Eine Fluchtgeschichte – Schüleraufsatz 1949 aus Zicherie

Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Ostfront immer weiter gen Westen rückte, begann eine große Fluchtwelle. Viele Tausend flohen bei großer Kälte aus den bisher deutschen Ostgebieten wie Schlesien, Pommern und Ostpreußen. Züge fuhren nicht mehr fahrplanmäßig, Straßen waren durch Militärtransporte und Flüchtlingstrecks verstopft. Die Menschen waren im heillosen Durcheinander obendrein noch häufigem Beschuss durch feindliche Tiefflieger ausgesetzt. Zu Fuß, mit Kinderwagen, Handwagen oder Pferdefuhrwerken versuchte die Zivilbevölkerung sich nach Westen zu retten. Die Schwächsten, wie ältere Menschen, Kranke oder Kleinkinder waren die ersten Opfer, der oft planlosen Flucht, denn es fehlte u.a. an Medikamenten und Nahrungsmitteln. Funktionäre der NSDAP hatten die Fluchtwilligen bis zuletzt durch Parolen und Drohungen an dem Verlassen ihrer Heimat gehindert.

Auch in der kleinen Gemeinde Zicherie war eine größere Anzahl von Flüchtlingen gestrandet, darunter auch schulpflichtige Kinder. Als der Schulbetrieb wieder begann, waren insgesamt 50 Kinder zu unterrichten, nur 24 davon waren in Zicherie beheimatet. Von den übrigen 26 kamen 5 aus Ostpreußen, 7 aus Pommern, 4 aus Schlesien, 6 aus dem Warthegau und 4 aus Holland.

Im Jahr 1949 ließ der damalige Lehrer der Volksschule in Zicherie, Heinrich Wassermann, seine Schüler der Oberstufe eine Chronik des Ortes erstellen, zu der auch Fluchterlebnisse von Kindern gehörten. Sie dokumentierten die Schicksale dieser Kinder und ihrer Familien in eindrucksvoller Weise. Deren Erlebnisse waren häufig furchtbar und schwer traumatisierend.

Hier ein unveränderter Aufsatz eines Mädchens, in dem sie die Fluchterlebnisse und den Weg ihrer Flucht beschreibt.

