Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Kategorie: Zicherie (Seite 1 von 5)

Ein Brief an den Doktor — ein Postbeleg aus der Inflationszeit 1923

Manche Fundstücke erzählen ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick. Ein schlichter Briefumschlag, adressiert an einen Bromer Arzt, abgestempelt am 23. März 1923 — auf den ersten Blick nichts Besonderes. Und doch führt dieser Beleg mitten hinein in ein Jahr, das den Menschen in Brome und im ganzen Deutschen Reich in Erinnerung bleiben sollte: das Jahr, in dem das Geld seinen Wert verlor.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Umschlag, der als Drucksache verschickt wurde — der entsprechende Aufdruck ist oben auf der Vorderseite noch schwach zu erkennen. Adressiert ist er in schwungvoller Schrift:

An Herrn Dr. med. Andrae in Brome

Frankiert wurde die Sendung mit zwei Briefmarken zu je 10 Mark, zusammen also 20 Mark. Die roten Marken gehören zur Dauermarkenserie „Posthorn” (Michel-Nr. 206, verausgabt 3. Juni 1922) — einer der schmucklosen, rasch herzustellenden Freimarkenserien, mit denen die Reichspost auf die immer neuen Portoerhöhungen der Inflation reagierte. Entwertet sind sie mit einem Poststempel, dessen Ortsangabe sich als Hankensbüttel lesen lässt, mit dem Datum 23.3.23 9-10V (23.03.1923 um 9–10 Uhr Vormittag).

Die Rückseite trägt einen runden violetten Absenderstempel. Auch wenn er blass und teilweise verwischt ist, lässt er sich entziffern:

Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Damit ist der Weg der Sendung geklärt: Sie ging von der Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen an den Bromer Arzt — ein ganz alltäglicher Vorgang im Schriftverkehr zwischen einer Krankenkasse und dem behandelnden Kassenarzt, und gerade deshalb ein aufschlussreiches Zeugnis.

Drucksache mit Stempel Hankensbüttel vom 23. März 1923 an Dr. med. Andrae in Brome (Sammlung Jens Winter)
Absenderstempel auf der Rückseite: Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Der Empfänger: Dr. med. Gustav Andrae

Der Adressat ist Dr. med. Heinrich Gustav Andrae (Rufname Gustav), der über zwei Jahrzehnte hinweg das ärztliche Leben in Brome mitprägte. Nach den Ärzteverzeichnissen des Reichs-Medizinal-Kalenders erhielt er seine Approbation 1907 und ist in Brome durchgehend von 1912 bis mindestens 1935 nachweisbar. Er rückte damit um 1911/12 in eine Lücke nach, die der Tod des jung verstorbenen Dr. Walter Braun(e) gerissen hatte.

Zeit seines Wirkens teilte sich Andrae die ärztliche Versorgung des Fleckens mit Dr. Friedrich August Otto Hornhardt (approbiert 1896), der sogar noch länger — von 1903 bis mindestens 1935 — in Brome praktizierte. Zwei Ärzte für einen Ort, dessen Einwohnerzahl in diesen Jahren bei rund 1.100 lag: Das war eine für ländliche Verhältnisse durchaus ordentliche Versorgung.

Eine kleine Eigenheit am Rande: Der Familienname erscheint in den amtlichen Verzeichnissen in wechselnder Schreibung — mal Andrae, mal Andrä, mal Andräe. Das konstante Approbationsjahr 1907 sichert jedoch, dass stets dieselbe Person gemeint ist. Auf unserem Umschlag ist die Form „Andrae” gewählt.

20 Mark Porto – und was das über das Jahr 1923 verrät

Hier wird der Beleg zum Zeitdokument. 20 Mark Porto für eine Drucksache — das klingt nach viel und war zugleich schon fast nichts mehr wert. Genau 20 Mark kostete eine Drucksache bis 25 g seit dem 1. März 1923; unser Brief ist also portogerecht frankiert. Wie kurz diese Gültigkeit währte, zeigt der nächste Tarifschritt: Schon zum 1. Juli 1923 stieg dieselbe Drucksachengebühr auf 60 Mark — eine Verdreifachung binnen vier Monaten. Zum Vergleich: Für den einfachen Fernbrief galt in denselben Wochen ab dem 1. März 1923 ein Porto von 100 Mark.

Um die Größenordnung einzuordnen: Wenige Jahre zuvor, in der Portoperiode vom 1. August 1916 bis 30. September 1918, hätte eine solche Drucksache drei Pfennig gekostet. Im März 1923 waren daraus 20 Mark geworden — und das war erst der Anfang. Die eigentliche Hyperinflation beschleunigte sich erst ab dem Sommer 1923; im Herbst kletterten die Portosätze dann in astronomische Millionen- und Milliardenbeträge, bis zur Währungsreform im November/Dezember 1923, als die Rentenmark die entwertete Papiermark ablöste und das Briefporto wieder bei 10 Rentenpfennig lag. Unser Brief vom 23. März steht also gleichsam an der Schwelle: Das Geld war schon stark entwertet, aber der völlige Absturz kam erst.

