Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Kategorie: Altendorf (Seite 1 von 7)

Die Familie Heling aus Altendorf

Hinter vielen Einzelgeschichten dieses Blogs steht dieselbe Familie: die Helings aus Altendorf. Über Marie Heling und ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Mann Otto Damke ist an anderer Stelle bereits ausführlich berichtet worden. Sie heiratete nach dem Ersten Weltkrieg am 30. September 1919 in Brome den Lehrer Richard Karl Ehle (1886-1942). Aus der Ehe gingen hervor ein Sohn und eine Tochter.

Marie war jedoch nur eines von mehreren Kindern eines Ehepaares, dessen Geschichte einen eigenen Blick verdient – eine Geschichte, die vom Einheiraten in einen Gasthof erzählt, von den Wechselfällen der Inflationsjahre und von einer Zufallsbegegnung auf dem Weg zum Notar.

Das Ehepaar

Am 4. August 1882 heiratete Johann Heinrich Heling (1857–1914) die Altendorferin Luise Sophie Marie Massien (1860–1922). Er heiratete dabei in den Hof und die Gastwirtschaft seiner Frau ein – der Betrieb blieb also in der Hand der Familie Massien und wurde unter dem Namen Heling fortgeführt. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, die den weiteren Verlauf dieser Familiengeschichte prägen sollten.

Die Kinder

Das älteste Kind war Heinrich Heling (1883–1926), gefolgt von Hermann Heling (1886–1957), Adolf Heling (1891–1958), Marie Heling (1894–1981) und schließlich Frieda Heling (1897–1971).

Heinrich und Hermann

Heinrich Heling verstarb am 22. März 1926. Seine Witwe Luise, geborene Jürgens, heiratete anderthalb Jahre später, am 7. Oktober 1927, ihren Schwager Hermann Heling. Solche Verbindungen zwischen einer Witwe und dem Bruder des verstorbenen Mannes waren im ländlichen Milieu jener Zeit keineswegs selten: Sie sicherten den Fortbestand des Hofes und hielten Besitz und Familie zusammen.

Adolf

Adolf Heling blieb unverheiratet. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1958 mit der Familie seines Bruders auf dem Hof – eine im bäuerlichen Alltag verbreitete Konstellation, in der ledig gebliebene Geschwister fest zum Haushalt und zur Arbeit des Hofes gehörten.

Frieda

Die jüngste Tochter, Frieda Heling, erlebte einen besonders bewegten Lebensweg. Um 1920 heiratete sie einen wohlhabenden Bauern namens Kummert, der möglicherweise aus Ahlum stammte. Das Glück währte nur kurz: Bereits nach neunzehn Tagen verstarb ihr Mann plötzlich. Frieda wurde Alleinerbin des Bauernhofes.

Mit dem Hof selbst wusste sie jedoch nichts anzufangen. Sie verkaufte ihn für rund 200.000 Goldmark. Da die Käufer diese Summe nicht aufbringen konnten, wurde offenbar eine Ratenzahlung vereinbart. Was in guter Absicht getroffen wurde, geriet zum finanziellen Verhängnis: Das restliche Geld erhielt Frieda erst während der Inflation in einer Summe ausgezahlt – zu einem Zeitpunkt, als es praktisch wertlos geworden war.

Zu dieser Zeit ereignete sich die Begegnung, die ihr weiteres Leben bestimmen sollte. In Beetzendorf, auf dem Weg zum Notar, wurde Frieda von dem dortigen Polizisten angesprochen, ob er ihr behilflich sein könne. Es handelte sich um Johann Hermann Schulz, geboren am 26. April 1884 in Plothow, Kreis Grünberg in Schlesien. Um es abzukürzen: Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten am 25. Oktober 1921 in Berlin. Aus der Ehe gingen eine Tochter und ein Sohn hervor.

Frieda Heling verstarb am 9. Juni 1971, ihr Mann am 8. Januar 1972.

Ein Familienbild

Erhalten hat sich ein Fotografie der Familie Heling mit den Eltern und den Kindern – ein stilles Zeugnis jener Generation, deren einzelne Lebenswege sich in den Briefen, Anzeigen und Dokumenten des Museumsarchivs bis heute nachverfolgen lassen.

Familie Heling in Altendorf – Von links: Marie, Hermann, Luise Marie Sophie geb. Massien, Frieda, Adolf, Heinrich jun. und Heinrich sen.

