Wie eine kleine Landgemeinde zum Schauplatz nationalsozialistischer Machtübernahme wurde
Die Geschichte der NSDAP in Brome ist mehr als nur eine Chronik von Parteimitgliedschaften und Wahlergebnissen. Sie zeigt exemplarisch, wie die nationalsozialistische Bewegung in einer ländlichen Gemeinde Fuß fasste, wie sie mit konkurrierenden völkischen Gruppierungen rang und schließlich nach 1933 eine totale Kontrolle über alle Lebensbereiche etablierte.
Die völkische Vorgeschichte: Brome als Sammelbecken rechter Bewegungen
Bevor die NSDAP in Brome zur dominierenden Kraft wurde, existierte bereits ein Netzwerk völkischer und nationalistischer Organisationen. Die Region war keineswegs unpolitisch – im Gegenteil: Brome und seine Umgebung waren ein Brennpunkt rechtsextremer Aktivitäten.
Bereits im Dezember 1922 wurde die Deutsch-völkische Freiheitspartei gegründet, ein Sammelbecken extrem völkischer Kreise und Ableger der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Trotz eines Verbots in Preußen im März 1923 hatte diese Partei Anhänger in Tülau, Brome, Voitze und Lessien. Am 9. November 1923 – dem Tag des Hitler-Putschs in München – marschierten Freiwillige aus diesen Orten nach Ehra. Schon damals war die Region also mit der nationalsozialistischen Bewegung verbunden.
Besonders bemerkenswert ist die Geschichte des Stahlhelm-Bundes in Brome. 1922 wurde eine Ortsgruppe gegründet, doch bereits 1923 kam es zur Auflösung – mit einer bezeichnenden Begründung: „weil die Bromer in der Judenfrage nicht mit den Stahlhelmgrundsätzen übereinstimmten.“ Die Bromer waren den Stahlhelmern zu antisemitisch! Dies zeigt, wie tief der Judenhass in Teilen der Bromer Bevölkerung bereits in den frühen 1920er Jahren verwurzelt war.
Im Sommer 1923 traten 20 Männer dem „Verband Hindenburg“ bei, der später im Tannenbergbund aufging. Dieser Wehrverband sollte noch eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Bromer NSDAP spielen.
Die erste NSDAP-Ortsgruppe: Gründung, Niedergang und der Tannenbergbund
Am 27. Februar 1925 – nur wenige Wochen nach der Neugründung der NSDAP im Reich – wurde die Ortsgruppe Brome unter Leitung des Polizisten Willi Knoch gegründet. Zu den ersten Mitgliedern, die nachweislich bis Ende 1927 beitraten, zählten Hermann Förster, Kurt Mosel, Friedrich Prenzler, Otto Schlieckmann, Heinrich Bierstedt, Kurt Kohrs, Werner Davids, Heinrich Beinhorn, Reinhold Knoke, Hermann Kaufmann, Willy Müller und Otto Schildt. Die Partei schien zunächst Fuß zu fassen.




Doch dann kam der dramatische Einbruch. Im Winter 1928/29 ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Zahlreiche Mitglieder traten aus der NSDAP aus und wechselten zum Tannenbergbund. Der Grund war ein spektakuläres Ereignis: Am 11. September 1928 kam General Erich Ludendorff persönlich nach Brome und hielt vor mehreren tausend Zuhörern eine Rede. Der Kriegsheld des Ersten Weltkriegs hatte enormes Ansehen, und seine Worte wirkten: Die NSDAP-Ortsgruppe schrumpfte auf nur noch sechs Mitglieder zusammen.
1930 folgte der endgültige Zusammenbruch: Die verbliebenen sechs Mitglieder wurden aus der Partei ausgeschlossen, „da sie ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen waren.“ Die NSDAP-Ortsgruppe Brome existierte faktisch nicht mehr.
Diese Episode zeigt: Die Nazis waren in der Region keineswegs von Anfang an die dominierende Kraft. Es gab Konkurrenz im rechten Lager, und diese Konkurrenz war zeitweise erfolgreicher. Der Tannenbergbund hatte 1933 etwa 80 Mitglieder aus Brome – deutlich mehr als die NSDAP zu diesem Zeitpunkt.
Die Neugründung 1931: Konrad Erling übernimmt
Am 1. Oktober 1931 kam es zur Neugründung der NSDAP-Ortsgruppe Brome. Die drei Gründungsmitglieder waren Willi Knoch (der bereits 1925 dabei gewesen war), Werner Davids und Konrad Erling. Zum Ortsgruppenleiter wurde Konrad Erling ernannt – ein 28-jähriger Förster aus Breslau, der erst im September 1930 nach Wendischbrome gezogen war.
