Bromer Geschichte

Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Dienstsache für den Voigt — ein Amtsbrief nach Brome aus dem Jahr 1858

Diesmal führt uns ein Fundstück zurück ins Königreich Hannover des Jahres 1858. Eine schlichte, portofreie Dienstsache, adressiert an den Voigt Kobbe auf der Burg Brome — und auf ihrer Innenseite ein handschriftlicher Vermerk, der ein kleines Stück Verwaltungsalltag des 19. Jahrhunderts einfängt.

Der Beleg

Vor uns liegt eine gefaltete Briefhülle aus bläulichem Papier — die im 19. Jahrhundert übliche Form, bei der der Brief selbst als Umschlag gefaltet und gesiegelt wurde. Die Vorderseite trägt in feiner Kanzleischrift die Anschrift:

An den Herrn Voigt Kobbe zu Brome

Daneben der Vermerk „Dienstsache” und der Name des absendenden Amtes: Amt Knesebeck. Als portofreie Dienstsache benötigte die Sendung keine Frankatur — das Königreich Hannover hatte zwar am 30. November 1850 seine ersten eigenen Briefmarken eingeführt, doch amtliche Post lief weiterhin portofrei.

Ein blauer Kreisstempel WITTINGEN 2/2 dokumentiert den Postweg; rückseitig findet sich der ebenfalls blaue Eingangsstempel BROME 3/2 — der Brief war also einen Tag unterwegs. Verschlossen ist die Hülle mit einem roten Lacksiegel, dessen Umschrift sich als „Königlich Hannoversches Amt Knesebeck” lesen lässt, mit dem hannoverschen Wappen – dem springenden Pferd.

Vorderseite der Briefhülle mit dem Kreisstempel Wittingen 2/2 (02. Februar 1858). (Sammlung Jens Winter)
Rückseite mit dem Dienstsiegel des Amts Knesebeck und dem Eingangsstempel Brome 3/2 (3. Februar 1858).

Der Empfänger: Voigt Kobbe

Der Adressat ist Georg Christian Leonhard Hieronymus Kobbe, Voigt in Brome. Nach den Kirchenbuchdaten wurde er 1801 geboren und starb am 29. Januar 1872 im Alter von 71 Jahren; seine Eltern waren der Corporal Heinrich Kobbe und dessen Frau Marie, geb. Montag. In erster Ehe war Kobbe mit Doris Willhausen (1803–1863) verheiratet, in zweiter Ehe ab 1864 mit Friederike Auguste Dorothea Mertens.

Wann genau Kobbe nach Brome kam, ist bislang nicht gesichert. Zuvor war er vermutlich in Steinhorst tätig — das bleibt eine offene Frage, die weitere Quellen klären müssten. Naheliegend ist, dass er das Amt des Voigts auf der Burg Brome bis zu seinem Tod 1872 ausübte; als sein Nachfolger ist der Landvoigt Jaeger überliefert, zu dessen Grab in einem Blogbeitrag bereits berichtet wurde.

Was ist ein Voigt?

Der Begriff verdient eine kurze Erläuterung, denn er begegnet in der Bromer Geschichte immer wieder. Ein Voigt (auch Vogt) war im 19. Jahrhundert ein landesherrlicher oder gutsherrlicher Amtsträger, der vor Ort verwaltende, aufsichtliche und teils niedere gerichtliche Aufgaben wahrnahm. Auf der Burg Brome verkörperte der Voigt gleichsam die ausführende Hand des Grafen von der Schulenburg: Er war dessen Angestellter.

Der Inhalt: eine Bekanntmachung für Voitze

Das eigentlich Reizvolle steht auf der Innenseite der Hülle. Kobbe hat dort mit eigener Hand einen Vollzugsvermerk niedergeschrieben. In sorgfältiger Transkription lautet er:

Der Inhalt des nebenstehenden Resoripts ist den sämmtlichen Gemeinheits-Interessenten aus Voitze am heutigen Tage laut und deutlich vorgelesen, und dann die Abschrift dieses Resoripts dem Ortsvorsteher Meyer in Voitze behändigt.