Gerd Blanke

Charlotte R.: Unsere Flucht

Wir sind aus Pommern. Mein Vater war Schweizer in Neuhof, Kreis Rummelsburg. Als er eines morgens in den Kuhstall ging, war dieser voll deutscher Soldaten. Er fragte, was denn los sei. Sie sagten, daß der Russe nicht mehr weit von uns entfernt sei. Sie erzählten meinem Vater, daß sie mit Panzern unterwegs seien. Gleich kam mein Vater nach Hause gelaufen und erzählte es uns. Wir erschraken alle, denn wir hatten noch nicht so etwas mitgemacht. Nun kam auch ein Polizist aus dem nächsten Dorf und sagte uns, daß der Russe mit Panzern da sei. Wir packten schnell unsere Sachen, warfen alles auf den Wagen und fuhren los. Aber als wir ein Ende gefahren waren, mußten wir wieder zurück, denn wir merkten, daß die Russen auf uns schossen. Dies war der 28. Februar 1945. Ich war damals 10 Jahre alt. Zuerst sind wir bis zu unserm nächsten Dorf Marienburg geflüchtet. Von da aus sind wir am nächsten Morgen mit den Soldaten mitgegangen. Der Russe war nicht mehr weit von uns entfernt, dann sind wir nach Mallenzin gegangen. Von dort sind wir mit einem Militärauto gefahren. Die Soldaten haben uns nach Schlawe gebracht. Dort waren wir 4 Tage. Vom 1. bis zum 4. März. Weil der Russe immer näher kam und nicht mehr weit von Schlawe entfernt war, mußten wir auch von dort flüchten. Dann sind wir zu Fuß bis Stolpmünde gegangen. Abends haben wir dann in einem Gutshof in Altschlawe übernachtet. Auf den Straßen mußte man sich vorsehen, daß man nicht überfahren wurde. So weit wir vor und hinter uns sehen konnten, war alles voller Fahrzeuge. Wir waren ungefähr 2 bis 3 Tage gegangen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir da. Dann sind wir zu Hafen gegangen, und von dort sind wir mit einem Schiff nach Swinemünde gefahren. Wir waren 2 Wochen auf dem Wasser. Am Sonntag Vormittag sind wir angekommen. Dann sind wir runtergegangen und zum Hauptbahnhof. Am Montag sind wir in einen Flüchtlingszug gestiegen und wollten weiter fahren. Doch kam keine Lokomotive. Es gab auf einmal einen Knall, alles war dunkel vor unsern Augen. Die Scheiben aus Fenstern und Türen waren alle heraus. Wir lagen in lauter Glasscherben. Unser lieber Vater wurde sehr verwundet. Er bekam die Splitter von der Bombe in den Rücken. Er hat ein paar Mal nach Luft gerufen. Dann haben Lieselotte und meine Mutter ihn auf die Bank gesetzt. Er legte den Kopf runter und war tot. Unsere liebe Mutter wurde am Kopf schwer verletzt. Wir andern haben fast nichts abbekommen. Nur Lieselotte hat etwas in den Rücken und in das Haar bekommen. Nachdem die Flieger weg waren, sind wir in den Wald gelaufen. Dort wurden die Verwundeten von den Soldaten verbunden. Es waren sehr viele Verwundete. Als wir aus dem Wald kamen, sind wir wieder an den Zug gegangen, wo wir vorher drin waren. Da haben wir noch zum letzten Mal unsern lieben Vater gesehen. Danach sind wir zum Hauptbahnhof gegangen. Unsere liebe Mutter wurde eingeholt und verbunden. Wir saßen draußen auf einer Bank. Nach einigen Stunden mußten wir und unsere Mutter auf ein Militärauto steigen und wurden zum Krankenhaus gefahren. Nach einer Weile kam die Oberschwester und holte unsere Mutter nach oben in das Verbandszimmer. Nach einer Weile gingen Liselotte und eine Frau aus unserem Dorf in das Verbandszimmer und fragten, wie lange es noch dauerte. Da sagte die Schwester:“ Es dauert nur noch ein Weilchen“. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Schwester mit ihr nach unten in das Operationszimmer gegangen. Dann kam die Schwester nach einer Weile zu uns:“ Sie müssen gleich mit einem Omnibus nach Heringsdorf fahren. Es ist gleich wieder Alarm. Ihre Mutter wird noch heute operiert.“ Da haben wir sehr geweint, daß wir nun auch ohne unsere Mutter weiter fahren sollten. In einer halben Stunde waren wir in Heringsdorf. Wir kamen in ein Kinderheim. Da waren wir über eine Woche. Am nächsten Tag sind Lieselotte und Hildegard nach Swinemünde gegangen und wollten sehen, wie es mit unserer lieben Mutter wäre. Da haben die im Krankenhaus gesagt: „Eure Mutter ist entweder nach dahin gekommen, wo ihr seid, oder nach Greifswald.“ Als sie dann von Swinemünde gekommen waren, ist Lieselotte gleich nach dem Krankenhaus gegangen, ob unsere liebe Mutter da wäre. Sie war nicht da. Da haben sie uns zwei Adressen aufgeschrieben, wo wir hinschreiben sollten. Vom Greifswalder Luftwaffenlazarett bekamen wir Antwort. Sie haben geschrieben, daß sie da sei. Am Abend sind wir noch dicht bei Greifswald in ein Kinderheim gekommen. Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Trecker nach Greifswald in die Stadthalle. Dann sind Lieselotte und Hildegard zum Luftwaffenlazarett gegangen. Da haben die Ärzte und Schwestern gesagt: „Eine Marie R., geb. M., 49 Jahre alt, ist hier nicht eingeliefert worden. Gehen Sie mal in die und die Straße und zu dem und dem Mann. Der weiß, wo Ihre Mutter ist.“ Als sie zu dem Mann kamen, hat er gesagt, daß unsere Mutter tot sei. Da hat er ihnen die Handtasche mit den Papieren gegeben. Jetzt sollten wir in einen Kindergarten für elternlose Kinder kommen. Weil da Scharlach war, kamen wir in die Hermann-Löns-Schule. Nun wurde unsere liebe Mutter in Greifswald beerdigt. Bei der Beerdigung waren wir auch anwesend. Als kein Scharlach mehr da war, kamen wir in einen Kindergarten. Einige Wochen später kamen wir nach Lubmin ins Kinderheim. Auch hier waren wir nicht lange, denn der Russe rückte immer näher, daß wir auch von hier flüchten mußten. Wir wurden mit einem Schiff nach Stralsund gebracht. Von da aus sind wir mit einem Schiff nach Dänemark gekommen. Dort kamen wir in ein Dorf und haben ein halbes Jahr da gewohnt. Nachdem kamen wir aus dem Dorf Hardenberg heraus und wurden nach Berritzgaard gebracht. Dort kamen wir mit zwei Kinderheimen zusammen und lebten zwei Jahre zusammen im Lager. So haben wir unsere Flucht erlebt.

