Karl Schmalz: Zur Geschichte der Bromer Schustergilde

Von den Urkunden, die sich auf die Bromer Schustergilde beziehen, stammt – soweit sie mir zugänglich gewesen sind – die Älteste aus dem Jahre 1716: Günther Oldeland aus Klein- Wismar will bei seinem Halb- und Stiefbruder Friederich Oldeland zu Brome das Schusterhandwerk erlernen und läßt sich die dazu erforderliche Geburtsurkunde ausstellen. Dies Schriftstück ist in mancherlei Weise bedeutsam und sei darum hier wiedergegeben. Es ist mit dem Siegel der Bartenslebens versehen.                                               

Wir Achatz Günther und Gebhard Werner Gebrüder von Bartensleben (Achatz Günther, +1719, Gebhard Werner + 1742) auf Wolffsburg Brohme und Bistorff Erherren Füge… iedermenniglich, Zuwißen insonder… ers Zuwißen nöthig: War… vor Unsern Gerichten in eigener Person erschienen Johann Friedrich Oldeland aus dem Flecken Brohme, und gebührlich an und… wie daß… gesonnen wäre, seinen Halb oder Stieffbruder Günther Oldelanden, das Schuster Handwerck  daselbst ährlich und Zünf… …lernen Zulaßen, Zu diesem Behff derselbe eines Geburths Briefes und Urkunde benöthiget ware anbbey… 3 Männer, als Hanß Heinrich Bö… Inwohnern und Schuster Zu Steimke, als dessen Taufpathen und Gevattern Christoph Isenseen und Johann Friedrich Pipern, beiderseits Bürger in dem Flecken Brohme Zu Zeugen Vorstehende, mit Bitte dieselbe eydlich darüber Zuvernehmen Wann wir nun einem jeden Zu einer… Nothdurfft gerne befördert; und geneygt sein, Alß haben wir obbesagte 3 Personen alsofort Vorkommen laßen, welche dann mit entblößtem Haupte, ausgestrecktem Arm und aufgerichteten Fingern Zu Gott im Himmel einen theuren und Leibl. Eid geschworen und bekräftiget. Daß ihnen sambt und sonders nichtanders wißend sey, als daß oberwehnter Günther Oldeland Von seinem Vater Friedrich Christoph Oldelanden und der Mutter Hunen Catharinen Kahlin Hanß Kahlens, Hochadl. Schulenburgl. Verwalters und Pachters auf dem kleinen Wiß mar Eheleibl. Tochter, welche beyde Eheleute Christl. Gebrauche nach, öffentl.  Kirchen und Straßen gegangen, echt und recht, Ehelich und ehrlich gezeuget und gebohren worden, und daß diese seine Eltern sich keiner unehrl. und schändtl. Hanthierung jemahls gebrauchet, noch jemand… mit einiger Leibeigenschafft Zugethan und Verwandt gewesen, dahero auch ihr Sohn Günther Oldeland guter, freyer Teutscher nation und keiner Wendisch…. oder solche… Arth, welche man Ehrl. Gülde, Zünfte und Innungen Zuversagen pflegen, allermaßen dann auch dieser ihr Sohn selbst seinen guten Loimund und… bis dahero… Verwahret und erhalten, vielmehr Von jugend an Zu Kirchen und Schulen wohlerzogen und Zu allen Christl. Tugenden fleißig vermahnet worden… Und dann uns selbst nichts anders, als was 3 Vorberichtete Männer, und… würdige Luethe auf ihr gutes Gewißen bezeuget von oft mentionirten Günther Oldelanden und deßen Eltern wißend und bekand… So haben wir auch kein Bedencken tragen dürfen über solchem allen gegenwärtiges Attestatum und  Kundschaft in beglaubter Form zu… heilen, jedermännigl. Nach Standesgebühr ersuchen… demselben Völligen Glauben beyzulegen, und mehr angeregter Günther Oldelanden, deßen fruchtbarl Genießen zulaßen, auch sonsten allen geneigten Willen und Gunstförderung zuerzeigen und zuerweisen, welches wir dann gegen einen jeden nach Standes Gebühr in der Thad zuer..dern geflißen seyn w…en. – Zu mehrerer Urkunde haben wir Unsers Geschlechts Großeres Insiegel wißentl. an diesen Brief hengen und selbigen durch Unsern dieser Zeit bestellten Ambtman eigenhändig unter…eiben laßen. So geschehen Hauß Brohme den 20ten Martii des verbeßerten Calenders nach unsers Erlösers und Seligmachers Jesu Christi Heylbringenden Geburth im Ein Tausend Siebenhundert Sechzehnden Jahre.                                 

                                                       Johann Ernst Selig…

Aus den Zeilen auf dem Umschlagdeckel der Unterlagen der Schustergilde geht hervor, daß die Bromer Schuster schon am 28. Mai 1696 Gilderechte erhalten oder gar schon gehabt haben. Die Gilde ist wohl hernach verfallen und dann auf Antrag der Bromer 1761 erneuert worden. Der zu Hannover den 6. Novembris 1761, Unsers Reichs im 2 Jahre ausgestellte Amts= und Gilde= Brief vor die Schuster zu Brome trägt den Vermerk Auf Seiner Königl. Majestaet und Chur=Fürstl. Durchl. Allergnädigsten Special Befehl. In 39 Artikeln regelt er die Pflichten und Rechte der Meister, der Gesellen und der Lehrjungen und die Verwaltung der Gilde. Dabei geht er zurück auf das, was in dem anno 1692. der Aemter und Gilden halber publicirten Reglement verordnet, ob es schon wörtlich nicht inseriret.