Brome, am 9ten Februar 1858.

Kobbe,

Voigt.

Handschriftliche Bestätigung der Amtshandlung durch Voigt Kobbe, datiert auf den 9. Februar 1858.

Der Ablauf, den dieser Vermerk festhält, lässt sich gut rekonstruieren: Die ursprünglich leere Briefhülle enthielt vermutlich ein Reskript (im Bestätigungsschreiben als Resoript bezeichnet) — eine amtliche Verfügung —, das Voigt Kobbe den Gemeinheitsinteressenten in Voitze bekanntzumachen hatte. Nachdem er es „laut und deutlich” verlesen und eine Abschrift dem Ortsvorsteher Meyer ausgehändigt hatte, notierte er den Vollzug auf der Innenseite der Hülle. Ein geschlossener Verwaltungsvorgang also, dokumentiert auf ein und demselben Blatt.

Gemeinheitsinteressenten — ein Wort aus der Zeit der Separation

Wer waren die „Gemeinheitsinteressenten”, denen die Verfügung galt? Der Begriff verweist auf eine der großen Umwälzungen der ländlichen Welt im 19. Jahrhundert. Gemeinheitsinteressenten waren die Bauernhöfe eines Dorfes, die einen Anteil am gemeinschaftlichen Eigentum hielten — vielerorts etwa an der gemeinsamen Weide, der Schweinemast im Wald oder am Wald selbst.

Mit der sogenannten Separation (auch Verkoppelung oder Gemeinheitsteilung) wurde dieses jahrhundertealte Gemeineigentum im Laufe des 19. Jahrhunderts vielfach aufgelöst und unter den berechtigten Höfen aufgeteilt. Ein Reskript an die Gemeinheitsinteressenten von Voitze im Februar 1858 dürfte in genau diesen Zusammenhang gehören — die Neuordnung der Besitzverhältnisse, die das dörfliche Leben tiefgreifend veränderte. So wird aus einem unscheinbaren Amtsbrief ein kleines Zeugnis jener stillen Agrarrevolution, die die Landschaft und die Höfe der Region dauerhaft prägte.

Ein Stück Bromer Verwaltungsgeschichte

Der Beleg ist in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Er nennt einen namentlich fassbaren Amtsträger der Burg Brome, er dokumentiert den Postweg Wittingen–Brome im hannoverschen Postwesen kurz nach Einführung der Briefmarke, und er hält einen konkreten Verwaltungsakt fest — bis hin zum Namen des Voitzer Ortsvorstehers Meyer. Solche Dienstsachen sind die Bausteine, aus denen sich die Alltagsgeschichte der regionalen Verwaltung rekonstruieren lässt.

Tausend Mark für einen Brief — ein zweiter Andrae-Beleg aus dem Sommer 1923

Nur wenige Monate nach jenem Drucksachenumschlag vom März 1923 führt uns ein weiteres Fundstück zurück zu Dr. med. Gustav Andrae in Brome — und mitten hinein in die sich zuspitzende Inflation. Was im Frühjahr noch 20 Mark gekostet hatte, verlangte im Hochsommer bereits das Fünfzigfache. Der Beleg erzählt diese Beschleunigung an einem einzigen Wert: 1000 Mark.

Der Beleg

Vor uns liegt ein schlichter Briefumschlag, adressiert in schwungvoller Schrift:

Herrn Dr. Andrae in Brome

Links unten findet sich der handschriftliche Vermerk „frei” — der übliche Hinweis, dass die Sendung freigemacht, also frankiert war. Die Frankatur besorgt eine einzelne, olivgrün-schwarze Marke im hohen Nominal von 1000 Mark. Sie gehört zur Dauermarkenserie „Ziffern im Queroval” und wurde im Januar 1923 verausgabt (Michel-Nr. 252). Entwertet ist sie mit einem Ortsstempel Gardelegen vom 3.8.23 12-1N — also dem 3. August 1923, mittags zwischen 12 und 1 Uhr.