Für das Familienfoto und viele der obigen Angaben danken wir Roger Müggenburg, einem Enkel von Hermann Schulz und Frieda Schulz geb. Heling.

„Es ist bestimmt in Gottes Rat” – Marie Heling und Otto Damke

Am dritten Ostertag des Jahres 1915, am 6. April, heirateten in Altendorf bei Brome die junge Marie Heling und der Lehrer Otto Damke aus Gladdenstedt. Es war eine Hochzeit unter dem Schatten des Krieges. Kein festliches Gepränge, keine große Feier – die Zeiten ließen es nicht zu. Die Trauung fand statt, weil die Not des Alltags sie geradezu erzwang, und weil niemand wusste, wie viel Zeit noch bleiben würde. Weniger als zwei Jahre später war Otto Damke tot, gefallen bei Riga. Die Feldpostbriefe der Familie Heling, die sich erhalten haben, erzählen diese Geschichte in den eigenen Worten der Beteiligten – nüchtern, zärtlich, und immer wieder durchzogen von der einen großen Sehnsucht: dem Frieden.

Eine Hochzeit in Kriegszeiten

Marie Heling – von ihrer Familie stets „Mariechen” genannt – stammte aus Altendorf, aus einer bäuerlichen Familie, deren Söhne alle im Feld standen. Ihre Brüder Hermann und Adolf dienten gemeinsam in der III. Maschinen-Gewehr-Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 73, Bruder Heinrich bei einer Trainabteilung. Wer von den Männern nicht eingezogen war, wurde nach und nach zur Musterung gerufen. In diese von Abwesenheit und Sorge geprägte Welt hinein plante Marie ihre Hochzeit mit Otto Damke.

In einem Brief vom 16. März 1915 an ihre Brüder Hermann und Adolf im Feld teilte sie den Entschluss mit – und die Gründe dafür sind bezeichnend für den Ernst der Lage:

„Lieber Bruder, will Euch nun noch mitteilen daß Otto und ich uns Ostern trauen lassen wollen, da er sonst kein Mittagessen mehr bekommen kann[,] auch kein Brot nicht bekommt[,] nur Roggen[,] und da kann er mit machen was er will, vielleicht muß er auch noch fort aber ich denke es soll nun bald vorbei sein”

Es war also nicht allein die Liebe, die zur Eile drängte, sondern die schlichte Frage der Versorgung. Ein alleinstehender Lehrer bekam in Kriegszeiten kaum noch eine warme Mahlzeit, nur noch Roggen als Zuteilung. Und über allem lag die Ahnung: „vielleicht muß er auch noch fort”. Marie hoffte, es werde „nun bald vorbei sein” – eine Hoffnung, die sich in den Briefen der Familie über Jahre hinweg wiederholt und immer wieder enttäuscht wurde.

Der dritte Ostertag 1915

Der Hochzeitstermin fiel auf den 6. April 1915, den dritten Ostertag. Onkel H. Böse aus Brome schrieb Maries Bruder Hermann am Osterfest, dem 5. April, einen Brief, der die gedämpfte Stimmung dieser Feier einfängt:

„Am 3ten Ostertag hat nun Mariechen Hochzeit und Ihr könnt nicht dabei sein. Ich soll als Zeuge da hin[,] gefeiert soll ja nicht werden in dieser Zeit.”

„Gefeiert soll ja nicht werden in dieser Zeit” – kein Satz beschreibt eine Kriegshochzeit treffender. Die Brüder der Braut standen im Feld und konnten nicht dabei sein; der Onkel sollte als Trauzeuge einspringen. Zugleich schwang in Böses Zeilen die alltägliche Sorge um die Landwirtschaft mit, um die Männer, die immerzu eingezogen wurden, um die Frühjahrsbestellung und die drohende Not bei der Ernte.

Nach der Trauung zog Marie zu Otto nach Gladdenstedt. Schon zwei Tage später, am 8. April 1915, schrieb sie ihren Brüdern Adolf und Hermann eine Karte, aus der eine stille Zufriedenheit spricht:

„Bin jetzt seit zwei Tagen hier, und fühle mich hier ganz wohl.”

Und Otto selbst fügte, wie so oft in diesen Wochen, ein paar Zeilen hinzu, in denen sein Wunsch nach einem Ende des Krieges anklingt: „Auf baldiges frohes Wiedersehen hofft Dein Otto. Wann gibt es denn endlich Frieden. Es hat doch schon lange genug gedauert.”

