Bromer Geschichte

Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Der Kaiser kommt nach Brome – Karl IV. und der Ritt von 1376

Ein Kaiser in Eile

Ende April 1376 steht Kaiser Karl IV. auf dem Markt von Tangermünde und will sofort aufs Pferd. Sein Gefolge kommt kaum hinterher, nur ein Diener bringt ihm seinen Zelter nach. Zwei Magdeburger, der Stadthauptmann Ludolf von Alvensleben und Mowe von Calbe, helfen ihm in den Sattel und halten den Steigbügel. Das Ziel des Ritts: Brome.

Die Szene steht in der Magdeburger Schöppenchronik. Sie ist die ausführlichste Nachricht über den Tag, an dem ein Kaiser nach Brome kam. 2026 jährt sich dieser Ritt zum 650. Mal.

Dieser Beitrag stellt den Quellentext mit einer neu durchgesehenen Übersetzung vor. Er datiert den Ritt genauer, als es bisher geschehen ist, und ordnet ihn in Karls Politik an der Westgrenze der Altmark ein. Er stützt sich dankbar auf die Vorarbeit von Dr. Johann Dietrich Bödeker, der die Quelle für die Bromer Geschichte erschlossen hat.

Kaiser Karl IV. und die Mark Brandenburg

Karl IV. erwarb die Mark Brandenburg 1373 im Vertrag von Fürstenwalde von den Wittelsbachern. Ihm ging es vor allem um die brandenburgische Kurstimme. Zusammen mit der böhmischen sollte sie die Wahl seines Sohnes Wenzel zum römisch-deutschen König sichern.

Im September 1373 zog Karl in die Burg Tangermünde ein und baute sie zu seiner märkischen Residenz aus. Der Ort war von Böhmen aus bequem auf der Elbe zu erreichen. Im Juni 1374 hielt er dort einen großen Hoftag ab, auf dem die Vereinigung der Mark mit der Krone Böhmen bestätigt wurde.

Danach ordnete Karl das Land. 1375 besuchte er Lübeck, als erster Herrscher seit Friedrich Barbarossa. Zugleich ließ er das Landbuch der Mark Brandenburg anlegen, eine Bestandsaufnahme von Burgen, Städten, Dörfern und Einnahmen. Am 10. Juni 1376 erreichte er sein Ziel: Die Kurfürsten wählten Wenzel in Frankfurt zum König, am 6. Juli wurde er in Aachen gekrönt. Der Ritt nach Brome fällt in die Wochen davor.

Brome vor 1376: eine umstrittene Grenzburg

Brome war eine welfische Grenzburg zwischen dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, der Mark Brandenburg und dem Erzstift Magdeburg. 1360 verpfändete Herzog Magnus von Braunschweig Burg und Ort an die von Bartensleben. Später saßen dort Angehörige der Familie von dem Knesebeck.

In Magdeburg hatte Brome einen schlechten Ruf. Vor der Fastenzeit 1367 nahm Ludolf von dem Knesebeck Magdeburger Bürgern Kaufmannsgut im Wert von rund 800 Mark ab und brachte es nach Brome. Er begründete das mit Schäden, die ihm Leute des Erzbischofs zugefügt hätten. Erst nach einer Belagerung der Burg seines Bruders und Verhandlungen in Oebisfelde gab er das Gut gegen 200 Mark zurück.

Das Landbuch von 1375 rechnet Brome bereits zur Altmark. In der Beschreibung der Mark heißt es, sie reiche nach Westen bis an das Herzogtum Braunschweig. Unter den Burgen werden genannt: die Wolfsburg im Besitz der von Bartensleben, Brome („Brumme“) und Knesebeck im Besitz der von dem Knesebeck. Karl beanspruchte Brome also schon, bevor er es kaufte.

Ob er sich dabei auf den Vorsfelder Vertrag von 1309 berief, in dem Brome an Brandenburg abgetreten worden war, ist möglich, aber nicht belegt. Offen bleibt auch, wie sich die Bartenslebener Pfandschaft von 1360 zum Besitz der Knesebecks verhielt, die das Landbuch nennt.

Die Quelle: der Ritt nach Brome in der Schöppenchronik

Die Magdeburger Schöppenchronik ist die Stadtchronik Magdeburgs, verfasst im Auftrag der Schöffen und fortgeführt bis ins 15. Jahrhundert. Der niederdeutsche Text folgt der Ausgabe von Karl Janicke (1869, S. 269 ff.) in der Wiedergabe bei Bödeker. Die hochdeutsche Übersetzung ist neu durchgesehen.

Die Klage des Bischofs

Na godes gebort 1300 und 76 jare achte dage na paschen, do kam keiser Karl to Tangermunde und leit wien sine capellen up dem hus. to der capellen wiinge quam de bischop van Magdeborch und sin ebbede und prelaten unde andere bischope und vele heren. Des sulven dages to deme etene stunt de bischop van Magdeborch up mang allen vorsten und heren und clagede dem keiser over de borger van Magdeborch, dat se om und sinem godeshuse deden grote gewalt, und wolde he on dar nicht over richten, se vordorften om sin godeshus al to malen.

Im Jahr 1376, acht Tage nach Ostern, kam Kaiser Karl nach Tangermünde und ließ seine Kapelle auf der Burg weihen. Zur Weihe kamen der Erzbischof von Magdeburg mit seinen Äbten und Prälaten, andere Bischöfe und viele Herren. Am selben Tag stand der Erzbischof beim Mahl unter allen Fürsten und Herren auf und verklagte die Magdeburger Bürger beim Kaiser: Sie täten ihm und seiner Kirche große Gewalt an. Wenn der Kaiser nicht darüber richte, würden sie sein Stift ganz zugrunde richten.

dar velen vele rede twischen, dar men nicht wares van schriven mochte. sunder de borger worden to rade dat se sik vorantworden wolden, und sanden dar Hansen van Evendorpe den borgermester und andere ut dem rade, als on gud duchte, und den schriver mede, und voren de Elve nedder und legen des nachtes to water an einen werdere mit den deneren.

Darüber wurde viel geredet, wovon man nichts Verlässliches schreiben kann. Die Bürger aber beschlossen, sich zu verantworten. Sie schickten den Bürgermeister Hans von Evendorp und andere Ratsherren, wie es ihnen gut schien, dazu den Stadtschreiber. Sie fuhren die Elbe hinab und lagen nachts mit ihren Dienern auf dem Wasser an einem Werder.

Der Brief des Kaisers

Karl van gots gnaden, romischer koning, to allen tiden merer des rikes und koning to Behmen, dem borgermestere und rad der stad to Magdeborch unsen und des rikes leven getruwen. uns heft vor gelecht de erwerdige Peter biscop to Magdeborch dat gi om in sines godeshuses vriheit und rechte gegrepen hebben und gi om rechtes dar umme weigert. dar umme begere wi und dunket uns ernstliken geraden sin dat gi to uns senden etlike ut dem rade up den negesten dinxdach. so wille wi versoken, eft wi ju gutliken konnen berichten. gegeven to Tangermunde ec.

Karl, von Gottes Gnaden römischer König, allzeit Mehrer des Reiches und König von Böhmen, an Bürgermeister und Rat der Stadt Magdeburg, unsere und des Reiches liebe Getreue. Der ehrwürdige Peter, Bischof zu Magdeburg, hat uns vorgetragen, ihr hättet in die Freiheit und die Rechte seiner Kirche eingegriffen und ihm deswegen das Recht verweigert. Darum begehren wir und halten es ernstlich für geraten, dass ihr uns zum nächsten Dienstag einige aus dem Rat schickt. Dann wollen wir versuchen, ob wir euch gütlich vergleichen können. Gegeben zu Tangermünde.

Der Aufbruch nach Brome

Also kemen unse ratmanne dar vor den keiser, . . . meinden se to gnaden. alse se ut der herberge gingen up den market, do quam on de keiser hastigen jegen up den market, also dat om lutting gut imant van manschop volgede, sunder ein de bracht om sin teldene pert na. do was dar rede bi unser stad hovetman, her Luder van Alvensleven, und Mowe van Calve, de des jares vor stadmester hadde wesen. de hulpen dem keiser up dat pert und heilden om den stegereip.