Genau das macht solche Belege für die Regionalgeschichte so wertvoll. Es ist ein Alltagszeugnisse, das im Kontext der Post- und Wirtschaftsgeschichte die ganze Dramatik des Jahres 1923 zeigt. Eine Krankenkasse schreibt ihrem Kassenarzt — ein Vorgang, der sich hundertfach wiederholte. Und der aufgeklebte Wert von 20 Mark hält die damals ständig steigende Inflation fest.

Ein Stück Bromer Postgeschichte

Für die Heimatgeschichte ist ein solcher Umschlag ein doppeltes Fundstück: Er dokumentiert zum einen die Postgeschichte unserer Region in der Inflationszeit, zum anderen ein Stück Bromer Medizingeschichte — verkörpert im Namen des Dr. Gustav Andrae, der die Kranken des Fleckens durch diese unruhigen Jahre begleitete.

Zimmermeister Heinrich Böse (1810-1882)

Johann Heinrich Friedrich Böse wurde am 11. September 1810 als Sohn des Zimmermeisters und Grundsitzers Johann Christoph Böse (1783-1840) und dessen Ehefrau Catharina Marie geb. Meyer (1784-1850) in Brome geboren. Die Familie Böse war eine Grundsitzerfamilie in der Nähe der Bromer Burg. Heute hat das ehemalige Wohnhaus der Familie die Adresse Salzwedeler Straße 2.

Die adeligen Grundsitzer wurde dort um 1775 angesiedelt. Weitergehende Informationen dazu wird es in der Sonderausstellung zu der Entwicklung rund um das Junkerende ab April 2026 im Museum Burg Brome geben.

Das Besondere an Zimmermeister Heinrich Böse ist, dass bis heute Gebäude stehen, die ihm eindeutig zugeordnet werden können. So z.B. das Haus Dorfstraße 13 in Benitz sowie einige Gebäude in Brome, Wiswedel und Zicherie.

Hier nun zwei Beispiele für Gebäude, die von Zimmermeister Böse in Wiswedel errichtet wurden. Das erste Gebäude ist die Tordurchfahrt des Hofes Richter (früher Bratze).

Ausschnitt aus einer Postkarte von Wiswedel. Rechts unter dem gemalten Bild ist eindeutig „Zimmermeister Böse“ zu lesen. Es handelt sich um die Toreinfahrt zum Hof Richter (früher: Bratze).
Tordurchfahrt vor dem Abbau (um 1980)

Auf dem Foto ist die Inschrift eindeutig zu lesen:

Johann Heinrich Christoph Bratze Anne Marie Dorothe Behne

Errichtet den 8. Mai 1868

Rechts über der Malerei steht:

An Gottes Segen ist alles gelegen.

Die Malerei zeigt einen Ackermann, der mit zwei Pferden den Acker pflügt. Darauf steht das Wort „Gastwirtschaft“.

Auf dem Balken darunter hat sich der Zimmermeister persönlich verewigt:

Zimmermeister H. Böse

Der Erbauer Johann Heinrich Christoph Bratze (1815-1890) war Krüger und Ackermann. Er heiratete am 13. November 1840 Anne Marie Dorothe Behne (1815-1894). Sie war eine uneheliche Tochter von Anne Margarete Behne. Sie errichtete am 8. Mai 1868 die Tordurchfahrt zum Dorfplatz hin.

Sein Vater Christoph Behne (1789-1842) erbaute zusammen mit seiner Ehefrau Catharina Sophie geb. Knoke (1790-1868) im Jahr 1826 das Niedersachsenhaus, welches im Hintergrund des Fotos zu sehen ist und heute noch steht.

Die historische Toreinfahrt wurde um 1980 abgebaut und durch einen Neubau ersetzt. Das historische Gebälk ist derzeit eingelagert.

Das zweite Beispiel ist ein Gebäude, dessen Standort bisher nicht eindeutig identifiziert werden konnte. Zunächst wurde angenommen, dass es sich um das Haus Boitzenhagener Straße 1 handelt. Allerdings ist an dem Haus ein ganz anderer Spruch zu lesen und außerdem fehlt der Verweis auf Zimmermeister Böse. Die Inschrift des uns bisher unbekannten Hauses trägt nach der damalige Schülerin Ilse Semmler, die Anfang der 1950er Jahre die Balkeninschrift für ein Schulprojekt abgeschrieben, folgenden Text:

Fang dein Werk mit Jesu an, Jesus hat´s in Händen. Jesum ruf um Beistand an, er wird´s vollenden. Steh mit Jesu Morgens auf, geh mit Jesu schlafen. Führ mit Jesum deinen Lauf. Laß Jesum schaffen.
Johann Heinrich Behne
Elisabeth g. Hoppe
Errichtet den 30 April 1858 ZM Heinrich Böse

Der Ackermann und Ortsvorsteher von Wiswedel, Johann Heinrich Christoph Behne wurde am 4. September 1824 geboren und verstarb am 29. November 1882. Er war verheiratet mit Anne Marie Dorothe Elisabeth geb. Hoppe (geb. 25. Januar 1821 in Zasenbeck gest. 27. Februar 1889 in Wiswedel).

