„Wölfe – auch schon damals“

Der letzte Wolf im Landkreis Gifhorn wurde im Jahre 1956 bei Boitzenhagen erlegt. Danach gab es Jahrzehnte lang in den heimischen Wäldern und Fluren keine Wölfe mehr, erst seit 2017 gilt ihre Rückkehr im hiesigen Raum als gesichert.

Die kontroverse Debatte darüber konnte man in verschiedenen Medien verfolgen, angefeuert von den jeweils unterschiedlichen Interessenlagen und Standpunkten.

Mich interessierte, welche Erfahrungen die Menschen unserer Region in früheren Zeiten mit dem Wolf gemacht hatten. Dazu bin ich bei dem Bromer Heimatforscher Karl Schmalz, der sich mit vielen Aufsätzen zur Heimatgeschichte verdient gemacht hat, fündig geworden.

In der Zusammenfassung seiner Aufsätze befinden sich die Berichte „Eine Wolfsjagd im Ehraer Holz“, „Wolfsplage vor 300 Jahren“, „Wolfsjagd zwischen Radenbeck und „Tesekendorf“ und „Wölfe – auch schon damals“.

Der Wolf hatte besonders damals, aber auch heute noch, für viele Menschen das Image des gefährlichen und blutrünstigen Raubtieres. Als Nahrungskonkurrent, der das kostbare Vieh der Bauern und der kleinen Leute riss, wurde er verfolgt und wenn möglich, zur Strecke gebracht. 

Auch wenn es in der Beschreibung über die Wolfsjagd in Ehra vor allem darum geht, wer damals das Jagdrecht in unseren heimischen Wäldern hatte, so erfährt man in der Vernehmung von Ehraer Bürgern durch den Knesebecker Amtmann im März 1702 doch etwas über die Methode dieser Jagd.

Dazu wurden Leinen mit Lappen versehen und zwischen Bäume gespannt, um die Tiere in eine bestimmte Richtung zu lenken. Konnte ein Wolf entwischen, war er „durch die Lappen gegangen“. Zwischen den Bäumen wurden zudem Netze aufgestellt, in die die Wölfe getrieben werden sollten. Jagdhelfer stiegen auf Bäume und hielten von dort oben Wache. Wurde ein Wolf gesichtet, sollte er in den nach und nach enger gestellten Netzen gefangen und erlegt werden.

So war auch der Plan damals in Ehra. Besonders erfolgreich war das in diesem Falle nicht, denn obwohl die Jäger acht Tage lang zum Schießen ausgezogen waren, bekamen sie keinen Wolf zu Gesicht und damit auch keinen vor die Flinte.

Eine andere Jagdmethode war die Jagd mit Wolfskuhlen. Dicht an der Grenze zur Bromer Gemarkung gibt es sowohl eine „Große Wolffs Kuhl“ als auch eine „Kleine Wolffskuhl“.  Die Bezeichnungen deuten darauf hin, dass die Jagd mit Fallgruben auch hier durchgeführt wurde.

In die getarnten Gruben (Kuhlen) wurde der Wolf getrieben und konnte aus eigener Kraft nicht mehr entkommen. Das gefangene Tier konnte entweder gleich getötet oder lebend entnommen werden und einer Jagdgesellschaft zugeführt werden.

Wolfsjagden waren ein Teil des adligen Lebens und erfreuten sich in diesen Kreisen großer Beliebtheit „… Eß werden die vf künfftigen vnserm Beylager zur Lust benöthigte Wölffe in Vnsern Landen nicht mehr zu erlangen stehen“, sorgte sich Herzog Christian Ludwig in einem Schreiben vom März 1653 an seinen Oberforst- und Jägermeister Georg von Wangenheim.

Die lebend gefangenen Wölfe wurden in extra hergerichteten Gehegen für dieses besondere „Jagdvergnügen“ solange gehalten, bis wieder eine herrschaftliche Wolfsjagd anstand.

Damit wurde deutlich, dass es längst nicht nur darum ging, das Vieh zu schützen, sondern „wieder einmal in Abenteuerlust die Aufregungen einer Wolfsjagd genießen zu können“, wie Karl Schmalz bilanzierte.

Bei den abkommandierten Jagdhelfern der adligen Jagd hielt sich die Begeisterung über den Einsatz dagegen in Grenzen.