So kamen unsere Ratsherren vor den Kaiser, … in der Hoffnung auf seine Gnade. Als sie aus der Herberge auf den Markt gingen, kam ihnen der Kaiser eilig entgegen, so schnell, dass ihm kaum jemand von seinem Gefolge folgen konnte. Nur einer brachte ihm seinen Zelter nach. Sogleich waren unser Stadthauptmann, Herr Ludolf von Alvensleben, und Mowe von Calbe zur Stelle, der im Jahr zuvor Stadtmeister gewesen war. Sie halfen dem Kaiser aufs Pferd und hielten ihm den Steigbügel.

do sprak de keiser ‚wor sint de borger?‘ de hovetman sprak ‚se sint ein deil in der herberge.‘ ‚sendet nach on und segget on dat se uns volgen jegen Brome: dat hebbe wi rede inne‘, wente he hadde dat gededinget umme penninge und wolde dat hus entpfangen. dar na sede der hovetman ‚her keiser, wi sint to water komen und hebben hir neine perde.‘ do sprak de keiser, ‚sendet dar na: dat is mi wol to danke.‘

Da sprach der Kaiser: „Wo sind die Bürger?“ Der Hauptmann sagte: „Ein Teil ist in der Herberge.“ „Schickt nach ihnen und sagt ihnen, sie sollen uns nach Brome folgen. Das haben wir schon in der Hand.“ Denn er hatte es gegen Geld erhandelt und wollte die Burg übernehmen. Darauf sagte der Hauptmann: „Herr Kaiser, wir sind zu Wasser gekommen und haben hier keine Pferde.“ Der Kaiser sprach: „Schickt danach, das ist mir recht.“

alsus schreven se hinder sik an ore kumpane ut dem rade, dat se on verdige und vrische wepener senden to perde van stund an. und ein schutte kam mit dem breve spade hir in de stad, dat men de jungen knechte und borgerkinder bi nacht vorboden mosten. se worden reide ein michel deil und reden to Borch to und to Jerechow und quemen herliken to Tangermunde up de vere und hadden mit sik der stad spelelude, do se overvoren. dat sach de keiserinne ut einem venstere van dem huse und vornam dat dat ed de Magdeburgeschen weren. do enbod on de keiserinne wedder dat de keiser wedder queme van Brome.

So schrieben sie nach Hause an ihre Kollegen im Rat, man solle ihnen sofort gerüstete, frische Bewaffnete zu Pferd schicken. Ein Schütze kam mit dem Brief spät abends in die Stadt, so dass man die jungen Knechte und Bürgersöhne bei Nacht aufbieten musste. Ein großer Teil war rasch bereit. Sie ritten über Burg und Jerichow und kamen stattlich nach Tangermünde an die Fähre, die Spielleute der Stadt dabei, als sie übersetzten. Das sah die Kaiserin aus einem Fenster der Burg und erfuhr, dass es die Magdeburger waren. Da ließ sie ihnen sagen, der Kaiser komme schon wieder aus Brome zurück.

Der Empfang vor Tangermünde

Als de keiser vor Tangermunde vol na was, reden om de borger wol gewapent enjegen. do reit Hans van Evendorp und her Ludolf van Alvensleven unser stad hovetman dem keiser jegen ut dem hupen went an sinen wagen und spreken ‚here, her keiser, hir sint juwe deiner de borger van Magdeborch, de hedden ju gerne gevolget. nu seen se wol dat gi wedder keren.‘ de keiser sprak ‚ed hedde mi lef gewesen, und is uns wol to danke.‘

Als der Kaiser schon nahe vor Tangermünde war, ritten ihm die Bürger wohlbewaffnet entgegen. Hans von Evendorp und Herr Ludolf von Alvensleben, unser Stadthauptmann, ritten aus dem Haufen bis an seinen Wagen und sagten: „Herr Kaiser, hier sind Eure Diener, die Bürger von Magdeburg. Sie wären Euch gern gefolgt, nun sehen sie, dass Ihr zurückkehrt.“ Der Kaiser sprach: „Es wäre mir lieb gewesen, und es ist uns recht so.“

so leten unse borger den keiser vor hen teen in dat dor, und bischop Peter van Magdeborch was noch dar hindene und hadde wenich volkes, und unser borger hupe was vele groter. und als sin ding und der borger stunt in unvruntschop, so vrochte sik bischop Peter, doch leiten on de borger vor hen teen, und he neich on nicht und sloch sin hovet nedder und toch ok in de stad. unse borgere weren de lesten und quemen in or herberge und deden sik ut, und dat behagede den gemeinen luden uter mate wol.

Unsere Bürger ließen den Kaiser vorausziehen ins Tor. Bischof Peter von Magdeburg kam noch dahinter und hatte wenig Leute bei sich, der Haufe unserer Bürger war viel größer. Weil seine Sache und die der Bürger in Feindschaft standen, war Bischof Peter bange. Doch die Bürger ließen ihn vorbeiziehen. Er neigte sich nicht vor ihnen, senkte den Kopf und zog ebenfalls in die Stadt. Unsere Bürger kamen als Letzte, gingen in ihre Herberge und legten die Rüstung ab. Das gefiel den einfachen Leuten über die Maßen.

Der Ausgang

Des anderen dages, als de sondach bedagede, toch dat volk wedder to hus, und de borgermester mit den de ute dem rade weren bleven dar, de dar vorantwerden scholden de sake vor dem keiser, dar de bischop den borgeren umme tosprak. doch konden se de sake nicht entrichten twischen dem bischope und on, mer den borgeren wart ein utschrift der sake des biscopes: der artikele und stucke weren wol vertich. de copien brochten se to hus, und scheideden van dem keiser, also dat se sik under enander vormechtigeden, wenn dat he leddich were, so wolde he aver na on senden.

Am nächsten Tag, als der Sonntag anbrach, zog das Volk wieder heim. Der Bürgermeister und die Ratsherren blieben, um die Sache vor dem Kaiser zu verantworten, derentwegen der Bischof die Bürger verklagt hatte. Doch sie konnten den Streit zwischen dem Bischof und sich nicht beilegen. Vielmehr erhielten die Bürger eine Abschrift der bischöflichen Klage, es waren wohl vierzig Artikel und Punkte. Die Abschriften brachten sie nach Hause und schieden vom Kaiser mit der Abrede: Wenn er Zeit habe, wolle er wieder nach ihnen schicken.

Wann war der Kaiser in Brome?

Der Ritt lässt sich auf die letzte Aprilwoche 1376 eingrenzen, wahrscheinlich auf die Tage vom 22. bis 26. April. Bisher wurde er nur auf das Jahr datiert.

Ostern fiel 1376 auf den 13. April. „Acht Tage nach Ostern“ meint die Osteroktav, Sonntag, den 20. April. An diesem Tag wurde die Kapelle geweiht, und beim Festmahl klagte der Erzbischof. Der Kaiser bestellte die Ratsherren auf den „nächsten Dienstag“, also den 22. April.

Die Rückkehr aus Brome fiel auf den Tag vor einem Sonntag, denn „am nächsten Tag“ brach der Sonntag an. Das spricht für Samstag, den 26. April. Für gut 80 Kilometer pro Richtung und die Übergabe der Burg reichen vier Tage. Ganz ausschließen lässt sich eine Woche später nicht. Sicher ist: Der Ritt lag sechs Wochen vor der Königswahl Wenzels.

Was die Quelle über Brome verrät

Die Chronik erzählt den Ritt aus Magdeburger Sicht. Ihr eigentliches Thema ist der Streit zwischen der Stadt und Erzbischof Peter, einem Vertrauten Karls. Die Szenen sind darauf angelegt, die Bürger als kaisertreu und wehrhaft zu zeigen: der nächtliche Aufbruch, die Spielleute auf der Fähre, der Erzbischof mit wenig Leuten hinter dem großen Haufen der Bürger. Wahrscheinlich waren die Magdeburger auch deshalb so eifrig, weil sie den Kaiser für ihren Rechtsstreit günstig stimmen wollten.

