Die Rückkehr der Kraniche

Kraniche mit Jungvogel (Foto: Gerd Blanke)

Seit 2010 leben wieder Kraniche im Naturschutzgebiet an der Ohre nahe Altendorf. Dieses Gebiet ist sehr klein, aber für die Vögel wohl attraktiv genug, denn seit dieser Zeit ziehen sie regelmäßig im Jahr ein oder zwei Junge auf.

Noch vor gut 30 Jahren gehörte ihr heutiger Brutbereich zum Grenzgebiet der DDR, war gut bewacht und fast baumlos, da die Grenztruppen das Gelände für freies Sicht-und Schussfeld geräumt hatten. Die vorher stark mäandrierende Ohre war bis zum niedersächsischen Teil kanalisiert, die Altarme von der Ohre abgetrennt. Nach der Grenzöffnung wuchsen im Feuchtbiotop Weiden und Erlen. Durch die Altarme eignete sich das Gebiet nicht für die Landwirtschaft und wurde sich selbst überlassen.

Im Jahr 2004 übernahm eine Biberfamilie die Regie, denn das Feuchtgebiet ist für sie ideal. Weichhölzer wie Espe und Weide sind für die örtlichen Biber Nahrungsgrundlage. Die Tiere gestalten die Landschaft und die Gewässer nach ihren Bedürfnissen, legen in Gräben Transportwege für Zweige und Äste an, die zur Nahrung und zum Burgbau dienen, bauen kleine Dämme, oder stauen auch die Ohre, um konstanten Wasserpegel zu haben. Dieser Stau war wohl ausschlaggebend für die Kraniche, denn sie benötigen einen  Mindestwasserstand von 60 cm Tiefe um ihr Nest herum, damit Wildschweine, Füchse und andere Räuber die Eier oder Jungtiere nicht erreichen können. Das Nest wird auf einer kleinen Insel errichtet und ständig bewacht.

Im milden Winter 2019/20 verzichteten die hiesigen Kraniche auf einen Zug in den Süden. Die Ernährungslage war durch fehlenden Frost gesichert. So konnten sie frühzeitig ihr Revier, dass offensichtlich begehrt ist, gegen Konkurrenten mit ihren markanten trompetenartigen Rufen, aufgeregtem Hüpfen und Flügelschlagen verteidigen. Im Jahr 2020 besiedelten 2 Paare das Naturschutzgebiet „Ohreaue“. Bleibt zu hoffen, dass die großen Vögel weiter unbehelligt von uns Menschen hier in Ruhe leben können.

Der Otter bei Altendorf

Otter (Foto: Gerd Blanke)

Im letzten Jahrhundert war der Otter aus unserer Region scheinbar verschwunden, erst ab 2008 lebt er wieder in der Ohre bei Altendorf. Das ist durch zahlreiche Beobachtungen, Fotos  und Kotfunde nachgewiesen. Den Lebensraum konnte er durch die Bautätigkeit des Bibers zurückerobern. Dieser hat im Naturschutzgebiet die Ohre durch Dämme gestaut. Im den neu gebildeten Flachgewässern können sich Jungfische ideal entwickeln. Wo vermehrt Fische sind, finden sich auch die ein, die davon leben, wie Reiher, Eisvogel und Otter. Dadurch, dass der Mensch in die Landschaft dort nicht eingreift und „aufräumt“, gibt es durch umgefallene Bäume, zahlreiche Büsche und Uferhöhlungen ausreichend Verstecke, die der Otter bei seiner Nahrungssuche benötigt.

Die Tiere waren bei uns fast ausgerottet. Ihr unglaublich dichtes Fell mit mehr als 1.000 Haaren pro mm²  war früher sehr begehrt, um Pelze herzustellen. Außerdem wurden Otter als Nahrungskonkurrenten des Menschen bejagt. Heute steht das immer noch seltene Tier ganzjährig unter Schutz.

Als Nahrung dienen dem Wassermarder neben Fischen auch Frösche und wirbellose Tiere wie Schnecken. Egal, was das Tier gefressen hat, der Kot hat immer den gleichen Geruch.  Ursache dafür ist ein Darmenzym.