Die Fahrt von Dänemark nach Deutschland

Schon wochenlang wurde im Lager Berritzgaard erzählt, daß wir bald nach Deutschland fahren. Wir haben uns schon so sehr gefreut, um endlich nach 1 ½ Jahren wieder hinter dem Stacheldraht herauszukommen. Eines Tages kam der dänische Lagerkommandant ins Kinderheim und sagte: „In 2 Wochen geht es los nach Deutschland“. Da wurde unsere ganze Wäsche gewaschen. Eine große Aufregung herrschte im ganzen Lager. Als dann die ganzen Sachen eingepackt waren, kam der Bescheid, es wäre abgeblasen. Es würde noch einige Monate dauern. Nach 2 Wochen am Montag kam dann wieder Bescheid, daß es jetzt doch losgeht. Dann wurden wir Kinder in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe waren 8 Kinder und zu jeder Gruppe kam eine erwachsene Person. Anfang März wurden wir mit Autos zur nächsten Bahnstation nach Saxköbing gebracht, wo wir gleich in den Zug einstiegen. Jede Gruppe kam in ein Abteil. Als alles eingestiegen war, fuhren wir nach 2 Stunden los. Einen ganzen Tag fuhren wir mit dem Zug. Dann sind wir zu einem Hafen gegangen und kamen auf eine Fähre, wo auch die Eisenbahnwagen mit unserm Gepäck draufgebracht wurden. Wir haben gestaunt, daß wir nun auf einem so großen Schiff fahren sollten, wo sogar Güterwagen und Autos drauf waren. Da noch zu dicke Eisschollen waren, warteten wir auf einen Eisbrecher, der vorfahren sollte. Weil der Eisbrecher nicht kam, fuhr die Fähre los. Nachher kam er uns entgegen. Mit der Fähre fuhren wir über den großen Belt. Dann mußten wir wieder in einen Zug steigen, und fuhren in eins nach Flensburg. Wir konnten uns gar nicht genug wundern, als wir die Trümmer der Städte und auf den Bahnhöfen die Lokomotiven und Eisenbahnwagen sahen, die wie Streichholzschachteln zusammengepresst waren von den Bomben. Als wir nun in die französische Zone kamen, war schon alles grün, die Wiesen und auch die Saat. So fuhren wir denn durch Offenburg, wo wir dann ausstiegen und in Lager verteilt wurden. Einige Wochen später kamen wir nach Altdorf, dort wurden wir Öfters von den Bauern zum Essen eingeladen, denn sonst bekamen wir nur ganz dünne Maggisuppe. Bald darauf kamen wir auch von dort weg. Und so fuhren wir denn durch die französische und russische Zone bis in die englische. So fuhren wir immer weiter, bis wir endlich in Zicherie ankamen. Das war die Fahrt von Dänemark nach Deutschland.

Charlotte R.s Weg nach Zicherie

Die Rückkehr der Kraniche

Kraniche mit Jungvogel (Foto: Gerd Blanke)

Seit 2010 leben wieder Kraniche im Naturschutzgebiet an der Ohre nahe Altendorf. Dieses Gebiet ist sehr klein, aber für die Vögel wohl attraktiv genug, denn seit dieser Zeit ziehen sie regelmäßig im Jahr ein oder zwei Junge auf.