Für Brome liefert der Text trotzdem drei feste Angaben:

  • Karl hatte die Burg vorher gegen Geld erworben („gededinget umme penninge“).
  • Er kam persönlich, um sie zu übernehmen („wolde dat hus entpfangen“).
  • Er brach so eilig auf, dass ihm sein Gefolge kaum folgen konnte. Die Magdeburger erreichten Brome nie, der Kaiser war schon auf dem Rückweg.

Einen Beiklang hat die Szene für Bromer Leser: Ausgerechnet die Magdeburger wollten den Kaiser nach Brome begleiten. Neun Jahre zuvor war ihr Kaufmannsgut genau dorthin verschleppt worden.

Zur Übersetzung

An zwei Stellen weicht die Übersetzung von Bödeker ab. „Dat hebbe wi rede inne“ gibt Bödeker mit „das haben wir rasch inne“ wieder. Rede heißt im Mittelniederdeutschen aber meist „bereits“, und die Begründung des Chronisten passt dazu: Der Kaiser hatte Brome schon gekauft. Bei „vrochte sik bischop Peter“ steht bei Bödeker „ärgerte sich“. Das Verb vruchten bedeutet jedoch „fürchten“, der Erzbischof war angesichts der bewaffneten Bürger also eher besorgt.

Brome als Teil der Mark Brandenburg 1376-1377

Brome war kein Einzelkauf. Es war der Anfang einer Reihe von Rückkäufen, mit denen Karl die Westgrenze der Altmark sicherte. Das Landbuch und die Schöppenchronik nennen weitere Fälle:

  • Um den 18. Oktober 1376 löste Karl den Elbzoll von Schnackenburg von den von der Schulenburg ein.
  • Kurz vor Martini 1376 kaufte er die verpfändete Burg Altenhausen zurück und schlug sie der Mark zu.
  • In Salzwedel löste er Einkünfte von Gerhard von Alvensleben und Friedrich von Wustrow aus.

In denselben Zusammenhang gehört ein Feldzug, den die Schöppenchronik schildert. Karl zog vor die Burgen Pretzetze bei Dannenberg und Hitzacker, die vom Sachsen-Lauenburger Herzog Erich gehalten wurden. Magdeburg schickte den Stadthauptmann, 20 Schützen und seine Büchsen. Pretzetze brannte am dritten Tag nieder, Hitzacker hielt stand. Bödeker setzt den Zug direkt nach dem Bromer Besuch an. Die Chronik sagt aber nur „unterdessen“. Wegen der Nähe zu Schnackenburg kommt auch der Herbst 1376 in Frage.

Wie Brome danach verwaltet wurde, zeigt eine Verfügung des Kaisers, die dem Landbuch vorangestellt ist. Die Dispositio castrorum ist datiert auf den Dienstag nach dem Luciatag 1377, also den 15. Dezember 1377 (Bödeker: 13. Dezember). Sie verteilt die märkischen Burgen auf Amtleute und legt deren Bezüge fest.

Brome erscheint dort als „Brume cum suis pertinenciis“, Brome mit seinem Zubehör. Es bildet zusammen mit Gardelegen und Salzwedel eine Gruppe, die einem Amtmann namens Scriberstorff zugeordnet ist. Er erhielt daraus 130 Schock Groschen, die gesamten Einkünfte schätzte der Schreiber auf 160 Schock. Brome war damit Teil eines Verwaltungsbezirks an der Westgrenze der Altmark. Name und Umfang der Gruppe sind noch zu prüfen.

Das Ende der brandenburgischen Zeit

Bromes Zugehörigkeit zur Mark Brandenburg dauerte höchstens neun Jahre. Karl IV. starb am 29. November 1378. Sein Sohn Wenzel überließ die Mark seinem Bruder Sigismund, der sich kaum um sie kümmerte und sie 1388 an Jost von Mähren verpfändete. Ritter und Städte fehdeten nach Belieben, die landesherrliche Ordnung zerfiel.

Im Herbst 1383 und Frühjahr 1384 lag Brome im Kampfgebiet eines Grenzkriegs zwischen dem Lüneburger Herzog Albrecht und der Altmark. Die Rechnung des Vogts auf Schloss Bodenteich nennt Boten nach Salzwedel, Brome und Beetzendorf. Sie verzeichnet auch 12 Mark, die „ein Mann aus Brome“ zahlte, vielleicht ein Lösegeld. Wer die Burg in diesen Monaten hielt, geht daraus nicht hervor.

Spätestens 1385 war Brome wieder lüneburgisch. Nach Bödeker belegt eine Urkunde vom 13. Juni 1385, dass die Lüneburger Herzöge Brome an die Stadt Lüneburg verpfändet hatten. Andere Darstellungen nennen spätere Daten für den Übergang an Lüneburg, darunter 1428 und eine Pfandschaft der Stadt von 1438 bis 1489. Vermutlich folgten mehrere Verpfändungen aufeinander, das wäre an den Urkunden zu klären.

Zeittafel

DatumEreignis
13. Juni 1385Brome als lüneburgisches Pfand der Stadt Lüneburg belegt
1383–1384Brome im Grenzkrieg zwischen Lüneburg und der Altmark
29. November 1378Tod Karls IV.
15. Dezember 1377Dispositio castrorum: Brome mit Gardelegen und Salzwedel einem Amtmann unterstellt
Oktober/November 1376Rückkäufe von Schnackenburg und Altenhausen
10. Juni 1376Wahl Wenzels zum römisch-deutschen König
um 22.–26. April 1376Ritt Karls IV. nach Brome und Übernahme der Burg
20. April 1376Kapellenweihe in Tangermünde, Klage des Magdeburger Erzbischofs
1375Landbuch rechnet Brome zur Altmark
1373Karl IV. erwirbt die Mark Brandenburg
vor Fastnacht 1367Ludolf von dem Knesebeck verschleppt Magdeburger Kaufmannsgut nach Brome
1360Verpfändung von Burg und Ort an die von Bartensleben

Spuren in Prag

In Prag, Karls Residenzstadt, sind der Kaiser und der Sohn, für den er die Mark erwarb, bis heute gegenwärtig. Die eindrücklichste Darstellung beider entstand nur wenige Jahre nach dem Ritt nach Brome.

Der Altstädter Brückenturm der Karlsbrücke. Den Grundstein der Brücke legte Karl IV. 1357, der Turm entstand zwischen 1370 und 1380. In der Mitte steht der heilige Veit, neben ihm thronen Karl IV. und sein Sohn Wenzel, daneben die Wappen des Reiches und Böhmens. Die Figuren stammen aus der Werkstatt Peter Parlers. Foto: Jens Winter (Okt. 2026)

Wenzel ist hier als König dargestellt. Genau diese Königswürde hatte Karl im Juni 1376 mit Hilfe der brandenburgischen Kurstimme gesichert, wenige Wochen nach seinem Besuch in Brome.

Der Veitsdom auf der Prager Burg. Karl ließ den Neubau 1344 beginnen, die Westfassade mit den beiden Türmen wurde erst im 19. und 20. Jahrhundert vollendet. Foto: Jens Winter (Okt. 2026)

Zwei Wilhelm Gades und ein Tischlermeister – was eine Handvoll Feldpostkarten über eine Bromer Familie verrät

Wilhelm Gades gehört zu jenen Bromern, deren Leben in keinem Geschichtsbuch steht und die doch Spuren hinterlassen haben: als Lkw-Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler, als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Über seine Kindheit und Herkunft wissen wir dagegen wenig. Umso wertvoller sind einige wenige Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, die sich erhalten haben. Sie sind kurz, oft formelhaft – und verraten doch erstaunlich viel darüber, wer in dieser Familie zu wem gehörte.

Ein Bromer Leben

Wilhelm Gades wurde am 8. September 1900 in Knesebeck geboren. Am 30. September 1926 heiratete er Agnes Queckenstedt (geb. 9. November 1901), 1937 kam der Sohn Bernhard zur Welt (28. Juni 1937 – 11. Oktober 2020).

Zweimal wurde Wilhelm Soldat: 1918 als Achtzehnjähriger im Ersten Weltkrieg, und noch einmal von 1943 bis 1945, nun schon Anfang vierzig. Ende Mai 1945 wurde er aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Nach dem Krieg fuhr er Lastwagen, unter anderem für die Firma Erdmann, die Bromer Mühle. 1950 machte er sich als Geflügel- und Eierhändler selbstständig. Im selben Jahr übernahm er das Amt des Ortsbrandmeisters der Freiwilligen Feuerwehr Brome, das er bis 1958 ausübte.