Da Otter meistens nachtaktiv sind, gelingt eine Beobachtung in freier Natur relativ selten. Das Foto entstand im Sommer 2015 durch Zufall, denn eigentlich wollte ich an einem Teich bei Altendorf ein Grünfüßiges Teichhuhn fotografieren, dessen Existenz von einem Bekannten angezweifelt wurde. Als sich das Schilf im Teich bewegte, drückte ich auf den Auslöser der Kamera und konnte so mehrere Bilder vom Otter schießen, der neugierig in Richtung des Klickgeräusches blickte. Gleich darauf muss ich den Otter durch eine Bewegung erschreckt haben, denn er tauchte plötzlich wieder ab.

Die Tiere sind äußerst beweglich, an Land wie im Wasser, fast 30 km/h ist ein Tier an Land schnell. Beim Tauchen können sie bis 8 Minuten unter Wasser bleiben. Ein Otter kann bis zu einem Meter lang und ca. 20 kg schwer werden. Bedingt durch den hohen Stoffwechsel müssen die Tiere 15 Prozent ihres Körpergewichts pro Tag fressen. Daher ist das Erscheinen eines solchen Tieres in Fischzuchtbetrieben und Angelgewässern wie den Ohreseen nicht gern gesehen.

Trotzdem muss der Mensch lernen, wieder mit seinen Nahrungskonkurrenten wie z.B. Otter, Reiher, Kormoran oder Wolf zu leben, da sie ein Teil unserer Natur sind und wichtige Aufgaben in der Nahrungskette erfüllen.

Veränderung der Landwirtschaft bewirkte Artensterben

Als meine Familie 1950 nach Altendorf zog, kam ich in ein Dorf, das durch bäuerliche Selbstversorgung geprägt war. Mehr als 30 Familien lebten ausschließlich von der Landwirtschaft. Die Viehwirtschaft umfasste alles, was man in Bilderbüchern für Kinder heute romantisierend als „heile Welt-Bauernhof“ oft noch findet. Kühe, Pferde, Schweine, Schafe und allerlei Federvieh waren auf jedem Hof zu sehen. Vor Pflüge und Wagen spannte man Pferde. Es gab nur vereinzelt Trecker. Die Kühe wurden morgens durch das Dorf zur Weide getrieben und abends zum Melken wieder in den Stall geholt. Vor den Höfen standen „Milchbänke“, auf denen Milchkannen auf den Abtransport zur Molkerei nach Brome warteten. Im Rundling war nur die Hauptstraße gepflastert. Die heutige Bundestraße hatte um 1950 noch Kopfsteinpflaster. Daneben verlief ein sogenannter Sommerweg, ein unbefestigter Straßenteil, den das Vieh gerne zum Laufen annahm. In die einklassige Volksschule gingen die Kinder zu Fuß, Schüler aus Benitz nahmen, falls vorhanden, ein Fahrrad und benutzten einen unbefestigten Rad- und Fußweg neben der heutigen Bundesstraße.

Die Bauerngärten dienten überwiegend der Selbstversorgung mit Gemüse und hatten nur einen kleinen Blumenanteil. Rasenmäher für Vorgärten gab es noch nicht.

Der Wiesenanteil in der Gemarkung war sehr groß, da man das Gras als Viehweide im Sommer benötigte, die restlichen Wiesen aber für Heu und Grummet (Grummet ist der zweite Grasschnitt) als Wintervorrat. Mineralischer Dünger wurde kaum eingesetzt. Der Mist aus der Viehhaltung diente dem Düngen des Ackers.

Geflecktes Knabenkraut (Foto: Gerd Blanke)

Daher waren die Wiesen mager und zeigten eine große Artenvielfalt an Blühpflanzen und Gräsern. Im Frühjahr waren die Wiesen übersät mit einem weißen Schleier von Wiesenschaumkraut. An nassen Stellen prahlten Sumpfdotterblumen mit ihrem satten Gelb. Dunkelgrün waren torfige Flächen durch die dort wachsenden Binsen. Im Mai überzog ein tiefes Rot die Stellen, wo noch einheimische Orchideen, wie das gefleckte Knabenkaut, wuchsen. Auch die wunderschönen Blüten des Fieberklees konnte man bis in die sechziger Jahre noch in der Nähe der Ohre finden.