Noch vor gut 30 Jahren gehörte ihr heutiger Brutbereich zum Grenzgebiet der DDR, war gut bewacht und fast baumlos, da die Grenztruppen das Gelände für freies Sicht-und Schussfeld geräumt hatten. Die vorher stark mäandrierende Ohre war bis zum niedersächsischen Teil kanalisiert, die Altarme von der Ohre abgetrennt. Nach der Grenzöffnung wuchsen im Feuchtbiotop Weiden und Erlen. Durch die Altarme eignete sich das Gebiet nicht für die Landwirtschaft und wurde sich selbst überlassen.

Im Jahr 2004 übernahm eine Biberfamilie die Regie, denn das Feuchtgebiet ist für sie ideal. Weichhölzer wie Espe und Weide sind für die örtlichen Biber Nahrungsgrundlage. Die Tiere gestalten die Landschaft und die Gewässer nach ihren Bedürfnissen, legen in Gräben Transportwege für Zweige und Äste an, die zur Nahrung und zum Burgbau dienen, bauen kleine Dämme, oder stauen auch die Ohre, um konstanten Wasserpegel zu haben. Dieser Stau war wohl ausschlaggebend für die Kraniche, denn sie benötigen einen  Mindestwasserstand von 60 cm Tiefe um ihr Nest herum, damit Wildschweine, Füchse und andere Räuber die Eier oder Jungtiere nicht erreichen können. Das Nest wird auf einer kleinen Insel errichtet und ständig bewacht.

Im milden Winter 2019/20 verzichteten die hiesigen Kraniche auf einen Zug in den Süden. Die Ernährungslage war durch fehlenden Frost gesichert. So konnten sie frühzeitig ihr Revier, dass offensichtlich begehrt ist, gegen Konkurrenten mit ihren markanten trompetenartigen Rufen, aufgeregtem Hüpfen und Flügelschlagen verteidigen. Im Jahr 2020 besiedelten 2 Paare das Naturschutzgebiet „Ohreaue“. Bleibt zu hoffen, dass die großen Vögel weiter unbehelligt von uns Menschen hier in Ruhe leben können.

Der Otter bei Altendorf

Otter (Foto: Gerd Blanke)

Im letzten Jahrhundert war der Otter aus unserer Region scheinbar verschwunden, erst ab 2008 lebt er wieder in der Ohre bei Altendorf. Das ist durch zahlreiche Beobachtungen, Fotos  und Kotfunde nachgewiesen. Den Lebensraum konnte er durch die Bautätigkeit des Bibers zurückerobern. Dieser hat im Naturschutzgebiet die Ohre durch Dämme gestaut. Im den neu gebildeten Flachgewässern können sich Jungfische ideal entwickeln. Wo vermehrt Fische sind, finden sich auch die ein, die davon leben, wie Reiher, Eisvogel und Otter. Dadurch, dass der Mensch in die Landschaft dort nicht eingreift und „aufräumt“, gibt es durch umgefallene Bäume, zahlreiche Büsche und Uferhöhlungen ausreichend Verstecke, die der Otter bei seiner Nahrungssuche benötigt.

Die Tiere waren bei uns fast ausgerottet. Ihr unglaublich dichtes Fell mit mehr als 1.000 Haaren pro mm²  war früher sehr begehrt, um Pelze herzustellen. Außerdem wurden Otter als Nahrungskonkurrenten des Menschen bejagt. Heute steht das immer noch seltene Tier ganzjährig unter Schutz.

Als Nahrung dienen dem Wassermarder neben Fischen auch Frösche und wirbellose Tiere wie Schnecken. Egal, was das Tier gefressen hat, der Kot hat immer den gleichen Geruch.  Ursache dafür ist ein Darmenzym.