Otto Damke – Lehrer und Dirigent in Gladdenstedt

Otto Damke wurde am 15. Dezember 1880 in Sallenthin geboren. Nach der Seminarentlassungsprüfung in Osterburg im Jahr 1901 trat er in den Schuldienst ein. Der Schul-Kalender des Regierungsbezirks Magdeburg von 1902 verzeichnet ihn für das Jahr 1901 als Lehrer und Küster in Hohentramm. Später kam er nach Gladdenstedt, wo er die Gemeinde als Lehrer prägte und – wie die Nachrufe später bezeugten – zugleich den örtlichen Männergesangverein als Dirigent leitete.

In den Feldpostbriefen der Familie Heling tritt Otto vor allem als liebevoller Schwager und hoffnungsvoller junger Ehemann in Erscheinung. Als „Schwager Otto” schrieb er im Februar 1915 aus Gladdenstedt an Hermann und Adolf, klagte, lange nichts gehört zu haben, und lud die beiden ein: „Dann besucht uns mal. Ihr könnt uns doch schon viel, sehr viel erzählen, hier alles beim alten.” Immer wieder sind es seine kurzen Nachschriften unter Maries Briefen, in denen dieselbe Bitte wiederkehrt – „Komm doch bald, bitte. Macht Frieden!”

Doch auch Otto entging der Einberufung nicht. Bereits im März 1915, kurz vor der Hochzeit, deutete sich an, dass er zur Musterung nach Salzwedel musste. Marie schrieb am 3. März: „den Donnerstag muß Otto auch zur Stellung nach Salzwedel. Hoffentlich braucht er nicht auch noch fort.” Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Otto Damke wurde eingezogen und diente als Landsturmmann im Infanterie Regiment 407.

Postkarte von Gladdenstedt (um 1920) – In der Schule arbeitete Lehrer Otto Damke, auf dem Kriegerdenkmal war er als einer der Gefallenen des 1. Weltkrieges verzeichnet. (Postkarte: Sammlung Ulrich Lemme, Tylsen)

Der 25. Januar 1917

Am 25. Januar 1917 fiel Otto Damke bei einem Sturmangriff an der Front bei Riga – getroffen von einem Maschinengewehr-Geschoss. Er wurde 36 Jahre alt. Nach Auskunft des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge ruht er heute auf der Kriegsgräberstätte in Pikke, Lange Düne Grenadierfriedhof, in Lettland.

Die Nachricht erreichte die Familie erst Tage später. Am 31. Januar 1917 erhielt Marie durch den Feldwebel die Todesnachricht. Die Familie ließ mehrere Anzeigen und Nachrufe drucken.

Die Familienanzeige, unterzeichnet von den nächsten Angehörigen aus Gladdenstedt, Badel und Altendorf, datiert vom 13. Februar 1917. Sie nennt Otto den „heißgeliebten, herzensguten Mann” und führt in bewegender Reihung die Trauernden auf: Marie als Witwe, die Eltern Joachim und Elisabeth Damke, die Brüder Wilhelm und Fritz, dazu die gesamte Verwandtschaft Heling – die Schwiegermutter Marie Heling, die Brüder und Schwestern seiner Frau. Als Trostwort steht darunter der alte Vers:

„Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden.”

Die Anzeige kündigt zugleich die Gedächtnisfeier an, die am Sonntag, dem 25. Februar 1917, in der Kirche zu Jübar stattfand.

Auch die Gemeinde Gladdenstedt nahm Abschied. Der Ortsvorstand würdigte in seinem Nachruf vom Februar 1917 Ottos „zuvorkommendes, freundliches Wesen” und seinen „offenen geraden Sinn”, durch die er sich die Liebe und Achtung aller Gemeindemitglieder erworben habe. Der Männergesangverein Gladdenstedt, dessen Dirigent Otto seit seinem Amtsantritt gewesen war, gedachte am 18. Februar 1917 seines Wirkens für den Verein, das „stets unvergessen bleiben” werde.