Agnes starb am 30. August 1965. Wilhelm überlebte sie um zwölf Jahre; er starb am 30. September 1977 in Brome – auf den Tag genau 51 Jahre nach seiner Hochzeit.

Wilhelm Gades – Studioaufnahme um 1918 (Sammlung Jens Winter)

Ein Sohn mit anderem Namen

Wilhelms Mutter war Luise Gades. Sie heiratete den Bromer Tischlermeister Heinrich Friedrich Wilhelm Niebuhr (14. Mai 1863 – 31. Dezember 1923). Dass der Sohn nicht Niebuhr, sondern Gades hieß, ist auffällig. Die naheliegende Erklärung: Wilhelm wurde unehelich geboren, und Luise brachte ihn mit in die Ehe. Belegt ist das bislang nicht – es handelt sich um eine Schlussfolgerung aus dem Namen. Wann Luise und Heinrich Niebuhr heirateten, ist noch offen; davon hängt ab, ob diese Deutung zutrifft.

Luise stammte aus einer Knesebecker Familie Gades. Ihr Bruder Heinrich steht auf dem Kriegerdenkmal in Knesebeck. Zwei weitere Brüder, Ferdinand und Wilhelm, kennen wir vor allem aus der Feldpost. Und genau hier wird es interessant.

„Liebe Schwester u. Schwager!“ – Ferdinand schreibt nach Brome (1915)

Die älteste erhaltene Karte schrieb Ferdinand Gades im Mai 1915 aus Frankreich. Adressiert ist sie an den Tischlermeister in Brome:

An Herrn H. Niebuhr
Tischlermstr.
Brome
Prov. Hannover

Der Text ist kurz:

Frankreich, den 16.5.1915
Liebe Schwester u. Schwager!
Hoffentlich habt Ihr doch die Karte von mir erhalten und es geht Euch doch hoffentlich recht gut und Ihr seidt doch auch noch gesundt, was ich von mir eben auch schreiben kann. Viele Grüße von Eurn Bruder u. Schwager Ferdinand. Auf Wiedersehen. Schreibt bitte bald wieder u. feiert vergnügt Pfingsten

Der Inhalt ist typisch für Feldpost: Lebenszeichen, Gesundheit, die Bitte um Antwort. Der eigentliche Gewinn liegt in der Anrede. Ferdinand nennt die Empfänger „Schwester u. Schwager“ und unterschreibt als „Bruder u. Schwager“. Damit ist schwarz auf weiß bestätigt, dass Luise Niebuhr eine geborene Gades und Ferdinands Schwester war.

Vermutlich zeigt die Aufnahme Ferdinand Gades (Sammlung Jens Winter)
Textseite der Feldpostkarte an H. Niebuhr in Brome

„Lieber Bruder!“ – der andere Wilhelm Gades (1917)

Eine weitere Feldpostkarte, die Ferdinand Gades zwei Jahre später schrieb, ist erhalten. Er schrieb diesmal an einen Soldaten in Flandern. Als Absender gab er an:

Abs. Maschinist Ferd. Gades
Wirtschafts Ausschuß Gruppe L
Deutsche Feldp. 345

Der Empfänger:

Geftr. Wilh. Gades 1. Komp.
1. Batll. Landw. Iftr. Regt. No. 387
Flandern

Und der Text:

Geschrieben, den 15.5.17.
Lieber Bruder!
Deinen Brief vom 7/5 habe ich erhalten und daraus gesehen, das es Dir noch ganz gut ging bis dahin, was ich auch von mir bis jetzt noch schreiben kann. Aber wie Du schreibst bis Du noch nicht in Urlaub gewesen, aber hoffentlich doch bald, Ich dnke auch, das ich doch Ende Juli in Urlaub fahren will, wenn es gute frühe Ernte giebt, aber hoffentlich doch für länger oder für ganz da bleiben in der Heimat. Viele Grüße von Deinen Bruder Ferdinand.
Lebe wohl bis auf ein fröhliches Wiedersehn.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Karte sei an unseren Wilhelm gerichtet. Das ist aber ausgeschlossen. Wilhelm, geboren im September 1900, war im Mai 1917 sechzehn Jahre alt und noch gar nicht eingezogen. Der Empfänger dagegen war Gefreiter in einem Landwehr-Infanterie-Regiment, also in einer Truppe, in der überwiegend ältere, bereits gediente Jahrgänge standen. Vor allem aber nennt Ferdinand ihn „Lieber Bruder“ – für Luises Sohn wäre Ferdinand der Onkel gewesen.

Die Karte belegt also einen zweiten Wilhelm Gades: einen weiteren Bruder Luises und Ferdinands, der 1917 in Flandern stand. Der Bromer Wilhelm trug demnach denselben Vornamen wie sein Onkel. Ob er nach ihm benannt wurde, lässt sich aus den Quellen nicht sagen. Wie diese Karte von der Front zurück in die Heimat gelangte – heute liegt sie im Archiv des Museums Burg Brome –, wissen wir ebenfalls nicht.

Auch über Ferdinand verrät die Absenderangabe etwas. Er diente 1917 als Maschinist bei einem „Wirtschafts-Ausschuß“. Solche Stellen organisierten in den besetzten Gebieten die Bewirtschaftung von Land und Betrieben. Ein Maschinist dürfte dort mit landwirtschaftlichen Maschinen zu tun gehabt haben – das ist allerdings eine Vermutung aus der Dienststellung, nicht aus der Karte selbst. Seine Bemerkung über die „gute frühe Ernte“ lässt sich zweifach lesen: als Hoffnung auf Ernteurlaub in der Heimat oder als Hinweis auf seine Arbeit vor Ort. Welche Lesart zutrifft, bleibt offen. Unüberhörbar ist dagegen der Wunsch, „für länger oder für ganz“ zu Hause zu bleiben.

Auch diese Karte zeigt vermutlich Ferdinand Gades (Archiv Museum Burg Brome)

Heinrich Gades – gefallen bei Kruiseik

Ein dritter Bruder hatte diese Zeit nicht mehr erlebt. Heinrich Gades aus Knesebeck fiel bereits am 25. Oktober 1914 als Wehrmann im Landwehr-Infanterie-Regiment 78. Ein erhaltenes Foto zeigt sein Grab. Auf dem Holzkreuz steht:

Hier ruht:
Wehrm. Heinrich Gades,
4. Kp. Ldw. Inf. Rgt. 78,
gef. d. 25.10.1914 b. Kruiseik.

Grab von Heinrich Gades, der am 25. Oktober 1914 bei Kruiseik in Belgien gefallen ist. (Sammlung Jens Winter)

Kruiseik ist ein kleiner Ort südöstlich von Ypern. Im Oktober 1914 tobte dort die Erste Flandernschlacht. Das Grab trägt am Fuß die Nummer 219. Nach Auskunft des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ruht Heinrich Gades heute auf der Kriegsgräberstätte Menen, Block N, Grab 2309. Das Foto zeigt demnach seine ursprüngliche Grabstelle. Die Toten der kleineren deutschen Friedhöfe in Belgien wurden später auf wenige große Anlagen umgebettet – Menen ist eine davon.

In der Datenbank des Volksbunds fehlen Geburtsdatum und Geburtsort. Das Kriegerdenkmal in Knesebeck nennt Knesebeck als Geburtsort.

Rekrut in Spandau (1918)

Im Sommer 1918 war schließlich auch der junge Wilhelm an der Reihe. Er kam zum Ersatz-Bataillon des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau. Im September 1918 schickte er eine Karte nach Brome. Der Stempel lautet „Zossen Übungsplatz“, datiert ist er auf den 24.9.18:

Liebe Eltern
Ein schönes Andenken von mir sendet Euch euer Sohn Wilhelm

Als Absender gab er an:

Abs. [?] Gades
2. Korp. 8. Komp.
Ers. Batl. 5 Garde Regt. zu Fuß
Spandau

Der Empfänger war Tischlermeister Heinrich Niebuhr. Wilhelm nennt ihn und Luise schlicht „Eltern“. Ob Niebuhr ihn formell als Sohn angenommen hatte, wissen wir nicht. Aber die Anrede zeigt, dass Wilhelm im Haushalt des Tischlermeisters aufgewachsen war und sich dort zugehörig fühlte. Der Stempel zeigt, dass die Karte beim Postamt des Truppenübungsplatzes Zossen südlich von Berlin aufgegeben wurde. Wilhelm war also im September 1918 nicht in der Spandauer Kaserne, sondern auf dem Übungsplatz.