Da Otter meistens nachtaktiv sind, gelingt eine Beobachtung in freier Natur relativ selten. Das Foto entstand im Sommer 2015 durch Zufall, denn eigentlich wollte ich an einem Teich bei Altendorf ein Grünfüßiges Teichhuhn fotografieren, dessen Existenz von einem Bekannten angezweifelt wurde. Als sich das Schilf im Teich bewegte, drückte ich auf den Auslöser der Kamera und konnte so mehrere Bilder vom Otter schießen, der neugierig in Richtung des Klickgeräusches blickte. Gleich darauf muss ich den Otter durch eine Bewegung erschreckt haben, denn er tauchte plötzlich wieder ab.

Die Tiere sind äußerst beweglich, an Land wie im Wasser, fast 30 km/h ist ein Tier an Land schnell. Beim Tauchen können sie bis 8 Minuten unter Wasser bleiben. Ein Otter kann bis zu einem Meter lang und ca. 20 kg schwer werden. Bedingt durch den hohen Stoffwechsel müssen die Tiere 15 Prozent ihres Körpergewichts pro Tag fressen. Daher ist das Erscheinen eines solchen Tieres in Fischzuchtbetrieben und Angelgewässern wie den Ohreseen nicht gern gesehen.

Trotzdem muss der Mensch lernen, wieder mit seinen Nahrungskonkurrenten wie z.B. Otter, Reiher, Kormoran oder Wolf zu leben, da sie ein Teil unserer Natur sind und wichtige Aufgaben in der Nahrungskette erfüllen.

Veränderung der Landwirtschaft bewirkte Artensterben

Als meine Familie 1950 nach Altendorf zog, kam ich in ein Dorf, das durch bäuerliche Selbstversorgung geprägt war. Mehr als 30 Familien lebten ausschließlich von der Landwirtschaft. Die Viehwirtschaft umfasste alles, was man in Bilderbüchern für Kinder heute romantisierend als „heile Welt-Bauernhof“ oft noch findet. Kühe, Pferde, Schweine, Schafe und allerlei Federvieh waren auf jedem Hof zu sehen. Vor Pflüge und Wagen spannte man Pferde. Es gab nur vereinzelt Trecker. Die Kühe wurden morgens durch das Dorf zur Weide getrieben und abends zum Melken wieder in den Stall geholt. Vor den Höfen standen „Milchbänke“, auf denen Milchkannen auf den Abtransport zur Molkerei nach Brome warteten. Im Rundling war nur die Hauptstraße gepflastert. Die heutige Bundestraße hatte um 1950 noch Kopfsteinpflaster. Daneben verlief ein sogenannter Sommerweg, ein unbefestigter Straßenteil, den das Vieh gerne zum Laufen annahm. In die einklassige Volksschule gingen die Kinder zu Fuß, Schüler aus Benitz nahmen, falls vorhanden, ein Fahrrad und benutzten einen unbefestigten Rad- und Fußweg neben der heutigen Bundesstraße.

Die Bauerngärten dienten überwiegend der Selbstversorgung mit Gemüse und hatten nur einen kleinen Blumenanteil. Rasenmäher für Vorgärten gab es noch nicht.

Der Wiesenanteil in der Gemarkung war sehr groß, da man das Gras als Viehweide im Sommer benötigte, die restlichen Wiesen aber für Heu und Grummet (Grummet ist der zweite Grasschnitt) als Wintervorrat. Mineralischer Dünger wurde kaum eingesetzt. Der Mist aus der Viehhaltung diente dem Düngen des Ackers.

Geflecktes Knabenkraut (Foto: Gerd Blanke)

Daher waren die Wiesen mager und zeigten eine große Artenvielfalt an Blühpflanzen und Gräsern. Im Frühjahr waren die Wiesen übersät mit einem weißen Schleier von Wiesenschaumkraut. An nassen Stellen prahlten Sumpfdotterblumen mit ihrem satten Gelb. Dunkelgrün waren torfige Flächen durch die dort wachsenden Binsen. Im Mai überzog ein tiefes Rot die Stellen, wo noch einheimische Orchideen, wie das gefleckte Knabenkaut, wuchsen. Auch die wunderschönen Blüten des Fieberklees konnte man bis in die sechziger Jahre noch in der Nähe der Ohre finden.