Ein dritter Nachruf kam vom Lehrerverein Jübar, unterzeichnet von Kantor Beneke. Er reiht Ottos Tod ein in die lange Kette der Verluste, die der Krieg unter den Lehrern des Kreises anrichtete: „Wiederum hat der Tod einen der treuesten, aufrechtesten und tapfersten der Lehrerschaft entrissen.” Sein „stilles ruhiges Wesen”, seine Wahrheitsliebe und seine Treue blieben, so heißt es dort, „ein unauslöschbares Denkmal in unsern Herzen”.

Todesanzeige der Familie im „Salzwedeler Wochenblatt“, Donnerstag, 15. Februar 1917 (Quelle: Stadtarchiv Salzwedel)
Nachrufe des Ortsvorstandes und des Männergesangvereins Gladdenstedt („Salzwedeler Wochenblatt“, Mittwoch, 21. Februar 1917 – Quelle: Stadtarchiv Salzwedel)

„Heute in 14 Tagen findet die Gedächtnisfeier für Otto statt.“

Wie sehr der Tod Otto Damkes die Familie Heling traf, zeigt ein Brief vom 11. Februar 1917, den Maries Schwester Frida an die im Feld stehenden Brüder Adolf und Hermann schrieb. In ihm mischen sich die praktischen Sorgen um Maries Zukunft – die Frage der Wohnung in Gladdenstedt, die der Pastor mit ihr besprechen wollte – mit der Trauer um den Verstorbenen:

„Heute in 14 Tagen findet die Gedächtnisfeier für Otto in Jübar statt. Schade das Ihr nicht hier sein könnt zu der Gedächtnisfeier. Der Pastor von Jübar hat auch Mariechen gebeten möchte gern ein Bild von Otto haben.”

Der Brief endet mit den Worten „In tiefen Schmerz Frida”. Nun war Marie Witwe, kaum zwei Jahre nach jener Hochzeit am dritten Ostertag, bei der schon niemand hatte feiern dürfen. Ihre Brüder Hermann und Adolf überlebten den Krieg – ihre Karten reichen noch bis in den Herbst 1918 –, doch der junge Lehrer, der so oft „Macht Frieden!” unter die Briefe seiner Frau geschrieben hatte, erlebte diesen Frieden nicht mehr.

Die Inschrift am Kriegerdenkmal Gladdenstedt ist heute nicht mehr lesbar, so dass an den Gefallenen Lehrer Otto Damke nicht mehr öffentlich vor Ort gedacht werden kann.

Das Kriegerdenkmal in Gladdenstedt heute (Foto vom 9. November 2025): Die Namen der Gefallenen des 1. Weltkrieges sind nicht mehr lesbar!
Das Kriegerdenkmal Gladdenstedt früher: Der Name von Otto Damke ist unter dem Jahr 1917 zu erkennen. (Foto: Kreisarchiv des Altmarkkreises Salzwedel)

„Gruss aus Altendorf” – eine Ansichtskarte von 1904 und ihre drei Bilder

Ein Sommergruß, verschickt vor mehr als 120 Jahren: Am 18. August 1904 wurde in Brome eine Ansichtskarte abgestempelt, die einen freundlichen „Gruss aus Altendorf b. Brome” auf die Reise schickte. Geschrieben hat sie – so weit sich der Text noch erschließen lässt – eine gewisse Marie, die mit „Es grüßt Deine Marie” unterzeichnet; am Rand fügt eine Agnes Dehn ihre eigenen Grüße hinzu: „Herzl. Grüße sendet Ihnen Ihre Agnes Dehn”. Adressiert war die Karte an Fräulein Elisabeth Harstick in Klein Escherde bei Emmerke, östlich von Hildesheim; ein Ankunftsstempel aus Emmerke vom 19. August 1904 dokumentiert die rasche Zustellung – die Karte war also nur einen Tag unterwegs.

Der handschriftliche Text auf der Bildseite ist heute nur noch bruchstückhaft zu entziffern. Über die Jahre – und vermutlich durch verschmierte Stempelfarbe – hat die dünne Schrift stark gelitten. Was sich noch lesen lässt, ist ein kleiner Reisebericht: „Liebe Betty”, beginnt Marie, „wir sind nach Benitz gewesen.” Einige Zeilen später heißt es: „In Brome gefällt es mir sehr gut. Wir wollen am nächsten Sonntag eine Radtour mit … machen. Fein, was?” Der Rest verliert sich im Unleserlichen. Umso beredter sind die drei Bilder auf der Vorderseite, denn sie halten ein Stück Altendorf im Zustand von 1904 fest – und laden zum Vergleich mit dem Heute ein.