Das „schöne Andenken“ ist die Karte selbst: eine Fotopostkarte, deren Vorderseite Wilhelm zeigt. Er sitzt in Uniform an einem grasbewachsenen Hang, ein aufgeschlagenes Büchlein in der Hand, und blickt ruhig in die Kamera. Wann und wo genau die Aufnahme entstand, verrät die Karte nicht.

Wilhelm Gades als Rekrut (1918) – (Sammlung Jens Winter)
Der Text der Karte ist reichlich verwischt, aber gerade noch lesbar.

Zu dieser Karte passt eine Gruppenaufnahme. Auf der Tafel vor den Soldaten steht:

Zur Erinnerung
Juli 1918.
9. Korporalschaft Spandau
5. Garde-Regt. zu Fuß.

Es ist das Regiment, in dessen Ersatz-Bataillon Wilhelm zwei Monate später nachweislich diente. Die Korporalschaft stimmt allerdings nicht überein: Die Tafel nennt die 9., Wilhelms Absender im September die 2. Korporalschaft. Ob er zwischenzeitlich versetzt wurde oder im Juli einer anderen Gruppe angehörte, lässt sich nicht klären. Die Kragenlitzen, die viele der jungen Männer tragen, waren das Kennzeichen der Garderegimenter. Auf der Rückseite der Karte steht in Bleistift:

Zur Erinnerung um meine
Dienzeit
im Kriegsjahr
1918

Die Karte wurde nie verschickt; sie trägt weder Anschrift noch Stempel. Der Schreiber spricht von „meiner“ Dienstzeit – es war also einer der Abgebildeten, der sie für sich selbst beschriftete. Dass sie in derselben Sammlung überliefert ist wie Wilhelms Karte aus Zossen, spricht dafür, dass es sein eigenes Erinnerungsstück war – belegt ist das nicht. Ob und wo Wilhelm auf dem Bild zu sehen ist, lässt sich dennoch nur durch Gesichtsvergleich vermuten. Ein eindeutiger Beleg fehlt.

„Zur Erinnerung Juli 1918“ eine Korporalschaft des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau. Wilhelm Gades ist vermutlich unter den Abgebildeten.
„Zur Erinnerung an meine Dienzeit im Kriegsjahr 1918“ (Sammlung Jens Winter)

Was bleibt

Drei Feldpostkarten und eine Handvoll Fotografien – das ist alles, was aus Wilhelm Gades’ Jugend auf uns gekommen ist. Und doch erzählen sie mehr, als ihre knappen, oft formelhaften Zeilen vermuten lassen. Erst die Anreden machen das Familiengefüge sichtbar: Ferdinand Gades schreibt an „Schwester u. Schwager“ in Brome und bestätigt damit, dass die Frau des Tischlermeisters Niebuhr eine geborene Gades war. Er schreibt an einen „Bruder“ Wilhelm in Flandern, der nicht der junge Bromer sein kann, sondern dessen Onkel gewesen sein muss. Und der junge Wilhelm selbst grüßt 1918 seine „Eltern“ – den Tischlermeister und seine Frau, in deren Haus er offenbar aufgewachsen war, auch wenn er einen anderen Namen trug.

Manches bleibt offen. Wann Luise Gades und Heinrich Niebuhr heirateten, wissen wir nicht, und damit auch nicht sicher, warum Wilhelm den Namen seiner Mutter behielt. Über Ferdinand und den älteren Wilhelm Gades wissen wir kaum mehr als das, was ihre Feldpost verrät. Und ob Wilhelm auf dem Spandauer Gruppenbild zu sehen ist, wird sich wohl nur durch einen glücklichen Fund klären lassen.

Gesichert ist dagegen, dass vier Männer dieser Familie im Ersten Weltkrieg Soldat waren: die Brüder Heinrich, Ferdinand und Wilhelm Gades und schließlich Luises Sohn Wilhelm. Heinrich kehrte nicht zurück; er liegt bis heute in Flandern. Der Jüngste erlebte das Kriegsende 1918 noch in der Ausbildung. Ein Vierteljahrhundert später musste er noch einmal Soldat werden, kam aus amerikanischer Gefangenschaft nach Brome zurück und lebte dort bis zu seinem Tod – als Fahrer der Bromer Mühle, als Geflügel- und Eierhändler und acht Jahre lang als Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Brome. Das Foto, das er im September 1918 als „schönes Andenken“ nach Hause schickte, ist erhalten geblieben. Ohne diese Karte wüssten wir heute nicht, wie der achtzehnjährige Wilhelm Gades aussah.

Wer weitere Informationen zur Familie Gades oder Niebuhr hat, etwa Fotos, Dokumente oder Erinnerungen, meldet sich gern beim Museums- und Heimatverein Brome e.V..

Eine Postkarte, zwei Schulen: Ferientermine im Inflationsjahr 1923

Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbarer Dienstbeleg: eine Postkarte, abgestempelt in Brome am 1. Juni 1923, gerichtet an den Kreisschulrat in Gifhorn. Doch auf ihren beiden Seiten antworten zwei Dorfschullehrer auf dieselben Fragen – Ernst Luhmann aus Wiswedel und Werner Blanke aus Altendorf. Die beiden waren nicht nur Nachbarn im Schuldienst, sondern auch Schwiegervater und Schwiegersohn: Blanke hatte 1919 Luhmanns Tochter Grete geheiratet. Und ganz nebenbei erzählt die Karte vom Porto in einer Zeit, in der das Geld täglich an Wert verlor.

Der Beleg

Verwendet wurde eine Ganzsachen-Postkarte des Deutschen Reiches mit eingedrucktem Wertstempel zu 3 Mark. Am oberen Rand trägt sie die Werbezeile Nimm ein Postscheckkonto!, am unteren den Preisvermerk Preis: Freigebühr + Papierzuschlag

Die Anschrift lautet:

An
Herrn Kreisschulrat
Baumgarten
Gifhorn

Zwei Tagesstempel BROME vom 1. Juni 1923, 3–4 Uhr nachmittags, entwerten die Zusatzfrankatur. Auf der Rückseite hat die Behörde den Eingang vermerkt: ein blauer Stempel „Der Kreisschulrat zu Gifhorn“ mit der Journalnummer 1348 und dem handschriftlichen Datum 2/6. 23. Die Karte war also am Tag nach der Aufgabe in Gifhorn.

Auf der Vorderseite die Nachricht von Lehrer Blanke aus Altendorf. Rechts oben der Poststempel BROME 1.6.23, 3-4 N. Die Karte kam bereits am nächsten Tag beim Kreisschulrat Baumgarten in Gifhorn an. (Sammlung Jens Winter)
Auf der Rückseite die Nachricht von Lehrer Luhmann aus Wiswedel. Links zu sehen der Eingangsstempel des Kreisschulrarts zu Gifhorn, daneben die handschriftliche Datierung vom 2.6.1923.

Zwei Antworten auf einer Karte

Die Rückseite beschrieb Lehrer Luhmann in Wiswedel, datiert auf Donnerstag, den 31. Mai 1923:

Wiswedel, d. 31. Mai 1923.
Ein Verhandlungsgegenstand mit dem hiesigen Elternbeirat hat sich noch nicht gefunden.
An dem Konzert von Hudemann werden von hier etwa 10 Kinder in Brome teilnehmen.
Die Lage der Sommer- und Herbstferien ist festgesetzt:
Schluß: 20. 7. / 22. 9. – Wiederbeginn: 11. 8. / 13. 10.
Luhmann, Lehrer.

