An dem Fachwerkhaus Guleitzer Straße 22 in Kaiserwinkel ist eine für den Raum Brome außergewöhnliche Inschrift an der Giebelseite des Hauses zu lesen – eine Strophe aus einem Gedicht von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769). Dieser Spruch findet sich wohl auf den in der Samtgemeinde Brome noch erhaltenen Fachwerkhäusern nur dieses eine Mal, obwohl er als Hausspruch im 18. und 19. Jahrhundert sehr verbreitet war.
Doch zunächst betrachten wir die Straßenseite des Hauses. Dort ist über der Haustür ein Stein mit einer Inschrift zu finden:
Erbaut
im Jahre 1876.
Unsern Ein- und
Ausgang segne
Gott.

An der südwestlichen Giebelseite ist von der Straße aus ein Fachwerkbalken mit einer sehr langen Inschrift zu erkennen. Durch die angebaute Überdachung kann der Beginn des Spruchbalkens nicht entziffert werden, aber hierbei die KI dann geholfen. Der vollständige Spruch lautet:
[Genieße, was dir Gott beschieden] Entbehre gern was du nicht hast. Ein Jeder Stand hat seinen Frieden. Ein Jeder Stand hat seine Last. Josua 2

Der Spruch ist die vierte Strophe des Gedichts „Zufriedenheit mit seinem Stande“ von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769). Es wurde erstmals in der Sammlung „Geistliche Oden und Lieder“ im Jahr 1757 veröffentlicht. Die erwähnte Angabe Josua 2 ist vermutlich eine fehlerhafte Quellenangabe.
Hier nun das vollständige Gedicht:
Zufriedenheit mit seinem Zustande
Du klagst, und fühlest die Beschwerden
Des Stands, in dem du dürftig lebst;
Du strebest, glücklicher zu werden,
Und siehst, daß du vergebens strebst.
Ja, klage! Gott erlaubt die Zähren;
Doch denk im Klagen auch zurück.
Ist denn das Glück, das wir begehren,
Für uns auch stets ein wahres Glück?
Nie schenkt der Stand, nie schenken Güter
Dem Menschen die Zufriedenheit.
Die wahre Ruhe der Gemüter
Ist Tugend und Genügsamkeit.
Genieße, was dir Gott beschieden,
Entbehre gern, was du nicht hast.
Ein jeder Stand hat seinen Frieden,
Ein jeder Stand auch seine Last.
Gott ist der Herr, und seinen Segen
Verteilt er stets mit weiser Hand;
Nicht so, wie wir’s zu wünschen pflegen,
Doch so, wie er’s uns heilsam fand.
Willst du zu denken dich erkühnen,
Daß seine Liebe dich vergißt?
Er gibt uns mehr, als wir verdienen,
Und niemals, was uns schädlich ist.
Verzehre nicht des Lebens Kräfte
In träger Unzufriedenheit;
Besorge deines Stands Geschäfte,
Und nütze deine Lebenszeit.
Bei Pflicht und Fleiß sich Gott ergeben,
Ein ewig Glück in Hoffnung sehn,
Dies ist der Weg zu Ruh und Leben.
Herr, lehre diesen Weg mich gehn!
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