Inflationsbrief aus Gardelegen an Dr. med. Andrae in Brome mit Poststempel Gardelegen 3.8.23. (Sammlung Jens Winter)

Damit ist auch der Weg der Sendung klar: Sie lief von Gardelegen in der Altmark nach Brome. Die Absenderin nennt sich auf der Rückseite selbst.

Die Absenderin: Ottilie Schönian

Oben auf der Rückseite hat die Absenderin in kräftiger Handschrift vermerkt:

Abs. Ottilie Schönian, Gardelegen

Ein privater Brief also, keine amtliche Korrespondenz — anders als der Drucksachenumschlag der Landkrankenkasse vom März. Wer genau Ottilie Schönian war und in welcher Beziehung sie zu dem Bromer Arzt stand, lässt sich aus dem Beleg allein nicht erschließen; das bleibt eine offene Frage. Festhalten lässt sich nur der Befund: eine Frau aus Gardelegen schreibt im August 1923 an Dr. Andrae in Brome.

Eine zerteilte, zum damaligen Zeitpunkt wertlose 10 Pfennig-Briefmarke dient als Verschluss des Briefumschlags.

Ein Detail für Sammleraugen: Die zerteilte Marke als Verschluss

Das eigentlich Reizvolle an diesem Umschlag verbirgt sich auf der Rückseite. Dort dienen zwei Bruchstücke einer braunoliven Ziffernmarke — erkennbar am Muster mit Ährenbündel und der Umschrift „Deutsches Reich” — nicht der Frankatur, sondern schlicht als Verschlussklebung. Die Marke wurde zerschnitten und beide Teile über die Umschlaglasche geklebt, um sie zu verschließen.

Solche Zweckentfremdungen sind ein sprechendes Zeichen der Zeit. In der Inflation verloren gerade die niedrigen Markenwerte rasend schnell ihre postalische Verwendbarkeit: Was gestern noch als Porto taugte, war heute nur noch Altpapier. Kein Wunder, dass man solche wertlos gewordenen Marken kurzerhand als Klebematerial benutzte.

Um welche Marke genau es sich handelt, lässt sich hier nicht abschließend bestimmen. In Betracht kommen zwei ganz ähnliche Ziffernmarken: Michel-Nr. 159 (verausgabt Mai 1921) oder Michel-Nr. 178 (verausgabt Februar 1922) mit einem ursprünglichen Frankaturwert von 10 Pfennig. Die beiden Ausgaben unterscheiden sich allein durch ihr Wasserzeichen — und das ist an den aufgeklebten Hälften nicht sicher zu erkennen. Die Zuordnung bleibt daher offen.

1000 Mark — die Inflation im Zeitraffer

Zurück zum Hauptwert. 1000 Mark kostete ein einfacher Brief im Fernverkehr bis 20 g; dieser Satz galt vom 1. bis 23. August 1923. Unsere Sendung vom 3. August ist damit tarifgerecht frankiert.

Man muss sich die Zahlenreihe vergegenwärtigen, um die Dramatik zu erfassen: Im März 1923 kostete eine Drucksache noch 20 Mark, ein Fernbrief 100 Mark. Nur fünf Monate später, im August, stand der Fernbrief bei 1000 Mark — das Zehnfache. Und die Talfahrt hatte ihren Boden noch längst nicht erreicht: Im Herbst 1923 sollten die Portosätze in Millionen, dann in Milliarden klettern, bis die Währungsreform im November/Dezember 1923 dem Spuk ein Ende setzte und das Briefporto wieder bei wenigen Rentenpfennig lag.

Genau darin liegt der Wert solcher Belege für die Regionalgeschichte. Zwei Umschläge an denselben Empfänger, nur Monate auseinander — der eine über 20 Mark, der andere über 1000 Mark — machen die Geldentwertung greifbarer als jede abstrakte Tabelle. Und ganz nebenbei, in einer zerschnittenen Marke auf der Umschlagrückseite, wird sichtbar, wie die Menschen mit dem wertlos gewordenen Papiergeld und den wertlos gewordenen Marken praktisch umgingen.