Dieser Gildebrief von 1761 gebraucht zwar Wendungen, die uns heute nicht mehr geläufig sind, aber seine feste und begriffssichere Sprache hebt sich wohltuend ab von dem ausgelaugten und verschwommenen Deutsch, in dem die Satzungen vom 22. August 1879 abgefaßt sind. Um ein Beispiel zu geben, greife ich aus diesen Satzungen, die sich stolz als Statuten ausgeben, den § 29 heraus, wo man lesen kann: Innungsgenossen welche den vorstehenden Bestimmungen oder den von der Innungsversammlung zukünftig gefaßten Be-schlüssen über die mit den Lehrlingen und Gesellen abzuschließenden Verträge und deren Aufrechterhaltung zuwiederhandeln, verfallen in eine vom Vorstande zu erkennende Geldstrafe von 15 Mark.

Die Absicht des Gildebriefes ist es, das Schusterhandwerk ehrsam zu erhalten. Als sich nun zu Anfang des 19. Jahrhunderts „wilde Schuster auftun“, Gesellen, die auf eigene Rechnung arbeiten, da geht am 23. Januar 1804 der Graf, auf den Gildebrief verweisend, dagegen vor: Wie nun solches den Gilde – Privilegio der Schuster zu Brome vom 6ten Nov: 1761 gerade zuwider ist: so wird allen Schustergesellen und andern unzünftigen Schustern, welche sich in dem Flecken Brome zu besetzen und ihre Profeßion zu betreiben gedencken, ohne das Meister Recht zugewinnen, die Arbeit hiemit gänzlich verboten, unter der Verwarnung daß, wenn einer oder anderer derselben sich herausnehmen solte, nach gehörig geschehener Publication dieses Befehls, für sich und also nicht einen Meister, Schuster Arbeit zuverfertigen, demselben das Handwerckszeug und Lederwerck weggenommen, und dem Befinden nach, von der Obrigkeit noch besonders bestraft werden solle… Unterschrieben hat Kette, der damalige Amtmann des Gerichtes Brome.

Nicht wertlos ist ein Heft, auf dessen Umschlagdeckel geschrieben steht „Vor die jungen in zuschreiben und Los zu geben“. Die erste Eintragung stammt vom 14.12.1823 und lautet: „Ist meister Friedrich Rathsack, sein Lehrbursche, als Johann Heinrich Görke, aus Jahrstedt bürtig, eingeschrieben. Und 4. Jahre Lehrnen muß“. Unterschrieben hat Delius, damals gräflicher Förster zu Brome. Die Eintragungen 30 (15.10.1837) – 42 (25.3.1845) und eine Bemerkung unter der 42. Eintragung sind von Camann unterschrieben, der sich bald als Obrigkeitlicher Deputirter, bald als AV (Amtsvogt) ausgibt. Die Gilde wird also von der „Obrigkeit“ überwacht durch einen Deputierten, der vornehmlich aus den Reihen der Leute des Grafen genommen wird.

Für die meisten Lehrjungen ist nur eine dreijährige Lehrzeit vorgesehen. Der Gildebrief von 1761 scheibt dazu unter XXII: Und weil man wahrgenommen, daß wenn arme Knaben in die Lehre genommen werden, welche nicht des Vermögens das volle Lehrgeld zu bezalen, der Meister die LehrJahre auf 5 bis 6 Jahre extendire, und solche Knaben ihre beste Zeit unter der Saevitz ihrer Meister zubringen mü:en; Als verordnen Wir hiemit, daß die Lehr Jahre nicht über Vier Jahre extendiret werden sollen…

In der Eintragung Nr. 42 ist Carl Behne, Sohn des Nadlers Marcus Behne hierselbst genannt.  Ich erwähne das, um auf diesen Berufszweig aufmerksam zu machen. Das Heft schließt mit der 50. Eintragung, vom 10.10.1852 stammend. Unterschrieben hat Oehlerking.

Die Akten halten die Namen der folgenden Lehrburschen aus den Jahren 1823 – 1852 fest:

Johann Heinrich GökeJahrstedt                  4 Jahrebei Friedr Rathsack   18.12.25
Johann Heinrich DierksZasenbeck                3Jacob Klob                   20.3.26 Tülau                                 
Friedrich  IsenseeBrome                       4Gottlieb Mosel                    25
Heinrich RathsackFahrenhorst             3Friedrich Rathsack     Ostern 25 
Heinrich Gede                                   4 JahreHeinrich W. Mölder             11.9.26
Christoph PieperBrome                     Christoph Mosel        12.   26
Friedrich BehneTülau                       Friedich Radsack   Ostern 29                   
Joachim SchulzeNeu-Ferchau             3Heinrich Mölder       13.4.30
Karl MeyerZasenbeck                 4Christoph Mosel       24.4.32
Friedrich BenekeLüdelsen                    3Friedrich Radsack     24.4.32
Jacob BredeBarwedel                   3Gottlieb Rathsack     25.9.30
Johann OllandSohnFriedrich Olland         23.6.31                     
Heinrich (Schünker)(Germenau)Christoph Mosel      29.12.33
Sohn des(ausgeschrieben)Heinrich Müller       27.12.36
Heinrich SchmickerGermenau  ausgeschriebenChristoph Mosel      27.12.36
(Ist wohl jener am 29.12.33eingeschriebene Heinrich) 
Christoph KennekeBokensdorfChristoph Mosel      13.10.37
Christian BenekeTangeln                        4Friedrich Radsack    15.10.37         
Johann Heinr. Christ. KauscheSohn v. Heinr. Kausche Brome                        3Heinrich Müller          17.4.38
Wilhelm GödekeBrome                        3Christoph Mosel        17.4.38
Friedrich OllandSohn v. Friedr. Olland Brome   vermerkt: schon 3 Jahre ausgelernt09.06.39
Heinrich MüllerEhra                             3                        Ostern      1840
Karl FrankeBrome    bei seinem VaterChristoph Franke   Ostern 40
Wilhelm GerckeMellin                          3Friedrich Radsack            9.40
Friedrich RadsackBrome, bei seinem Vater Friedrich Radsack  3 Jahre                      Ostern 18 41 (?)
Christoph BöseBrome                         3Friedrich Isensee   Ostern 42
Friedrich BehneJahrstedt                     3Christoph Mosel    Ostern 42
Heinr. Friedr. Christoph RosenhagenJembke                        3Christoph Mosel    Ostern 44
Heinr. Friedr. Wilhem KauscheJembke                         3Friedrich Radsack  Ostern 44
Karl BehneBrome                           3Friedrich Radsack  Ostern 45
Sohn des Meisters Gottlieb Mosel BromeBromeChristoph Mosel    Ostern 46
Heinrich Jordan Friedrich Isensee   Michaelis 46      
Wilhelm Steffens            Franke          Ostern 46
Heinrich …rath                                       3 JahreHeinrich Wilhelm Müller                              Michaelis 48
Sohn des Meisters Christoph Mosel                                  Ostern 49
Wilhelm Pieper Christoph Franke   Michaelis 49
Heinrich SturmSteimke                           3 Friedrich Radsack  Ostern 51
Heinrich Radsack  Sohn des Friedrich RadsackBrome                              3Friedrich Radsack  Ostern 51
Heinrich BehneBrome                              3Wilhelm Gödeke        15.8.52

