Manchmal erzählen kleine Dinge die größten Geschichten. Eine unscheinbare Postkarte, mehr als ein Jahrhundert alt, verbindet zwei Kontinente, zwei Menschen und die großen Hoffnungen der Auswanderung: Ein Brief aus der deutschen Heimat an eine Schwester in der fernen Neuen Welt.
Der Anfang: Eine Postkarte aus Brome
Mit dem Poststempel vom 20. Juli 1914 aus Brome (Niedersachsen) schickte ein gewisser Ernst eine Postkarte an seine Schwester nach Amerika. Die Adresse lautete: 309 Starling Avenue, Joliet, Illinois, USA.
Die Empfängerin war seine Schwester, genannt Mis A. Z. Morison – eine Auswanderin, die sich in der fernen Stadt Joliet ein neues Leben aufgebaut hatte. Der Nachname Morison deutet darauf hin, dass sie geheiratet hatte, wahrscheinlich einen Mann englischer oder schottischer Herkunft. Leider kennen wir den genauen Vornamen nicht, da Bruder Ernst nur die Initialen schreibt.
Der Text: Worte voller Sehnsucht
Liebe Schwester
Ich habe Deinen Brief erhalten habe mich sehr gefreut über die Bilder Ich schreibe auch bald einen Brief Es grüßt
Dein Bruder
Ernst
Nur wenige Worte, aber sie sagen so viel. Ernst hat einen Brief seiner fernen Schwester erhalten – vermutlich über den Ozean verschickt und nach Wochen angekommen. Er freute sich über die Bilder, die sie ihm mitgesendet hatte – vielleicht Fotos ihres neuen Lebens in Illinois, ihrer Familie, ihres Hauses.
Die Antwort ist herzlich und persönlich: Es grüßtDein Bruder Ernst – eine Phrase, die Nähe und Zuneigung ausdrückt, obwohl die beiden durch den Atlantischen Ozean getrennt sind.
Der historische Kontext: 1914
Das Jahr 1914 war kein gewöhnliches Jahr. Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Wenige Wochen später würde Europa in den Ersten Weltkrieg stürzen. Nur acht Tage, nachdem Ernst die Postkarte abgeschickt hat, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die Lage eskalierte aufgrund der damaligen politischen Verhältnisse schnell. Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg.
Ernst und seine Schwester ahnten nicht, dass dies eine der letzten Postkarten sein würde, die zwischen ihnen über den Atlantik reisen könnte. Der Krieg würde die Verbindung zwischen Europa und Amerika drastisch verändern. Ob die beiden nach dem 1. Weltkrieg noch Kontakt hatten, wissen wir bisher nicht.
Die deutsche Auswanderungsbewegung
Zwischen dem 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten Millionen von Deutschen aus – getrieben durch wirtschaftliche Not, fehlende Landverfügbarkeit und die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Neuen Welt. Die USA, besonders Illinois mit seinen großen Industriestädten wie Chicago und Joliet, waren Magneten für diese Auswanderer. Damals wanderten auch aus Brome einige Einwohner in die USA aus, so z.B. der Schmied Wilhelm Remmler im Jahr 1853.
Wer war Mis A. Z. Morison?
Die Geschichte der Schwester ist leider größtenteils verloren gegangen – nur der Nachname eines Ehemannes und die Initialen A. Z. sind erhalten geblieben. Doch ihre Geschichte ist typisch für Millionen von Frauen ihrer Zeit:
Sie war Deutsche, geboren in Brome oder der näheren Umgebung
Sie wanderte aus – wahrscheinlich zwischen 1880 und 1910
Sie heiratete einen Mann mit dem Namen Morison (wahrscheinlich englischer oder schottischer Herkunft)
Sie baute sich ein neues Leben in Joliet, Illinois auf
Sie korrespondierte mit ihrer Familie in Deutschland
Sie war eine von Millionen, die sich trauten, alles hinter sich zu lassen und in einer fremden Sprache, in einer fremden Kultur ein neues Leben zu beginnen. Ihre Beharrlichkeit und ihr Mut sind in dieser Postkarte eingraviert.
Epilog: Die Suche geht weiter
Die Geschichte von Mis A. Z. Morison und Ernst ist nicht zu Ende. Mit moderner genealogischer Forschung, Volkszählungsdaten und digitalen Archiven könnten ihre Namen, ihre vollständigen Geschichten, vielleicht sogar Fotos gefunden werden.