Zur Wolfsjagd wurde stets ein starkes Aufgebot an Helfern benötigt. Weil die sich nur schwerlich freiwillig bereit fanden, griff der Adel zum verpflichtenden Mittel der „Landfolge“. Dazu gab es eigens aufgestellte Listen, in denen die zur Landfolge aufgestellten Männer aufgeführt wurden. Allein das Amt Knesebeck zählte im Jahre 1663 ganze 245 Mann, die unbefristet und ohne Entlohnung aufgerufen werden konnten.

Probleme hat es für die Bauern und Tierhalter durch den Wolf immer wieder gegeben. Die im März 1647 erfolgte Meldung durch einen Thomas Daume aus dem Amt Lüne berichtete sogar von einem Angriff auf eine Frau. Der Wolf soll ihr nach dem Aufstehen nach der Kehle gefasst haben und wurde von dem herangeeilten Gesinde erstochen.

In einem anderen Fall hatte der Pfarrer von Jeggau im Jahre 1659 ins Kirchenbuch eingetragen: „Ein Wolf hat… den Schulzen Hans Mumme beim Anfahren des Holzes für den Prediger, im Dorf angegriffen, so daß er elendiglich gestorben“.

Wie es zu den Zwischenfällen gekommen war, sowie die näheren Umstände der Attacken, wurde leider nicht festgehalten.

Bei zahlreichen früheren Berichten aus Geschichte und Literatur, in denen über Wolfsattacken auf Menschen durch bis zu 20 Tiere starke Rudel geschrieben wurde, handelt es sich ganz sicher um Übertreibungen.

Wölfe leben im Familienverbund, ähnlich dem Menschen. Im Alter von 11 bis 12 Monaten verlassen die Jungtiere ihr Rudel um sich ein neues Revier und einen Partner zu suchen, mit dem sie eine eigene Familie gründen können. Bei dieser Suche legen sie lange Strecken zurück. Thomas Pusch, der Sprecher des Landesfachausschusses Wolf beim Naturschutzbund in Nordrhein-Westfalen erklärte, „Ein Wolfsrudel besteht aus acht bis 10 Tieren, die auf einem Gebiet von 250 Quadratkilometern leben. Größer wird das Rudel nicht, denn „Es gibt eine Inzuchtsperre…“

In dem Aufsatz über die „Wolfsjagd zwischen Radenbeck und „Teskendorf“ wird davon berichtet, dass bei einer offenbar ungenehmigten Wolfsjagd ein zwölfjähriger Junge versehentlich angeschossen wurde, so dass er 5 Tage später verstarb. Ansonsten wird vermerkt „nichts gesehen, nichts gefangen und nichts geschossen“.

Aus dem vierten Bericht von Karl Schmalz über „Wölfe – auch schon damals“, erfahren wir, dass es in der hiesigen Gegend bis in die neuere Zeit immer wieder Wolfsjagden gegeben hat. So wurden ein „großer Ehraer Wolf“ im Dezember 1824 und ein Schönewörder Wolf 1871 bei Erpensen erlegt.

Schmalz vermutete, die Bezeichnung Wolf könnte früher allgemein als Synonym für wilde Tiere gebraucht worden sein, so dass nicht immer ganz eindeutig war, ob es sich bei dem „Übeltäter“ tatsächlich um einen Wolf handelte.

Aus unserer Natur ist der Wolf inzwischen nicht mehr wegzudenken. Weder sollten wir ihn romantisieren, noch unbegründete Ängste schüren. Ob Karl Schmalz das wohl auch so gesehen hätte? Wohl nicht, dazu war er, der 1966 gestorben ist, wohl doch zu sehr der Denkweise seiner Zeit verpflichtet, in der „der letzte Gifhorner Wolf“ als gefährliches Raubtier erlegt wurde.

Altmärkische Lehranstalt für Landwirtschaft etc. zu Klötze – Winter-Semester 1907/08

Foto in der Wassermühle in Wiepke (Altmarkkreis Salzwedel)

In der Wassermühle in Wiepke (Altmarkkreis Salzwedel) hängt dieses gerahmte Foto, das den Titel „Altmärkische Lehranstalt für Landwirtschaft etc. zu Klötze – Wintersemester 1907/08“ trägt. Diese Fotografie ist ein Glücksfall für die Heimatgeschichte, denn unter dem Bild sind die Familiennamen der abgebildeten Personen aufgedruckt. Beim Lesen dieser Namen erfahren wir, dass auch Schüler aus dem Raum Brome diese Lehranstalt im benachbarten Klötze damals besucht haben.