Unterschrieben ist die jeweilige Eintragung von Johann Heinrich Göke bis Jacob Brede (einschl.) von Delius, die Eintragungen von Christoph Kenneke bis (einschl.) Friedrich Olland und von Christoph Böse bis (einschl.) Karl Behne von Cammann, die letzten drei von Oehlerking und die drei davor von Friedrich Isensee. Die Übrigen tragen keine Unterschrift. Cammann nennt sich in einem Schreiben vom 29. März 1843 Obrigkeitlicher Deputirter der Schuhmacher Gilde, ein Schreiben aus dem Königlichen Amt zu Knesebeck ist gerichtet an den Gilde=Obmann Baucke. Es scheint also keine feststehende Amtsbezeichnung für die bestellte Aufsichtsperson gegeben zu haben. Als Obleute treten nacheinander auf: Delius, Cammann, Isensee, Oehlerking und später Baucke.

Ein zweites Heft, durch Altmeister Christoph Lindemüller am 14.4.1841 angelegt, hält – auf der 1. Seite beginnend – die Einnahmen und – im umgedrehten Heft auf der letzten Seite beginnend – die Ausgaben fest. Bemerkenswert sind drei Eintragungen aus dem Jahre 1845 und eine aus dem folgenden Jahre. 1846 sind an den Altsitzer Schumacher Mstr. Wolf zu Unterstützung wegen älter Schwäche ausgezahlt 3 r. In der Zusammenstellung aus dem Jahre 1845 liest man Günter Olland zu unter Stützung 1 r, Alten Mosel zu unter Stützung 1r. Für einen bericht an könig nebst auslagen und Porto 1 r 8 g. Die meisten Ausgaben begleichen Zechen oder sollen Leichenträger entschädigen.

Zu den Beerdigungen schreibt der Gildebrief von 1761 unter XXXV: (Soeiner) in dem Amte stirbet, es sey Meyster oder Frau, so sollen die Amts Brüdern, und Frauen, wann die Leichen Bestätigung öffentlich geschiehet, vor dem Hause, da der Todte inne ist, auf dem Steinwege erwarten, bis die Leiche herausgetragen wird, und mit zu Grabe folgen, auch soll ein jeglicher des Amts=Verwanter zu dem Begräbniße geben 2 Pfenning, und solche denen Armen um Gottes Willen ausgetheilet und gegeben werden.

Bei dieser Gelegenheit soll hier auch noch auf andere beachtenswerte Bestimmungen des Gildebriefes hingewiesen werden. Unter XXXVII liest man: Es sollen… alle Jahr die Rechnungen von den Alt= und JungMeistern nachdem die zuforderist von den Obrigkeitlichen Deputirten, bey der ersten Morgen=Sprache im Jahr, nachgesehen, abgenommen, und sodann wiederum neue Alt und JungMeister bestellet werden, welche vermittelst Handschlages angelobet, daß sie dieses Jahr des Amts der Schuster Vorsteher seyen, deßelben liegende und fahrende Güter und Activ-Schulden sich mit gutem Fleiß annehmen, und dieselbe in so weit solches noch nicht geschehen, in ein richtig Inventarium bringen, deßelben Einnahme und Ausgabe alljährlich ohne etwas weg zu laßen, richtig berechnen, ihre Rechnungen justificiren, von einem angehenden Meyster, es sey unter was Praetext es immer wolle, nichts mehr, als dem Amt der Schuster zu Brome zu nehmen nachgelaßen, nehmen, bey Besichtigung des MeisterStückes, und so oft auch sonsten ihnen etwas zu beurtheilen, von Obrigkeits wegen aufgegeben würde, nach besten Wißen und Gewißen, ohn alle Neben Absicht und Partheilichkeit, verfahren, alle unzuläßige und verbottene Schmausereyen so woll vor sich selbst im Amte einstellen, als von denen angehenden Amts=Meistern bey Verfertig= und Besichtigung des Meister Stückes gänzlich einstellen laßen, auch der Beschenckung des Obrigkeitlichen Deputirten, und anderer GerichtsPersonen, es sey an Gelde, oder Victualien sich auf Keinerley Weise unternehmen, seine MittMeister und Gesellen, in zuläßigen Fällen höher nicht denn auf 12 Gr. bestrafen, die Strafe dem Amte zu gute in Einnahme bringen, denen Losgesprochenen Lehr Jungen, wegen Bewirt= und Beschenckung, Meister und Gesellen Keine Unkosten machen, dabey alle ärgerlichen Gebräuche unter den Gesellen verbieten und sonst alles das thun wolle, was einem ehrlichen getreuen Amts-=Vorsteher und Rechnungsführer oblieget, und das wahre Beste des Amts der Schuster zu Brome erfordert.