Auf der Vorderseite, im Feld für den Absender, folgt am Freitag, dem 1. Juni, die Antwort aus Altendorf:

Altendorf, den 1.6.23.
Ein Elternrat ist hier nicht vorhanden.
Am Konzert Hudemann werden ca 15 Kinder aus Altendorf teilnehmen.
Sommer- u. Herbstferien wie in Wiswedel.
Blanke, Lehrer

Beide Lehrer beantworten dieselben drei Punkte in derselben Reihenfolge: Elternbeirat, Konzert, Ferien. Das spricht dafür, dass der Kreisschulrat eine entsprechende Anfrage an die Schulen seines Bezirks gerichtet hatte – die Anfrage selbst liegt allerdings nicht vor.

Aus Datierung und Inhalt lässt sich auch der Weg der Karte rekonstruieren: Luhmann schrieb zuerst in Wiswedel, dann ging die Karte nach Altendorf, wo Blanke am Folgetag seine Antwort ergänzte und sich mit „wie in Wiswedel“ direkt auf die Ferientermine seines Kollegen bezog, die er ja auf derselben Karte lesen konnte. Aufgegeben wurde sie dann in Brome. Auch dies ist eine Schlussfolgerung aus dem Beleg, keine überlieferte Tatsache. Ob die gemeinsame Nutzung einer Karte aus Sparsamkeit geschah – im Juni 1923 kein abwegiger Gedanke – oder schlicht aus Bequemlichkeit unter Verwandten, bleibt offen.

Elternbeirat, Konzert und Ferien

Elternbeirat. Die Frage nach dem Elternbeirat war 1923 noch neu: Elternbeiräte an den Schulen gab es in Preußen – und damit auch in der Provinz Hannover – erst seit der Revolution von 1918/19. Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich weit die Sache in zwei benachbarten Dörfern gediehen war: In Wiswedel bestand ein Elternbeirat, hatte aber noch nichts zu verhandeln; in Altendorf gab es gar keinen. Bemerkenswert ist auch die Wortwahl – Luhmann schreibt „Elternbeirat“, Blanke „Elternrat“.

Konzert. Aus Wiswedel sollten etwa 10, aus Altendorf rund 15 Kinder an einem Konzert „von Hudemann“ in Brome teilnehmen. Wer Hudemann war und was für ein Konzert es war, geht aus der Karte nicht hervor. Diese Frage ist offen – Hinweise aus der Leserschaft sind willkommen.

Ferien. Besonders aufschlussreich ist der dritte Punkt: Die Ferientermine wurden nicht zentral verordnet, sondern vor Ort festgelegt. Nach Luhmanns Angaben endete der Unterricht vor den Sommerferien am Freitag, 20. Juli, und begann wieder am Samstag, 11. August 1923 – die Sommerferien dauerten also vom 21. Juli bis zum 10. August, gerade drei Wochen. Vor den Herbstferien war am Samstag, 22. September, Schluss; Wiederbeginn war am Samstag, 13. Oktober. Die Herbstferien liefen damit vom 24. September bis zum 12. Oktober 1923. Dass der Unterricht jeweils an einem Samstag wieder einsetzte, erinnert daran, dass die Sechstagewoche damals selbstverständlich war.

Kurze Sommer- und lange Herbstferien – das passt zu einem ländlichen Schulbezirk, in dem die Kinder bei Getreide- und Kartoffelernte gebraucht wurden.

Porto im Inflationsjahr 1923

Im Juni 1923 war die Hyperinflation in vollem Gang. Die Postkarte war ursprünglich für die Portoperiode vom 1. Oktober bis 14. November 1922 ausgegeben worden, in der eine Postkarte im Fernverkehr 3 Mark kostete. Mutmaßlich wurde sie im Oktober 1922 aufgelegt. Schon der Preisvermerk „Freigebühr + Papierzuschlag“ zeigt die beginnende Geldentwertung: Der Käufer zahlte nicht nur das Porto, sondern auch einen Zuschlag für das Papier der Karte – ein Aufpreis, der bereits im Herbst 1922 erhoben wurde.

Im Juni 1923 galt die Portoperiode vom 1. März bis 30. Juni 1923, in der eine Postkarte im Fernverkehr bereits 40 Mark kostete. Die Karte wurde deshalb mit zwei Freimarken mit Schnittermotiv nachfrankiert: einer orangeroten Marke zu 12 Mark (Michel-Nr. 240) und einer ockerbraunen Marke zu 25 Mark (Michel-Nr. 242). Einen Monat später, ab dem 1. Juli 1923, hätte dieselbe Karte schon 120 Mark gekostet – und bis zum Jahresende sollten die Portosätze in Milliarden- und Billionenbeträge steigen.

Lehrer Ernst Luhmann in Wiswedel

Über den älteren der beiden Lehrer, mit vollem Namen Ernst Heinrich August Luhmann, geben drei Schulchroniken Auskunft. Er wurde am 2. Dezember 1872 in Sülze im Kreis Celle geboren und besuchte ab Michaelis 1890 das Lehrerseminar in Lüneburg. Die Schulchronik Brome berichtet über seinen Dienstantritt:

Am 16. September 1893 übernahm der für die 2. Schulstelle von der Königlichen Regierung zu Lüneburg komm[issarisch] ernannte Schulamts=Kandidat Ernst Luhmann, geboren am 2. Dezember 1872 zu Sülze (Hann.) den Unterricht in der Mittel= und Unterklasse. Derselbe wurde zum 15. Juni 1896 nach Emmen bei Hankensbüttel versetzt.

In Emmen trug Luhmann selbst in die Schulchronik ein, er sei zum 15. Juni 1896 zum Lehrer an der Schule zu Emmen, Inspektion Wittingen III, ernannt und am 14. Juni von Pastor Hildebrandt im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Hankensbüttel eingeführt worden. Nach gut drei Jahren wechselte er nach Wiswedel. Die dortige Schulchronik vermerkt:

Vom 1. Oktober 1899 ab ist der Lehrer Ernst Luhmann zum Lehrer in Wiswedel ernannt worden. Derselbe wurde am 15. Oktober von Herrn Pastor Eicke im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Brome eingeführt. […] Am 17. Oktober 1899 übernahm er den Unterricht an der hiesigen Schule.

Die feierliche Einführung durch den Ortspastor zeigt, dass die Volksschule damals noch unter geistlicher Aufsicht stand. 1923 dagegen ging die Meldung an einen staatlichen Kreisschulrat – auch das ein Stück Schulgeschichte, das der Beleg sichtbar macht.

Luhmann blieb mehr als drei Jahrzehnte in Wiswedel und trat 1933 in den Ruhestand. Er starb am 29. März 1948 in Rethen bei Meine – also in dem Ort, in dem sein Schwiegersohn Werner Blanke von 1929 bis 1945 Lehrer war.

Werner Blanke – Lehrer und Heimatkundler

Werner Blanke, mit vollem Namen Wilhelm Heinrich Werner Blanke, wurde am 16. Juni 1895 in Ahlden (Kreis Verden) geboren. Nach der Präparandenausbildung in Leer ab 1909 kam er 1913 – wie zwei Jahrzehnte vor ihm Luhmann – an das Lehrerseminar in Lüneburg. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und kämpfte in Frankreich und Russland. 1916 war er nach mehrfacher Verwundung nicht mehr kriegsverwendungsfähig und kehrte an das Seminar zurück. Nach einer ersten Stelle in Hankensbüttel (1916–1917) wurde er zum 1. April 1917 Lehrer in Altendorf.

Zwei Jahre später notierte er:

24.IV.1919 Heute habe ich mich mit Grete Luhmann verlobt. Ich kann nicht darüber schreiben. Ich habe keine Ruhe. Möge Gott seinen Segen dazu geben.

Gut drei Monate später, am 31. Juli 1919, heirateten Werner Blanke und Grete Luhmann. Als die beiden Lehrer im Juni 1923 ihre Antworten auf dieselbe Karte schrieben, meldeten sich also Schwiegervater und Schwiegersohn gemeinsam beim Kreisschulrat.

