Bromer Geschichte

Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Der Führungsturm am Tülauer Heuweg südlich von Zicherie-Böckwitz

Wer heute von Zicherie aus den Tülau Heuweg nach Osten geht, erreicht nach kurzer Strecke die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Eine schwarz-rot-goldene Grenzsäule steht dort am Wegrand, daneben ein Schild mit einer Eule: „Nationales Naturmonument“. Der Weg ist matschig, die Bäume färben sich herbstlich. Dass hier bis 1989 einer der am stärksten gesicherten Grenzabschnitte Europas verlief, ist auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen.

Der Tülau Heuweg an der Landesgrenze heute. Rechts eine Grenzsäule und das Schild des Nationalen Naturmonuments „Grünes Band“. (Oktober 2026)

Ein Turm für die Führung

Jenseits der Landesgrenze, bei Böckwitz auf heute sachsen-anhaltischem Gebiet, steht noch einer der Beobachtungstürme der DDR-Grenztruppen. Es handelt sich um einen sogenannten Führungsturm mit einer Grundfläche von 4 × 4 Metern, errichtet 1979. Anders als die schlanken Beobachtungstürme mit nur 2 × 2 Metern Grundfläche, die vor allem der Überwachung des Grenzstreifens dienten, bot dieser Turmtyp Platz für eine Führungsstelle, von der aus der Einsatz der Grenzposten in einem Abschnitt geleitet wurde.

Der weiß gestrichene Betonbau steht auf einem kleinen Erdhügel. Oben ein umlaufendes Fensterband, darüber eine Plattform mit Geländer. In den Wänden darunter sitzen schmale Sehschlitze, unten ein vergitterter Lüftungsauslass.

Der Führungsturm heute, Teil des Grenzlehrpfades Böckwitz. (Oktober 2026)

Ein Blick über den Zaun

Ein undatiertes historisches Foto zeigt denselben Turm aus westlicher Richtung. Im Vordergrund steht eine weiß gestrichene Absperrstange, rechts eine gestreifte Grenzsäule. Dahinter verläuft der Grenzzaun, davor stehen Fahrzeugsperren aus gekreuzten Stahlträgern. Über dem Zaun ragt der Turm auf; auf seinem Dach ist ein runder Aufbau zu sehen, vermutlich ein Suchscheinwerfer.

Am Zaun sind noch die Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 zu erkennen. Daraus lässt sich die Aufnahme eingrenzen: Die DDR baute die SM-70 an der innerdeutschen Grenze im Raum Brome im Jahr 1984 ab. Da der Turm erst 1979 errichtet wurde, dürfte das Foto zwischen 1979 und 1984 entstanden sein. Diese Datierung ist ein Schluss aus dem Bildinhalt, kein überliefertes Aufnahmedatum.

Das Foto stammt aus einer Ausstellung des Zollkommissariats Brome, die bis 1990 im Zollgebäude auf dem Gelände der Burg Brome gezeigt wurde. Es zeigt die damalige Führungsstelle südlich Böckwitz am heutigen Grenzlehrpfad. Der Turm ist im original erhalten geblieben. Die Anhöhe auf der der Turm steht ist deutlich zu erkennen.

Die Natur holt sich das Gelände zurück

Damals stand der Turm frei auf dem geräumten Kontrollstreifen und war von der Grenze aus weithin sichtbar. Genau das war seine Aufgabe: sehen, ohne selbst verdeckt zu werden. Heute ist er von der Landesgrenze aus nicht mehr zu sehen. Birken, Kiefern und Eichen sind auf dem ehemaligen Grenzstreifen hochgewachsen und verdecken die Sicht.

Dass die Natur sich hier das Terrain zurückerobert hat, ist inzwischen auch rechtlich festgeschrieben. Seit 2019 ist das Grüne Band in Sachsen-Anhalt per Landesgesetz als Nationales Naturmonument geschützt, unter dem programmatischen Namen „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“. Daran erinnert das Eulenschild am Tülauer Heuweg an der heutigen Landesgrenze.

Denkmal am Grenzlehrpfad

Der Turm gehört heute zum Grenzlehrpfad Böckwitz, der an mehreren Stationen die Anlagen der ehemaligen innerdeutschen Grenze erklärt, und steht unter Denkmalschutz. Er ist damit eines der wenigen erhaltenen baulichen Zeugnisse des Grenzregimes im Raum Brome.

„In Gottes Namen fang ich an“ – die Scheune auf Hof Nr. 9 in Croya

In der Schulchronik von Croya liegt eine kolorierte Federzeichnung. Sie zeigt eine Fachwerkscheune mit verbrettertem Giebel und Ziegeldach, eingerahmt von hohen Laubbäumen. Unten links steht die Bildunterschrift „Scheune auf Hof Nr. 9 in Croya“, unten rechts die Signatur „F. Brandes 1948“. Gezeichnet hat sie Friedrich Brandes. Die Scheune gibt es heute nicht mehr. Erhalten ist neben der Zeichnung ein altes Foto. Auf dem Foto ist die Bauinschrift aber nicht zu lesen. Für den Wortlaut der Inschrift ist die Zeichnung deshalb die einzige Quelle.

Die Scheune auf Hof Nr. 9 in Croya, kolorierte Zeichnung von Friedrich Brandes, 1948 (Schulchronik Croya)

Die Zeichnung von 1948

Der Zeichner hat die Scheune schräg von vorn gesehen, mit Blick auf den Giebel. Das Giebeldreieck ist senkrecht verbrettert und hat eine schmale Luke und eine Bodenklappe. Auf der Spitze sitzt eine Firstzier. Darunter liegt das Fachwerkgeschoss mit dem großen zweiflügeligen Tor in der Mitte. Links davon ist eine kleine Tür, rechts ein Gefach mit Ziegelausfachung und schräger Strebe. Die linke Längswand zeigt ein regelmäßiges Fachwerk mit hellen Gefachen. Am rechten Bildrand ist ein Backsteingebäude angeschnitten.

Aus welchem Anlass Friedrich Brandes die Scheune zeichnete und wie das Blatt in die Schulchronik kam, ist bislang offen.

Die Inschrift

Über dem Tor läuft ein Balken über die ganze Breite des Giebels. Er trägt einen geistlichen Spruch:

In Gottes Namen fang ich an, Was mir zu thun gebühret; Mit Gott wird alles wohlgetan Und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen thut, Mit glaubensvollem Sinn und Muth, Das muß uns wohl gedeihen. Gott ist, der das Vermögen schafft, Was Gutes zu vollbringen; Er giebt uns Segen, Muth u[nd] Kraft

Es sind Verse aus dem Kirchenlied „In Gottes Namen fang ich an“ von Salomo Liscow, entstanden um 1674. Auf dem Balken steht die vollständige erste Strophe und der Anfang der zweiten. Das Lied endet in der zweiten Strophe so:

Er gibt uns Segen, Mut und Kraft
und lässt das Werk gelingen.
Ist er mit uns, gibt sein Gedeihn,
so muss das Werk gesegnet sein.