Und weil die Erfahrung gezeigt, daß die Amts-Vorsteher, wenn sie in Amts-Angelegenheiten entweder gericht= oder außer gerichtlich etwas zu verrichten gehabt, sodann auf des Amts gemeine Unkosten, sich Wein, Bier, Branewein, auch woll gar Eßen aufsetzen laßen –  wie unter XXXVII festgestellt wird, so wird denselben solches bey Strafe der Gefängniße untersaget.

Der Gildebrief verbietet auch, wenn ein Geselle sein Meisterstück anfertigt und vorlegt, denen Deputirten, soll als denen Meistern…, bey solchem Acto zu schmausen oder vor ihre Mühe etwas zu fordern, oder das geringste an Gelde oder sonst etwas es sey unter welchem Praetext es wolle, anzunehmen oder – wie es unter II weiter heißt, – bey solcher Besichtigung, Wein, Bier, Kringel und ander Eßen aufzusetzen, oder zu nehmen. Darauf mag sich Wilhelm Müller berufen haben, als er wegen „sein Meister geldt“ gegen die Gilde vorgeht und am 16.5.1826 in einem Vergleich erreicht, daß ihm 3 r 12 g gehabte Klagekosten erstattet werden. „… dahingegen haben sich sämtliche Meister, nahmentlich alle unterschrieben daß keiner etwaß will von sein Meister geldt will wider haben, oder ansprüche an die Gilde machen will. Es haben sich unterschrieben als Altmeister Wilhelm Redlich,  als Gildemeister Jacob Radsack, und weiter die folgenden 29 Meister: Christoph Mosel sen., Christoph Mosel jun., Gottlieb Radsack, Friederich Elster, Jacob Isensee sen., Jacob Isensee jun., Heinrich Isensee, Friederich Gottlieb Isensee, Johann Olland, Wilhelm Olland, Friederich Olland, Friedreich Birmann, Friedrich Bratze, Friedreich Radsack sen., Friedrich Radsack jun., Heinrich Düping, Heinrich Kausche, Christoff Schütze, Christoff Franke, Christoff Lindmüller, Friederich Wolf, August Mosel, Joachim Lindmüller, Günter Olland, August Tesmer, Wilhelm Müller, Heinrich Müller, Gottlieb Mosel sen. und Gottlieb Mosel jun.“. Die Statuten vom 22.8.1879 beschlossen am 26.3.1879, sind nur noch von 17 Meistern unterschrieben. Es sind dies außer dem Obermeister Heinrich Mosel: Christoph Mosel, Wilhelm Müller, Fr. Pieper, W. Gödecke sen., W. Gödecke jun., Fr. Radsack, C. Franke, W. Steffens, L. Hermann, W. Radecke, L. Hundt, Hr. Gaedecke, W. Buchmüller, Schulze, W. Müller, H. Pape. Es fällt übrigens auf, daß der Vorname zumeist nicht mehr ausgeschrieben oder gar ganz weggelassen wird. In den von E. Hesse zu Klötze gedruckten Statuten, fehlt der Name von H. Pape.

Ein vom 28.9.1840 stammendes Ausschreiben, betreffend die Prüfung der angehenden zünftigen Handwerks – Meister schreibt den Schustergesellen vor, ein Paar Stiefel, Männerschuhe und Frauenschuhe anzufertigen. Das auch immer noch, wie es der Gildebrief unter XXI vorschreibt, eine Wanderschaft verlangt wird, beweist ein Schreiben des Amtsvogts Cammann vom 24.2.1845 gegen Karl Hermann, der als Meister zugelassen werden möchte. Er wird aufgefordert, da er bisher darüber keinen Nachweis geliefert, daß er 3 Jahre sich auf Wanderschaft befunden… binnen 8 Tagen entweder diesen Beweis zu liefern oder aber zu gewärtigen, daß derselbe wegen Pfuscherei zur Bestrafung gezogen wird. Hermann hatte erst am 7.1.1845 in Brome Wohnrecht erhalten. Als 1843 der Schuhmachergeselle Schulze als Meister in die Gilde aufgenommen werden will,  da antwortet ihm am 29.3. der Amtsvogt als der damalige obrigkeitliche Deputierte: Demselben dient auf sein Ansuchen um Aufnahme als Meister in die Schuhmacher Gilde zu Resolution: daß, bevor Sie als Meister aufgenommen werden können, erst der Nachweis über die… 3 Wanderjahre eingereicht werden muß. Auch haben Sie eine Bescheinigung vom Herrn Bürgermeister Stampehl hierselbst beizubringen, daß Sie das Bürgerrecht gewonnen. Nach geführtem Beweise der Wanderpflicht und eingereichter Bescheinigung über das gewonnene Bürgerrecht soll dann wegen Anfertigung eines Meisterstücks das Nötige festgestellt werden. – Nachdem der Schuhmacher Geselle Schulze aus Neuferchau mittelst Rescripts einer Königlichen Landdrostey vom 24ten April e. von den Wanderjahren dispensirt, um nach der Einbezeugung ieniger Meister das Bürgerrecht erworben, so wurde mit den Gilde Einverständniß festgesetzt, daß Schulze als Meisterstück und zwar bei dem Gildemeister Lindmüller anfertigen solle

