Wilhelm Gades gehört zu jenen Bromern, deren Leben in keinem Geschichtsbuch steht und die doch Spuren hinterlassen haben: als Lkw-Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler, als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Über seine Kindheit und Herkunft wissen wir dagegen wenig. Umso wertvoller sind einige wenige Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, die sich erhalten haben. Sie sind kurz, oft formelhaft – und verraten doch erstaunlich viel darüber, wer in dieser Familie zu wem gehörte.
Ein Bromer Leben
Wilhelm Gades wurde am 8. September 1900 in Knesebeck geboren. Am 30. September 1926 heiratete er Agnes Queckenstedt (geb. 9. November 1901), 1937 kam der Sohn Bernhard zur Welt (28. Juni 1937 – 11. Oktober 2020).
Zweimal wurde Wilhelm Soldat: 1918 als Achtzehnjähriger im Ersten Weltkrieg, und noch einmal von 1943 bis 1945, nun schon Anfang vierzig. Ende Mai 1945 wurde er aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Nach dem Krieg fuhr er Lastwagen, unter anderem für die Firma Erdmann, die Bromer Mühle. 1950 machte er sich als Geflügel- und Eierhändler selbstständig. Im selben Jahr übernahm er das Amt des Ortsbrandmeisters der Freiwilligen Feuerwehr Brome, das er bis 1958 ausübte.
Agnes starb am 30. August 1965. Wilhelm überlebte sie um zwölf Jahre; er starb am 30. September 1977 in Brome – auf den Tag genau 51 Jahre nach seiner Hochzeit.

Ein Sohn mit anderem Namen
Wilhelms Mutter war Luise Gades. Sie heiratete den Bromer Tischlermeister Heinrich Friedrich Wilhelm Niebuhr (14. Mai 1863 – 31. Dezember 1923). Dass der Sohn nicht Niebuhr, sondern Gades hieß, ist auffällig. Die naheliegende Erklärung: Wilhelm wurde unehelich geboren, und Luise brachte ihn mit in die Ehe. Belegt ist das bislang nicht – es handelt sich um eine Schlussfolgerung aus dem Namen. Wann Luise und Heinrich Niebuhr heirateten, ist noch offen; davon hängt ab, ob diese Deutung zutrifft.
Luise stammte aus einer Knesebecker Familie Gades. Ihr Bruder Heinrich steht auf dem Kriegerdenkmal in Knesebeck. Zwei weitere Brüder, Ferdinand und Wilhelm, kennen wir vor allem aus der Feldpost. Und genau hier wird es interessant.
„Liebe Schwester u. Schwager!“ – Ferdinand schreibt nach Brome (1915)
Die älteste erhaltene Karte schrieb Ferdinand Gades im Mai 1915 aus Frankreich. Adressiert ist sie an den Tischlermeister in Brome:
An Herrn H. Niebuhr
Tischlermstr.
Brome
Prov. Hannover
Der Text ist kurz:
Frankreich, den 16.5.1915
Liebe Schwester u. Schwager!
Hoffentlich habt Ihr doch die Karte von mir erhalten und es geht Euch doch hoffentlich recht gut und Ihr seidt doch auch noch gesundt, was ich von mir eben auch schreiben kann. Viele Grüße von Eurn Bruder u. Schwager Ferdinand. Auf Wiedersehen. Schreibt bitte bald wieder u. feiert vergnügt Pfingsten
Der Inhalt ist typisch für Feldpost: Lebenszeichen, Gesundheit, die Bitte um Antwort. Der eigentliche Gewinn liegt in der Anrede. Ferdinand nennt die Empfänger „Schwester u. Schwager“ und unterschreibt als „Bruder u. Schwager“. Damit ist schwarz auf weiß bestätigt, dass Luise Niebuhr eine geborene Gades und Ferdinands Schwester war.