Ausgerechnet die Zeilen über das Gelingen des Werks fehlen also. Warum der Text mitten im Satz abbricht, lässt sich nicht sagen. Es kann sein, dass auf dem Balken kein Platz mehr war. Es ist aber auch möglich, dass der Zeichner nicht den ganzen Text übernommen hat. Ob er die Inschrift vollständig abgezeichnet hat, können wir nicht prüfen, denn das Original ist verloren.

Unter dem Spruch stehen zwei Namen:

K. F. Randhahn – L. M. Beinhorn

In der Zeichnung stehen vor beiden Namen noch weitere Zeichen. Sie lassen sich nicht entziffern. Es liegt nahe, dass dort B H (Bauherr) und B F (Baufrau) standen.

Zwei kleine Tafeln vervollständigen die Angaben. Über der kleinen Tür links steht der Name des Zimmermanns, im Ziegelgefach rechts das Baudatum:

Zimmer M[eister] Böse

Errichtet den 30. März 1825

Gebaut hat die Scheune also Zimmermeister Böse aus Brome. Mit „errichtet“ ist der Tag gemeint, an dem das Fachwerk aufgestellt wurde, nicht die Fertigstellung des ganzen Baus.

Das Foto

Die Scheune auf Hof Nr. 9 in Croya (undatiert)

Es gibt aber auch einen Unterschied. Auf dem Foto wirkt die linke Längswand stark verwittert. Mehrere Gefache scheinen offen oder nur mit Brettern verschlossen zu sein. In der Zeichnung sind die Gefache dagegen hell und geschlossen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen, die sich ohne Datierung des Fotos nicht entscheiden lassen. Entweder entstanden Foto und Zeichnung in einem größeren zeitlichen Abstand. Oder der Zeichner hat den Bau gefälliger dargestellt, als er tatsächlich aussah. Das sollte man im Blick behalten, wenn man die Zeichnung als Quelle nutzt: Sie gibt den Bau 1948 so wieder, wie Friedrich Brandes ihn sah – oder sehen wollte.

Der Inschriftbalken über dem Tor ist auf dem Foto zu erkennen, die Schrift aber nicht.

Ein zweiter Balken mit Namen

In einer Scheune, die heute auf dem Grundstück steht, ist ein beschrifteter Balken verbaut. Er sitzt als Riegel im Fachwerk und ist dort erkennbar zweitverwendet. Die Inschrift ist in großen, stark verschnörkelten Buchstaben geschnitzt. Sie beginnt:

B[au] H[err] J. Friedrich Randhahn; B[au] F[rau] M. I…

Der Rest der Inschrift ist bislang nicht gelesen.

Es liegt nahe zu fragen, ob dieser Balken aus der Scheune von 1825 stammt. Dagegen spricht einiges. Die Inschrift nennt andere Personen: einen J. Friedrich Randhahn und eine Frau mit den Initialen M. I…, nicht K. F. Randhahn und L. M. Beinhorn. Auch die Schrift sieht anders aus. Die Zeichnung zeigt einen langen Liedtext in kleiner, gleichmäßiger Schrift. Auf dem Balken dagegen stehen nur Namen, und die Anfangsbuchstaben sind mit Schleifen und Ranken verziert. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass der Balken von einem anderen und vermutlich älteren Gebäude auf dem Hof stammt.

Offen bleibt, in welchem Verhältnis J. Friedrich Randhahn zu K. F. Randhahn stand. Die Kirchenbücher könnten das klären.

Zweitverwendeter Balken mit Inschrift in der heutigen Scheune auf dem Grundstück

Was bleibt

Die Scheune auf Hof Nr. 9 ist verschwunden. Ihr Spruch und die Namen ihrer Erbauer sind trotzdem überliefert. Das verdanken wir allein einer Zeichnung, die 1948 in eine Schulchronik eingeklebt wurde. Sie zeigt, welchen Wert solche unscheinbaren Quellen haben. Viele Bauinschriften der Region sind mit den Gebäuden verloren gegangen, ohne dass jemand sie festgehalten hat. Diese hier hat jemand abgezeichnet, gerade noch rechtzeitig.

Post vom Doktor — ein Brief aus Bromes Arztpraxis (1920)

Bisher stand Dr. med. Gustav Andrae stets als Empfänger im Mittelpunkt. Dieser Umschlag dreht das Bild um: Hier ist der Bromer Arzt einmal selbst der Absender. Der Brief führt uns ins Jahr 1920, in die frühe Phase der Inflation — und er trägt den gedruckten Briefkopf der Praxis, was ihn zu einem besonders sprechenden Zeugnis macht.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Geschäftsumschlag mit einem gedruckten Absenderkopf unten links:

Dr. med. Andrae Brome (Hannover) Postscheckkonto Hannover 14990.

Adressiert ist er in kräftiger blauer Tinte an:

Herrn Louis Andrae Markoldendorf Kr. Einbeck

Entwertet wurde die Sendung mit einem Ortsstempel Brome vom 29.10.20 10-11V — also dem 29. Oktober 1920, vormittags zwischen 10 und 11 Uhr. Oben auf der Vorderseite findet sich ein Bleistiftvermerk „Marken umseitig” — ein Hinweis des Absenders oder des Postbeamten darauf, dass die Frankatur ausnahmsweise auf der Rückseite klebt.

Die Frankatur des Briefes befindet sich auf der Rückseite.

Absender und Empfänger — zweimal Andrae

Der gedruckte Briefkopf weist den Absender eindeutig aus: die Praxis von Dr. med. Andrae in Brome. Der Empfänger, Louis Andrae in Markoldendorf im Kreis Einbeck, trägt denselben Familiennamen. Ob und wie die beiden verwandt waren, lässt sich aus dem Beleg allein nicht belegen — die Namensgleichheit legt eine familiäre Verbindung nahe, ist aber keine gesicherte Tatsache. Festhalten lässt sich der Befund: Der Bromer Arzt schrieb Ende Oktober 1920 an einen Namensvetter in der Nähe von Einbeck, rund 130 Kilometer südlich von Brome.

Die Frankatur — 40 Pfennig auf der Rückseite

Der Bleistiftvermerk „Marken umseitig” verweist auf die Besonderheit dieses Umschlags: Die Marken sitzen nicht wie üblich vorne oben rechts, sondern auf der Rückseite, wo sie zugleich die Umschlaglasche überkleben. Insgesamt sind es vier Germania-Marken der damals gültigen Freimarkenserie — zwei rote Werte zu 5 Pfennig und zwei violette Werte zu 15 Pfennig.