Sowohl die Tordurchfahrt des Hofes Richter als auch das Niedersachsenhaus des Hofes Behne wurden vom Bromer Zimmermeister Heinrich Böse errichtet.

Weitere Funde zu Häusern, die von Zimmermeister Heinrich Böse erbaut wurden, werden wir dann in der Sonderausstellung ab April 2026 im Museum Burg Brome präsentieren.

Kriegsbegeisterung des Bromer Pastors Türnau (1915)

Bereits in einem früheren Blogbeitrag wurde über die Kriegsbegeisterung des Bromer Pastors Dr. Türnau berichtet. Nun haben wir dafür noch einen weiteren Beleg im Hauses Heling in Altendorf gefunden!

Am 2. August 1915 schrieb Pastor Dr. Türnau persönlich eine Postkarte an Hermann Heling, der im Reserve Infanterie Regiment 73 in der Reserve Maschinengewehr Kompanie mit dem Dienstgrad Gefreiter aktiver Soldat war. In derselben Kompanie diente auch sein Bruder Adolf Heling. Vermutlich haben damals alle aktiven Soldaten aus der Kirchengemeinde Brome-Altendorf diese Postkarte erhalten.

Die Postkarte wurde extra für die Soldaten gedruckt. Ausgeführt wurde der Druck vom Bromer Verleger und Buchhändler Wilhelm Süpke. Dass diese Postkarte extra als Feldpostkarte gedruckt wurde, lässt sich an zwei Aufdrucken erkennen: Zum einen ist über dem Adressfeld das Wort „Feldpostkarte“ bereits eingedruckt. Zum anderen findet sich oben auf der linken Seite der aufgedruckte Text:

Die Kirchengemeinde Brome-Altendorf grüßt ihre Söhne und Männer im Feld.

Auch einen persönlichen Gruß hat Pastor Türnau verfasst:

Herzlichen

Heimatgruß und

„Gott befohlen!“

sendet

Pastor Dr. Türnau

Links der handgeschriebene persönliche Gruß von Pastor Türnau, rechts die Adresse des Gefreiten Hermann Heling

Auf der Bildseite der Postkarte ist oben links ein von Pastor Dr. Türnau selbstgedichtes Gedicht zu lesen. Die beiden kolorierten Fotos zeigen die Altendorfer St. Pancratius-Kirche (links) und die Bromer Liebfrauenkirche (rechts). Das Foto der Bromer Kirche wurde vom ersten Stock des Pfarrhauses aufgenommen. Rechts weht eine Fahne (eventuell eine Reichsflagge) über dem heute nicht mehr existierenden Konfirmandensaal. Links am Bildrand ist der ebenfalls nicht mehr existierende Turm der Freiwilligen Feuerwehr Brome zu sehen.

60. Jahrestag der Erschießung Kurt Lichtensteins südlich von Zicherie

Kurt Lichtenstein (1911-1961)

Am 12. Oktober 1962 hat der Dortmunder Journalist Kurt Lichtenstein südlich von Zicherie den Grenzgraben überschritten und hat so das Staatsgebiet der DDR betreten. Er wollte aud DDR-Seite mit Landarbeitern sprechen, die beim Kartoffelroden waren. Er wurden von den beiden DDR-Grenzern, die dort die Grenze bewachten, angeschossen und verstarb wenige Stunden später im Klötzer Krankenhaus.

Der MHV Brome hat bereits vor 10 Jahren ein Buch über den tragischen Grenzzwischenfall, das über die Seite des MHV Brome erhältlich ist. Auch hat der MHV im Jahr 2011 das Lichtensteinkreuz erneuert und eine Informationstafel aufgestellt. Damals, zum 50. Jahrestag, gab es kaum Interesse am Gedenken an Kurt Lichtenstein.

Zum 60. Jahrestag herrscht gerade ein regelrechter Medienrummel: Sowohl WDR als auch NDR, als auch zahlreiche Zeitungen berichten über den Grenzzwischenfall und das Gedenken an diesen. Der Podcast über Kurt Lichtenstein vom WDR ist sehr hörenswert! Auch Jens Winter, 1. Vorsitzender des MHV Brome, kommt darin zu Wort.

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