Wie eine kleine Landgemeinde zum Schauplatz nationalsozialistischer Machtübernahme wurde
Die Geschichte der NSDAP in Brome ist mehr als nur eine Chronik von Parteimitgliedschaften und Wahlergebnissen. Sie zeigt exemplarisch, wie die nationalsozialistische Bewegung in einer ländlichen Gemeinde Fuß fasste, wie sie mit konkurrierenden völkischen Gruppierungen rang und schließlich nach 1933 eine totale Kontrolle über alle Lebensbereiche etablierte.
Die völkische Vorgeschichte: Brome als Sammelbecken rechter Bewegungen
Bevor die NSDAP in Brome zur dominierenden Kraft wurde, existierte bereits ein Netzwerk völkischer und nationalistischer Organisationen. Die Region war keineswegs unpolitisch – im Gegenteil: Brome und seine Umgebung waren ein Brennpunkt rechtsextremer Aktivitäten.
Bereits im Dezember 1922 wurde die Deutsch-völkische Freiheitspartei gegründet, ein Sammelbecken extrem völkischer Kreise und Ableger der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Trotz eines Verbots in Preußen im März 1923 hatte diese Partei Anhänger in Tülau, Brome, Voitze und Lessien. Am 9. November 1923 – dem Tag des Hitler-Putschs in München – marschierten Freiwillige aus diesen Orten nach Ehra. Schon damals war die Region also mit der nationalsozialistischen Bewegung verbunden.
Besonders bemerkenswert ist die Geschichte des Stahlhelm-Bundes in Brome. 1922 wurde eine Ortsgruppe gegründet, doch bereits 1923 kam es zur Auflösung – mit einer bezeichnenden Begründung: „weil die Bromer in der Judenfrage nicht mit den Stahlhelmgrundsätzen übereinstimmten.“ Die Bromer waren den Stahlhelmern zu antisemitisch! Dies zeigt, wie tief der Judenhass in Teilen der Bromer Bevölkerung bereits in den frühen 1920er Jahren verwurzelt war.
Im Sommer 1923 traten 20 Männer dem „Verband Hindenburg“ bei, der später im Tannenbergbund aufging. Dieser Wehrverband sollte noch eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Bromer NSDAP spielen.
Die erste NSDAP-Ortsgruppe: Gründung, Niedergang und der Tannenbergbund
Am 27. Februar 1925 – nur wenige Wochen nach der Neugründung der NSDAP im Reich – wurde die Ortsgruppe Brome unter Leitung des Polizisten Willi Knoch gegründet. Zu den ersten Mitgliedern, die nachweislich bis Ende 1927 beitraten, zählten Hermann Förster, Kurt Mosel, Friedrich Prenzler, Otto Schlieckmann, Heinrich Bierstedt, Kurt Kohrs, Werner Davids, Heinrich Beinhorn, Reinhold Knoke, Hermann Kaufmann, Willy Müller und Otto Schildt. Die Partei schien zunächst Fuß zu fassen.
NSDAP-Karteikarte von Maler Hermann Förster. Er ist bereits am 28. Mai 1925 in die NSDAP eingetreten und hatte die Mitgliedsnummer 6331. Das ist der früheste Nachweis für einen Beitritt zur NSDAP im Raum Brome. In dem 1934 erschienenen Heft der NSDAP „Wir waren dabei“ wird er nicht erwähnt, da er am 30. Juli 1930 aus der Partei ausgetreten ist.NSDAP-Karteikarte von Werner Davids. Er ist am 9. Februar 1927 der NSDAP beigetreten. Seine Mitgliedschaft wurde am 25. Juli 1930 gelöscht. Er ist dann im Zuge der Neugründung der NSDAP Ortsgruppe Brome am 1. Februar 1932 wieder eingetreten. Seine alte Mitgliedsnummer durfte er behalten.Foto von Werner Davids aus der NSDAP-MitgliedskarteiHeinrich Beinhorn ist am gleichen Tag wie Werner Davids, am 9. Februar 1927, der NSDAP beigetreten. Seine Mitgliedschaft wurde am 25. Juli 1930 gelöscht. Er ist dann nach der Neugründung der NSDAP Ortsgruppe Brome nicht wieder eingetreten.