Ein Brief an den Doktor — ein Postbeleg aus der Inflationszeit 1923

Manche Fundstücke erzählen ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick. Ein schlichter Briefumschlag, adressiert an einen Bromer Arzt, abgestempelt am 23. März 1923 — auf den ersten Blick nichts Besonderes. Und doch führt dieser Beleg mitten hinein in ein Jahr, das den Menschen in Brome und im ganzen Deutschen Reich in Erinnerung bleiben sollte: das Jahr, in dem das Geld seinen Wert verlor.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Umschlag, der als Drucksache verschickt wurde — der entsprechende Aufdruck ist oben auf der Vorderseite noch schwach zu erkennen. Adressiert ist er in schwungvoller Schrift:

An Herrn Dr. med. Andrae in Brome

Frankiert wurde die Sendung mit zwei Briefmarken zu je 10 Mark, zusammen also 20 Mark. Die roten Marken gehören zur Dauermarkenserie „Posthorn” (Michel-Nr. 206, verausgabt 3. Juni 1922) — einer der schmucklosen, rasch herzustellenden Freimarkenserien, mit denen die Reichspost auf die immer neuen Portoerhöhungen der Inflation reagierte. Entwertet sind sie mit einem Poststempel, dessen Ortsangabe sich als Hankensbüttel lesen lässt, mit dem Datum 23.3.23 9-10V (23.03.1923 um 9–10 Uhr Vormittag).

Die Rückseite trägt einen runden violetten Absenderstempel. Auch wenn er blass und teilweise verwischt ist, lässt er sich entziffern:

Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Damit ist der Weg der Sendung geklärt: Sie ging von der Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen an den Bromer Arzt — ein ganz alltäglicher Vorgang im Schriftverkehr zwischen einer Krankenkasse und dem behandelnden Kassenarzt, und gerade deshalb ein aufschlussreiches Zeugnis.

Drucksache mit Stempel Hankensbüttel vom 23. März 1923 an Dr. med. Andrae in Brome (Sammlung Jens Winter)
Absenderstempel auf der Rückseite: Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Der Empfänger: Dr. med. Gustav Andrae

Der Adressat ist Dr. med. Heinrich Gustav Andrae (Rufname Gustav), der über zwei Jahrzehnte hinweg das ärztliche Leben in Brome mitprägte. Nach den Ärzteverzeichnissen des Reichs-Medizinal-Kalenders erhielt er seine Approbation 1907 und ist in Brome durchgehend von 1912 bis mindestens 1935 nachweisbar. Er rückte damit um 1911/12 in eine Lücke nach, die der Tod des jung verstorbenen Dr. Walter Braun(e) gerissen hatte.

Zeit seines Wirkens teilte sich Andrae die ärztliche Versorgung des Fleckens mit Dr. Friedrich August Otto Hornhardt (approbiert 1896), der sogar noch länger — von 1903 bis mindestens 1935 — in Brome praktizierte. Zwei Ärzte für einen Ort, dessen Einwohnerzahl in diesen Jahren bei rund 1.100 lag: Das war eine für ländliche Verhältnisse durchaus ordentliche Versorgung.

Eine kleine Eigenheit am Rande: Der Familienname erscheint in den amtlichen Verzeichnissen in wechselnder Schreibung — mal Andrae, mal Andrä, mal Andräe. Das konstante Approbationsjahr 1907 sichert jedoch, dass stets dieselbe Person gemeint ist. Auf unserem Umschlag ist die Form „Andrae” gewählt.

20 Mark Porto – und was das über das Jahr 1923 verrät

Hier wird der Beleg zum Zeitdokument. 20 Mark Porto für eine Drucksache — das klingt nach viel und war zugleich schon fast nichts mehr wert. Genau 20 Mark kostete eine Drucksache bis 25 g seit dem 1. März 1923; unser Brief ist also portogerecht frankiert. Wie kurz diese Gültigkeit währte, zeigt der nächste Tarifschritt: Schon zum 1. Juli 1923 stieg dieselbe Drucksachengebühr auf 60 Mark — eine Verdreifachung binnen vier Monaten. Zum Vergleich: Für den einfachen Fernbrief galt in denselben Wochen ab dem 1. März 1923 ein Porto von 100 Mark.