„Lieber Bruder!“ – der andere Wilhelm Gades (1917)
Eine weitere Feldpostkarte, die Ferdinand Gades zwei Jahre später schrieb, ist erhalten. Er schrieb diesmal an einen Soldaten in Flandern. Als Absender gab er an:
Abs. Maschinist Ferd. Gades
Wirtschafts Ausschuß Gruppe L
Deutsche Feldp. 345
Der Empfänger:
Geftr. Wilh. Gades 1. Komp.
1. Batll. Landw. Iftr. Regt. No. 387
Flandern
Und der Text:
Geschrieben, den 15.5.17.
Lieber Bruder!
Deinen Brief vom 7/5 habe ich erhalten und daraus gesehen, das es Dir noch ganz gut ging bis dahin, was ich auch von mir bis jetzt noch schreiben kann. Aber wie Du schreibst bis Du noch nicht in Urlaub gewesen, aber hoffentlich doch bald, Ich dnke auch, das ich doch Ende Juli in Urlaub fahren will, wenn es gute frühe Ernte giebt, aber hoffentlich doch für länger oder für ganz da bleiben in der Heimat. Viele Grüße von Deinen Bruder Ferdinand.
Lebe wohl bis auf ein fröhliches Wiedersehn.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Karte sei an unseren Wilhelm gerichtet. Das ist aber ausgeschlossen. Wilhelm, geboren im September 1900, war im Mai 1917 sechzehn Jahre alt und noch gar nicht eingezogen. Der Empfänger dagegen war Gefreiter in einem Landwehr-Infanterie-Regiment, also in einer Truppe, in der überwiegend ältere, bereits gediente Jahrgänge standen. Vor allem aber nennt Ferdinand ihn „Lieber Bruder“ – für Luises Sohn wäre Ferdinand der Onkel gewesen.
Die Karte belegt also einen zweiten Wilhelm Gades: einen weiteren Bruder Luises und Ferdinands, der 1917 in Flandern stand. Der Bromer Wilhelm trug demnach denselben Vornamen wie sein Onkel. Ob er nach ihm benannt wurde, lässt sich aus den Quellen nicht sagen. Wie diese Karte von der Front zurück in die Heimat gelangte – heute liegt sie im Archiv des Museums Burg Brome –, wissen wir ebenfalls nicht.
Auch über Ferdinand verrät die Absenderangabe etwas. Er diente 1917 als Maschinist bei einem „Wirtschafts-Ausschuß“. Solche Stellen organisierten in den besetzten Gebieten die Bewirtschaftung von Land und Betrieben. Ein Maschinist dürfte dort mit landwirtschaftlichen Maschinen zu tun gehabt haben – das ist allerdings eine Vermutung aus der Dienststellung, nicht aus der Karte selbst. Seine Bemerkung über die „gute frühe Ernte“ lässt sich zweifach lesen: als Hoffnung auf Ernteurlaub in der Heimat oder als Hinweis auf seine Arbeit vor Ort. Welche Lesart zutrifft, bleibt offen. Unüberhörbar ist dagegen der Wunsch, „für länger oder für ganz“ zu Hause zu bleiben.


Heinrich Gades – gefallen bei Kruiseik
Ein dritter Bruder hatte diese Zeit nicht mehr erlebt. Heinrich Gades aus Knesebeck fiel bereits am 25. Oktober 1914 als Wehrmann im Landwehr-Infanterie-Regiment 78. Ein erhaltenes Foto zeigt sein Grab. Auf dem Holzkreuz steht:
Hier ruht:
Wehrm. Heinrich Gades,
4. Kp. Ldw. Inf. Rgt. 78,
gef. d. 25.10.1914 b. Kruiseik.

Kruiseik ist ein kleiner Ort südöstlich von Ypern. Im Oktober 1914 tobte dort die Erste Flandernschlacht. Das Grab trägt am Fuß die Nummer 219. Nach Auskunft des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ruht Heinrich Gades heute auf der Kriegsgräberstätte Menen, Block N, Grab 2309. Das Foto zeigt demnach seine ursprüngliche Grabstelle. Die Toten der kleineren deutschen Friedhöfe in Belgien wurden später auf wenige große Anlagen umgebettet – Menen ist eine davon.
In der Datenbank des Volksbunds fehlen Geburtsdatum und Geburtsort. Das Kriegerdenkmal in Knesebeck nennt Knesebeck als Geburtsort.
Rekrut in Spandau (1918)
Im Sommer 1918 war schließlich auch der junge Wilhelm an der Reihe. Er kam zum Ersatz-Bataillon des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau. Im September 1918 schickte er eine Karte nach Brome. Der Stempel lautet „Zossen Übungsplatz“, datiert ist er auf den 24.9.18:
Liebe Eltern
Ein schönes Andenken von mir sendet Euch euer Sohn Wilhelm
Als Absender gab er an:
Abs. [?] Gades
2. Korp. 8. Komp.
Ers. Batl. 5 Garde Regt. zu Fuß
Spandau
Der Empfänger war Tischlermeister Heinrich Niebuhr. Wilhelm nennt ihn und Luise schlicht „Eltern“. Ob Niebuhr ihn formell als Sohn angenommen hatte, wissen wir nicht. Aber die Anrede zeigt, dass Wilhelm im Haushalt des Tischlermeisters aufgewachsen war und sich dort zugehörig fühlte. Der Stempel zeigt, dass die Karte beim Postamt des Truppenübungsplatzes Zossen südlich von Berlin aufgegeben wurde. Wilhelm war also im September 1918 nicht in der Spandauer Kaserne, sondern auf dem Übungsplatz.
Das „schöne Andenken“ ist die Karte selbst: eine Fotopostkarte, deren Vorderseite Wilhelm zeigt. Er sitzt in Uniform an einem grasbewachsenen Hang, ein aufgeschlagenes Büchlein in der Hand, und blickt ruhig in die Kamera. Wann und wo genau die Aufnahme entstand, verrät die Karte nicht.