Doch dann kam der dramatische Einbruch. Im Winter 1928/29 ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Zahlreiche Mitglieder traten aus der NSDAP aus und wechselten zum Tannenbergbund. Der Grund war ein spektakuläres Ereignis: Am 11. September 1928 kam General Erich Ludendorff persönlich nach Brome und hielt vor mehreren tausend Zuhörern eine Rede. Der Kriegsheld des Ersten Weltkriegs hatte enormes Ansehen, und seine Worte wirkten: Die NSDAP-Ortsgruppe schrumpfte auf nur noch sechs Mitglieder zusammen.
1930 folgte der endgültige Zusammenbruch: Die verbliebenen sechs Mitglieder wurden aus der Partei ausgeschlossen, „da sie ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen waren.“ Die NSDAP-Ortsgruppe Brome existierte faktisch nicht mehr.
Diese Episode zeigt: Die Nazis waren in der Region keineswegs von Anfang an die dominierende Kraft. Es gab Konkurrenz im rechten Lager, und diese Konkurrenz war zeitweise erfolgreicher. Der Tannenbergbund hatte 1933 etwa 80 Mitglieder aus Brome – deutlich mehr als die NSDAP zu diesem Zeitpunkt.
Die Neugründung 1931: Konrad Erling übernimmt
Am 1. Oktober 1931 kam es zur Neugründung der NSDAP-Ortsgruppe Brome. Die drei Gründungsmitglieder waren Willi Knoch (der bereits 1925 dabei gewesen war), Werner Davids und Konrad Erling. Zum Ortsgruppenleiter wurde Konrad Erling ernannt – ein 28-jähriger Förster aus Breslau, der erst im September 1930 nach Wendischbrome gezogen war.
Erling war bereits am 1. November 1930 der NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 347800) und hatte seine Mitgliedschaft am 7. April 1932 erneuert. Er war zunächst Mitglied in der Ortsgruppe Kunrau gewesen, bevor er nach Brome wechselte. Als Ortsgruppenleiter sollte er bis August 1934 die Geschicke der Partei in Brome lenken – und dabei eine zentrale Rolle bei der Gleichschaltung der Gemeinde spielen.
Im Dezember 1931 erfolgte die Aufnahme der Ortsgruppen Ehra, Brome und Croya in den NSDAP-Kreisverband Gifhorn. Die Partei organisierte sich regional.
Die Wahlerfolge: Bromes Weg in die Diktatur
Die Wahlergebnisse in Brome zeigen eine dramatische Radikalisierung der Bevölkerung. Bei der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 erhielt die NSDAP 105 Stimmen, während die Deutsch-Hannoveraner 200 und die SPD 114 Stimmen bekamen. Die Nazis waren noch eine Minderheit.
Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 erreichte die NSDAP in Brome etwa 25 Prozent – deutlich mehr als im Reichsdurchschnitt (18,3 Prozent). Die stärkste Kraft blieb aber die Deutsch-Hannoversche Partei mit fast 40 Prozent.
Der Durchbruch kam bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932: Die NSDAP wurde zur stärksten Kraft in Brome mit über 60 Prozent der Stimmen. Und bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 – bereits unter massivem Terror und Einschüchterung – erreichte die NSDAP in Brome über 70 Prozent, während sie im Reichsdurchschnitt nur bei etwa 44 Prozent lag.
Brome war brauner als der Reichsdurchschnitt. Die Frage nach dem Warum muss offen bleiben – aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.
Der 30. Januar 1933: Eine kleine, aber mächtige Partei
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, zählte die NSDAP-Ortsgruppe Brome gerade einmal 26 Parteimitglieder, darunter eine Frau: Else Mosel. 26 Mitglieder in einer Gemeinde, die der Partei bei Wahlen über 70 Prozent gab – das zeigt: Die meisten Wähler waren keine Parteimitglieder. Sie wählten die NSDAP, ohne sich ihr anzuschließen.
Doch diese 26 Mitglieder hatten nun die Macht. Und sie nutzten sie.