Die beiden violetten Marken sind dabei kleine Zeitzeugen für sich: Sie tragen den schwarzen Aufdruck „5 Pf für Kriegsbeschädigte” (Michel-Nr. 106, verausgabt am 1. Mai 1919). Es handelt sich um eine der allerersten deutschen Zuschlags- oder Wohlfahrtsmarken — der Aufdruck kennzeichnete einen sozialen Zuschlag zugunsten der Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs, während der postalische Frankaturwert unverändert 15 Pfennig blieb.

In der Summe ergibt das 40 Pfennig. Und genau das war der korrekte Frankatur: In der Portoperiode vom 6. Mai 1920 bis 31. März 1921 kostete ein Fernbrief bis 20 g eben 40 Pfennig. Die Sendung ist also portogerecht frankiert.

Die beiden Ausgaben der Kriegsbeschädigten-Marke unterscheiden sich allein durch ihr Wasserzeichen (Michel 106a bzw. 106b); welche Variante hier vorliegt, lässt sich vom Verfasser des Blogbeitrags nicht eindeutig bestimmen.

Ein Alltagszeugnis aus der frühen Inflation

Der Reiz dieses Belegs liegt in seiner Beiläufigkeit. Ein Arzt schreibt einen Brief — vielleicht privat an einen Verwandten, vielleicht in einer geschäftlichen Angelegenheit; der gedruckte Briefkopf mit Postscheckkonto deutet auf regen Schriftverkehr der Praxis hin. Die 40 Pfennig Porto wirken aus heutiger Sicht bescheiden, und das waren sie 1920 auch noch: Die große Geldentwertung stand erst bevor. Wenige Jahre später, 1923, sollte derselbe Fernbrief erst 100 Mark, dann 1000 Mark und schließlich Milliarden kosten.

So fügt sich dieser Umschlag in die Reihe der Andrae-Belege ein — als früher Ausgangspunkt einer Entwicklung, deren dramatische Beschleunigung die späteren Stücke von 1923 dann in vollem Umfang zeigen. Und als kleines Stück Bromer Alltagsgeschichte: ein Brief, der die Praxis des Dr. Andrae für einen Moment greifbar macht.

Der Kaiser kommt nach Brome – Karl IV. und der Ritt von 1376

Ein Kaiser in Eile

Ende April 1376 steht Kaiser Karl IV. auf dem Markt von Tangermünde und will sofort aufs Pferd. Sein Gefolge kommt kaum hinterher, nur ein Diener bringt ihm seinen Zelter nach. Zwei Magdeburger, der Stadthauptmann Ludolf von Alvensleben und Mowe von Calbe, helfen ihm in den Sattel und halten den Steigbügel. Das Ziel des Ritts: Brome.

Die Szene steht in der Magdeburger Schöppenchronik. Sie ist die ausführlichste Nachricht über den Tag, an dem ein Kaiser nach Brome kam. 2026 jährt sich dieser Ritt zum 650. Mal.

Dieser Beitrag stellt den Quellentext mit einer neu durchgesehenen Übersetzung vor. Er datiert den Ritt genauer, als es bisher geschehen ist, und ordnet ihn in Karls Politik an der Westgrenze der Altmark ein. Er stützt sich dankbar auf die Vorarbeit von Dr. Johann Dietrich Bödeker, der die Quelle für die Bromer Geschichte erschlossen hat.

Kaiser Karl IV. und die Mark Brandenburg

Karl IV. erwarb die Mark Brandenburg 1373 im Vertrag von Fürstenwalde von den Wittelsbachern. Ihm ging es vor allem um die brandenburgische Kurstimme. Zusammen mit der böhmischen sollte sie die Wahl seines Sohnes Wenzel zum römisch-deutschen König sichern.

Im September 1373 zog Karl in die Burg Tangermünde ein und baute sie zu seiner märkischen Residenz aus. Der Ort war von Böhmen aus bequem auf der Elbe zu erreichen. Im Juni 1374 hielt er dort einen großen Hoftag ab, auf dem die Vereinigung der Mark mit der Krone Böhmen bestätigt wurde.

Danach ordnete Karl das Land. 1375 besuchte er Lübeck, als erster Herrscher seit Friedrich Barbarossa. Zugleich ließ er das Landbuch der Mark Brandenburg anlegen, eine Bestandsaufnahme von Burgen, Städten, Dörfern und Einnahmen. Am 10. Juni 1376 erreichte er sein Ziel: Die Kurfürsten wählten Wenzel in Frankfurt zum König, am 6. Juli wurde er in Aachen gekrönt. Der Ritt nach Brome fällt in die Wochen davor.

Brome vor 1376: eine umstrittene Grenzburg

Brome war eine welfische Grenzburg zwischen dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, der Mark Brandenburg und dem Erzstift Magdeburg. 1360 verpfändete Herzog Magnus von Braunschweig Burg und Ort an die von Bartensleben. Später saßen dort Angehörige der Familie von dem Knesebeck.

In Magdeburg hatte Brome einen schlechten Ruf. Vor der Fastenzeit 1367 nahm Ludolf von dem Knesebeck Magdeburger Bürgern Kaufmannsgut im Wert von rund 800 Mark ab und brachte es nach Brome. Er begründete das mit Schäden, die ihm Leute des Erzbischofs zugefügt hätten. Erst nach einer Belagerung der Burg seines Bruders und Verhandlungen in Oebisfelde gab er das Gut gegen 200 Mark zurück.

Das Landbuch von 1375 rechnet Brome bereits zur Altmark. In der Beschreibung der Mark heißt es, sie reiche nach Westen bis an das Herzogtum Braunschweig. Unter den Burgen werden genannt: die Wolfsburg im Besitz der von Bartensleben, Brome („Brumme“) und Knesebeck im Besitz der von dem Knesebeck. Karl beanspruchte Brome also schon, bevor er es kaufte.

Ob er sich dabei auf den Vorsfelder Vertrag von 1309 berief, in dem Brome an Brandenburg abgetreten worden war, ist möglich, aber nicht belegt. Offen bleibt auch, wie sich die Bartenslebener Pfandschaft von 1360 zum Besitz der Knesebecks verhielt, die das Landbuch nennt.

Die Quelle: der Ritt nach Brome in der Schöppenchronik

Die Magdeburger Schöppenchronik ist die Stadtchronik Magdeburgs, verfasst im Auftrag der Schöffen und fortgeführt bis ins 15. Jahrhundert. Der niederdeutsche Text folgt der Ausgabe von Karl Janicke (1869, S. 269 ff.) in der Wiedergabe bei Bödeker. Die hochdeutsche Übersetzung ist neu durchgesehen.

