Woher stammen die Scharfrichter in unserem Raum?

Über die Scharfrichter, die an den Gerichten Brome und Fahrenhorst tätig wurden, ist bisher so gut wie nichts bekannt. Fest steht, dass sowohl in Brome als auch in Tülau-Fahrenhorst Todesurteile vollstreckt wurden. Fest steht auch, an beiden Gerichten keine hier lebenden Scharfrichter gab. Für Urteilsvollstreckungen wurden immer Scharfrichter von außen geholt, wobei deren Herkunft in den bisher bekannten Akten nie genannt wird.

Ein Glücksfall ist eine Akte aus dem Gutsarchiv von Weyhe zu Fahrenhorst (1600-1859). Hierin geht es um die Übernahme der Abdeckerei bei den Gerichtsuntertanen in Croya, Tülau und Fahrenhorst. Am 15. Oktober 1689 wurde mit dem Nachrichter aus Wittingen, dessen Name leider nicht genannt wird, ein Vertrag über die Abdeckerei geschlossen. Nachrichter ist ein anderes Wort für Scharfrichter.

Der Wittingen Nachrichter hatte für die Erledigung der Abdeckerei in Fahrenhorst, Tülau und Croya zwei Paar hundelederne Handschuhe denen von Weyhe zu geben. Für das Abholen von toten Rindern und Pferden, die älter als ein Jahr waren, musste von den besagten Gerichtsuntertanen der Wittingen Nachrichter geholt werden, damit diese entsorgt werden konnte. Für die Anreise von zwei Meilen musste derjenige, der die toten Tiere meldete, dem Nachrichter 4 Gutegroschen zahlen.

Immerhin wissen wir nun, dass der Wittingen Scharfrichter 1689 auch die Abdeckerei im Gericht Tülau-Fahrenhorst erledigte. Unklar bleibt, ob er hier auch Todesurteile vollstreckt hat. Möglicherweise stoßen wir bei unseren Forschungen noch auf weitere Quellen, die darüber Aufschluss geben.

Die Hinrichtung eines Pferdediebes in Tülau-Fahrenhorst 1714

Mit dem Verkauf des Fleckens und der Burg Brome Weihnachten 1548 hat sich Fritz VII. von der Schulenburg auf sein Gut Fahrenhorst zurückgezogen. Als Besitz hatte er nun nur noch Tülau, Fahrenhorst sowie Croya. Über diesen Bereich übte er auch die Gerichtsbarkeit aus – auch die Halsgerichtsbarkeit.

Nach dem Tode seines wohl kinderlosen Sohnes Heinrich von der Schulenburg am 18. Dezember 1613 konnte Wilhelm von Weyhe Fahrenhorst, Tülau und Croya dann zu Lehen nehmen. Auch die Familie von Weyhe übte bis ins 19. Jahrhundert die Gerichtsbarkeit über die besagten Dörfer aus. Tatsächlich stand an der Tülauer Gemarkungsgrenze zu Croya ein Galgen, wie auf historischen Karten eindeutig zu sehen ist.

Auf dieser historischen Karte aus dem 18. Jahrhundert ist der Tülauer Galgen eingezeichnet: Hier unterhalb des Weges zwischen Tülau-Fahrenhorst (links auf der Karte) und Croya (rechts) ungefähr auf halber Strecke. Die Karte ist nicht eingenordet! (Quelle: Hauptstaatsarchiv Hannover)

Historische Karte der Feldmark Tülau-Fahrenhorst aus dem Jahr 1905 (Ausschnitt). Östlich der Straße Croya-Tülau ist das Galgenfeld eingezeichnet. Hier stand einmal der Galgen des Gerichts derer von der Schulenburg bzw. derer von Weyhe. (Original: Archiv MHV Brome)

Bisher ist eine Hinrichtung am Tülauer Galgen aus dem Jahr 1714 bekannt. Am 7. November 1714 wurde ein ungenannter Pferdedieb nach eingeholtem auswärtigem Urteil mit dem Strange vom Leben zu Tode befördert. Das Todesurteil wurde also nicht in Fahrenhorst gefällt, vielmehr wurde ein Rechtsgutachten von außen eingeholt, auf der die Verurteilung basierte. Bei zwei in Brome bekannten Todesurteilen stammten die Urteile von der Universität Helmstedt. Ob dies auch hier der Fall war, ist leider der Quelle nicht zu entnehmen.