In der hintersten Reihe als 5. von links steht Lüthe aus Zicherie, in der 1. Reihe der stehenden Schüler ist als 6. von links Reichardt aus Parsau zu sehen. In der vorletzten hinteren Reihe ist der 6. von rechts Müller aus Voitze (neben der Fahne).

Digitales Archiv des MHV Brome

Der Museums- und Heimatverein Brome e.V. ist immer auf der Suche nach neuen Archivalien für seine Sammlung zur Heimatgeschichte der Samtgemeinde Brome. In Zeiten der Digitalisierung freuen wir uns nicht nur über Originale, sondern auch über Scans und digitale Fotos, die wir dann für die Nachwelt archivieren. Unser digitales Brome-Archiv umfasst mittlerweile mehrere tausend Seiten an digitalisierten Akten und Urkunden und hunderten von digitalisierten Fotos. Wir sind immer auf der Suche nach neuen historischen Archivalien. Helfen Sie mit und erweitern Sie unser Archiv!

Eine Fluchtgeschichte – Schüleraufsatz 1949 aus Zicherie

Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Ostfront immer weiter gen Westen rückte, begann eine große Fluchtwelle. Viele Tausend flohen bei großer Kälte aus den bisher deutschen Ostgebieten wie Schlesien, Pommern und Ostpreußen. Züge fuhren nicht mehr fahrplanmäßig, Straßen waren durch Militärtransporte und Flüchtlingstrecks verstopft. Die Menschen waren im heillosen Durcheinander obendrein noch häufigem Beschuss durch feindliche Tiefflieger ausgesetzt. Zu Fuß, mit Kinderwagen, Handwagen oder Pferdefuhrwerken versuchte die Zivilbevölkerung sich nach Westen zu retten. Die Schwächsten, wie ältere Menschen, Kranke oder Kleinkinder waren die ersten Opfer, der oft planlosen Flucht, denn es fehlte u.a. an Medikamenten und Nahrungsmitteln. Funktionäre der NSDAP hatten die Fluchtwilligen bis zuletzt durch Parolen und Drohungen an dem Verlassen ihrer Heimat gehindert.

Auch in der kleinen Gemeinde Zicherie war eine größere Anzahl von Flüchtlingen gestrandet, darunter auch schulpflichtige Kinder. Als der Schulbetrieb wieder begann, waren insgesamt 50 Kinder zu unterrichten, nur 24 davon waren in Zicherie beheimatet. Von den übrigen 26 kamen 5 aus Ostpreußen, 7 aus Pommern, 4 aus Schlesien, 6 aus dem Warthegau und 4 aus Holland.

Im Jahr 1949 ließ der damalige Lehrer der Volksschule in Zicherie, Heinrich Wassermann, seine Schüler der Oberstufe eine Chronik des Ortes erstellen, zu der auch Fluchterlebnisse von Kindern gehörten. Sie dokumentierten die Schicksale dieser Kinder und ihrer Familien in eindrucksvoller Weise. Deren Erlebnisse waren häufig furchtbar und schwer traumatisierend.

Hier ein unveränderter Aufsatz eines Mädchens, in dem sie die Fluchterlebnisse und den Weg ihrer Flucht beschreibt.