Gruss aus Altendorf bei Brome abgestempelt am 18. August 1904 in Brome (Sammlung Jens Winter)
Ankunftsstempel von Emmerke vom 19. August 1904 – die Karte war nur einen Tag von Brome in die Nähe von Hildesheim unterwegs.

Die Karte im Zeitkontext

Die Ansichtskarte gehört zu jener Blütezeit der „Gruss aus”-Karten um 1900, in der auch kleine Dörfer ihre Sehenswürdigkeiten in mehrbildrigen, floral gerahmten Motiven zusammenfassten. Die Fotos sind in Schwarzweiß gedruckt; farblich hervorgehoben ist allein der rote Schriftzug „Gruss aus Altendorf b. Brome” am unteren Rand. Frankiert ist die Karte mit einer grünen 5-Pfennig-Germania-Marke des Deutschen Reichs – dem Standardporto für Postkarten jener Jahre. Altendorf war zu diesem Zeitpunkt eine eigenständige Landgemeinde; erst 1965 wurde der Ort Teil der Samtgemeinde Brome und 1974 in den Flecken Brome eingemeindet. Die Karte zeigt also ein noch selbstständiges Bauerndorf unmittelbar nordwestlich von Brome.

Drei Bilder, drei Geschichten

Die Kirche St. Pankratius

Das linke Bild zeigt die Altendorfer Kirche – die evangelisch-lutherische St.-Pankratius-Kirche, die bis heute das Ortsbild prägt und sich seither nur wenig verändert hat. Sie zählt zu den ältesten Bauwerken der Region: Ihr Altarraum entstand 1457 auf den Fundamenten älterer Vorgängerbauten, Schiff und Turm folgten in den Jahrzehnten danach und waren um 1517 vollendet. Die Kirche und ihr Friedhof dienten über Jahrhunderte auch mehreren Nachbarorten. Wer heute vor dem Bau steht, erkennt ihn auf der Karte von 1904 ohne Weiteres wieder – ein seltener Glücksfall der baulichen Kontinuität.

Der Gasthof Heling

Das untere Bild zeigt den Gasthof Heling, die traditionsreiche Altendorfer Gastwirtschaften. Eine Gaststätte ist in Altendorf bereits seit dem frühen 17. Jahrhundert bezeugt, und über viele Generationen war das Gasthaus Heling an der Wittinger Straße ein fester Bezugspunkt des Dorflebens. Auf dem Foto lässt sich vor dem Zaun eine kleine Gruppe von Personen ausmachen – vermutlich Familie Heling -, dazu ein Fahrrad – ein alltäglicher Moment, festgehalten für die Ewigkeit.

Diesem Motiv kommt heute ein besonderer, wehmütiger Wert zu: Die Gastwirtschaft Heling wurde Anfang 2026 abgerissen. Damit ist die Ansichtskarte zu einem der Bilddokumente geworden, die das verschwundene Gebäude noch in seiner früheren Gestalt zeigen – ein gutes Beispiel dafür, wie eine unscheinbare Postkarte zum wertvollen Zeugnis wird, sobald das Abgebildete nicht mehr existiert.

Das Gehöft Böwing

Das obere Bild schließlich zeigt das Gehöft Böwing, einen stattlichen Fachwerkhof. Vor dem Zaun haben sich vermutlich die damaligen Besitzer aufgestellt und blicken sichtlich stolz in die Kamera – ein typisches Motiv jener Zeit, in der man den eigenen Hof gern repräsentativ auf einer Ansichtskarte verewigt sah. Ein markantes Detail ist der Torbogen über der Hofeinfahrt, der die Zufahrt einst wirkungsvoll rahmte. Dieser Bogen existiert heute nicht mehr; er ist eines jener baulichen Elemente, die im Lauf der Jahrzehnte verschwunden sind und deren Aussehen sich nur noch über solche Fotografien erschließen lässt.

Was bleibt

So fügt sich aus drei kleinen Bildern ein anschauliches Panorama des Altendorf von 1904: die Kirche als beständiger Fixpunkt, der Gasthof als längst verschwundener Ort der Geselligkeit, das Gehöft als stolzes Zeugnis bäuerlichen Selbstbewusstseins. Zusammen mit den wenigen lesbaren Zeilen von Marie und Agnes Dehn, dem Ausflug nach Benitz und der geplanten Radtour, dem kurzen Postweg zwischen Brome und dem Hildesheimer Land und der grünen Germania-Marke ergibt sich ein feines, dichtes Stück Alltagsgeschichte – auch dann, wenn der Kartengruß nur noch in Bruchstücken zu uns spricht.