Bei der Exekution mussten anscheinend alle Haushalte aus den Dörfern des Gerichts Fahrenhorst anwesend sein. Wie es heißt, mussten aus Tülau und Fahrenhorst aus jedem Hause zwei sowie zwei aus Voitze und einer aus Croya der Urteilsvollstreckung beiwohnen. Immerhin mussten die Gerichtsuntertanen nicht die Kosten der Exekution tragen – wie es in Brome traditionell der Fall war. Vielmehr wurden ihnen diese Kosten geschenkt – insgesamt immerhin 3 1/2 Reichsthaler.

Verbannung aus Brome im Jahr 1677

Die Bromer Gerichtsprotokolle stellen ein wichtiges Zeugnis für die Rechtgeschichte in unserer Heimat dar. Das Gericht Brome hatte auch die sogenannten Halsgerichtsbarkeit inne. Hier konnte also auch Todesurteile und andere peinliche (d.h. entehrende Strafen) ausgesprochen und vollzogen werden. Über Todesurteile am Bromer Gerichtsplatz wurde in diesem Blog bereits einmal berichtet.

Zu den peinlichen Strafen zählte auch die Verbannung aus einem Ort. Eine Verbannung konnte entweder mit Staupenschlag oder ohne Staupenschlag vollzogen werden. Der Staupenschlag war eine körperliche Strafe, bei welcher der oder die Verurteile am Pranger geschlagen wurde. Das Urteil konnte mit damals üblichen Schlaginstrumenten vollzogen, z.B. einer Lederpeitscher oder auch einem Staupbesen, in den auch Metallsplitter oder Steine eingearbeitet. Da die Peitsche von einem Scharfrichter geführt wurde, wurde die oder der Verurteilte durch diese Berührung mit dem Scharfrichter entehrt. Deshalb war der Staupenschlag eine entehrende Strafe. Eine Verbannung ohne Staupenschlag dagegen war nicht entehrend, weil es keine Berührung mit dem Scharfrichter gab.

Aus dem Jahr 1677 ist eine in Brome vollzogene Verbannung in den Bromer Gerichtsprotkollen nachweisbar. Damals wurde „ein Weibstück“ aus Brome „auf ewig relegiret“ (d.h. verbannt). Hierfür hatte die Bromer Untertanen jeweils 9 ß (Pfennig) zu zahlen. (Gerichtsprotokoll 1691, S.347)

Wie es zu dieser Verbannung gekommen ist, steht an anderer Stelle in den edierten Gerichtsprotokollen (Gerichtsprotokolle 1691, S.180 und S.182). Dort heißt es, ein „fremdes Weib“ habe die Frau unseres Bürgermeisters in Brome für eine Hexe gescholten. Dazu heißt es in den Gerichtsprotokollen:

Ist andem, daß ein im Lande herumb vagadirendes Weib sich dieser Örter eine Zeit auffgehalten. Welche hin und wieder baldt wieder diesen, bald wieder jenen, allerhandt ehrenrühriege Worte undt Bezüchtigungen sich vernehmen laßen, insonderheit hiesiegen Fleckens Bürgermeister Günter Oldelands Frau bey verschiedenen Leuten, daß sie eine Hexe sey, daß sie den Rechtsteuffel habe und daß sie durch Hexerey ihren Nachbahren Schaden zugefüget, ungescheuet proclamiret.

Bürgermeister Günter Oldeland hat daraufhin Joachim Friedrich von Bartensleben um Hilfe gebeten. Nach einem Gutachten der Universität Helmstedt sollte die Beklagte vor öffentlichen Gerichten einen Widerruf tun und eine Urfehde abstatten. Anschließend sollte sie auf ewig aus diesem Gericht verwiesen werden.

Nach der Tat ist die Frau aus Brome geflohen und wurde in einem Brandenburgischen Gericht wieder aufgegriffen. Joachim Friedrich von Bartensleben ließ sie daraufhin nach Brome zurückbringen. Sie wurde in Brome dann ins Gefängnis gesperrt, konnte aber nicht überführt werden. Sie wurde dann durch den Scharfrichter ohne Staupenschlag weggewiesen. Die Inhaftierung und der Scharfrichter hatten insgesamt 14 Reichsthaler gekostet, die nun die Bromer Untertanen bezahlen mussten. Die Bromer verweigerten die Zahlung, weil ihrer Meinung nach die Klägerin die Kosten hätte tragen müssen. Joachim Friedrich von Bartensleben konnte und wollte diese Weigerung nicht hinnehmen und pfändete daraufhin die Bromer Bullen. Außerdem drohte er an, dass er auch aus den anderen vier Dörfern (Altendorf, Benitz, Nettgau und Zicherie) je zwei Pfande nehmen werde. Letztendlichen haben die Bromer Untertanen in dieser Angelegenheit sowie in andren Angelegenheiten Klage gegen Joachim Friedrich von Bartensleben erhoben. Das Ende des Prozesses ist nicht überliefert, aber sicherlich durften die Untertanen für die Kosten aufkommen.