Die Klage des Bischofs

Na godes gebort 1300 und 76 jare achte dage na paschen, do kam keiser Karl to Tangermunde und leit wien sine capellen up dem hus. to der capellen wiinge quam de bischop van Magdeborch und sin ebbede und prelaten unde andere bischope und vele heren. Des sulven dages to deme etene stunt de bischop van Magdeborch up mang allen vorsten und heren und clagede dem keiser over de borger van Magdeborch, dat se om und sinem godeshuse deden grote gewalt, und wolde he on dar nicht over richten, se vordorften om sin godeshus al to malen.

Im Jahr 1376, acht Tage nach Ostern, kam Kaiser Karl nach Tangermünde und ließ seine Kapelle auf der Burg weihen. Zur Weihe kamen der Erzbischof von Magdeburg mit seinen Äbten und Prälaten, andere Bischöfe und viele Herren. Am selben Tag stand der Erzbischof beim Mahl unter allen Fürsten und Herren auf und verklagte die Magdeburger Bürger beim Kaiser: Sie täten ihm und seiner Kirche große Gewalt an. Wenn der Kaiser nicht darüber richte, würden sie sein Stift ganz zugrunde richten.

dar velen vele rede twischen, dar men nicht wares van schriven mochte. sunder de borger worden to rade dat se sik vorantworden wolden, und sanden dar Hansen van Evendorpe den borgermester und andere ut dem rade, als on gud duchte, und den schriver mede, und voren de Elve nedder und legen des nachtes to water an einen werdere mit den deneren.

Darüber wurde viel geredet, wovon man nichts Verlässliches schreiben kann. Die Bürger aber beschlossen, sich zu verantworten. Sie schickten den Bürgermeister Hans von Evendorp und andere Ratsherren, wie es ihnen gut schien, dazu den Stadtschreiber. Sie fuhren die Elbe hinab und lagen nachts mit ihren Dienern auf dem Wasser an einem Werder.

Der Brief des Kaisers

Karl van gots gnaden, romischer koning, to allen tiden merer des rikes und koning to Behmen, dem borgermestere und rad der stad to Magdeborch unsen und des rikes leven getruwen. uns heft vor gelecht de erwerdige Peter biscop to Magdeborch dat gi om in sines godeshuses vriheit und rechte gegrepen hebben und gi om rechtes dar umme weigert. dar umme begere wi und dunket uns ernstliken geraden sin dat gi to uns senden etlike ut dem rade up den negesten dinxdach. so wille wi versoken, eft wi ju gutliken konnen berichten. gegeven to Tangermunde ec.

Karl, von Gottes Gnaden römischer König, allzeit Mehrer des Reiches und König von Böhmen, an Bürgermeister und Rat der Stadt Magdeburg, unsere und des Reiches liebe Getreue. Der ehrwürdige Peter, Bischof zu Magdeburg, hat uns vorgetragen, ihr hättet in die Freiheit und die Rechte seiner Kirche eingegriffen und ihm deswegen das Recht verweigert. Darum begehren wir und halten es ernstlich für geraten, dass ihr uns zum nächsten Dienstag einige aus dem Rat schickt. Dann wollen wir versuchen, ob wir euch gütlich vergleichen können. Gegeben zu Tangermünde.

Der Aufbruch nach Brome

Also kemen unse ratmanne dar vor den keiser, . . . meinden se to gnaden. alse se ut der herberge gingen up den market, do quam on de keiser hastigen jegen up den market, also dat om lutting gut imant van manschop volgede, sunder ein de bracht om sin teldene pert na. do was dar rede bi unser stad hovetman, her Luder van Alvensleven, und Mowe van Calve, de des jares vor stadmester hadde wesen. de hulpen dem keiser up dat pert und heilden om den stegereip.

So kamen unsere Ratsherren vor den Kaiser, … in der Hoffnung auf seine Gnade. Als sie aus der Herberge auf den Markt gingen, kam ihnen der Kaiser eilig entgegen, so schnell, dass ihm kaum jemand von seinem Gefolge folgen konnte. Nur einer brachte ihm seinen Zelter nach. Sogleich waren unser Stadthauptmann, Herr Ludolf von Alvensleben, und Mowe von Calbe zur Stelle, der im Jahr zuvor Stadtmeister gewesen war. Sie halfen dem Kaiser aufs Pferd und hielten ihm den Steigbügel.

do sprak de keiser ‚wor sint de borger?‘ de hovetman sprak ‚se sint ein deil in der herberge.‘ ‚sendet nach on und segget on dat se uns volgen jegen Brome: dat hebbe wi rede inne‘, wente he hadde dat gededinget umme penninge und wolde dat hus entpfangen. dar na sede der hovetman ‚her keiser, wi sint to water komen und hebben hir neine perde.‘ do sprak de keiser, ‚sendet dar na: dat is mi wol to danke.‘

Da sprach der Kaiser: „Wo sind die Bürger?“ Der Hauptmann sagte: „Ein Teil ist in der Herberge.“ „Schickt nach ihnen und sagt ihnen, sie sollen uns nach Brome folgen. Das haben wir schon in der Hand.“ Denn er hatte es gegen Geld erhandelt und wollte die Burg übernehmen. Darauf sagte der Hauptmann: „Herr Kaiser, wir sind zu Wasser gekommen und haben hier keine Pferde.“ Der Kaiser sprach: „Schickt danach, das ist mir recht.“

alsus schreven se hinder sik an ore kumpane ut dem rade, dat se on verdige und vrische wepener senden to perde van stund an. und ein schutte kam mit dem breve spade hir in de stad, dat men de jungen knechte und borgerkinder bi nacht vorboden mosten. se worden reide ein michel deil und reden to Borch to und to Jerechow und quemen herliken to Tangermunde up de vere und hadden mit sik der stad spelelude, do se overvoren. dat sach de keiserinne ut einem venstere van dem huse und vornam dat dat ed de Magdeburgeschen weren. do enbod on de keiserinne wedder dat de keiser wedder queme van Brome.

So schrieben sie nach Hause an ihre Kollegen im Rat, man solle ihnen sofort gerüstete, frische Bewaffnete zu Pferd schicken. Ein Schütze kam mit dem Brief spät abends in die Stadt, so dass man die jungen Knechte und Bürgersöhne bei Nacht aufbieten musste. Ein großer Teil war rasch bereit. Sie ritten über Burg und Jerichow und kamen stattlich nach Tangermünde an die Fähre, die Spielleute der Stadt dabei, als sie übersetzten. Das sah die Kaiserin aus einem Fenster der Burg und erfuhr, dass es die Magdeburger waren. Da ließ sie ihnen sagen, der Kaiser komme schon wieder aus Brome zurück.