Die Gleichschaltung: Der Sturz des Bürgermeisters Baucke
Die Geschichte der Absetzung von Bürgermeister Wilhelm Baucke ist in unserer Podcastfolge ausführlich behandelt worden. Hier die Kurzfassung: Bei der Gemeindewahl am 13. März 1933 erhielt die NSDAP-Liste „Gemeinnutz vor Eigennutz“ unter Otto Bannier 203 Stimmen und vier Mandate. Am 30. März 1933 wurde Wilhelm Baucke mit 9 zu 3 Stimmen zum Bürgermeister wiedergewählt – vier seiner Wähler waren selbst NSDAP-Mitglieder.
Doch die Gauleitung in Hannover akzeptierte dieses Ergebnis nicht. Auf Weisung von Gauleiter Otto Telschow wurde Baucke die Bestätigung versagt. Am 21. April 1933 wurde Konrad Erling kommissarisch mit den Geschäften des Bürgermeisters beauftragt. Am 14. Juni 1933 fand eine erzwungene Neuwahl statt: Erling erhielt 9 Stimmen, 2 Gegenstimmen. Otto Bannier wurde zum ersten Beigeordneten gewählt.
Wilhelm Baucke protestierte: „Dieser Vorgang war keine Wahl, sondern eine Einsetzung.“ Er hatte recht. Am 31. Juli 1933 wurde Erling schließlich einstimmig per Zuruf zum Bürgermeister gewählt.
Konrad Erling blieb nur gut ein Jahr im Amt. Am 25. Juli 1934 bat er um Entbindung von seinen Dienstgeschäften, da er eine neue Arbeitsstelle angetreten hatte. Er zog nach Tanne und wurde dort Mitglied der örtlichen NSDAP-Ortsgruppe. Mit seiner Familie beging er zur Kriegsende 1945 erweiterten Suizid.
Der Mitglieder-Boom: Von 26 auf 120
Nach der Machtübernahme explodierte die Mitgliederzahl. Im Februar 1934 zählte die Ortsgruppe Brome bereits 120 NSDAP-Parteimitglieder. Woher kam dieser Anstieg?
Zum einen gab es die sogenannten „Märzgefallenen“ – Opportunisten, die nach dem Wahlsieg im März 1933 auf den fahrenden Zug aufsprangen. Zum anderen – und das war der Hauptgrund – wurde am 22. September 1933 der Tannenbergbund von den Nationalsozialisten verboten. Die etwa 80 Mitglieder aus Brome traten daraufhin geschlossen in die NSDAP ein, wie es in dem NSDAP-Heft „Wir waren dabei“ ganz propagandistisch heißt. Doch mit Sicherheit sind nicht alle der NSDAP beigetreten: Der Führer des Tannenbergbundes, Willy Müller, war zwar am 9. Februar 1927 in die NSDAP eingetreten und ist dann nach dem Ludendorffbesuch Ende September 1928 ausgetreten. Ein Wiedereintritt ist nicht nachweisbar!
Willy Müller trat am 9. Februar 1927 der NSDAP bei und war damit eines des ersten NSDAP-Mitglieder in Brome. Gleichzeitig war Führer des Tannenbergbundes in Brome und organisierte den Ludendorffbesuch am 28. September 1928 in Brome mit. Nach dem Besuch trat er am 30. September 1928 aus der NSDAP endgültig aus. Seine Mitgliedsnummer wurde ihm dann im Jahr 1938 nachträglich aberkannt!
Von August 1934 bis April 1945 war Otto Bannier – der Ortsbauernführer, der bereits 1933 versucht hatte, Bürgermeister zu werden – Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Brome.
Foto von Otto Bannier aus dem NSDAP-Heft „Wir waren dabei“. Seine NSDAP-Mitgliedskarteikarte konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden.
Die Mitgliederkartei: Ein Blick auf die Menschen
Die kürzlich freigegebene Mitgliederkartei der NSDAP ermöglicht uns einen einzigartigen Einblick in die Zusammensetzung der NSDAP-Ortsgruppe Brome. Wer waren diese Menschen?
Die Liste umfasst über 200 Namen aus Brome, Altendorf, Voitze, Wiswedel, Benitz, Zicherie, Croya und Wendischbrome. Die Berufe sind vielfältig: Landwirte und Jungbauern bilden die größte Gruppe, gefolgt von Handwerkern (Bäcker, Schmiede, Sattler, Schlosser, Maler, Tischler, Schneider), Gastwirten, Kaufleuten, Lehrern, einem Arzt, einem Apotheker, Postbeamten, einem Molkereiverwalter und vielen landwirtschaftlichen Gehilfen.