Erling war bereits am 1. November 1930 der NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 347800) und hatte seine Mitgliedschaft am 7. April 1932 erneuert. Er war zunächst Mitglied in der Ortsgruppe Kunrau gewesen, bevor er nach Brome wechselte. Als Ortsgruppenleiter sollte er bis August 1934 die Geschicke der Partei in Brome lenken – und dabei eine zentrale Rolle bei der Gleichschaltung der Gemeinde spielen.
Im Dezember 1931 erfolgte die Aufnahme der Ortsgruppen Ehra, Brome und Croya in den NSDAP-Kreisverband Gifhorn. Die Partei organisierte sich regional.
Die Wahlerfolge: Bromes Weg in die Diktatur
Die Wahlergebnisse in Brome zeigen eine dramatische Radikalisierung der Bevölkerung. Bei der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 erhielt die NSDAP 105 Stimmen, während die Deutsch-Hannoveraner 200 und die SPD 114 Stimmen bekamen. Die Nazis waren noch eine Minderheit.
Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 erreichte die NSDAP in Brome etwa 25 Prozent – deutlich mehr als im Reichsdurchschnitt (18,3 Prozent). Die stärkste Kraft blieb aber die Deutsch-Hannoversche Partei mit fast 40 Prozent.
Der Durchbruch kam bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932: Die NSDAP wurde zur stärksten Kraft in Brome mit über 60 Prozent der Stimmen. Und bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 – bereits unter massivem Terror und Einschüchterung – erreichte die NSDAP in Brome über 70 Prozent, während sie im Reichsdurchschnitt nur bei etwa 44 Prozent lag.
Brome war brauner als der Reichsdurchschnitt. Die Frage nach dem Warum muss offen bleiben – aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.
Der 30. Januar 1933: Eine kleine, aber mächtige Partei
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, zählte die NSDAP-Ortsgruppe Brome gerade einmal 26 Parteimitglieder, darunter eine Frau: Else Mosel. 26 Mitglieder in einer Gemeinde, die der Partei bei Wahlen über 70 Prozent gab – das zeigt: Die meisten Wähler waren keine Parteimitglieder. Sie wählten die NSDAP, ohne sich ihr anzuschließen.
Doch diese 26 Mitglieder hatten nun die Macht. Und sie nutzten sie.
Die Gleichschaltung: Der Sturz des Bürgermeisters Baucke
Die Geschichte der Absetzung von Bürgermeister Wilhelm Baucke ist in unserer Podcastfolge ausführlich behandelt worden. Hier die Kurzfassung: Bei der Gemeindewahl am 13. März 1933 erhielt die NSDAP-Liste „Gemeinnutz vor Eigennutz“ unter Otto Bannier 203 Stimmen und vier Mandate. Am 30. März 1933 wurde Wilhelm Baucke mit 9 zu 3 Stimmen zum Bürgermeister wiedergewählt – vier seiner Wähler waren selbst NSDAP-Mitglieder.
Doch die Gauleitung in Hannover akzeptierte dieses Ergebnis nicht. Auf Weisung von Gauleiter Otto Telschow wurde Baucke die Bestätigung versagt. Am 21. April 1933 wurde Konrad Erling kommissarisch mit den Geschäften des Bürgermeisters beauftragt. Am 14. Juni 1933 fand eine erzwungene Neuwahl statt: Erling erhielt 9 Stimmen, 2 Gegenstimmen. Otto Bannier wurde zum ersten Beigeordneten gewählt.
Wilhelm Baucke protestierte: „Dieser Vorgang war keine Wahl, sondern eine Einsetzung.“ Er hatte recht. Am 31. Juli 1933 wurde Erling schließlich einstimmig per Zuruf zum Bürgermeister gewählt.
Konrad Erling blieb nur gut ein Jahr im Amt. Am 25. Juli 1934 bat er um Entbindung von seinen Dienstgeschäften, da er eine neue Arbeitsstelle angetreten hatte. Er zog nach Tanne und wurde dort Mitglied der örtlichen NSDAP-Ortsgruppe. Mit seiner Familie beging er zur Kriegsende 1945 erweiterten Suizid.
Der Mitglieder-Boom: Von 26 auf 120
Nach der Machtübernahme explodierte die Mitgliederzahl. Im Februar 1934 zählte die Ortsgruppe Brome bereits 120 NSDAP-Parteimitglieder. Woher kam dieser Anstieg?