Um die Größenordnung einzuordnen: Wenige Jahre zuvor, in der Portoperiode vom 1. August 1916 bis 30. September 1918, hätte eine solche Drucksache drei Pfennig gekostet. Im März 1923 waren daraus 20 Mark geworden — und das war erst der Anfang. Die eigentliche Hyperinflation beschleunigte sich erst ab dem Sommer 1923; im Herbst kletterten die Portosätze dann in astronomische Millionen- und Milliardenbeträge, bis zur Währungsreform im November/Dezember 1923, als die Rentenmark die entwertete Papiermark ablöste und das Briefporto wieder bei 10 Rentenpfennig lag. Unser Brief vom 23. März steht also gleichsam an der Schwelle: Das Geld war schon stark entwertet, aber der völlige Absturz kam erst.

Genau das macht solche Belege für die Regionalgeschichte so wertvoll. Es ist ein Alltagszeugnisse, das im Kontext der Post- und Wirtschaftsgeschichte die ganze Dramatik des Jahres 1923 zeigt. Eine Krankenkasse schreibt ihrem Kassenarzt — ein Vorgang, der sich hundertfach wiederholte. Und der aufgeklebte Wert von 20 Mark hält die damals ständig steigende Inflation fest.

Ein Stück Bromer Postgeschichte

Für die Heimatgeschichte ist ein solcher Umschlag ein doppeltes Fundstück: Er dokumentiert zum einen die Postgeschichte unserer Region in der Inflationszeit, zum anderen ein Stück Bromer Medizingeschichte — verkörpert im Namen des Dr. Gustav Andrae, der die Kranken des Fleckens durch diese unruhigen Jahre begleitete.

„Prompt und preismäßig”: Der Buchbindermeister Wilhelm Süpke

Auf der Rückseite einer alten Ansichtskarte von Brome steht, klein und in roter Schrift gedruckt, ein Name, der leicht zu übersehen ist: „W. Süpke, Buchhdlg. u. Buchb., Brome”. Es ist der Verlagsvermerk des Mannes, der die Karte herausgebracht hat – und ein Hinweis auf ein Gewerbe, das über Jahrzehnte zum Alltag des Fleckens gehörte, heute aber fast vergessen ist. Grund genug, dem Buchbindermeister Wilhelm Süpke einmal nachzugehen.

Eine Eröffnung im August 1877

Der Anfang ist ungewöhnlich genau überliefert. Im Salzwedeler Wochenblatt vom Dienstag, dem 28. August 1877, findet sich eine Geschäftsanzeige, mit der Wilhelm Süpke sein neues Unternehmen ankündigte:

Indem ich hierdurch zur öffentlichen Kenntniß bringe, daß ich hier eine Buchbinderei u. Buchhandlung eröffnet habe, bitte ich ein geehrtes Publikum zugleich um gefällige Aufträge ergebenst. – Da meine Buchbinderei mit Hülfs-Maschinen ausgestattet ist, so bin ich im Stande, gefällige Aufträge prompt und preismäßig auszuführen. Brome, den 22. August 1877.

Die Anzeige verrät mehr, als sie auf den ersten Blick zeigt. Süpke eröffnete nicht nur eine Werkstatt, sondern verband Buchbinderei und Buchhandlung – Handwerk und Handel unter einem Dach. Und er warb ausdrücklich damit, dass seine Buchbinderei „mit Hülfs-Maschinen ausgestattet” sei. Das war 1877 ein Verkaufsargument: Ein Betrieb, der maschinell arbeitete, konnte schneller und günstiger liefern als eine rein handwerkliche Werkstatt. Süpke präsentierte sich also von Beginn an als ein Mann, der mit der Zeit ging.