Auffällig ist das Alter: Viele Mitglieder waren sehr jung. Es gibt zahlreiche Einträge von Personen, die in den 1920er Jahren geboren wurden – sie waren bei ihrem Eintritt teilweise noch Teenager. Die NSDAP war eine Jugendbewegung.
Auch Frauen sind in der Liste vertreten, wenn auch in der Minderheit: Hausfrauen, Hausgehilfinnen, Jungbäuerinnen, eine Landjahrführerin, eine Schwester. Die NS-Ideologie war patriarchal, aber Frauen spielten durchaus eine Rolle in der Partei.
Besonders erschütternd: Viele dieser Namen gehören zu Familien, die noch heute in der Region leben. Die Geschichte der NSDAP in Brome ist keine abstrakte Vergangenheit – sie ist Teil der Familiengeschichte vieler Bromer.
Das Buch „Wir waren dabei“: Propaganda in Buchform
Die Quelle „Wir waren dabei – Bericht über nationalsozialistische Bewegung und Entwicklung im ehemaligen Kreise Isenhagen“ von 1934 ist ein bemerkenswertes Dokument. Es ist keine historische Analyse, sondern reine NS-Propaganda.
Das Buch feiert den „Kampf“ der NSDAP in der Region, stilisiert die Parteimitglieder zu Helden und verschweigt die Gewalt, den Terror und die Rechtlosigkeit, die mit der Machtübernahme einhergingen. Es ist ein Zeugnis der Selbstinszenierung des Regimes.
Für uns heute ist das Buch dennoch wertvoll: Es zeigt, wie die Nazis ihre eigene Geschichte erzählten, welche Ereignisse sie für wichtig hielten und wie sie ihre Herrschaft legitimierten. Es ist ein Blick in die Gedankenwelt der Täter.
Fazit
Die NSDAP-Ortsgruppe Brome war eine von Tausenden in Deutschland. Die Geschichte dieser Ortsgruppe zeigt: Der Nationalsozialismus war kein abstraktes Phänomen, keine Sache „der da oben“. Er wurde vor Ort umgesetzt – von Nachbarn, Lehrern, Handwerkern, Landwirten. Von Menschen, die Namen hatten, Familien, Berufe.
Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist unbequem. Die Namen in der Mitgliederkartei gehören zu Familien, die teilweise noch heute in der Region leben. Doch gerade deshalb ist das Erinnern so wichtig. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann verstehen, wie es dazu kommen konnte – und wachsam bleiben, dass es sich nicht wiederholt.
Ein kurzes, aber bedeutsames Kapitel der Bromer Geschichte
Wer heute durch Brome spaziert, ahnt kaum, welche dramatischen Ereignisse sich hier in den 1930er Jahren abspielten. Eine zentrale Figur in diesem dunklen Kapitel war Konrad Erling – ein Mann, der innerhalb kürzester Zeit vom Förster zum NSDAP-Ortsgruppenleiter und schließlich zum Bürgermeister aufstieg.
Die Anfänge: Ein Förster kommt nach Brome
Konrad Erling wurde am 19. August 1903 in Breslau geboren. Sein Weg nach Brome führte über mehrere Stationen: Am 2. September 1930 meldete er sich in Wendischbrome an, kam von Polanska, wo er in der Dorfstraße Nr. 3 gewohnt hatte. Bereits drei Monate später, am 1. Dezember 1930, zog er nach Brome um. Von Beruf war er Förster.
Konrad Erling am Bromer MühlenteichFoto von Konrad Erling in der NSDAP-Mitgliederkartei
Der Parteigänger: Früher Eintritt in die NSDAP
Konrad Erling war kein Mitläufer, der erst nach der Machtübernahme auf den fahrenden Zug aufsprang. Er trat bereits am 1. November 1930 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 347800). Nach der Auflösung der NSDAP Ortsgruppe Brome Ende 1930 trat er am 7. April 1932 erneut in die Partei ein.