  1. Ein paar rindlederne Kniestiefel
  2. Ein paar ordinaire Mannsschuh und
  3. Ein paar ordinaire Frauenschuh

Am 6. Juny 1843 erklärt Gildemeister Lindmüller: Diese Arbeit wurde von den Gildemeistern gehörig besehen und wenngleich einige kleine Fehler befunden, wurde das Meisterstück doch für so tüchtig gefunden, daß er als Meister der hiesigen Gilde aufgenommen werden solle und könne. Nachdem Schulze die erforderlichen Gebühren gezahlt, wurde er, wie der Amtsvogt schriftlich festhält, ins Meisterbuch eingetragen.

Auf den Bromer Märkten waren der Schuhmachergilde besondere Plätze zugewiesen. Es müssen aber wohl diesetwegen allerlei Irrungen entstanden sein; denn am 19.4.1861 schreibt das Königliche Amt Isenhagen an Schuhmachermeister Wilhelm Gödecke, Brome: Auf Ihre und des Schuhmachermeisters Schulz zu Brome Namens der Schuhmachermeistergilde zu Brome an Königlicher Landdrostei  gerichtete hierher abgegebene Vorstellung, betreffend die Aufstellung der Buden und Tische der Schuster zu Brome, gelegentlich des Bromer Marktes wird Ihnen eröffnet, daß der Voigt Kobbe zu Brome durch abschriftliche Zufertigung der Verfügung angewiesen ist, dafür zu sorgen, daß Ihnen und den übrigen Schustern zu Brome die bisher benutzten Stände bei den Märkten angewiesen werden.                                                                                                                           Wie hoch das Marktstättegeld in Brome festgestellt ist, können Sie bei dem Voigt Kobbe zu Brome jederzeit erfahren.

Am 12.7.1828 genehmigt die Landdrostei zu Lüneburg der Bromer Schustergilde, eine Sterbekasse einzurichten. Abrechnungen für die Jahre 1834-57 werden in einem Buche festgehalten, das übrigens als Gründungstag der Kasse den 13.4.1825 angibt. Wir haben es hier zu tun mit dem Anfang einer Sterbegeldversicherung. Die Einnahmen kommen zusammen aus Zinsen für ausgeliehene Geldsummen, aus Einschreibgebühren und laufenden Beiträgen. Die Satzungen sind leider nicht mehr aufzufinden. Doch liegen noch einige Schriftstücke vor, die bedeutsame Rückschlüsse zulassen. Am 28.2.1867 schreibt das Amt Isenhagen über den Amtsvogt Kobbe: Zum Abschnitt VI, Nro: 39. des alle 3 Jahre zu erstattenden ausführlicheren Geschäftsberichts wünschen wir künftig und zwar zuerst pro: 1867. 68. 69. im Anfang Janr. 1870. die Nachprüfung über die Verwaltung und den Zustand der zu Brome bestehenden Sterbekasse der Schuhmacher zu Brome, nach Maßgabe des hierunter fallenden Formulars zu erhalten, dabei auch bezugt(!) zu sehen, daß der Herr Amtsvoigt durch die Einsicht der Rechnungsablagen von der guten Verwaltung der betreffenden Casse überzeugt habe, oder was ev: dieserhalb zu bemerken gefunden sei. Das Königliche Amt Knesebeck läßt am 26.12.1853 der Bromer Schustergilde über den Postspediteur Baucke in Brome, dem damaligen Gildeobmann, ein Schreiben zugehen, das folgendermaßen lautet: Auf den Bericht vom 10/12 v.M betreffend Abänderung der Statuten vom 4 Juli 1828 für den Schuhmacher=Sterbekassen=Verein zu Brome, wollen Wir die beantragten Aenderungen:

zum §. 8 der Statuten                                                                                                                       

dahin, daß für das Einsammeln der Interessentenbeiträge eine Vergütung von 6 gg /: statt der frühern von 4 gg :/ gezahlt werde und

zum §. 11 c und d. Ibid.                                                                                                                     

dahin, daß das Eintrittsgeld für Fremde, dh. der Schuhmacherzunft nicht angehörende Personen:                                                                                                                                                

ad c. im Alter von 30-35 Jahren auf 1 r. /: statt des frühern Betrags von 18 gg /:                      

ad d. im Alter von 35-40 Jahren auf 2 r. /: statt des frühern Betrages von 1 r.  / erhöhet und festgestellt werde, bis zur  weiteren Verfügung hiermit genehmigen.

Des Weiteren wird aufgeführt und begründet, warum andere Abänderungsanträge abgelehnt werden mußten. Doch schon nach 2 Jahren kommt die Landdrostei den Bromern wenigstens auf halbem Wege entgegen.  Sie läßt unterm 24.4.1855 die Sterbekasse wissen: Auf den Bericht vom 25/ 29 v.M. wollen Wir nach Einsicht der vorgelegten Nachweisung über die Verhältnisse der Sterbecasse für die Schuhmachergilde zu Brome hierdurch genehmigen,    

1. daß den § 5 der Statuten der gedachten Sterbecasse folgende Bestimmung „Bei dem Ableben eines Interessenten, von welchem 20 Jahre lang die festgestellten Beiträge bezahlt sind, wird ein Sterbegeld von 15 r gezahlt“ hinzugefügt, und                                                                                 

2. daß der § 10 in soweit abgeändert werde, als eine Befreiung von ferneren Beiträgen erst dann eintreten soll, wenn ein Interessent an solchen überhaupt schon  15 r zur Casse bezahlt hat.