Gerade solche vermeintlich beiläufigen Stücke erinnern daran, wie viel Ortsgeschichte in privaten Postsendungen aufgehoben ist – und wie wichtig es ist, sie zu bewahren.

Kriegsbegeisterung des Bromer Pastors Türnau (1915)

Bereits in einem früheren Blogbeitrag wurde über die Kriegsbegeisterung des Bromer Pastors Dr. Türnau berichtet. Nun haben wir dafür noch einen weiteren Beleg im Hauses Heling in Altendorf gefunden!

Am 2. August 1915 schrieb Pastor Dr. Türnau persönlich eine Postkarte an Hermann Heling, der im Reserve Infanterie Regiment 73 in der Reserve Maschinengewehr Kompanie mit dem Dienstgrad Gefreiter aktiver Soldat war. In derselben Kompanie diente auch sein Bruder Adolf Heling. Vermutlich haben damals alle aktiven Soldaten aus der Kirchengemeinde Brome-Altendorf diese Postkarte erhalten.

Die Postkarte wurde extra für die Soldaten gedruckt. Ausgeführt wurde der Druck vom Bromer Verleger und Buchhändler Wilhelm Süpke. Dass diese Postkarte extra als Feldpostkarte gedruckt wurde, lässt sich an zwei Aufdrucken erkennen: Zum einen ist über dem Adressfeld das Wort „Feldpostkarte“ bereits eingedruckt. Zum anderen findet sich oben auf der linken Seite der aufgedruckte Text:

Die Kirchengemeinde Brome-Altendorf grüßt ihre Söhne und Männer im Feld.

Auch einen persönlichen Gruß hat Pastor Türnau verfasst:

Herzlichen

Heimatgruß und

„Gott befohlen!“

sendet

Pastor Dr. Türnau

Links der handgeschriebene persönliche Gruß von Pastor Türnau, rechts die Adresse des Gefreiten Hermann Heling

Auf der Bildseite der Postkarte ist oben links ein von Pastor Dr. Türnau selbstgedichtes Gedicht zu lesen. Die beiden kolorierten Fotos zeigen die Altendorfer St. Pancratius-Kirche (links) und die Bromer Liebfrauenkirche (rechts). Das Foto der Bromer Kirche wurde vom ersten Stock des Pfarrhauses aufgenommen. Rechts weht eine Fahne (eventuell eine Reichsflagge) über dem heute nicht mehr existierenden Konfirmandensaal. Links am Bildrand ist der ebenfalls nicht mehr existierende Turm der Freiwilligen Feuerwehr Brome zu sehen.

Postkarte von Bergfeld nach Altendorf

Am Samstag, 24. April 1909 hat Selma Lütge eine Postkarte mit der Einladung zu einer Radtour am nächsten Sonntag an Hermann Heling in Altendorf geschickt. Hermann Heling war der Sohn des Altendorfer Gastwirts Heinrich Heling Vermutlich ist mit dem Tag der Radtour der Sonntag, 2. Mai 1909 gemeint.

Selma Lütge war wohl die Tochter des Gastwirts H. Lütge, dessen Gasthaus auf der Postkarte zu sehen ist.

Der Text der Postkarte lässt sich nicht ganz entziffern, denn der mit Bleistift geschriebene Text wurde auf der linken Seite und unten links über die gedruckte Schrift geschrieben, so dass er heute kaum zusammenhängend entziffert werden kann.

Hier nun der lesbare Teil des Textes:

24/4.09

Lieber Hermann!

Teile Dir mit das es mir sehr angenehm ist mit der Radtur am schönsten geht es mir am nechsten Sonntag, wenn es Dir denn angenehm ist bist Du gleich nach Mittag hier.

Viele tausend Grüße

Selma Lütge

Die Postkarte trägt den Poststempel von Parsau mit Datum 24.4.09 und wurde zwischen 15 und 16 Uhr gestempelt. Vermutlich ist die Karte bereits am Sonntag, 25. April 1909 in Altendorf angekommen.

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