Zum einen gab es die sogenannten „Märzgefallenen“ – Opportunisten, die nach dem Wahlsieg im März 1933 auf den fahrenden Zug aufsprangen. Zum anderen – und das war der Hauptgrund – wurde am 22. September 1933 der Tannenbergbund von den Nationalsozialisten verboten. Die etwa 80 Mitglieder aus Brome traten daraufhin geschlossen in die NSDAP ein, wie es in dem NSDAP-Heft „Wir waren dabei“ ganz propagandistisch heißt. Doch mit Sicherheit sind nicht alle der NSDAP beigetreten: Der Führer des Tannenbergbundes, Willy Müller, war zwar am 9. Februar 1927 in die NSDAP eingetreten und ist dann nach dem Ludendorffbesuch Ende September 1928 ausgetreten. Ein Wiedereintritt ist nicht nachweisbar!

Von August 1934 bis April 1945 war Otto Bannier – der Ortsbauernführer, der bereits 1933 versucht hatte, Bürgermeister zu werden – Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Brome.

Die Mitgliederkartei: Ein Blick auf die Menschen
Die kürzlich freigegebene Mitgliederkartei der NSDAP ermöglicht uns einen einzigartigen Einblick in die Zusammensetzung der NSDAP-Ortsgruppe Brome. Wer waren diese Menschen?
Die Liste umfasst über 200 Namen aus Brome, Altendorf, Voitze, Wiswedel, Benitz, Zicherie, Croya und Wendischbrome. Die Berufe sind vielfältig: Landwirte und Jungbauern bilden die größte Gruppe, gefolgt von Handwerkern (Bäcker, Schmiede, Sattler, Schlosser, Maler, Tischler, Schneider), Gastwirten, Kaufleuten, Lehrern, einem Arzt, einem Apotheker, Postbeamten, einem Molkereiverwalter und vielen landwirtschaftlichen Gehilfen.
Auffällig ist das Alter: Viele Mitglieder waren sehr jung. Es gibt zahlreiche Einträge von Personen, die in den 1920er Jahren geboren wurden – sie waren bei ihrem Eintritt teilweise noch Teenager. Die NSDAP war eine Jugendbewegung.
Auch Frauen sind in der Liste vertreten, wenn auch in der Minderheit: Hausfrauen, Hausgehilfinnen, Jungbäuerinnen, eine Landjahrführerin, eine Schwester. Die NS-Ideologie war patriarchal, aber Frauen spielten durchaus eine Rolle in der Partei.
Besonders erschütternd: Viele dieser Namen gehören zu Familien, die noch heute in der Region leben. Die Geschichte der NSDAP in Brome ist keine abstrakte Vergangenheit – sie ist Teil der Familiengeschichte vieler Bromer.
Das Buch „Wir waren dabei“: Propaganda in Buchform
Die Quelle „Wir waren dabei – Bericht über nationalsozialistische Bewegung und Entwicklung im ehemaligen Kreise Isenhagen“ von 1934 ist ein bemerkenswertes Dokument. Es ist keine historische Analyse, sondern reine NS-Propaganda.
Das Buch feiert den „Kampf“ der NSDAP in der Region, stilisiert die Parteimitglieder zu Helden und verschweigt die Gewalt, den Terror und die Rechtlosigkeit, die mit der Machtübernahme einhergingen. Es ist ein Zeugnis der Selbstinszenierung des Regimes.
Für uns heute ist das Buch dennoch wertvoll: Es zeigt, wie die Nazis ihre eigene Geschichte erzählten, welche Ereignisse sie für wichtig hielten und wie sie ihre Herrschaft legitimierten. Es ist ein Blick in die Gedankenwelt der Täter.
Fazit
Die NSDAP-Ortsgruppe Brome war eine von Tausenden in Deutschland. Die Geschichte dieser Ortsgruppe zeigt: Der Nationalsozialismus war kein abstraktes Phänomen, keine Sache „der da oben“. Er wurde vor Ort umgesetzt – von Nachbarn, Lehrern, Handwerkern, Landwirten. Von Menschen, die Namen hatten, Familien, Berufe.
Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist unbequem. Die Namen in der Mitgliederkartei gehören zu Familien, die teilweise noch heute in der Region leben. Doch gerade deshalb ist das Erinnern so wichtig. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann verstehen, wie es dazu kommen konnte – und wachsam bleiben, dass es sich nicht wiederholt.
Wie genau Wilhelm Baucke von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde und welche Rolle Konrad Erling dabei spielte, erfahrt ihr in unserer Podcastfolge „Der Sturz des Bromer Bürgermeisters Wilhelm Baucke im Jahr 1933“.
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