Der Empfang vor Tangermünde

Als de keiser vor Tangermunde vol na was, reden om de borger wol gewapent enjegen. do reit Hans van Evendorp und her Ludolf van Alvensleven unser stad hovetman dem keiser jegen ut dem hupen went an sinen wagen und spreken ‚here, her keiser, hir sint juwe deiner de borger van Magdeborch, de hedden ju gerne gevolget. nu seen se wol dat gi wedder keren.‘ de keiser sprak ‚ed hedde mi lef gewesen, und is uns wol to danke.‘

Als der Kaiser schon nahe vor Tangermünde war, ritten ihm die Bürger wohlbewaffnet entgegen. Hans von Evendorp und Herr Ludolf von Alvensleben, unser Stadthauptmann, ritten aus dem Haufen bis an seinen Wagen und sagten: „Herr Kaiser, hier sind Eure Diener, die Bürger von Magdeburg. Sie wären Euch gern gefolgt, nun sehen sie, dass Ihr zurückkehrt.“ Der Kaiser sprach: „Es wäre mir lieb gewesen, und es ist uns recht so.“

so leten unse borger den keiser vor hen teen in dat dor, und bischop Peter van Magdeborch was noch dar hindene und hadde wenich volkes, und unser borger hupe was vele groter. und als sin ding und der borger stunt in unvruntschop, so vrochte sik bischop Peter, doch leiten on de borger vor hen teen, und he neich on nicht und sloch sin hovet nedder und toch ok in de stad. unse borgere weren de lesten und quemen in or herberge und deden sik ut, und dat behagede den gemeinen luden uter mate wol.

Unsere Bürger ließen den Kaiser vorausziehen ins Tor. Bischof Peter von Magdeburg kam noch dahinter und hatte wenig Leute bei sich, der Haufe unserer Bürger war viel größer. Weil seine Sache und die der Bürger in Feindschaft standen, war Bischof Peter bange. Doch die Bürger ließen ihn vorbeiziehen. Er neigte sich nicht vor ihnen, senkte den Kopf und zog ebenfalls in die Stadt. Unsere Bürger kamen als Letzte, gingen in ihre Herberge und legten die Rüstung ab. Das gefiel den einfachen Leuten über die Maßen.

Der Ausgang

Des anderen dages, als de sondach bedagede, toch dat volk wedder to hus, und de borgermester mit den de ute dem rade weren bleven dar, de dar vorantwerden scholden de sake vor dem keiser, dar de bischop den borgeren umme tosprak. doch konden se de sake nicht entrichten twischen dem bischope und on, mer den borgeren wart ein utschrift der sake des biscopes: der artikele und stucke weren wol vertich. de copien brochten se to hus, und scheideden van dem keiser, also dat se sik under enander vormechtigeden, wenn dat he leddich were, so wolde he aver na on senden.

Am nächsten Tag, als der Sonntag anbrach, zog das Volk wieder heim. Der Bürgermeister und die Ratsherren blieben, um die Sache vor dem Kaiser zu verantworten, derentwegen der Bischof die Bürger verklagt hatte. Doch sie konnten den Streit zwischen dem Bischof und sich nicht beilegen. Vielmehr erhielten die Bürger eine Abschrift der bischöflichen Klage, es waren wohl vierzig Artikel und Punkte. Die Abschriften brachten sie nach Hause und schieden vom Kaiser mit der Abrede: Wenn er Zeit habe, wolle er wieder nach ihnen schicken.

Wann war der Kaiser in Brome?

Der Ritt lässt sich auf die letzte Aprilwoche 1376 eingrenzen, wahrscheinlich auf die Tage vom 22. bis 26. April. Bisher wurde er nur auf das Jahr datiert.

Ostern fiel 1376 auf den 13. April. „Acht Tage nach Ostern“ meint die Osteroktav, Sonntag, den 20. April. An diesem Tag wurde die Kapelle geweiht, und beim Festmahl klagte der Erzbischof. Der Kaiser bestellte die Ratsherren auf den „nächsten Dienstag“, also den 22. April.

Die Rückkehr aus Brome fiel auf den Tag vor einem Sonntag, denn „am nächsten Tag“ brach der Sonntag an. Das spricht für Samstag, den 26. April. Für gut 80 Kilometer pro Richtung und die Übergabe der Burg reichen vier Tage. Ganz ausschließen lässt sich eine Woche später nicht. Sicher ist: Der Ritt lag sechs Wochen vor der Königswahl Wenzels.

Was die Quelle über Brome verrät

Die Chronik erzählt den Ritt aus Magdeburger Sicht. Ihr eigentliches Thema ist der Streit zwischen der Stadt und Erzbischof Peter, einem Vertrauten Karls. Die Szenen sind darauf angelegt, die Bürger als kaisertreu und wehrhaft zu zeigen: der nächtliche Aufbruch, die Spielleute auf der Fähre, der Erzbischof mit wenig Leuten hinter dem großen Haufen der Bürger. Wahrscheinlich waren die Magdeburger auch deshalb so eifrig, weil sie den Kaiser für ihren Rechtsstreit günstig stimmen wollten.

Für Brome liefert der Text trotzdem drei feste Angaben:

  • Karl hatte die Burg vorher gegen Geld erworben („gededinget umme penninge“).
  • Er kam persönlich, um sie zu übernehmen („wolde dat hus entpfangen“).
  • Er brach so eilig auf, dass ihm sein Gefolge kaum folgen konnte. Die Magdeburger erreichten Brome nie, der Kaiser war schon auf dem Rückweg.

Einen Beiklang hat die Szene für Bromer Leser: Ausgerechnet die Magdeburger wollten den Kaiser nach Brome begleiten. Neun Jahre zuvor war ihr Kaufmannsgut genau dorthin verschleppt worden.

Zur Übersetzung

An zwei Stellen weicht die Übersetzung von Bödeker ab. „Dat hebbe wi rede inne“ gibt Bödeker mit „das haben wir rasch inne“ wieder. Rede heißt im Mittelniederdeutschen aber meist „bereits“, und die Begründung des Chronisten passt dazu: Der Kaiser hatte Brome schon gekauft. Bei „vrochte sik bischop Peter“ steht bei Bödeker „ärgerte sich“. Das Verb vruchten bedeutet jedoch „fürchten“, der Erzbischof war angesichts der bewaffneten Bürger also eher besorgt.

Brome als Teil der Mark Brandenburg 1376-1377

Brome war kein Einzelkauf. Es war der Anfang einer Reihe von Rückkäufen, mit denen Karl die Westgrenze der Altmark sicherte. Das Landbuch und die Schöppenchronik nennen weitere Fälle:

  • Um den 18. Oktober 1376 löste Karl den Elbzoll von Schnackenburg von den von der Schulenburg ein.
  • Kurz vor Martini 1376 kaufte er die verpfändete Burg Altenhausen zurück und schlug sie der Mark zu.
  • In Salzwedel löste er Einkünfte von Gerhard von Alvensleben und Friedrich von Wustrow aus.