Gerd Blanke

Charlotte R.: Unsere Flucht

Wir sind aus Pommern. Mein Vater war Schweizer in Neuhof, Kreis Rummelsburg. Als er eines morgens in den Kuhstall ging, war dieser voll deutscher Soldaten. Er fragte, was denn los sei. Sie sagten, daß der Russe nicht mehr weit von uns entfernt sei. Sie erzählten meinem Vater, daß sie mit Panzern unterwegs seien. Gleich kam mein Vater nach Hause gelaufen und erzählte es uns. Wir erschraken alle, denn wir hatten noch nicht so etwas mitgemacht. Nun kam auch ein Polizist aus dem nächsten Dorf und sagte uns, daß der Russe mit Panzern da sei. Wir packten schnell unsere Sachen, warfen alles auf den Wagen und fuhren los. Aber als wir ein Ende gefahren waren, mußten wir wieder zurück, denn wir merkten, daß die Russen auf uns schossen. Dies war der 28. Februar 1945. Ich war damals 10 Jahre alt. Zuerst sind wir bis zu unserm nächsten Dorf Marienburg geflüchtet. Von da aus sind wir am nächsten Morgen mit den Soldaten mitgegangen. Der Russe war nicht mehr weit von uns entfernt, dann sind wir nach Mallenzin gegangen. Von dort sind wir mit einem Militärauto gefahren. Die Soldaten haben uns nach Schlawe gebracht. Dort waren wir 4 Tage. Vom 1. bis zum 4. März. Weil der Russe immer näher kam und nicht mehr weit von Schlawe entfernt war, mußten wir auch von dort flüchten. Dann sind wir zu Fuß bis Stolpmünde gegangen. Abends haben wir dann in einem Gutshof in Altschlawe übernachtet. Auf den Straßen mußte man sich vorsehen, daß man nicht überfahren wurde. So weit wir vor und hinter uns sehen konnten, war alles voller Fahrzeuge. Wir waren ungefähr 2 bis 3 Tage gegangen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir da. Dann sind wir zu Hafen gegangen, und von dort sind wir mit einem Schiff nach Swinemünde gefahren. Wir waren 2 Wochen auf dem Wasser. Am Sonntag Vormittag sind wir angekommen. Dann sind wir runtergegangen und zum Hauptbahnhof. Am Montag sind wir in einen Flüchtlingszug gestiegen und wollten weiter fahren. Doch kam keine Lokomotive. Es gab auf einmal einen Knall, alles war dunkel vor unsern Augen. Die Scheiben aus Fenstern und Türen waren alle heraus. Wir lagen in lauter Glasscherben. Unser lieber Vater wurde sehr verwundet. Er bekam die Splitter von der Bombe in den Rücken. Er hat ein paar Mal nach Luft gerufen. Dann haben Lieselotte und meine Mutter ihn auf die Bank gesetzt. Er legte den Kopf runter und war tot. Unsere liebe Mutter wurde am Kopf schwer verletzt. Wir andern haben fast nichts abbekommen. Nur Lieselotte hat etwas in den Rücken und in das Haar bekommen. Nachdem die Flieger weg waren, sind wir in den Wald gelaufen. Dort wurden die Verwundeten von den Soldaten verbunden. Es waren sehr viele Verwundete. Als wir aus dem Wald kamen, sind wir wieder an den Zug gegangen, wo wir vorher drin waren. Da haben wir noch zum letzten Mal unsern lieben Vater gesehen. Danach sind wir zum Hauptbahnhof gegangen. Unsere liebe Mutter wurde eingeholt und verbunden. Wir saßen draußen auf einer Bank. Nach einigen Stunden mußten wir und unsere Mutter auf ein Militärauto steigen und wurden zum Krankenhaus gefahren. Nach einer Weile kam die Oberschwester und holte unsere Mutter nach oben in das Verbandszimmer. Nach einer Weile gingen Liselotte und eine Frau aus unserem Dorf in das Verbandszimmer und fragten, wie lange es noch dauerte. Da sagte die Schwester:“ Es dauert nur noch ein Weilchen“. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Schwester mit ihr nach unten in das Operationszimmer gegangen. Dann kam die Schwester nach einer Weile zu uns:“ Sie müssen gleich mit einem Omnibus nach Heringsdorf fahren. Es ist gleich wieder Alarm. Ihre Mutter wird noch heute operiert.“ Da haben wir sehr geweint, daß wir nun auch ohne unsere Mutter weiter fahren sollten. In einer halben Stunde waren wir in Heringsdorf. Wir kamen in ein Kinderheim. Da waren wir über eine Woche. Am nächsten Tag sind Lieselotte und Hildegard nach Swinemünde gegangen und wollten sehen, wie es mit unserer lieben Mutter wäre. Da haben die im Krankenhaus gesagt: „Eure Mutter ist entweder nach dahin gekommen, wo ihr seid, oder nach Greifswald.“ Als sie dann von Swinemünde gekommen waren, ist Lieselotte gleich nach dem Krankenhaus gegangen, ob unsere liebe Mutter da wäre. Sie war nicht da. Da haben sie uns zwei Adressen aufgeschrieben, wo wir hinschreiben sollten. Vom Greifswalder Luftwaffenlazarett bekamen wir Antwort. Sie haben geschrieben, daß sie da sei. Am Abend sind wir noch dicht bei Greifswald in ein Kinderheim gekommen. Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Trecker nach Greifswald in die Stadthalle. Dann sind Lieselotte und Hildegard zum Luftwaffenlazarett gegangen. Da haben die Ärzte und Schwestern gesagt: „Eine Marie R., geb. M., 49 Jahre alt, ist hier nicht eingeliefert worden. Gehen Sie mal in die und die Straße und zu dem und dem Mann. Der weiß, wo Ihre Mutter ist.“ Als sie zu dem Mann kamen, hat er gesagt, daß unsere Mutter tot sei. Da hat er ihnen die Handtasche mit den Papieren gegeben. Jetzt sollten wir in einen Kindergarten für elternlose Kinder kommen. Weil da Scharlach war, kamen wir in die Hermann-Löns-Schule. Nun wurde unsere liebe Mutter in Greifswald beerdigt. Bei der Beerdigung waren wir auch anwesend. Als kein Scharlach mehr da war, kamen wir in einen Kindergarten. Einige Wochen später kamen wir nach Lubmin ins Kinderheim. Auch hier waren wir nicht lange, denn der Russe rückte immer näher, daß wir auch von hier flüchten mußten. Wir wurden mit einem Schiff nach Stralsund gebracht. Von da aus sind wir mit einem Schiff nach Dänemark gekommen. Dort kamen wir in ein Dorf und haben ein halbes Jahr da gewohnt. Nachdem kamen wir aus dem Dorf Hardenberg heraus und wurden nach Berritzgaard gebracht. Dort kamen wir mit zwei Kinderheimen zusammen und lebten zwei Jahre zusammen im Lager. So haben wir unsere Flucht erlebt.