Zu dieser Karte passt eine Gruppenaufnahme. Auf der Tafel vor den Soldaten steht:
Zur Erinnerung
Juli 1918.
9. Korporalschaft Spandau
5. Garde-Regt. zu Fuß.
Es ist das Regiment, in dessen Ersatz-Bataillon Wilhelm zwei Monate später nachweislich diente. Die Korporalschaft stimmt allerdings nicht überein: Die Tafel nennt die 9., Wilhelms Absender im September die 2. Korporalschaft. Ob er zwischenzeitlich versetzt wurde oder im Juli einer anderen Gruppe angehörte, lässt sich nicht klären. Die Kragenlitzen, die viele der jungen Männer tragen, waren das Kennzeichen der Garderegimenter. Auf der Rückseite der Karte steht in Bleistift:
Zur Erinnerung um meine
Dienzeit
im Kriegsjahr
1918
Die Karte wurde nie verschickt; sie trägt weder Anschrift noch Stempel. Der Schreiber spricht von „meiner“ Dienstzeit – es war also einer der Abgebildeten, der sie für sich selbst beschriftete. Dass sie in derselben Sammlung überliefert ist wie Wilhelms Karte aus Zossen, spricht dafür, dass es sein eigenes Erinnerungsstück war – belegt ist das nicht. Ob und wo Wilhelm auf dem Bild zu sehen ist, lässt sich dennoch nur durch Gesichtsvergleich vermuten. Ein eindeutiger Beleg fehlt.


Was bleibt
Drei Feldpostkarten und eine Handvoll Fotografien – das ist alles, was aus Wilhelm Gades’ Jugend auf uns gekommen ist. Und doch erzählen sie mehr, als ihre knappen, oft formelhaften Zeilen vermuten lassen. Erst die Anreden machen das Familiengefüge sichtbar: Ferdinand Gades schreibt an „Schwester u. Schwager“ in Brome und bestätigt damit, dass die Frau des Tischlermeisters Niebuhr eine geborene Gades war. Er schreibt an einen „Bruder“ Wilhelm in Flandern, der nicht der junge Bromer sein kann, sondern dessen Onkel gewesen sein muss. Und der junge Wilhelm selbst grüßt 1918 seine „Eltern“ – den Tischlermeister und seine Frau, in deren Haus er offenbar aufgewachsen war, auch wenn er einen anderen Namen trug.
Manches bleibt offen. Wann Luise Gades und Heinrich Niebuhr heirateten, wissen wir nicht, und damit auch nicht sicher, warum Wilhelm den Namen seiner Mutter behielt. Über Ferdinand und den älteren Wilhelm Gades wissen wir kaum mehr als das, was ihre Feldpost verrät. Und ob Wilhelm auf dem Spandauer Gruppenbild zu sehen ist, wird sich wohl nur durch einen glücklichen Fund klären lassen.
Gesichert ist dagegen, dass vier Männer dieser Familie im Ersten Weltkrieg Soldat waren: die Brüder Heinrich, Ferdinand und Wilhelm Gades und schließlich Luises Sohn Wilhelm. Heinrich kehrte nicht zurück; er liegt bis heute in Flandern. Der Jüngste erlebte das Kriegsende 1918 noch in der Ausbildung. Ein Vierteljahrhundert später musste er noch einmal Soldat werden, kam aus amerikanischer Gefangenschaft nach Brome zurück und lebte dort bis zu seinem Tod – als Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler und acht Jahre lang als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Brome. Das Foto, das er im September 1918 als „schönes Andenken“ nach Hause schickte, ist erhalten geblieben. Ohne diese Karte wüssten wir heute nicht, wie der achtzehnjährige Wilhelm Gades aussah.
Wer weitere Informationen zur Familie Gades oder Niebuhr hat, etwa Fotos, Dokumente oder Erinnerungen, meldet sich gern beim Museums- und Heimatverein Brome e.V..











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