Fieberkraut (Foto: Gerd Blanke)

Die war noch nicht begradigt und schlängelte sich in vielen Windungen in Richtung Brome. In den Höhlungen der Ufer fingen wir als Kinder mit der Hand noch Edelkrebse. In den Gräben hatten zahlreiche Kleinfische, wie die Stichlinge ihre Kinderstube. Auch Bodenbrüter in den Feuchtwiesen waren häufig. Das durchdringende „Kiwitt“ des Kiebitzes war weithin zu hören.

Kiebitz (Foto: Gerd Blanke)

Im Frühjahr konnte man die akrobatischen Balzflüge dieser Vögel beobachten. Wehe dem Fuchs, der dem Gelege zu nahe kam. Pfeilschnell stürzte sich ein Kiebitz im Sturzflug auf den möglichen Eierdieb und vertrieb ihn mit ständigen Scheinangriffen aus dem Revier. Allabendlich waren Bekassinen zu sehen. Bei ihren typischen Hochzeitsflügen ließen sich die Vögel aus großen Höhen senkrecht herabfallen und spreizten dabei die äußeren Steuerfedern ab, die dann ein „wummerndes“ Geräusch erzeugten. Daher nannte man diese Schnepfen im Volksmund Himmelsziegen. Selbst das melancholische Flöten des Großen Brachvogels war noch zu hören. Auch der Weißstorch zog auf einem Nest im Dorf seine Jungen auf. Nahrung gab es in den Feuchtwiesen reichlich. So konnte man in der Heuzeit manchmal den sogenannten „Krötenregen“ beobachten. Um diese Zeit verließen die kleinen Kröten massenweise ihre Gewässer und suchten, nachdem sie nun zu Lungenatmern geworden waren, ihre Nahrung in den Wiesen.

In den sechziger Jahren begann sich das Dorf zu verändern. Das Pferd als Zugtier machte Traktoren Platz, immer mehr Maschinen ersetzten oder erleichterten die schwere körperliche Handarbeit in der Landwirtschaft. Das „Höfesterben“ begann. Viele kleinere Bauern gaben ihre Höfe auf, weil sie in der wachsenden Industrie bessere Verdienstmöglichkeiten fanden. Andere übernahmen die Flächen, die zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden. Heute teilen sich drei Landwirte die Gemarkung. Immer weniger Vieh wurde gehalten, deshalb brach man Wiesen um, legte Drainagen und verwandelte sie in Ackerland. Der Verbrauch an Mineraldünger, Herbiziden und Pestiziden nahm zu. Die Verarmung der Landschaft begann schleichend.

Wo wenig Insekten sind, können auch nur wenige Insektenfresser leben. Wo Mineraldünger eingesetzt wird, gibt es keine Orchideen mehr, die auf stickstoffarme Böden angewiesen sind. Werden Wiesen entwässert, fehlt Schnepfen und Kiebitzen der weiche Boden, in dem sie ihre Nahrung finden. Wird das Gras auf noch vorhandenen Wiesen schon April/Mai für Silage gemäht, hat kein Bodenbrüter die Chance, seine Jungen aufzuziehen.

Auch der Storch verließ 1996 unser Dorf, weil er nicht mehr ausreichend Nahrung fand.

Leider besteht auf die Rückkehr der bei uns verschwundenen Arten keine Hoffnung, da vermutlich die Landwirtschaft nicht zu alten Strukturen zurückkehren kann. Allerdings gibt es auch Lichtblicke. Durch den Status des Naturschutzgebietes in unmittelbarer Nähe des Dorfes sind ein Rest an Wiesen und die sich windenden Ohre dem Einfluss des Menschen entzogen. Biber stauen durch Dämme, Flachgewässer entstanden und bilden ideale Kinderstuben für Jungfische. Dadurch kann man wieder vermehrt Tiere beobachten, die davon leben wie Eisvogel, Reiher und Otter. Der angehobene Wasserstand ermöglicht auch dem Kranich inzwischen Jahr für Jahr hier heimlich seine Jungen aufzuziehen.