In denselben Zusammenhang gehört ein Feldzug, den die Schöppenchronik schildert. Karl zog vor die Burgen Pretzetze bei Dannenberg und Hitzacker, die vom Sachsen-Lauenburger Herzog Erich gehalten wurden. Magdeburg schickte den Stadthauptmann, 20 Schützen und seine Büchsen. Pretzetze brannte am dritten Tag nieder, Hitzacker hielt stand. Bödeker setzt den Zug direkt nach dem Bromer Besuch an. Die Chronik sagt aber nur „unterdessen“. Wegen der Nähe zu Schnackenburg kommt auch der Herbst 1376 in Frage.

Wie Brome danach verwaltet wurde, zeigt eine Verfügung des Kaisers, die dem Landbuch vorangestellt ist. Die Dispositio castrorum ist datiert auf den Dienstag nach dem Luciatag 1377, also den 15. Dezember 1377 (Bödeker: 13. Dezember). Sie verteilt die märkischen Burgen auf Amtleute und legt deren Bezüge fest.

Brome erscheint dort als „Brume cum suis pertinenciis“, Brome mit seinem Zubehör. Es bildet zusammen mit Gardelegen und Salzwedel eine Gruppe, die einem Amtmann namens Scriberstorff zugeordnet ist. Er erhielt daraus 130 Schock Groschen, die gesamten Einkünfte schätzte der Schreiber auf 160 Schock. Brome war damit Teil eines Verwaltungsbezirks an der Westgrenze der Altmark. Name und Umfang der Gruppe sind noch zu prüfen.

Das Ende der brandenburgischen Zeit

Bromes Zugehörigkeit zur Mark Brandenburg dauerte höchstens neun Jahre. Karl IV. starb am 29. November 1378. Sein Sohn Wenzel überließ die Mark seinem Bruder Sigismund, der sich kaum um sie kümmerte und sie 1388 an Jost von Mähren verpfändete. Ritter und Städte fehdeten nach Belieben, die landesherrliche Ordnung zerfiel.

Im Herbst 1383 und Frühjahr 1384 lag Brome im Kampfgebiet eines Grenzkriegs zwischen dem Lüneburger Herzog Albrecht und der Altmark. Die Rechnung des Vogts auf Schloss Bodenteich nennt Boten nach Salzwedel, Brome und Beetzendorf. Sie verzeichnet auch 12 Mark, die „ein Mann aus Brome“ zahlte, vielleicht ein Lösegeld. Wer die Burg in diesen Monaten hielt, geht daraus nicht hervor.

Spätestens 1385 war Brome wieder lüneburgisch. Nach Bödeker belegt eine Urkunde vom 13. Juni 1385, dass die Lüneburger Herzöge Brome an die Stadt Lüneburg verpfändet hatten. Andere Darstellungen nennen spätere Daten für den Übergang an Lüneburg, darunter 1428 und eine Pfandschaft der Stadt von 1438 bis 1489. Vermutlich folgten mehrere Verpfändungen aufeinander, das wäre an den Urkunden zu klären.

Zeittafel

DatumEreignis
13. Juni 1385Brome als lüneburgisches Pfand der Stadt Lüneburg belegt
1383–1384Brome im Grenzkrieg zwischen Lüneburg und der Altmark
29. November 1378Tod Karls IV.
15. Dezember 1377Dispositio castrorum: Brome mit Gardelegen und Salzwedel einem Amtmann unterstellt
Oktober/November 1376Rückkäufe von Schnackenburg und Altenhausen
10. Juni 1376Wahl Wenzels zum römisch-deutschen König
um 22.–26. April 1376Ritt Karls IV. nach Brome und Übernahme der Burg
20. April 1376Kapellenweihe in Tangermünde, Klage des Magdeburger Erzbischofs
1375Landbuch rechnet Brome zur Altmark
1373Karl IV. erwirbt die Mark Brandenburg
vor Fastnacht 1367Ludolf von dem Knesebeck verschleppt Magdeburger Kaufmannsgut nach Brome
1360Verpfändung von Burg und Ort an die von Bartensleben

Spuren in Prag

In Prag, Karls Residenzstadt, sind der Kaiser und der Sohn, für den er die Mark erwarb, bis heute gegenwärtig. Die eindrücklichste Darstellung beider entstand nur wenige Jahre nach dem Ritt nach Brome.

Der Altstädter Brückenturm der Karlsbrücke. Den Grundstein der Brücke legte Karl IV. 1357, der Turm entstand zwischen 1370 und 1380. In der Mitte steht der heilige Veit, neben ihm thronen Karl IV. und sein Sohn Wenzel, daneben die Wappen des Reiches und Böhmens. Die Figuren stammen aus der Werkstatt Peter Parlers. Foto: Jens Winter (Okt. 2026)

Wenzel ist hier als König dargestellt. Genau diese Königswürde hatte Karl im Juni 1376 mit Hilfe der brandenburgischen Kurstimme gesichert, wenige Wochen nach seinem Besuch in Brome.

Der Veitsdom auf der Prager Burg. Karl ließ den Neubau 1344 beginnen, die Westfassade mit den beiden Türmen wurde erst im 19. und 20. Jahrhundert vollendet. Foto: Jens Winter (Okt. 2026)

Zwei Wilhelm Gades und ein Tischlermeister – was eine Handvoll Feldpostkarten über eine Bromer Familie verrät

Wilhelm Gades gehört zu jenen Bromern, deren Leben in keinem Geschichtsbuch steht und die doch Spuren hinterlassen haben: als Lkw-Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler, als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Über seine Kindheit und Herkunft wissen wir dagegen wenig. Umso wertvoller sind einige wenige Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, die sich erhalten haben. Sie sind kurz, oft formelhaft – und verraten doch erstaunlich viel darüber, wer in dieser Familie zu wem gehörte.

Ein Bromer Leben

Wilhelm Gades wurde am 8. September 1900 in Knesebeck geboren. Am 30. September 1926 heiratete er Agnes Queckenstedt (geb. 9. November 1901), 1937 kam der Sohn Bernhard zur Welt (28. Juni 1937 – 11. Oktober 2020).

Zweimal wurde Wilhelm Soldat: 1918 als Achtzehnjähriger im Ersten Weltkrieg, und noch einmal von 1943 bis 1945, nun schon Anfang vierzig. Ende Mai 1945 wurde er aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Nach dem Krieg fuhr er Lastwagen, unter anderem für die Firma Erdmann, die Bromer Mühle. 1950 machte er sich als Geflügel- und Eierhändler selbstständig. Im selben Jahr übernahm er das Amt des Ortsbrandmeisters der Freiwilligen Feuerwehr Brome, das er bis 1958 ausübte.