Fieberkraut (Foto: Gerd Blanke)

Die war noch nicht begradigt und schlängelte sich in vielen Windungen in Richtung Brome. In den Höhlungen der Ufer fingen wir als Kinder mit der Hand noch Edelkrebse. In den Gräben hatten zahlreiche Kleinfische, wie die Stichlinge ihre Kinderstube. Auch Bodenbrüter in den Feuchtwiesen waren häufig. Das durchdringende „Kiwitt“ des Kiebitzes war weithin zu hören.

Kiebitz (Foto: Gerd Blanke)

Im Frühjahr konnte man die akrobatischen Balzflüge dieser Vögel beobachten. Wehe dem Fuchs, der dem Gelege zu nahe kam. Pfeilschnell stürzte sich ein Kiebitz im Sturzflug auf den möglichen Eierdieb und vertrieb ihn mit ständigen Scheinangriffen aus dem Revier. Allabendlich waren Bekassinen zu sehen. Bei ihren typischen Hochzeitsflügen ließen sich die Vögel aus großen Höhen senkrecht herabfallen und spreizten dabei die äußeren Steuerfedern ab, die dann ein „wummerndes“ Geräusch erzeugten. Daher nannte man diese Schnepfen im Volksmund Himmelsziegen. Selbst das melancholische Flöten des Großen Brachvogels war noch zu hören. Auch der Weißstorch zog auf einem Nest im Dorf seine Jungen auf. Nahrung gab es in den Feuchtwiesen reichlich. So konnte man in der Heuzeit manchmal den sogenannten „Krötenregen“ beobachten. Um diese Zeit verließen die kleinen Kröten massenweise ihre Gewässer und suchten, nachdem sie nun zu Lungenatmern geworden waren, ihre Nahrung in den Wiesen.

In den sechziger Jahren begann sich das Dorf zu verändern. Das Pferd als Zugtier machte Traktoren Platz, immer mehr Maschinen ersetzten oder erleichterten die schwere körperliche Handarbeit in der Landwirtschaft. Das „Höfesterben“ begann. Viele kleinere Bauern gaben ihre Höfe auf, weil sie in der wachsenden Industrie bessere Verdienstmöglichkeiten fanden. Andere übernahmen die Flächen, die zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden. Heute teilen sich drei Landwirte die Gemarkung. Immer weniger Vieh wurde gehalten, deshalb brach man Wiesen um, legte Drainagen und verwandelte sie in Ackerland. Der Verbrauch an Mineraldünger, Herbiziden und Pestiziden nahm zu. Die Verarmung der Landschaft begann schleichend.

Wo wenig Insekten sind, können auch nur wenige Insektenfresser leben. Wo Mineraldünger eingesetzt wird, gibt es keine Orchideen mehr, die auf stickstoffarme Böden angewiesen sind. Werden Wiesen entwässert, fehlt Schnepfen und Kiebitzen der weiche Boden, in dem sie ihre Nahrung finden. Wird das Gras auf noch vorhandenen Wiesen schon April/Mai für Silage gemäht, hat kein Bodenbrüter die Chance, seine Jungen aufzuziehen.

Auch der Storch verließ 1996 unser Dorf, weil er nicht mehr ausreichend Nahrung fand.

Leider besteht auf die Rückkehr der bei uns verschwundenen Arten keine Hoffnung, da vermutlich die Landwirtschaft nicht zu alten Strukturen zurückkehren kann. Allerdings gibt es auch Lichtblicke. Durch den Status des Naturschutzgebietes in unmittelbarer Nähe des Dorfes sind ein Rest an Wiesen und die sich windenden Ohre dem Einfluss des Menschen entzogen. Biber stauen durch Dämme, Flachgewässer entstanden und bilden ideale Kinderstuben für Jungfische. Dadurch kann man wieder vermehrt Tiere beobachten, die davon leben wie Eisvogel, Reiher und Otter. Der angehobene Wasserstand ermöglicht auch dem Kranich inzwischen Jahr für Jahr hier heimlich seine Jungen aufzuziehen.