Konrad Erling in der NSDAP-Mitgliederkartei
Seine politische Bedeutung wuchs rasch: Am 1. Oktober 1931 wurde die NSDAP-Ortsgruppe Brome nach einer Phase der Auflösung neu gegründet. Zu den drei Gründungsmitgliedern gehörten Willi Knoch, Werner Davids – und Konrad Erling. Erling wurde zum Ortsgruppenleiter ernannt, ein Amt, das er bis August 1934 innehatte.
Wahlwerbung der NSDAP für die Reichstagswahl am 31. Juli 1932 vor dem Hotel „Deutsche Eiche“ in Brome. Links neben den Plakaten: Wachtmeister Willi Knoch (mit Bart) und Schlosser Werner Davids, rechts NSDAP-Ortsgruppenleiter Förster Konrad Erling.
Der Aufstieg: Vom Beigeordneten zum Bürgermeister
Die Ereignisse des Jahres 1933 überschlugen sich. Bei der Bürgermeisterwahl am 30. März 1933 wurde zunächst noch Wilhelm Baucke mit 9 zu 3 Stimmen wiedergewählt. Konrad Erling wurde mit 9 Stimmen zum Beigeordneten gewählt. Doch die Gauleitung der NSDAP in Hannover hatte andere Pläne.
Nur drei Wochen später, am 21. April 1933, wurde Erling auf Weisung der Gauleitung kommissarisch mit den Geschäften des Bürgermeisters beauftragt. Wilhelm Baucke, der langjährige Bürgermeister, war faktisch entmachtet – innerhalb von nur zwei Wochen.
Die erzwungene Wahl: Gleichschaltung in Aktion
Am 14. Juni 1933 kam es zur nächsten Bürgermeisterwahl. Otto Bannier hatte eine nicht-öffentliche Dringlichkeitssitzung beantragt – angeblich auf Anordnung der Gau- und Kreisleitung. Das Ergebnis: 9 Stimmen für Konrad Erling, 2 Gegenstimmen. Otto Bannier wurde mit 8 gegen 4 Stimmen zum ersten Beigeordneten gewählt.
Wilhelm Baucke, der an der Sitzung teilnahm, legte Einspruch ein. In seinem Brief an den Regierungspräsidenten vom 22. Juni schilderte er, wie Bannier zu Beginn erklärt hatte: „Wir 8 Nationalsozialisten stimmen für Erling als Bürgermeister und Otto Bannier als ersten Beigeordneten.“ Bauckes Fazit war vernichtend: „Dieser Vorgang war keine Wahl, sondern eine Einsetzung.“
Tatsächlich erklärte das Landratsamt am 24. Juli die Wahl vom 15. Juni für ungültig. Doch das Ergebnis änderte sich nicht: Am 31. Juli 1933 wurde Konrad Erling einstimmig per Zuruf zum Bürgermeister gewählt.
Das kurze Amt: Nur gut ein Jahr
Konrad Erlings Zeit als Bürgermeister währte nicht lange. Bereits am 25. Juli 1934 – gut ein Jahr nach seiner Einsetzung – bat er um Entbindung von seinen Dienstgeschäften ab dem 15. August. Der Grund: Er hatte eine neue Arbeitsstelle angetreten.
Erling heiratete die Tochter des Bromer Kaufmanns Hermann Roeder, der am 1. März 1933 ebenfalls in die NSDAP eingetreten war. Nach seinem Weggang aus Brome zog er nach Tanne, wo er Mitglied der dortigen NSDAP-Ortsgruppe wurde. Am Ende des 2. Weltkrieges beging Konrad Erling mit seiner Familie erweiterten Suizid.
Ein Lehrstück der Gleichschaltung
Die Geschichte von Konrad Erling ist mehr als die Biografie eines einzelnen Mannes. Sie zeigt exemplarisch, wie die nationalsozialistische Gleichschaltung auf kommunaler Ebene funktionierte: Ein junger, linientreuer Parteifunktionär wurde von der Gauleitung eingesetzt, um einen demokratisch gewählten Bürgermeister zu ersetzen. Die lokale Selbstverwaltung wurde ausgehebelt, die Parteizentrale bestimmte, wer regierte.
Konrad Erling war Werkzeug und Nutznießer dieses Systems zugleich. Seine kurze Amtszeit als Bürgermeister steht für den Beginn einer dunklen Epoche in der Bromer Geschichte – einer Zeit, in der nicht mehr Kompetenz und demokratische Legitimation zählten, sondern Parteibuch und Gehorsam gegenüber der Führung.