Wir bestimmen dabei jedoch, daß, sofern sich ergiebt, daß die Ausgaben der Casse mit den Beiträgen der Interessenten zu je 2 gg und den sonstigen Einnahmen nicht zu decken stehen, von den Vorstehern die Erhebung eines Beitrages von je 3 gg veranlaßt werden soll. Das Amt Knesebeck fügt dem Schreiben hinzu: „Es dürfte zweckmäßig sein, von dem Cassenvorrathe 25 r gegen genügende Sicherheit an einen zuverlässigen Mann, wenn auch nur gegen 3 pct. Zinsen p.a. mit Vorbehalt monatlicher Kündigung im Einverständniße mit dem Gilde = Vorstande zu belegen.

Auch Quittungen und andere Schriftstücke, die sich auf die Sterbekasse beziehen, sind noch vorhanden, u.a. ein von W. Radecke ausgestellter Schuldschein über 85,40 M, die zu 4 % jährlich verzinst werden sollen, und ein Schreiben, in dem die Aeltesten und Vorsteher der hiesigen Schuhmachergilde = Sterbekasse durch ihre Unterschrift gestatten, daß dem Mitinteressenten Johann Heinrich Olland, da derselbe ein uhrsprünglicher Theilnehmer  dieses Vereins ist, seine Beyträge bey Sterbefällen immer richtig geleistet hat, und er nun alt, schwächlich und in die Nothdürftigkeit gerathen ist,  Behuf seinens dürftigen Fortkommens, die ihm dazu noch mangelnde Werkgeräthschaften anzuschaffen – 5 Rth. aus der Kasse  vorgeliehen werden. Unterschrieben haben Altmeister Christoph Lindmüller, Gildemeister Blancke, die Meister Günter Olland, Friederich Radsak, Christoph Mosel, Jacob Radsack, Friedrich Elster, Johann Olland, Friedrich Olland, Heinrich Kausche, August Tesmer, Wilhelm Müller, Gottlieb Radsack, Chr. Franke und Heinrich Müller.

Bedauert werden muß, daß eine Urkunde, die wahrscheinlich die Satzungen von 1696 (oder 1692) enthält, bis zur Unleserlichkeit beschädigt ist. Die vorhandenen beiden Blätter bringen die Artikel 12 – 39. Einiges ist noch zu entziffern. Artikel 24 lautet: „Wenn einer den anderen seinen Knecht obspen… machet, soll 24 ß zur Straffe geben“.  Artikel 25 spricht von dem Schuknecht, und Artikel 28 setzt als Strafe 1 Tonne Biehr fest; Artikel 36 lautet: Wer diese Vorbe…  puncta nicht will halten und sich mutwilliger Weise dawieder setzen soll ihm…  der Obriechkeidt willen, die arbeit nieder geleget und verboten werden Hadt er aber daß ampt in Unkostung gebracht soll er die selbe wieder zu erlegen schuldig sein.

Das Gutshaus derer von Weyhe in Fahrenhorst

In einem anderen Blogbeitrag haben wir bereits über die in der Altendorfer Kirchen vorhandenen Grabplatten der Familie von Weyhe berichtet. In der St. Pancratius-Kirche ist Johann Friedrich von Weyhe beerdigt (gest. 1753). Er hat das Gutshaus in Fahrenhorst im Jahr 1737 neu erbauen lassen. Wie das vorherige Gutshaus aussah, darüber haben wir leider bisher keine Nachrichten. Das Gutshaus aus dem Jahr 1737 kann auch heute noch bewundert werden. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Gutshaus durch Carl Ernst Wilhelm von Weyhe an der Südwestseite noch erweitert.

Der Haupteingang des Gutshauses von Norden (Foto: Jens Winter, August 2020)
Das Gutshaus von Südosten aus gesehen. Deutlich zu erkennen ist der Anbau aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im Südwesten des Gutshauses von 1737.
Über der Tür an der Nordseite ist eine (Sandstein?-)Tafel mit dem Wappen derer von Weyhe gesäumt von zwei Engeln und folgender Inschrift angebracht: „Anno J: W: V: W: 1737.“ Diese Inschrift bedeutet: „Im Jahre Johann Wilhelm vom Weyhe 1737“. Das Gutshaus wurde also 1737 neu errichtet. Johann Wilhelm von Weyhe ist 1753 verstorben. Seine Grabplatte befindet sich heute noch in der Altendorfer St. Pancratius-Kirche. (Foto: Jens Winter, August 2020)

Die Grabplatte für Johann Wilhelm von Weyhe (gest. 1753) in der Altendorfer St. Pancratiuskirche

In der Altendorfer St. Pancratiuskirche befinden sich einige historisch bedeutende Grabplatten, darunter die für Heinrich von der Schulenburg (gest. 1613) und Burchard von der Schulenburg (gest. 1621). Heinrich von der Schulenburg war der letzte aus der Familie derer von der Schulenburg, denen Tülau-Fahrenhorst zum Lehen gegeben wurde. Mit seinem Tode fiel das Lehen an Wilhelm von der Weyhe. Die Altendorfer Kirche war zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Grablege für die Herren von Tülau-Fahrenhorst.

Zwei Grabplatten derer von Weyhe befinden sich mindestens in der St. Pancratiuskirche. Allerdings konnte bisher nur eine zweifelsfrei entziffert werden, nämlich die Grabplatte für Johann Wilhelm von Weyhe (gest. 1753).