Zum 1. Oktober 1929 wechselte Blanke nach Rethen und unterrichtete dort bis 1945. Dann wurde er aus politischen Gründen dem Dienst entlassen und vom 2. August bis 27. November 1945 im politischen Lager Westertimke festgehalten. Von 1949 bis Mai 1950 war er erneut Lehrer in Rethen, danach von 1950 bis 1961 wieder in Altendorf. Als die Altendorfer Schule aufgelöst wurde, unterrichtete er – obwohl bereits pensioniert – noch bis 1969 an der Mittelpunktschule Brome. Er hatte einen 13 Sunden-Vertrag, unterrichtete aber leidenschaftlich gern unentgeltlich die volle damalige Stundenzahl, manchmal auch darüber hinaus. Die Mittelpunktschule Brome hatte zu der Zeit nämlich einen gewaltigen Lehrermangel. Im Alter von 74 Jahren beendete er aus gesundheitlichen Gründen den Schuldienst. Werner Blanke starb am 24. Juni 1991 im Alter von 96 Jahren in Altendorf.

Was die Karte erzählt

Eine Dienstkarte mit drei knappen Mitteilungen – und doch steckt in ihr ein Querschnitt durch das Jahr 1923: die jungen Elternbeiräte der Weimarer Republik, eine Schulverwaltung, die ihre Ferien nach den Bedürfnissen des Dorfes festlegte, ein rätselhaftes Konzert in Brome und ein Porto, das sich binnen Monaten vervielfachte. Dazu zwei Lehrerbiographien, die über Seminar, Schuldienst und Familie eng miteinander verbunden sind.

„Die Freude einer Revanche” — ein Anwaltsbrief nach Brome von 1853

Dieser Beleg ist etwas Besonderes: Er ist nicht nur ein Poststück, sondern ein inhaltsreicher Brief, der ein ganzes kleines Rechtsdrama aus dem Brome der 1850er Jahre aufblättert. Ein Anwalt aus Celle rät der Gemeinde von einer Klage ab — und gibt dabei einen seltenen Einblick in eine lokale Steueraffäre, in Grenzjäger und Steuerbeamte, in die Grenzen dessen, was das Recht damals leisten konnte.

Der Beleg

Vor uns liegt ein gefalteter Briefbogen im Alltagsgebrauch — auch hier diente der Bogen selbst als Umschlag. Oben links prangt ein ovaler blauer Firmenstempel:

Ober-Appellations-Gerichts-Anwalt M. Jüdell in Celle

Adressiert ist der Brief:

Herrn H. F. Meyer in Brome

Ein grüner Kreisstempel Celle 3/3 10-11 dokumentiert die Aufgabe, der Eingangsstempel Brome 4/3 die Ankunft am folgenden Tag. Da noch keine Briefmarke verwendet wurde, ist das Porto handschriftlich auf der Rückseite vermerkt: Hinporto 2 gute Groschen, Rückporto 1 guter Groschen 2 Pfennig, zusammen 3 gute Groschen 2 Pfennig. Der Vermerk deutet darauf hin, dass Hin- und Rücksendung gemeinsam abgerechnet wurden — ein Hinweis auf regen Schriftwechsel in dieser Sache.

Schreiben des Anwalts M. Jüdell an H. F. Meyer in Brome mit Poststempel Celle 3. März 1853 (Sammlung Jens Winter)
Auf der Rückseite wurde das Hin- und Rückporto handschriftlich vermerkt.

Der Absender: ein Anwalt am höchsten Gericht

Der Absender M. Jüdell war Ober-Appellationsgerichts-Anwalt in Celle — also zugelassen am Ober-Appellationsgericht, dem höchsten Gericht des Königreichs Hannover mit Sitz in Celle. Dass die Gemeinde Brome sich in ihrer Angelegenheit an einen Anwalt dieses Ranges wandte, zeigt, wie ernst die Sache genommen wurde.

Der Empfänger, H. F. Meyer in Brome, dürfte in die Sache als Vertreter der Gemeinde eingebunden gewesen sein — vermutlich als Mitglied des Gemeinderats. Oder war er sogar Bürgermeister von Brome? Sicher belegt ist seine Funktion aus dem Brief allein nicht; das bleibt eine offene Frage.

Der Fall: eine Steueraffäre und die Frage nach der Klage

Der Brief antwortet auf ein Schreiben Meyers vom 28. Februar 1853 und behandelt zwei Punkte. Zum ersten, seiner Honorarrechnung, zeigt sich Jüdell großzügig: Er will gern warten, bis ein Gemeindebeschluss darüber vorliegt, ob die Kosten aus der Gemeindekasse zu bestreiten sind, und bietet den drei mittellosen Beteiligten sogar Ratenzahlung an.

Der zweite Punkt ist der eigentlich brisante. Es geht um die Frage, ob gegen die Steuerofficianten — also Steuerbeamte — Anklage erhoben werden solle. Jüdell rät entschieden ab. Er schreibt:

die Frage: ob gegen die Steuerofficianten eine Anklage zu erheben? muß ich deshalb verneinen, weil ich es nicht für gerathen halte Kosten aufzuwenden. Eine Criminal-Untersuchung würde einen andern Ausgang nicht haben als die gegen die Croyer weil diese ebenso betheiligt sind, als die Grenzaufseher denen man Glauben nicht geschenkt hat.

Eine Strafuntersuchung, so sein nüchternes Urteil, würde ebenso ausgehen wie das bereits gescheiterte Verfahren gegen die „Croyer” — die Leute aus Croya —, denn diese seien genauso beteiligt wie die Grenzaufseher, denen man vor Gericht keinen Glauben geschenkt habe. Und eine Zivilklage auf Entschädigung hätte noch weniger Aussicht auf Erfolg.

Jüdell bringt das Dilemma auf den Punkt: Selbst wenn für die Eingeweihten die Schuld der Beamten zweifellos feststehe, lasse sich die Sache nicht so beweisen, dass alle Schuld auf die Grenzjäger abgewälzt werden könne. Ohnehin werde die Staatsanwaltschaft kaum eine erneute Untersuchung einleiten.

Sein Schlusssatz hat einen ganz eigenen Klang:

Es ist mir daher leid, daß ich der Gemeinde Croya die Freude einer Revanche nicht versprechen kann, wie ich sonst gern gethan haben würde.

Was steckte dahinter?

Der Brief nennt die Beteiligten, ohne den Sachverhalt für den heutigen Leser vollständig auszubreiten — die Zeitgenossen wussten, worum es ging. Aus den erwähnten Rollen lässt sich der Zusammenhang aber mit einiger Wahrscheinlichkeit erschließen: Steuerbeamte, Grenzaufseher beziehungsweise Grenzjäger und die Gemeinde Croya stehen im Zentrum. Da Brome und seine Nachbardörfer unmittelbar an der Grenze zum Königreich Preußen lagen, ist anzunehmen, dass die Grenzjäger zur Überwachung eben dieser Grenze eingesetzt waren — und dass es im Kern um eine Angelegenheit von Steuer- oder Zollhinterziehung ging, in die sowohl Beamte als auch Ortsansässige verwickelt waren. Ein früheres Verfahren gegen die Croyer war offenbar bereits ergebnislos verlaufen; nun wollte die Gemeinde wissen, ob sich gegen die Beamten selbst vorgehen ließe.

All dies bleibt eine begründete Deutung, keine aktenfeste Gewissheit. Die genaue Natur des Vergehens, der Kreis der Beschuldigten und der Ausgang der Sache müssten aus weiteren Quellen — etwa Gerichts- oder Amtsakten — erschlossen werden.

Ein Stück Rechts- und Alltagsgeschichte

Gerade in seiner Unvollständigkeit ist der Brief ein Schatz. Er zeigt, wie eine kleine Gemeinde an der hannoversch-preußischen Grenze um 1853 mit einem Rechtsproblem rang, wie sie sich anwaltlichen Rat am höchsten Gericht des Landes einholte — und wie dieser Rat, allen Gerechtigkeitsgefühlen zum Trotz, zur Zurückhaltung riet. Zwischen den Zeilen wird eine ganze Welt sichtbar: Grenzüberwachung, Steuerwesen, die Ohnmacht gegenüber Beamten, denen vor Gericht mehr geglaubt wurde als den Dorfbewohnern. Und mit Jüdells bedauerndem Schlusssatz von der „Freude einer Revanche” bekommt der nüchterne Rechtsfall sogar einen menschlichen, beinahe ironischen Ton.