Mehr zum Thema:
Wie genau Wilhelm Baucke von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde und welche Rolle Konrad Erling dabei spielte, erfahrt ihr in unserer Podcastfolge „Der Sturz des Bromer Bürgermeisters Wilhelm Baucke im Jahr 1933“. Dort beleuchten wir die dramatischen Ereignisse jener Wochen im Detail und lassen die historischen Dokumente sprechen.
Das Haus Junkerende 4 in Brome erzählt eine bemerkenswerte Geschichte: Über nahezu das gesamte 19. Jahrhundert hinweg war es die Heimat von Maurerfamilien, die das Bauhandwerk von Generation zu Generation weitergaben. Besonders die Familie Falke entwickelte sich zu einer wahren Maurerdynastie, deren Spuren bis nach Hannover reichen.
Die frühen Bewohner des Hauses Junkerende 4
Die dokumentierte Geschichte des Hauses beginnt mit Johann Günther Niebuhr als erstem nachweisbarem Besitzer. Im Jahr 1803 lebte hier der 30-jährige Maurermeister Thuenecke, zwanzig Jahre später, 1823, wird der Grundbesitzer Johann Thunecke als Bewohner genannt. Diese frühen Aufzeichnungen legen bereits den Grundstein für die handwerkliche Tradition des Hauses.
Der rätselhafte Beginn der Falke-Ära
Wie und wann genau die Maurerfamilie Falke in den Besitz des Hauses Junkerende 4 gelangte, liegt noch im Dunkeln der Geschichte. Eine naheliegende Vermutung ist, dass der Maurer Wilhelm Falke in die Familie Thunecke eingeheiratet haben könnte – eine zu jener Zeit durchaus übliche Praxis, um Handwerksbetriebe zu sichern und weiterzuführen.
Gesichert ist, dass Wilhelm Falke 1835 als Bewohner des Hauses dokumentiert wurde. Vermutlich war er der Vater von Heinrich Christian Joachim Falke, der am 8. Mai 1843 im Alter von 50 Jahren, 6 Monaten und 15 Tagen verstarb. Heinrich Christian Joachim war mit Catharina Elisabeth, geborene Behnecke, verheiratet.
Eine Familie mit vier Kindern – vier verschiedene Wege
Das Ehepaar Falke-Behnecke hatte mindestens vier Kinder, die zwischen 1817 und 1829 geboren wurden:
Johann Friedrich Christoph Falke (1822-1903), Maurermeister
Heinrich Wilhelm Christoph Falke (1826-1851), Maurermeister
Marie Wilhelmine Charlotte Falke (1829-?), ab 1853 verheiratet dem Tischler Johann Heinrich Christoph Kahrens (1830-?) aus Ehra
Die nächste Generation: Vom Handwerk zur Baukunst
Johann Friedrich Christoph Falke (1822-1903) heiratete Catharina Friedrike Marie Dorothea, geborene Bromann. Aus dieser Verbindung ging 1850 der Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich Falke hervor, der die handwerkliche Tradition der Familie auf eine neue Ebene heben sollte.
Friedrich Wilhelm Heinrich Falke (1850-1921) war nicht nur Maurermeister, sondern auch Architekt. Historische Fotografien zeugen noch heute von seiner beeindruckenden Baukunst und seinem gestalterischen Können. Er verkörperte den Übergang vom reinen Handwerker zum künstlerisch-technischen Baumeister.
Der Umzug in die Braunschweiger Straße
Zunächst lebte die Familie weiterhin am traditionellen Standort Junkerende 4. Doch mit wachsendem Erfolg erwarb sie das Haus Braunschweiger Straße 6 und zog dorthin um. Das alte Familienhaus Junkerende 4 wurde vermutlich an den Seilermeister Julius Samulsky verkauft – ein Zeichen dafür, dass auch andere Handwerker das geschichtsträchtige Gebäude schätzten.
Das Erbe reicht bis nach Hannover
Friedrich Wilhelm Heinrich Falke heiratete Julie Eggerding (1853-1923). Aus dieser Ehe ging Adolf Falke hervor, der die Familientradition in die nächste Generation und in eine neue Stadt trug: Als Architekt machte er sich später in Hannover einen Namen und führte damit das Erbe seiner Bromer Maurerdynastie in die Großstadt.