Soldatenschicksale im 1. Weltkrieg – Fritz Eggert

Fritz Eggert wurde am 26. Mai 1893 geboren. Er war der älteste Sohn des Bromer Steinmetzmeisters Friedrich Eggert. Sein Bruder Hermann wurde am 25. Mai 1894 geboren und ist seit dem 4. Oktober 1915 vermisst. Beide Brüder haben des Beruf des Steinmetz erlernt.

Fritz Eggert war zunächst zu Beginn des 1. Weltkrieges fünf Wochen beim Infanterie-Regiment 77 in Celle. Von dort wurde wenig später versetzt zum Reserve-Infanterie-Regiment 208. Nachdem das Regiment am 10. September 1914 mobil gestellt war, wurde es neun Tage später zu Übungszwecken auf den Truppenübungsplatz Zossen verlegt. Am 6. Oktober 1917 schrieb Fritz Eggert eine Feldpostkarte an seine Schwester Lieschen, die damals bei dem Möbelfabrikanten Laufecker in Salzwedel arbeitete. Er schreibt:

L. Schwester! Sende Dir die besten Grüße von hier. Du mußt es wohl von zu Hause erfahren haben, daß ich seit 14 Tagen hier bin, war vorher 5 Wochen in Celle. Das Soldatentum gefällt mich sehr gut. In der Letefka, wie ich auf dieser Karte bin, werden wir die ersten 3 Wochen ausgebildet. Jetzt stehen wir schon mit voller Ausrüstung u. ziehen diese Woche noch ins Feld.

Auf Wiedersehen! Dein Bruder Fritz

Rechts Fritz Eggert in der erwähnten Litewka. Der andere Soldat linkst ist unbekannt. (Original: Sammlung Jens Winter)
Feldpostkarte von Fritz Eggert an seine Schwester Lieschen (Original: Sammlung Jens Winter)

Ab dem 20. Oktober 1914 begannen die Kampfeinsätze des Regiments an der Westfront in Flandern, bei denen etwa 1750 Soldaten fielen. Fritz Eggert hatte zunächst den Dienstgrad Musketier.

Fritz Eggert in der Uniform des Reserve-Infanterie-Regiments 208, zu erkennen an der 208 auf dem Überzug der Pickelhaube (Original: Sammlung Jens Winter)

Fritz Eggert war dann bis zu seinem Tode am 20. September 1917 als Soldat im Krieg. Bei welchen Einheiten er genau gedient hat, lässt sich nicht genau feststellen. Fest steht, dass er 1917 als Unteroffizier im Infanterie-Regiment 451 diente. Das Regiment wurde am 12. Januar 1917 vom Stellvertretenden Generalkommando im III. Armeekorps aufgestellt. Im Regiment hat folgende Verluste während der Kampfeinsätze an der Front erlitten: 52 Offiziere sowie 953 Unteroffiziere und Mannschaften.

Undatierte Fotografie von Fritz Eggert (Original: Sammlung Jens Winter)
Undatierte Fotografie von Fritz Eggert (Original: Sammlung Jens Winter)

Das Regiment wurden nach der Aufstellung an der Westfront eingesetzt, nämlich vom 30. März bis 20. Juni bei Kämpfen an der Siegfriedfront, vom 21. Juni bis 30. August 1917 in der Siegfriedstellung sowie vom 30. August bis 30. September 1917 in Flandern.

Fritz Eggert ist am 20. September 1917 in St. Julie in Flandern, wie aus auf dem Familiengrab heißt, gefallen. Vermutlich handelt es sich um den Ort Sint Juliaan in der Nähe von Ypern. In den Verlustlisten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist Fritz Eggert nicht verzeichnet. Sein Grab ist unbekannt.