Vollständiger Text des Schreibens

Herrn H. F. Meyer in Brome

Auf Ihr gefälliges Schreiben vom 28. Febr. d. J. erwidere ich:

1. in Betreff meiner Rechnung, daß ich gern warten will bis ein Gemeindebeschluß über die Frage: ob diese Kosten aus der Gemeinde-Casse zu entnehmen zu Stande gebracht ist, mich auch erbiete in dem Falle, daß die 3 unvermögenden Leute nicht auf einmal bezahlen könnten, denselben Frist zu ertheilen.

2. die Frage: ob gegen die Steuerofficianten eine Anklage zu erheben? muß ich deshalb verneinen, weil ich es nicht für gerathen halte Kosten aufzuwenden. Eine Criminal-Untersuchung würde einen andern Ausgang nicht haben als die gegen die Croyer weil diese ebenso betheiligt sind, als die Grenzaufseher denen man Glauben nicht geschenkt hat.

In einer Civilklage würde aber dieser Grundsatz noch strenger aufrecht erhalten werden, demnach weniger Hoffnung vorhanden sein mit einer Entschädigungsklage durchzukommen.

Wenn auch für diejenigen, welche genau Bescheid wissen, die Schuld der Officanten zweifellos ist, so ist die Sache doch nicht so zu erweisen, daß alle Schuld auf die Grenzjäger gewälzt werden könnte. Ohnehin dürfte die Staatsanwaltschaft nicht darauf eingehen eine nochmalige Untersuchung einzuleiten.

Es ist mir daher leid, daß ich der Gemeinde Croya die Freude einer Revanche nicht versprechen kann, wie ich sonst gern gethan haben würde.

Celle, den 2ten März 1853

Ihr ergebener

M. Jüdell

Dienstsache für den Voigt — ein Amtsbrief nach Brome aus dem Jahr 1858

Diesmal führt uns ein Fundstück zurück ins Königreich Hannover des Jahres 1858. Eine schlichte, portofreie Dienstsache, adressiert an den Voigt Kobbe auf der Burg Brome — und auf ihrer Innenseite ein handschriftlicher Vermerk, der ein kleines Stück Verwaltungsalltag des 19. Jahrhunderts einfängt.

Der Beleg

Vor uns liegt eine gefaltete Briefhülle aus bläulichem Papier — die im 19. Jahrhundert übliche Form, bei der der Brief selbst als Umschlag gefaltet und gesiegelt wurde. Die Vorderseite trägt in feiner Kanzleischrift die Anschrift:

An den Herrn Voigt Kobbe zu Brome

Daneben der Vermerk „Dienstsache” und der Name des absendenden Amtes: Amt Knesebeck. Als portofreie Dienstsache benötigte die Sendung keine Frankatur — das Königreich Hannover hatte zwar am 30. November 1850 seine ersten eigenen Briefmarken eingeführt, doch amtliche Post lief weiterhin portofrei.

Ein blauer Kreisstempel WITTINGEN 2/2 dokumentiert den Postweg; rückseitig findet sich der ebenfalls blaue Eingangsstempel BROME 3/2 — der Brief war also einen Tag unterwegs. Verschlossen ist die Hülle mit einem roten Lacksiegel, dessen Umschrift sich als „Königlich Hannoversches Amt Knesebeck” lesen lässt, mit dem hannoverschen Wappen – dem springenden Pferd.

Vorderseite der Briefhülle mit dem Kreisstempel Wittingen 2/2 (02. Februar 1858). (Sammlung Jens Winter)
Rückseite mit dem Dienstsiegel des Amts Knesebeck und dem Eingangsstempel Brome 3/2 (3. Februar 1858).

Der Empfänger: Voigt Kobbe

Der Adressat ist Georg Christian Leonhard Hieronymus Kobbe, Voigt in Brome. Nach den Kirchenbuchdaten wurde er 1801 geboren und starb am 29. Januar 1872 im Alter von 71 Jahren; seine Eltern waren der Corporal Heinrich Kobbe und dessen Frau Marie, geb. Montag. In erster Ehe war Kobbe mit Doris Willhausen (1803–1863) verheiratet, in zweiter Ehe ab 1864 mit Friederike Auguste Dorothea Mertens.

Wann genau Kobbe nach Brome kam, ist bislang nicht gesichert. Zuvor war er vermutlich in Steinhorst tätig — das bleibt eine offene Frage, die weitere Quellen klären müssten. Naheliegend ist, dass er das Amt des Voigts auf der Burg Brome bis zu seinem Tod 1872 ausübte; als sein Nachfolger ist der Landvoigt Jaeger überliefert, zu dessen Grab in einem Blogbeitrag bereits berichtet wurde.

Was ist ein Voigt?

Der Begriff verdient eine kurze Erläuterung, denn er begegnet in der Bromer Geschichte immer wieder. Ein Voigt (auch Vogt) war im 19. Jahrhundert ein landesherrlicher oder gutsherrlicher Amtsträger, der vor Ort verwaltende, aufsichtliche und teils niedere gerichtliche Aufgaben wahrnahm. Auf der Burg Brome verkörperte der Voigt gleichsam die ausführende Hand des Grafen von der Schulenburg: Er war dessen Angestellter.

Der Inhalt: eine Bekanntmachung für Voitze

Das eigentlich Reizvolle steht auf der Innenseite der Hülle. Kobbe hat dort mit eigener Hand einen Vollzugsvermerk niedergeschrieben. In sorgfältiger Transkription lautet er:

Der Inhalt des nebenstehenden Resoripts ist den sämmtlichen Gemeinheits-Interessenten aus Voitze am heutigen Tage laut und deutlich vorgelesen, und dann die Abschrift dieses Resoripts dem Ortsvorsteher Meyer in Voitze behändigt.

Brome, am 9ten Februar 1858.

Kobbe,

Voigt.

Handschriftliche Bestätigung der Amtshandlung durch Voigt Kobbe, datiert auf den 9. Februar 1858.

Der Ablauf, den dieser Vermerk festhält, lässt sich gut rekonstruieren: Die ursprünglich leere Briefhülle enthielt vermutlich ein Reskript (im Bestätigungsschreiben als Resoript bezeichnet) — eine amtliche Verfügung —, das Voigt Kobbe den Gemeinheitsinteressenten in Voitze bekanntzumachen hatte. Nachdem er es „laut und deutlich” verlesen und eine Abschrift dem Ortsvorsteher Meyer ausgehändigt hatte, notierte er den Vollzug auf der Innenseite der Hülle. Ein geschlossener Verwaltungsvorgang also, dokumentiert auf ein und demselben Blatt.

Gemeinheitsinteressenten — ein Wort aus der Zeit der Separation

Wer waren die „Gemeinheitsinteressenten”, denen die Verfügung galt? Der Begriff verweist auf eine der großen Umwälzungen der ländlichen Welt im 19. Jahrhundert. Gemeinheitsinteressenten waren die Bauernhöfe eines Dorfes, die einen Anteil am gemeinschaftlichen Eigentum hielten — vielerorts etwa an der gemeinsamen Weide, der Schweinemast im Wald oder am Wald selbst.

Mit der sogenannten Separation (auch Verkoppelung oder Gemeinheitsteilung) wurde dieses jahrhundertealte Gemeineigentum im Laufe des 19. Jahrhunderts vielfach aufgelöst und unter den berechtigten Höfen aufgeteilt. Ein Reskript an die Gemeinheitsinteressenten von Voitze im Februar 1858 dürfte in genau diesen Zusammenhang gehören — die Neuordnung der Besitzverhältnisse, die das dörfliche Leben tiefgreifend veränderte. So wird aus einem unscheinbaren Amtsbrief ein kleines Zeugnis jener stillen Agrarrevolution, die die Landschaft und die Höfe der Region dauerhaft prägte.

Ein Stück Bromer Verwaltungsgeschichte

Der Beleg ist in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Er nennt einen namentlich fassbaren Amtsträger der Burg Brome, er dokumentiert den Postweg Wittingen–Brome im hannoverschen Postwesen kurz nach Einführung der Briefmarke, und er hält einen konkreten Verwaltungsakt fest — bis hin zum Namen des Voitzer Ortsvorstehers Meyer. Solche Dienstsachen sind die Bausteine, aus denen sich die Alltagsgeschichte der regionalen Verwaltung rekonstruieren lässt.

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