Bisher nicht entzifferte Grabplatte für ein Familienmitglied derer von Weyhe, rechts neben der Grabplatte für Johann Wilhelm von Weyhe (gest. 1753) (Foto: Jens Winter)

Die Grabplatte für Johann Wilhelm von der Weyhe befindet sich rechts im Altarraum. Daruf steht Folgendes:

HIER RUHEN

DIE IN GOTT ENTSCHLAFENE GEBEINE

DES WEYE HOCHWOHLGEBOREN HERRN

HERRN IOH: WIL: VON WEYHE

ERB- UND GERICHTSHERR AUF FAHRENHORST

TÜLAU UND EIMCKE

KÖNIGL. GROSBRIT. CHURFÜRSTL. BRAUNSCHWEIG.

LÜNEBURGISCHER HOCHBESTALTER HAUPTMANN.

IST GEBOHREN 1685 DEN 15. MARTZ.

GESTORBEN 1753 DEN 29. AUGUST.

ZU FAHRENHORST

DER FROHEN ZUKUMET IHRES HERRN UND HEYLAND IESU CHRIST

SIE HIER! DAS MUSTER WAHRER TUGEND

DAS BEYSPIEL ECHTER REDLICHKEIT,

DES STETS BEY ALT UND BEY DER JUGEND

ERWECHTE GROS ZUFRIEDENHEIT

GESCHLECHT BLEIB IN SEEGEN.

Grabplatte für Johann Wilhelm von Weyhe in der Altendorfer St. Pancratiuskirche (Foto: Jens Winter)

Eine weitere Grabplatte liegt noch in der Mitte des Altarraumes. Deren Entzifferung ist uns bisher leider nicht gelungen!

Der Bickelstein – ein Sagen- und Grenzstein nordöstlich von Ehra

Der Bickelstein (Foto: Jens Winter, August 2020)
Der Bickelstein (Foto: Jens Winter, August 2020)

Etwa 4,2 km nördlich von Ehra östlich der Straße L286 Richtung Boitzenhagen liegt der Bickelstein – ein riesiger Granitblock. In den Bickelstein sind sieben Hufeisen und sieben Kreuze eingemeißelt. Welche Bedeutung diese Zeichen haben, ist unbekannt.

Eingemeißelte Hufe und Kreuze (Foto: Jens Winter, August 2020)

Bericht über die den Grenzverlauf 1570

In einem Bericht über die Grenzverläufe zwischen Dannenbüttel, Grußendorf, Westerbeck, Ehra und Lessien aus dem Jahr 1570 wird der Bickelstein als eine Grenzmarkierung aufgefasst.

Während Dannenbüttel und Westerbeck 1570 zum Amt Gifhorn gehörten, gehörten Grußendorf und Stüde zu denen von Bartensleben zu Wolfsburg, die vom brandenburgischen Kurfürsten die beiden Dörfer zum Lehen erhalten hatten. Die Grenze war also eine Landesgrenze. Am Hierßbrunnen (wohl: Herzbrunnen) stoßen die Feldmarken von Dannenbüttel, Westerbeck und Grußendorf zusammen, wie die von Bartensleben behaupten (und was das Amt Gifhorn nicht anerkennen wollte). Von dort ging die Grenze „an einen Grundt im Barsau“, wo ein mit einem Kreuz gekennzeichneter Baum gestanden hat. Dort war auch ein doppelter Graben gezogen, der zu beiden Seiten aufgeworfen war. Das dritte Grenzmal war der sogenannten Schönewörder Stieg, welcher durch Jacob Dietrichs Stall zu Stüde ging. Die drei Höfe zu Stüde wurden erst innerhalb der vergangenen 16 Jahren (Stüde wurde demnach 1554 gegründet). Vom Schönewörder Stieg ging die Grenze durch das Moor bis auf den Suderbecke, wo „sich Ise unndt Suderbecke scheidet“ (Zusammenfluss von Ise und Sauerbach südlich von Wahrenholz). Von dort ging die Grenze den Sauerbach entlang, dann zwischen den Großen und Kleinen Düsterhöpen (ein Fichtenbusch) entlang über das Steertmoor auf einen großen Stein zu, wo einst ein Grab gewesen sein soll. Von dort geht die Grenze bis auf den Bickelstein.

Gründe für die Streitigkeiten

Das Amt Gifhorn hatte einige wichtige Argumente gegen diese von den von Bartensleben behauptete Grenzziehung einzuwenden. Zuerst war Gifhorn der Meinung, dass Grußendorf zum Amt Gifhorn gehöre und lüneburgisch wäre. Außerdem bestritten sie, dass der Hierßbrunnen an einer Gemarkungsgrenze liegt, vielmehr gehöre er ihrer Interpretation nach zu Dannenbüttel und damit zum Amt Gifhorn. Außerdem behaupteten die Gifhorner, dass die Gemarkungsgrenze zwischen Dannenbüttel, Westerbeck und Stüde einerseits und Grußendorf andererseits bereits vor etlichen Jahren im beiderseitigen Einvernehmen festgelegt und mit Aufwürfen und Malhügeln markiert wurde. Die von Bartensleben dagegen bestreiten diese einvernehmliche Lösung und führen an, dass vor 20 Jahren (also um 1500) das Amt Gifhorn von sich aus diese Markierungen haben machen lassen, womit die von Bartensleben aber 1570 nicht mehr einverstanden waren.

