zu Brome bey H. Landvoigt Krause ein zu bringen.

Wolfsburg den 8ten Merz 1826

Gräfl. Schulenburgsch. Gerichte

[Unterschrift]

12 thlr 6 ggr 2 ch conventtions müntze habeich Richtig erhalten solges ich hirmit quitire

Steimkcke d 25 Juny 1826

Böwing der GerichtsBote

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