Die Geschichte der Familie Falke zeigt eindrucksvoll, wie sich über mehrere Generationen hinweg aus einfachen Maurern eine Architektendynastie entwickelte – ein Beispiel für sozialen Aufstieg durch Handwerkskunst, Fleiß und unternehmerisches Geschick im 19. Jahrhundert.
Rechts: Junkerende 4 – das ehemalige Wohnhaus der Familie Falke (um 1903)Gasthaus Schmid (1934) – erbaut vom Maurermeister und Architekten Heinrich Falke.Das Haus Braunschweiger Str. 3 (links) wurde 1896 von Heinrich Falke erbaut.Grabstein der Familie Falke-Hüttenrauch auf dem Bromer Friedhof (2025)
Dieses Foto hat Heinrich Lübbecke seinem Freund August Tesmer (1841-1921) im Jahr 1869 gewidmet. Damit ist diese Foto eine der ältesten erhaltenen Fotografien aus Brome! Die Aufschrift mit aufgelösten Abkürzungen lautet: Heinrich Lübbecke seinem lieben Tesmer zur freundlichen Erinnerung Brome den 28/12.1869
Heinrich Lübbecke, der aus Sülfeld stammte, wurde am 27. August 1817 geboren und war Sohn des dortigen Land- und Gastwirtes Friedrich Lübbecke (1783-1859). Nach seinem Medizinstudium kam er als junger Arzt 1847 nach Brome. Er heiratete hier am 2. Mai 1848 Marie Steding (1827-1856). Kurz vor oder nach der Hochzeit muss das Paar das Haus Braunschweiger Straße 6 erworben haben, in dem Dr. med. Lübbecke im Erdgeschoss in der alten Diele seine Arztpraxis eröffnete. Die Wohnräume der Familie Lübbecke lagen im ersten Obergeschoss. Neben seiner Arztpraxis betrieb Lübbecke noch eine kleine Landwirtschaft.
Das Ehepaar hatte drei Kinder: Hermann, Luise und Rudolf (1853-1938).
Heinrich Lübbecke war im Bromer Vereinsleben sehr engagiert. So war er Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr Brome (1863), Mitbegründer des Vorschuß- und Sparvereins Brome (1868 – dem Vorgänger der heutigen Volksbank) sowie Mitbegründer und 1. Vorsitzender des Land- und forstwirtschaftlichen Vereins Brome (1876-1889).
Grabstein für Marie Lübbecke geb. Steding (1827-1856) auf dem Bromer Friedhof (2025)Rückseite des Grabsteins für Marie Lübbecke (2025)
Seine Ehefrau Marie ist im Jahr 1857 auf tragische Weise ums Leben gekommen. In der Familiengeschichte heißt es dazu:
Auf einer Fahrt im Winter, von Fallersleben heimkehrend, brach eine Schlittenkufe. Der Knecht spannte das Pferd aus und ritt fort, um Hilfe zu holen. Meine Urgroßmutter [Marie Lübbecke] mußte in bitterer Kälte im Schlitten ausharren, während bereits die Nacht hereinbrach. Sie zog sich bei dem langen Warten eine schlimme Lungenentzündung zu, an deren Folgen sie einige Zeit danach verstarb.
Auf der Rückseite des Grabsteins auf dem Bromer Friedhof ist zu lesen:
Der Glaube an eine Zukunft,
Die Hoffnung auf ein Wiedersehen
Sei der Liebe Trost!
Im Jahr 1857 heiratete Heinrich Lübbecke wieder. Über eine Zeitungsanzeige hatte er eine Erzieherin, die in den USA lebte, kennengelernt. Er hielt sie für die richtige Mutter für seine drei kleinen Kinder. Als er sie in Bremerhaven vom Schiff abholte, brachte sie zu seiner Überraschung ihre zwei Schwestern mit. Diese lebten dann mit im Haushalt der Familie Lübbecke.
Aus dieser Ehe ging der Sohn Albert hervor, der Medizin studierte und einmal die Arztpraxis übernehmen sollte. Er starb jedoch schon mit 28 Jahren. Über das zweite Kind aus dieser Ehe ist nichts weiter bekannt.
Dr. med. Heinrich Lübbecke verstarb am 20. August 1889 im Alter von 71 Jahren in Brome.
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