Agnes starb am 30. August 1965. Wilhelm überlebte sie um zwölf Jahre; er starb am 30. September 1977 in Brome – auf den Tag genau 51 Jahre nach seiner Hochzeit.

Wilhelm Gades – Studioaufnahme um 1918 (Sammlung Jens Winter)

Ein Sohn mit anderem Namen

Wilhelms Mutter war Luise Gades. Sie heiratete den Bromer Tischlermeister Heinrich Friedrich Wilhelm Niebuhr (14. Mai 1863 – 31. Dezember 1923). Dass der Sohn nicht Niebuhr, sondern Gades hieß, ist auffällig. Die naheliegende Erklärung: Wilhelm wurde unehelich geboren, und Luise brachte ihn mit in die Ehe. Belegt ist das bislang nicht – es handelt sich um eine Schlussfolgerung aus dem Namen. Wann Luise und Heinrich Niebuhr heirateten, ist noch offen; davon hängt ab, ob diese Deutung zutrifft.

Luise stammte aus einer Knesebecker Familie Gades. Ihr Bruder Heinrich steht auf dem Kriegerdenkmal in Knesebeck. Zwei weitere Brüder, Ferdinand und Wilhelm, kennen wir vor allem aus der Feldpost. Und genau hier wird es interessant.

„Liebe Schwester u. Schwager!“ – Ferdinand schreibt nach Brome (1915)

Die älteste erhaltene Karte schrieb Ferdinand Gades im Mai 1915 aus Frankreich. Adressiert ist sie an den Tischlermeister in Brome:

An Herrn H. Niebuhr
Tischlermstr.
Brome
Prov. Hannover

Der Text ist kurz:

Frankreich, den 16.5.1915
Liebe Schwester u. Schwager!
Hoffentlich habt Ihr doch die Karte von mir erhalten und es geht Euch doch hoffentlich recht gut und Ihr seidt doch auch noch gesundt, was ich von mir eben auch schreiben kann. Viele Grüße von Eurn Bruder u. Schwager Ferdinand. Auf Wiedersehen. Schreibt bitte bald wieder u. feiert vergnügt Pfingsten

Der Inhalt ist typisch für Feldpost: Lebenszeichen, Gesundheit, die Bitte um Antwort. Der eigentliche Gewinn liegt in der Anrede. Ferdinand nennt die Empfänger „Schwester u. Schwager“ und unterschreibt als „Bruder u. Schwager“. Damit ist schwarz auf weiß bestätigt, dass Luise Niebuhr eine geborene Gades und Ferdinands Schwester war.

Vermutlich zeigt die Aufnahme Ferdinand Gades (Sammlung Jens Winter)
Textseite der Feldpostkarte an H. Niebuhr in Brome

„Lieber Bruder!“ – der andere Wilhelm Gades (1917)

Eine weitere Feldpostkarte, die Ferdinand Gades zwei Jahre später schrieb, ist erhalten. Er schrieb diesmal an einen Soldaten in Flandern. Als Absender gab er an:

Abs. Maschinist Ferd. Gades
Wirtschafts Ausschuß Gruppe L
Deutsche Feldp. 345

Der Empfänger:

Geftr. Wilh. Gades 1. Komp.
1. Batll. Landw. Iftr. Regt. No. 387
Flandern

Und der Text:

Geschrieben, den 15.5.17.
Lieber Bruder!
Deinen Brief vom 7/5 habe ich erhalten und daraus gesehen, das es Dir noch ganz gut ging bis dahin, was ich auch von mir bis jetzt noch schreiben kann. Aber wie Du schreibst bis Du noch nicht in Urlaub gewesen, aber hoffentlich doch bald, Ich dnke auch, das ich doch Ende Juli in Urlaub fahren will, wenn es gute frühe Ernte giebt, aber hoffentlich doch für länger oder für ganz da bleiben in der Heimat. Viele Grüße von Deinen Bruder Ferdinand.
Lebe wohl bis auf ein fröhliches Wiedersehn.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Karte sei an unseren Wilhelm gerichtet. Das ist aber ausgeschlossen. Wilhelm, geboren im September 1900, war im Mai 1917 sechzehn Jahre alt und noch gar nicht eingezogen. Der Empfänger dagegen war Gefreiter in einem Landwehr-Infanterie-Regiment, also in einer Truppe, in der überwiegend ältere, bereits gediente Jahrgänge standen. Vor allem aber nennt Ferdinand ihn „Lieber Bruder“ – für Luises Sohn wäre Ferdinand der Onkel gewesen.

Die Karte belegt also einen zweiten Wilhelm Gades: einen weiteren Bruder Luises und Ferdinands, der 1917 in Flandern stand. Der Bromer Wilhelm trug demnach denselben Vornamen wie sein Onkel. Ob er nach ihm benannt wurde, lässt sich aus den Quellen nicht sagen. Wie diese Karte von der Front zurück in die Heimat gelangte – heute liegt sie im Archiv des Museums Burg Brome –, wissen wir ebenfalls nicht.

Auch über Ferdinand verrät die Absenderangabe etwas. Er diente 1917 als Maschinist bei einem „Wirtschafts-Ausschuß“. Solche Stellen organisierten in den besetzten Gebieten die Bewirtschaftung von Land und Betrieben. Ein Maschinist dürfte dort mit landwirtschaftlichen Maschinen zu tun gehabt haben – das ist allerdings eine Vermutung aus der Dienststellung, nicht aus der Karte selbst. Seine Bemerkung über die „gute frühe Ernte“ lässt sich zweifach lesen: als Hoffnung auf Ernteurlaub in der Heimat oder als Hinweis auf seine Arbeit vor Ort. Welche Lesart zutrifft, bleibt offen. Unüberhörbar ist dagegen der Wunsch, „für länger oder für ganz“ zu Hause zu bleiben.

Auch diese Karte zeigt vermutlich Ferdinand Gades (Archiv Museum Burg Brome)

Heinrich Gades – gefallen bei Kruiseik

Ein dritter Bruder hatte diese Zeit nicht mehr erlebt. Heinrich Gades aus Knesebeck fiel bereits am 25. Oktober 1914 als Wehrmann im Landwehr-Infanterie-Regiment 78. Ein erhaltenes Foto zeigt sein Grab. Auf dem Holzkreuz steht:

Hier ruht:
Wehrm. Heinrich Gades,
4. Kp. Ldw. Inf. Rgt. 78,
gef. d. 25.10.1914 b. Kruiseik.