Der Buchbindermeister Wilhelm Süpke

Wilhelm Süpke wurde am 12. November 1853 in Brome geboren und starb dort am 4. August 1912. Er war also ein Kind des Ortes, das im Alter von noch nicht 24 Jahren sein eigenes Geschäft gründete. Werkstatt und Laden hatte er in der Steimker Straße 1. Wo genau er die Ausbildung zum Buchbinder durchlief und den Meistertitel erwarb, ist bisher nicht bekannt – eine der Lücken, die seine frühen Jahre noch umgeben.

Haus des Buchbindermeister Wilhelm Süpke – Steimker Str. 1 (undatiert – wohl um 1910)

Der Drucker des Ortes

Am aufschlussreichsten ist vielleicht, was von Süpkes Arbeit erhalten geblieben ist. Im Archiv des Museums Burg Brome liegen zahlreiche Dokumente, die Wilhelm Süpke sen. gedruckt hat: Rechnungsbögen hiesiger Firmen und Vereine, Eintrittskarten für Bälle und dergleichen mehr. Das ist ein unscheinbarer, aber sprechender Bestand. Denn er zeigt, welche Rolle ein solcher Betrieb im Leben eines Landfleckens spielte.

Wer im Brome des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen Vordruck brauchte – ein Kaufmann seine Rechnungsformulare, ein Verein seine Einladungen, ein Ballkomitee seine Eintrittskarten –, ging zu Süpke. Die Druckerei war die Stelle, an der die kleinen gedruckten Dinge des öffentlichen und geschäftlichen Lebens entstanden.

In diese Reihe gehört auch die Ansichtskarte von Brome, deren Rückseite den Verlagsvermerk trägt. Sie zeigt auf der Bildseite vier kolorierte Ansichten – Bahnhof, Hauptstraße, Markt mit Kriegerdenkmal und eine Partie mit der Burg – überschrieben mit dem Reim „Im ganzen deutschen Vaterland, ein Brome nur am Ohrestrand.” Solche Mehrbildkarten waren um die Jahrhundertwende beliebt, und dass ein örtlicher Buchhändler sie im eigenen Verlag herausbrachte, war durchaus üblich: Verlage, Druckereien und Buchhandlungen waren die typischen Herausgeber von Ansichtskarten.

Vater oder Sohn?

Bei dieser Karte stellt sich die Frage, wer sie gedruckt hat: Stammt sie von Wilhelm Süpke sen. oder von seinem gleichnamigen Sohn? Hier gibt der Poststempel einen Hinweis: Er trägt die Jahreszahl 1913. Die Karte muss in der Zeit von der Eröffnung des Bromer Bahnhofs Ende 1909 bis Anfang 1913 entstanden sein. Wann genau Wilhelm Süpke sen. das Geschäft seinem Sohn übergeben hat, steht nicht fest. Somit wissen wir auch nicht, ob Wilhelm sen. oder jun. diese gedruckt hat. Fest steht aber, dass sie in Brome von Süpke gedruckt wurde.

Postkarte von Brome – verlegt und gedruckt von W. Süpke, Buchhandlung und Buchbinderei in Brome (Bahnpoststempel 5.1.1913)

Wilhelm Süpke jun. hat sich geschäftlich noch breiter aufgestellt und im Jahr 1930 das Gebäude Hauptstraße 3 erworben. Hierzu heißt es in der Bromer Schulchronik:

Die früher Lenzsche Bürgerstelle geht 1930 in den Besitz von W. Süpke über, der in dem Hause seit Jahren einen Tuchladen nebst Druckerei und Kaufmannsgeschäft betrieben hatte.

Rechnung von Wilhelm Süpke jun. an den Bromer Schützenverein vom 19. Juni 1928. Bei den genannten „Kontrollern“ handelt es sich vermutlich um Eintrittsbändchen für das Bromer Schützenfest.