Im Jahr 1570 hat Johann von Seggerden, Hauptmann zu Gifhorn, ein neues steinernes Kreuz (genannt „das Weiße Kreuz“) machen und setzen lassen an der Stelle im Bockling, vor einmal ein Holzkreuz gestanden hat, das aber mehrfach zerstört wurde. Das Amt Gifhorn sah das Kreuz als eine Grenzmarkierung an, wohingegen die von Bartensleben anführen, dass an der Stelle einmal ein Kramer erschlagen wurde und zur Erinnerung an diese Tat dort das Kreuz aufgestellt wurde. Die Ämter Gifhorn und Knesebeck sahen das Kreuz als eine Grenzmarkierung zwischen den beiden Ämtern an. Es wurde behauptet, dass die Grenze vom Sauerbach bis an das steinerne Kreuz verlief und von dort über den Ehraer Grundzapfen bis nach Wiswedel, von dort schließlich bis zur Ohre verliefe.

Allerdings konnte diese Behauptung des Amtes Gifhorn nicht bestätigt werden, denn auf diesem Weg vom Kreuz in Richtung Ehraer Grundzapfen konnten keine Markierungszeichen an Steinen, Bäumen, Malhaufen oder an Gewässern gefunden wurden. Letztendlich konnten sich die von Bartensleben mit ihrer Argumentation (vorerst) durchsetzen.

Grenzrezess von 1583 wegen Grenzstreitigkeiten bei Ehra und Wiswedel

Auch im Jahr 1583 ging es wieder um Grenzstreitigkeiten um die Nordgrenze der Brandenburgischen Butendörfer, die von dem Sauerbach (südlich von Wahrenholz) bis an die Ohre zwischen Radenbeck und Benitz reichte. Hauptstreitpunkt ist wiederum die Lage des weißen Kreuzes, das sowohl vom Amt Gifhorn als auch vom Amt Knesebeck als Grenzmarkierung angesehen wurde. Die von Bartensleben lehnten dies natürlich ab, weil ihrer Interpretation nach das weiße Kreuz auf brandenburgischem Territorium lag. Ein weiterer Streitpunkt war natürlich die Zollstange am Bickelstein.

Die von Bartensleben haben die Grenze folgendermaßen angezeigt: vom Sauerbach über das Steertmoor bis zu einem Feldstein, auf dem zwei Kreuze eingehauen waren. Von dort ging die Grenze über einen großen Hügel zu einem weiteren großen Hügel, dem Roten Berg. Von dort bis zum Ende der Ehraer Feldmark. Von dort ging die Grenze zwischen den Feldmarken Boitzenhagen und Wiswedel auf einen Stein, der grauer Stein genannt wurde, was aber von den Boitzenhagenern bestritten wurde. Von dort ging es zum ehemaligen Schnede-Brunnen. Von dort ging die Grenze weiter zum hohen Stein.

Die lüneburgischen Räte sahen die Grenze selbstverständlich ganz anders. Vom Sauerbach ging die Grenze hin zum steinernen Kreuz, von dort zu einer Eiche, in die ein Kreuz gehauen war. Allerdings war die Eiche für einen Grenzbaum nicht alt genug! Von dieser Eiche zogen sie auf einen Teichdamm und von dort zum Ehraer Grundzapfen. Von dort ging es weiter zum Bickelstein. Von dort zogen sie über den Voitzer Weg bis zu einem Stein am Wiswedeler Berg.

Der Kommission war klar, dass auf Grund dieser unterschiedlichen Grenzinterpretationen eine Einigung über die Grenzziehung nicht leicht zu erzielen war. Sie haben sich darauf geeinigt, die Gemarkungsgrenzen, bis an die die Orte Landwirtschaft betreiben durften, mit Hügel zu markieren. Diese Gemarkungsgrenzen sollten aber keine endgültigen Landesgrenzen darstellen.

Die Grenze zwischen Wiswedel und Boitzenhagen sollte vom Roten Berge über sechzehn Mahlhügel Richtung Westen über die Heide auf den Zileitzschen Busch bis hin zu einem damals besäten Roggenacker gehen, wo ebenfalls fünf Hügel aufgeworfen werden sollten. Die Grenze zwischen Wiswedel und Radenbeck sollte zwischen den gerodeten und gepflügten Äcker, die zu den jeweiligen Dörfern gehören, hindurchgehen.

Der Bickelstein in historischen Karten

Auf der Karte von Strauß aus dem Jahr 1688 ist der Bickelstein mit eingezeichnet. Er liegt nach dieser Interpretation in brandenburgischem Territorium.

Ausschnitt aus der Karte von Strauß aus dem Jahr 1688. Der Bickelstein ist hier mit eingezeichnet. Damals waren u.a. die Dörfer Ehra und Wiswedel noch brandenburgisch. Erst 1692 wurde sie wieder lüneburgisch. Damit hörten auch die Grenzprobleme, die wir bereits in einem früheren Blogeintrag angesprochen haben, in diesem Bereich auf. (Original: Hauptstaatsarchiv Hannover)

Auf einer Karte aus dem 18. Jahrhundert ist der Bickelstein mit eingezeichnet. Die rote Linie nördlich des Bickelsteines ist die ehemalige Landesgrenze zwischen Lüneburg und Brandenburg gewesen. Der Bickelstein war nach dieser Karte eindeutig keine Grenzmarkierung!

Ausschnitt aus einer Karte des Herrschaftsbereiches derer von Bartensleben zu Wolfsburg. (Original: Hauptstaatsarchiv Hannover)

Sagen um den Bickelstein

Im Dreißigjährigen Krieg kam um 1630 ein von den Kaiserlichen verfolgtes schwedisches Heer unter König Gustav Adolf II. in die Bickelsteiner Heide. Umzingelt von Feinden habe der König gerufen: „So wenig, als mein Pferd in diesen Stein treten und ich mein Schwert hineinhauen kann, so wenig werden wir noch siegen.“ Darauf zeigten sich die Wunderzeichen im Stein und die Schlacht wurde gewonnen.

Auf einer Infotafel am Bickelstein kann die Sage mit noch mehr Details nachgelesen werden.