Alte Grenzmarkierungen bei Brome

Ein Schnedehügel markiert die Grenze im Bromer Bogen. Der Feldstein lag ursprünglich oben auf dem Schnedehügel. Foto: Gerd Blanke

Der Vertrag von Wallstawe (1692) und die Entstehung der Grenzmarkierungen

Schon vor dem Fall der Grenze zur ehemalige DDR waren mir die Hügel im Wald östlich von Brome aufgefallen. Eine nähere Untersuchung war wegen der Lage genau auf der Demarkationslinie nicht möglich. Bei der Beschäftigung mit der Ortsgeschichte stieß ich erneut auf die Erwähnung dieser „Schnedehügel“.

Mehr als 300 Jahre ist es her, dass die Grenzziehung um den damaligen lüneburgischen Ort Brome neu geordnet wurde. Der Vertrag von Wallstawe, auch Permutationsvertrag von Wallstawe genannt, wurde am 14.06.1692 zwischen Kurfürst Friedrich lll. von Brandenburg und Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle geschlossen. Hier vereinbarte man einen Gebietsaustausch, sowie eine Grenzbegradigung.

Die bisher zu Brandenburg gehörenden Orte Ehra, Lessien, Wiswedel, der halbe Ort Voitze mit der Kiebitzmühle, sowie Grußendorf, fielen an das Herzogtum Lüneburg-Celle. Das lüneburgische Dorf Nettgau, die wüsten Feldmarken von Gladdenstedt,, Messien und Kleistow, sowie die Wichmannsmühle bei Gladdenstedt, gingen an das Kurfürstentum Brandenburg über, ebenso wie die lüneburgische Exklave Wallstawe. Die in dem Vertrag neu festgelegte Grenze ist seit dieser Zeit kaum verändert worden und bildete auch die „Staatsgrenze West“ der DDR. 1733 fertigen der königlich-großbritannische Ingenieur Michaelsen und der preußische Vermessungsingenieur Simon Spaldeholtz gemeinsam eine Grenzkarte nach den Vorgaben des Vertrages von Wallstawe an. Hier sind alle Grenzmarkierungen eingetragen. Nur neun der insgesamt 86 „Schnedehügel“, die mit Pfählen gekennzeichnet waren, sind im Wald des „Bromer Bogens“ noch vorhanden.

Wie sehen Schnedehügel aus?

Es handelt sich um bis zu 5 Meter breite und bis zu 1,50 m hohe Erdhügel (Schnedehügel), von denen wahrscheinlich alle auf der Spitze einen Feldstein trugen. Bei vier Schnedehügeln liegen in unmittelbarer Nähe noch die zugehörigen Steine.

Die restlichen Grenzmarkierungen sind durch menschliche Einflüsse verschwunden, ehemalige Hügel abgetragen und übergepflügt. Auf der Karte ist deutlich zu erkennen, dass die ehemaligen Grenzmarkierungen meistens dort gesetzt worden sind, wo sich die Richtung der Grenze änderte.

Auf der Grenzkarte von Spaldeholtz und Michaelsen von 1754 sind alle 1692 angelegten Grenzmarkierungen verzeichnet. Die roten Zahlen zeigen an, welche Hügel heute noch existieren.
Die Zahlen 1 bis 9 zeigen Standorte der noch vorhandenen Schnedehügel. Luftbild: GoogleEarth

Früher müssten sie weithin sichtbar gewesen sein, denn damals gab es hier nur wenig, was wir heute als Wald bezeichnen würden, da es auch keine nachhaltige Waldwirtschaft gab. Die nicht beackerte Landschaft bestand aus Heide, vereinzelten Bäumen und Buschwerk. Jeder holte sich sein Bau- und Brennholz dort, wo es am bequemsten war. Neu aufkeimendes Gehölz wurde durch Hüten von Vieh am Wachsen gehindert.

In jüngster Zeit wurden die noch vorhandenen Sandhügel per GPS eingemessen, fotografiert, kartiert und den Denkmalschutzbehörden von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gemeldet. In beiden Bundesländern waren sie bisher nicht bekannt und erfasst, werden aber nun in das Verzeichnis der Bodendenkmale aufgenommen. So dürfte ihre Existenz auch zukünftig gesichert sein. Ein Hinweisschild wird in Kürze an der „Wegespinne“ nahe der B 248 errichtet.