Alte Grenzmarkierungen bei Brome

Ein Schnedehügel markiert die Grenze im Bromer Bogen. Der Feldstein lag ursprünglich oben auf dem Schnedehügel. Foto: Gerd Blanke

Der Vertrag von Wallstawe (1692) und die Entstehung der Grenzmarkierungen

Schon vor dem Fall der Grenze zur ehemalige DDR waren mir die Hügel im Wald östlich von Brome aufgefallen. Eine nähere Untersuchung war wegen der Lage genau auf der Demarkationslinie nicht möglich. Bei der Beschäftigung mit der Ortsgeschichte stieß ich erneut auf die Erwähnung dieser „Schnedehügel“.

Mehr als 300 Jahre ist es her, dass die Grenzziehung um den damaligen lüneburgischen Ort Brome neu geordnet wurde. Der Vertrag von Wallstawe, auch Permutationsvertrag von Wallstawe genannt, wurde am 14.06.1692 zwischen Kurfürst Friedrich lll. von Brandenburg und Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle geschlossen. Hier vereinbarte man einen Gebietsaustausch, sowie eine Grenzbegradigung.

Die bisher zu Brandenburg gehörenden Orte Ehra, Lessien, Wiswedel, der halbe Ort Voitze mit der Kiebitzmühle, sowie Grußendorf, fielen an das Herzogtum Lüneburg-Celle. Das lüneburgische Dorf Nettgau, die wüsten Feldmarken von Gladdenstedt,, Messien und Kleistow, sowie die Wichmannsmühle bei Gladdenstedt, gingen an das Kurfürstentum Brandenburg über, ebenso wie die lüneburgische Exklave Wallstawe. Die in dem Vertrag neu festgelegte Grenze ist seit dieser Zeit kaum verändert worden und bildete auch die „Staatsgrenze West“ der DDR. 1733 fertigen der königlich-großbritannische Ingenieur Michaelsen und der preußische Vermessungsingenieur Simon Spaldeholtz gemeinsam eine Grenzkarte nach den Vorgaben des Vertrages von Wallstawe an. Hier sind alle Grenzmarkierungen eingetragen. Nur neun der insgesamt 86 „Schnedehügel“, die mit Pfählen gekennzeichnet waren, sind im Wald des „Bromer Bogens“ noch vorhanden.

Wie sehen Schnedehügel aus?

Es handelt sich um bis zu 5 Meter breite und bis zu 1,50 m hohe Erdhügel (Schnedehügel), von denen wahrscheinlich alle auf der Spitze einen Feldstein trugen. Bei vier Schnedehügeln liegen in unmittelbarer Nähe noch die zugehörigen Steine.

Die restlichen Grenzmarkierungen sind durch menschliche Einflüsse verschwunden, ehemalige Hügel abgetragen und übergepflügt. Auf der Karte ist deutlich zu erkennen, dass die ehemaligen Grenzmarkierungen meistens dort gesetzt worden sind, wo sich die Richtung der Grenze änderte.

Auf der Grenzkarte von Spaldeholtz und Michaelsen von 1754 sind alle 1692 angelegten Grenzmarkierungen verzeichnet. Die roten Zahlen zeigen an, welche Hügel heute noch existieren.
Die Zahlen 1 bis 9 zeigen Standorte der noch vorhandenen Schnedehügel. Luftbild: GoogleEarth

Früher müssten sie weithin sichtbar gewesen sein, denn damals gab es hier nur wenig, was wir heute als Wald bezeichnen würden, da es auch keine nachhaltige Waldwirtschaft gab. Die nicht beackerte Landschaft bestand aus Heide, vereinzelten Bäumen und Buschwerk. Jeder holte sich sein Bau- und Brennholz dort, wo es am bequemsten war. Neu aufkeimendes Gehölz wurde durch Hüten von Vieh am Wachsen gehindert.

In jüngster Zeit wurden die noch vorhandenen Sandhügel per GPS eingemessen, fotografiert, kartiert und den Denkmalschutzbehörden von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gemeldet. In beiden Bundesländern waren sie bisher nicht bekannt und erfasst, werden aber nun in das Verzeichnis der Bodendenkmale aufgenommen. So dürfte ihre Existenz auch zukünftig gesichert sein. Ein Hinweisschild wird in Kürze an der „Wegespinne“ nahe der B 248 errichtet.