Ein Handwerk, das verschwand

Der Beruf des Buchbinders, wie ihn Wilhelm Süpke sen. und sein Sohn ausübten, verband mehrere Tätigkeiten, die wir heute getrennt denken: das Binden von Büchern, den Handel mit ihnen sowie das Drucken von Formularen und Karten. Ein solcher Betrieb war weniger spezialisiertes Handwerk als vielmehr ein kleines Versorgungszentrum für alles, was mit Papier, Schrift und Büchern zu tun hatte.

Von diesem Gewerbe zeugen heute die eher unscheinbaren Archivalien, wie Rechnungsbögen, Eintrittskarten sowie die Ansichtskarte mit ihrem Reim vom Brome am Ohrestrand.

Besonderer Dank gilt Steffen Langusch (Stadtarchiv Salzwedel) für die Übermittlung der obigen Geschäftsanzeige aus dem Jahr 1877.

Vom Wirtschaftshof zum HJ-Heim – die Geschichte eines Gebäudes auf der Burg Brome

Wer heute über den Hof der Burg Brome geht, ahnt kaum, welche Wandlungen das große Wirtschaftsgebäude auf dem Burghof hinter sich hat. In den 1930er Jahren wurde aus einem landwirtschaftlichen Nutzbau ein nationalsozialistisches Jugendheim – und bis heute haben sich Spuren aus beiden Epochen erhalten. Ein kurzer Gang durch die Geschichte dieses Gebäudes.

Der älteste Beleg: der Merian-Stich von 1654

Dass an dieser Stelle seit Jahrhunderten ein Gebäude steht, lässt sich bis weit in die frühe Neuzeit zurückverfolgen. Der älteste bildliche Beleg ist ein Kupferstich aus Matthäus Merians berühmter „Topographia … der Hertzogthümer Braunschweig und Lüneburg”, die 1654 erschien. Die Vorlage dazu zeichnete der Kupferstecher Conrad Buno, der um 1652 durch das Land reiste; gestochen und gedruckt wurde sie anschließend in Merians Frankfurter Werkstatt.

Der Stich trägt die zeittypische Unterschrift „Brom An der Ohr und Dremling” und zeigt eine Gesamtansicht des Ortes mit der Burg. Und tatsächlich ist an der Stelle des heutigen Wirtschaftsgebäudes schon auf diesem Stich ein Gebäude zu erkennen – ein Beleg dafür, dass der Burghof hier bereits vor über 350 Jahren bebaut war.

Ausschnitt aus dem Merian-Stich von Brome – Vor der Burg Brome sind Torhaus sowie Wirtschaftsgebäude an der Südseite zu erkennen.

Der Neubau von 1898

Das Wirtschaftsgebäude, das wir heute kennen, geht auf einen Neubau aus dem Jahr 1898 zurück. Es wurde als Ersatzneubau für das vorherige Wirtschaftsgebäude errichtet, einen Fachwerkbau, der an dieser Stelle gestanden hatte. Warum genau der Neubau stattfand, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen – möglich sind der bauliche Verfall des alten Fachwerks, veränderte Anforderungen des Gutsbetriebs oder schlicht der Wunsch nach einem größeren, moderneren Bau. Von diesem älteren Zustand haben wir noch ein Foto, das den Hof vor dem Neubau zeigt.

Links im Bild ist der Vorgängerbau des heutigen Wirtschaftsgebäudes zu sehen. Die Aufnahme ist vor dem Neubau 1898 entstanden und somit die älteste bekannte Fotografie der Burg Brome.

Mit dem Neubau erhielt das Gebäude die Gestalt, die es im Kern bis heute prägt. An die Stelle des alten Fachwerks trat nun ein solider, massiver Bau: Er ruht auf einem Sandsteinfundament, und seine Wände wurden in Ziegelmauerwerk ausgeführt. Das war ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem vergänglichen Fachwerk – ein Gebäude, das auf Dauer gebaut war. Ein historisches Foto aus der Zeit nach 1898 zeigt den stattlichen Bau, wie er dem Gutsbetrieb der Burg Brome nun diente – mit Stallungen, Remise und den übrigen Räumen eines großen landwirtschaftlichen Anwesens.