Grab von Heinrich Gades, der am 25. Oktober 1914 bei Kruiseik in Belgien gefallen ist. (Sammlung Jens Winter)

Kruiseik ist ein kleiner Ort südöstlich von Ypern. Im Oktober 1914 tobte dort die Erste Flandernschlacht. Das Grab trägt am Fuß die Nummer 219. Nach Auskunft des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ruht Heinrich Gades heute auf der Kriegsgräberstätte Menen, Block N, Grab 2309. Das Foto zeigt demnach seine ursprüngliche Grabstelle. Die Toten der kleineren deutschen Friedhöfe in Belgien wurden später auf wenige große Anlagen umgebettet – Menen ist eine davon.

In der Datenbank des Volksbunds fehlen Geburtsdatum und Geburtsort. Das Kriegerdenkmal in Knesebeck nennt Knesebeck als Geburtsort.

Rekrut in Spandau (1918)

Im Sommer 1918 war schließlich auch der junge Wilhelm an der Reihe. Er kam zum Ersatz-Bataillon des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau. Im September 1918 schickte er eine Karte nach Brome. Der Stempel lautet „Zossen Übungsplatz“, datiert ist er auf den 24.9.18:

Liebe Eltern
Ein schönes Andenken von mir sendet Euch euer Sohn Wilhelm

Als Absender gab er an:

Abs. [?] Gades
2. Korp. 8. Komp.
Ers. Batl. 5 Garde Regt. zu Fuß
Spandau

Der Empfänger war Tischlermeister Heinrich Niebuhr. Wilhelm nennt ihn und Luise schlicht „Eltern“. Ob Niebuhr ihn formell als Sohn angenommen hatte, wissen wir nicht. Aber die Anrede zeigt, dass Wilhelm im Haushalt des Tischlermeisters aufgewachsen war und sich dort zugehörig fühlte. Der Stempel zeigt, dass die Karte beim Postamt des Truppenübungsplatzes Zossen südlich von Berlin aufgegeben wurde. Wilhelm war also im September 1918 nicht in der Spandauer Kaserne, sondern auf dem Übungsplatz.

Das „schöne Andenken“ ist die Karte selbst: eine Fotopostkarte, deren Vorderseite Wilhelm zeigt. Er sitzt in Uniform an einem grasbewachsenen Hang, ein aufgeschlagenes Büchlein in der Hand, und blickt ruhig in die Kamera. Wann und wo genau die Aufnahme entstand, verrät die Karte nicht.

Wilhelm Gades als Rekrut (1918) – (Sammlung Jens Winter)
Der Text der Karte ist reichlich verwischt, aber gerade noch lesbar.

Zu dieser Karte passt eine Gruppenaufnahme. Auf der Tafel vor den Soldaten steht:

Zur Erinnerung
Juli 1918.
9. Korporalschaft Spandau
5. Garde-Regt. zu Fuß.

Es ist das Regiment, in dessen Ersatz-Bataillon Wilhelm zwei Monate später nachweislich diente. Die Korporalschaft stimmt allerdings nicht überein: Die Tafel nennt die 9., Wilhelms Absender im September die 2. Korporalschaft. Ob er zwischenzeitlich versetzt wurde oder im Juli einer anderen Gruppe angehörte, lässt sich nicht klären. Die Kragenlitzen, die viele der jungen Männer tragen, waren das Kennzeichen der Garderegimenter. Auf der Rückseite der Karte steht in Bleistift:

Zur Erinnerung um meine
Dienzeit
im Kriegsjahr
1918

Die Karte wurde nie verschickt; sie trägt weder Anschrift noch Stempel. Der Schreiber spricht von „meiner“ Dienstzeit – es war also einer der Abgebildeten, der sie für sich selbst beschriftete. Dass sie in derselben Sammlung überliefert ist wie Wilhelms Karte aus Zossen, spricht dafür, dass es sein eigenes Erinnerungsstück war – belegt ist das nicht. Ob und wo Wilhelm auf dem Bild zu sehen ist, lässt sich dennoch nur durch Gesichtsvergleich vermuten. Ein eindeutiger Beleg fehlt.

„Zur Erinnerung Juli 1918“ eine Korporalschaft des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau. Wilhelm Gades ist vermutlich unter den Abgebildeten.
„Zur Erinnerung an meine Dienzeit im Kriegsjahr 1918“ (Sammlung Jens Winter)

Was bleibt

Drei Feldpostkarten und eine Handvoll Fotografien – das ist alles, was aus Wilhelm Gades’ Jugend auf uns gekommen ist. Und doch erzählen sie mehr, als ihre knappen, oft formelhaften Zeilen vermuten lassen. Erst die Anreden machen das Familiengefüge sichtbar: Ferdinand Gades schreibt an „Schwester u. Schwager“ in Brome und bestätigt damit, dass die Frau des Tischlermeisters Niebuhr eine geborene Gades war. Er schreibt an einen „Bruder“ Wilhelm in Flandern, der nicht der junge Bromer sein kann, sondern dessen Onkel gewesen sein muss. Und der junge Wilhelm selbst grüßt 1918 seine „Eltern“ – den Tischlermeister und seine Frau, in deren Haus er offenbar aufgewachsen war, auch wenn er einen anderen Namen trug.

Manches bleibt offen. Wann Luise Gades und Heinrich Niebuhr heirateten, wissen wir nicht, und damit auch nicht sicher, warum Wilhelm den Namen seiner Mutter behielt. Über Ferdinand und den älteren Wilhelm Gades wissen wir kaum mehr als das, was ihre Feldpost verrät. Und ob Wilhelm auf dem Spandauer Gruppenbild zu sehen ist, wird sich wohl nur durch einen glücklichen Fund klären lassen.

Gesichert ist dagegen, dass vier Männer dieser Familie im Ersten Weltkrieg Soldat waren: die Brüder Heinrich, Ferdinand und Wilhelm Gades und schließlich Luises Sohn Wilhelm. Heinrich kehrte nicht zurück; er liegt bis heute in Flandern. Der Jüngste erlebte das Kriegsende 1918 noch in der Ausbildung. Ein Vierteljahrhundert später musste er noch einmal Soldat werden, kam aus amerikanischer Gefangenschaft nach Brome zurück und lebte dort bis zu seinem Tod – als Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler und acht Jahre lang als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Brome. Das Foto, das er im September 1918 als „schönes Andenken“ nach Hause schickte, ist erhalten geblieben. Ohne diese Karte wüssten wir heute nicht, wie der achtzehnjährige Wilhelm Gades aussah.

Wer weitere Informationen zur Familie Gades oder Niebuhr hat, etwa Fotos, Dokumente oder Erinnerungen, meldet sich gern beim Museums- und Heimatverein Brome e.V..

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