Gedenkinschrift für Fritz Eggert auf dem Familiengrab der Familie Eggert auf dem Bromer Friedhof. (Foto: Jens Winter, Juli 2020)

Soldatenschicksale im 1. Weltkrieg – Hermann Eggert

Hermann Eggert wurde am 25. Mai 1894 geboren. Er war der jüngere Sohn des Bromer Steinmetzmeisters Friedrich Eggert. Wie sein Vater und auch sein ein Jahr älterer Bruder Friedrich Eggert erlernte er den Beruf des Steinmetz. Wann genau Hermann Eggert eingezogen wurde, ist bisher nicht bekannt. Laut der Inschrift auf der Familiengrabstätte Eggert war Hermann Musketier in der 12. Kompanie des Infanterie-Regiments 77, welches in Celle seinen Heimatstandort hatte.

Das Infanterie-Regiment 77 war bis 25. April 1915 an der Westfront eingesetzt. Vom 25. bis 30. April 1915 wurde es dann an die Ostfront verlegt, wo es auch bis 08. September 1915 blieb. Anschließend erfolgte die Verlegung zurück an die Westfront. Vom 27. September bis 18. Oktober 1915 kämpfte das Regiment in der Herbstschlacht in der Champagne mit, die vom 25. September bis 6. November 1915 andauerte. Hermann Eggert wurde seit dem 4. Oktober 1915 vermisst. Laut Inschrift im Familiengrab wurde er bei „St. Suple“ vermisst. Vermutlich handelt es sich bei diesem Ort um Saint Souplet. In den Verlustlisten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist sein Name nicht verzeichnet. Entweder wurde er als unbekannter Soldat auf einem Soldatenfriedhof bestattet, weil möglicherweise seine Identität nicht geklärt werden konnte, oder er liegt noch immer unerkannt auf den Schlachtfeldern der Herbstschlacht in der Champagne.

Grabinschrift für Hermann Eggert auf der Familiengrabstelle Eggert auf dem Bromer Friedhof. (Foto: Jens Winter)
Grabstelle der Familie Eggert auf dem Bromer Friedhof, die von Steinmetzmeister Friedrich Eggert selbst angefertigt wurde. Links am Rand die Inschrift für den 1915 gefallenen Hermann Eggert, rechts für den 1917 gefallenen Fritz Eggert. (Foto: Jens Winter, Juli 2020)

Die Nachricht vom Tode Hermann Eggerts hat sich bei anderen Bromern, die auch als Soldaten im 1. Weltkrieg mitkämpften, nicht so schnell herumgesprochen. Vermutlich haben viele Soldaten erst bei Heimaturlauben davon erfahren. Am 17. April 1916 schrieb Louis Buchmüller, Nachbar der Eggerts und ebenfalls Soldat an der Front, eine Feldpostkarte an Friedrich Eggert:

Geschrieben den 17ten April 1916

Sehr geehrter Herr Nachbar!

Werte Familie Eggert, heute erhielt ich die traurige Nachricht das Euer Sohn Hermann gefallen ist spreche hiermit meine herzliche Teilnahme aus und nehme an den traurigen Geschicken teil. Ich teile das Osterfest mit Euch allen. Ich muß Tag vor Ostern wieder in Stellung, bin bis jetzt noch gesund und munter, dieselbe hoffe ich von Euch daheim. Viele Grüße aus Feindesland sendet Euch Euer Nachbar Louis Buchmüller

Feldpostkarte von Louis Buchmüller an Friedrich Eggert (Original: Sammlung Jens Winter)

Am 29. Dezember 1916 schrieb Otto Bannier einen Feldpostbrief an Friedrich Eggert. Darin erkundigt er sich nach Hermann Eggert. Otto Bannier hatte auch über ein Jahr, nachdem Hermann Eggert vermisst wurde, keine Kenntnis von dessen Schicksal! Er schreibt:

29. Dezember 1916

Liebe Familie Eggert!

Für die herzl Weihnachtsgrüße und die freundlichen Gaben sage ich Ihnen meinen herzl Dank. Nun ist das dritte Kriegsweihnachtsfest vorüber und immer noch keinen Frieden. Aber wir hoffen doch daß uns das neue Jahr den Frieden bringen wird. Wie geht es Fritz? Der alte Schwede hat doch noch kein Wort von sich hören lassen. Hoffentlich braucht er nicht wieder mit raus.

In der Hoffnung daß es Ihnen allen recht gut geht sendet Ihnen die herzl Grüße und wünscht Ihnen ein frohes neues Jahr Ihr Otto Bannier

Feldpostbrief von Otto Bannier an Friedrich Eggert vom 29. Dezember 1916. (Original: Sammlung Jens Winter)