Die Fahrt von Dänemark nach Deutschland

Schon wochenlang wurde im Lager Berritzgaard erzählt, daß wir bald nach Deutschland fahren. Wir haben uns schon so sehr gefreut, um endlich nach 1 ½ Jahren wieder hinter dem Stacheldraht herauszukommen. Eines Tages kam der dänische Lagerkommandant ins Kinderheim und sagte: „In 2 Wochen geht es los nach Deutschland“. Da wurde unsere ganze Wäsche gewaschen. Eine große Aufregung herrschte im ganzen Lager. Als dann die ganzen Sachen eingepackt waren, kam der Bescheid, es wäre abgeblasen. Es würde noch einige Monate dauern. Nach 2 Wochen am Montag kam dann wieder Bescheid, daß es jetzt doch losgeht. Dann wurden wir Kinder in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe waren 8 Kinder und zu jeder Gruppe kam eine erwachsene Person. Anfang März wurden wir mit Autos zur nächsten Bahnstation nach Saxköbing gebracht, wo wir gleich in den Zug einstiegen. Jede Gruppe kam in ein Abteil. Als alles eingestiegen war, fuhren wir nach 2 Stunden los. Einen ganzen Tag fuhren wir mit dem Zug. Dann sind wir zu einem Hafen gegangen und kamen auf eine Fähre, wo auch die Eisenbahnwagen mit unserm Gepäck draufgebracht wurden. Wir haben gestaunt, daß wir nun auf einem so großen Schiff fahren sollten, wo sogar Güterwagen und Autos drauf waren. Da noch zu dicke Eisschollen waren, warteten wir auf einen Eisbrecher, der vorfahren sollte. Weil der Eisbrecher nicht kam, fuhr die Fähre los. Nachher kam er uns entgegen. Mit der Fähre fuhren wir über den großen Belt. Dann mußten wir wieder in einen Zug steigen, und fuhren in eins nach Flensburg. Wir konnten uns gar nicht genug wundern, als wir die Trümmer der Städte und auf den Bahnhöfen die Lokomotiven und Eisenbahnwagen sahen, die wie Streichholzschachteln zusammengepresst waren von den Bomben. Als wir nun in die französische Zone kamen, war schon alles grün, die Wiesen und auch die Saat. So fuhren wir denn durch Offenburg, wo wir dann ausstiegen und in Lager verteilt wurden. Einige Wochen später kamen wir nach Altdorf, dort wurden wir Öfters von den Bauern zum Essen eingeladen, denn sonst bekamen wir nur ganz dünne Maggisuppe. Bald darauf kamen wir auch von dort weg. Und so fuhren wir denn durch die französische und russische Zone bis in die englische. So fuhren wir immer weiter, bis wir endlich in Zicherie ankamen. Das war die Fahrt von Dänemark nach Deutschland.

Charlotte R.s Weg nach Zicherie