Wirtschaftsgebäude und Burg Brome (1965)

Dass der Bau tatsächlich aus diesem Jahr stammt, ist am Gebäude selbst verewigt: Die Jahreszahl 1898 hält den Zeitpunkt der Errichtung bis heute fest.

Die Jahreszahl 1898 findet sich auf der Südseite des Wirtschaftsgebäudes (Foto vom 23.08.2026)

1937: Umbau zum HJ-Heim

Rund vierzig Jahre später begann das wohl dunkelste Kapitel in der Geschichte des Gebäudes. Die Burg Brome mit ihrem Wirtschaftsgebäude gehörte damals der Familie von der Schulenburg-Wolfsburg. 1937 stellte Graf Günther von der Schulenburg die Burg dem preußischen Staat als Landjahrheim zur Verfügung, und das Stallgebäude wurde zu einem Heim der Hitlerjugend umgebaut.

Aus den einstigen Stallungen – Remise, Pferdestall, Futterkammer und Hühnerstall – entstanden nun Tagesräume, ein Krankenzimmer, eine Wache und eine Schreibstube. Im Landjahrlager Brome, das zunächst den Namen „Ulrich von Hutten” trug, lebten zunächst Jungen, ab 1940 dann Mädchen – überwiegend Kinder aus den Industriestädten des Bergischen Landes und des Ruhrgebiets. Die ausführliche Geschichte des Lagers erzähle ich in einer eigenen Podcastfolge.

Nach 1945: Kommandantur, Zoll und Museum

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann für das Gebäude eine ganz neue Nutzungsgeschichte. Zunächst zog nach 1945 die britische Kommandantur in das Wirtschaftsgebäude ein – Brome lag nun unmittelbar an der Grenze zur sowjetischen Besatzungszone, was dem Ort eine besondere Bedeutung verlieh.

In den Jahrzehnten der deutschen Teilung diente das Gebäude dann dem Zoll: Bis zur Wiedervereinigung war hier das Zollkommissariat Brome untergebracht. Die unmittelbare Nähe zur innerdeutschen Grenze, die nur wenige Kilometer entfernt verlief, machte Brome zu einem wichtigen Standort der Grenz- und Zollüberwachung.

Nach dem Fall der Grenze verlor das Zollkommissariat seine Aufgabe – und das Gebäude fand seine heutige Bestimmung: Es wurde Teil des Museums Burg Brome. Heute beherbergt es unter anderem die Ausstellung der Druckwerkstatt und die Zollstube, deren Name an die jüngere Nutzungsgeschichte erinnert, sowie Lagerräume und die Werkstatt des Museums.

Was bis heute erhalten ist

Das Gebäude steht bis heute und prägt den Burghof.

Das Wirtschaftsgebäude der Burg Brome heute (Foto 23.08.2026)

Zum Umbau von 1937 gehörte auch die Errichtung eines kleinen Toilettenhäuschens. Es steht noch immer – und erfüllt bis heute denselben Zweck, für den es vor fast neunzig Jahren gebaut wurde. Die meisten, die daran vorübergehen, ahnen nicht, aus welcher Zeit es stammt.

Das 1937 für das Landjahrlager errichtete Toilettenhäuschen versieht bis heute dieselbe Aufgabe (Foto 23.08.2026)

So vereint dieses eine Gebäude die Spuren mehrerer Epochen: den ältesten Beleg auf dem Merian-Stich von 1654, den massiven Neubau von 1898, den Umbau zum HJ-Heim von 1937, die Nachkriegsjahre als britische Kommandantur und als Zollkommissariat an der innerdeutschen Grenze – und schließlich seine heutige Rolle als Teil des Museums Burg Brome. Wenige Bauwerke in unserer Gegend erzählen die Geschichte des 20. Jahrhunderts so dicht wie dieses. Es lohnt sich, beim nächsten Besuch der Burg genauer hinzusehen.

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