Am dritten Ostertag des Jahres 1915, am 6. April, heirateten in Altendorf bei Brome die junge Marie Heling und der Lehrer Otto Damke aus Gladdenstedt. Es war eine Hochzeit unter dem Schatten des Krieges. Kein festliches Gepränge, keine große Feier – die Zeiten ließen es nicht zu. Die Trauung fand statt, weil die Not des Alltags sie geradezu erzwang, und weil niemand wusste, wie viel Zeit noch bleiben würde. Weniger als zwei Jahre später war Otto Damke tot, gefallen bei Riga. Die Feldpostbriefe der Familie Heling, die sich erhalten haben, erzählen diese Geschichte in den eigenen Worten der Beteiligten – nüchtern, zärtlich, und immer wieder durchzogen von der einen großen Sehnsucht: dem Frieden.

Eine Hochzeit in Kriegszeiten

Marie Heling – von ihrer Familie stets „Mariechen” genannt – stammte aus Altendorf, aus einer bäuerlichen Familie, deren Söhne alle im Feld standen. Ihre Brüder Hermann und Adolf dienten gemeinsam in der III. Maschinen-Gewehr-Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 73, Bruder Heinrich bei einer Trainabteilung. Wer von den Männern nicht eingezogen war, wurde nach und nach zur Musterung gerufen. In diese von Abwesenheit und Sorge geprägte Welt hinein plante Marie ihre Hochzeit mit Otto Damke.

In einem Brief vom 16. März 1915 an ihre Brüder Hermann und Adolf im Feld teilte sie den Entschluss mit – und die Gründe dafür sind bezeichnend für den Ernst der Lage:

„Lieber Bruder, will Euch nun noch mitteilen daß Otto und ich uns Ostern trauen lassen wollen, da er sonst kein Mittagessen mehr bekommen kann[,] auch kein Brot nicht bekommt[,] nur Roggen[,] und da kann er mit machen was er will, vielleicht muß er auch noch fort aber ich denke es soll nun bald vorbei sein”

Es war also nicht allein die Liebe, die zur Eile drängte, sondern die schlichte Frage der Versorgung. Ein alleinstehender Lehrer bekam in Kriegszeiten kaum noch eine warme Mahlzeit, nur noch Roggen als Zuteilung. Und über allem lag die Ahnung: „vielleicht muß er auch noch fort”. Marie hoffte, es werde „nun bald vorbei sein” – eine Hoffnung, die sich in den Briefen der Familie über Jahre hinweg wiederholt und immer wieder enttäuscht wurde.

Der dritte Ostertag 1915

Der Hochzeitstermin fiel auf den 6. April 1915, den dritten Ostertag. Onkel H. Böse aus Brome schrieb Maries Bruder Hermann am Osterfest, dem 5. April, einen Brief, der die gedämpfte Stimmung dieser Feier einfängt:

„Am 3ten Ostertag hat nun Mariechen Hochzeit und Ihr könnt nicht dabei sein. Ich soll als Zeuge da hin[,] gefeiert soll ja nicht werden in dieser Zeit.”

„Gefeiert soll ja nicht werden in dieser Zeit” – kein Satz beschreibt eine Kriegshochzeit treffender. Die Brüder der Braut standen im Feld und konnten nicht dabei sein; der Onkel sollte als Trauzeuge einspringen. Zugleich schwang in Böses Zeilen die alltägliche Sorge um die Landwirtschaft mit, um die Männer, die immerzu eingezogen wurden, um die Frühjahrsbestellung und die drohende Not bei der Ernte.

Nach der Trauung zog Marie zu Otto nach Gladdenstedt. Schon zwei Tage später, am 8. April 1915, schrieb sie ihren Brüdern Adolf und Hermann eine Karte, aus der eine stille Zufriedenheit spricht:

„Bin jetzt seit zwei Tagen hier, und fühle mich hier ganz wohl.”

Und Otto selbst fügte, wie so oft in diesen Wochen, ein paar Zeilen hinzu, in denen sein Wunsch nach einem Ende des Krieges anklingt: „Auf baldiges frohes Wiedersehen hofft Dein Otto. Wann gibt es denn endlich Frieden. Es hat doch schon lange genug gedauert.”

Otto Damke – Lehrer und Dirigent in Gladdenstedt

Otto Damke wurde am 15. Dezember 1880 in Sallenthin geboren. Nach der Seminarentlassungsprüfung in Osterburg im Jahr 1901 trat er in den Schuldienst ein. Der Schul-Kalender des Regierungsbezirks Magdeburg von 1902 verzeichnet ihn für das Jahr 1901 als Lehrer und Küster in Hohentramm. Später kam er nach Gladdenstedt, wo er die Gemeinde als Lehrer prägte und – wie die Nachrufe später bezeugten – zugleich den örtlichen Männergesangverein als Dirigent leitete.

In den Feldpostbriefen der Familie Heling tritt Otto vor allem als liebevoller Schwager und hoffnungsvoller junger Ehemann in Erscheinung. Als „Schwager Otto” schrieb er im Februar 1915 aus Gladdenstedt an Hermann und Adolf, klagte, lange nichts gehört zu haben, und lud die beiden ein: „Dann besucht uns mal. Ihr könnt uns doch schon viel, sehr viel erzählen, hier alles beim alten.” Immer wieder sind es seine kurzen Nachschriften unter Maries Briefen, in denen dieselbe Bitte wiederkehrt – „Komm doch bald, bitte. Macht Frieden!”

Doch auch Otto entging der Einberufung nicht. Bereits im März 1915, kurz vor der Hochzeit, deutete sich an, dass er zur Musterung nach Salzwedel musste. Marie schrieb am 3. März: „den Donnerstag muß Otto auch zur Stellung nach Salzwedel. Hoffentlich braucht er nicht auch noch fort.” Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Otto Damke wurde eingezogen und diente als Landsturmmann im Infanterie Regiment 407.

Postkarte von Gladdenstedt (um 1920) – In der Schule arbeitete Lehrer Otto Damke, auf dem Kriegerdenkmal war er als einer der Gefallenen des 1. Weltkrieges verzeichnet. (Postkarte: Sammlung Ulrich Lemme, Tylsen)

Der 25. Januar 1917

Am 25. Januar 1917 fiel Otto Damke bei einem Sturmangriff an der Front bei Riga – getroffen von einem Maschinengewehr-Geschoss. Er wurde 36 Jahre alt. Nach Auskunft des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge ruht er heute auf der Kriegsgräberstätte in Pikke, Lange Düne Grenadierfriedhof, in Lettland.

Die Nachricht erreichte die Familie erst Tage später. Am 31. Januar 1917 erhielt Marie durch den Feldwebel die Todesnachricht. Die Familie ließ mehrere Anzeigen und Nachrufe drucken.

Die Familienanzeige, unterzeichnet von den nächsten Angehörigen aus Gladdenstedt, Badel und Altendorf, datiert vom 13. Februar 1917. Sie nennt Otto den „heißgeliebten, herzensguten Mann” und führt in bewegender Reihung die Trauernden auf: Marie als Witwe, die Eltern Joachim und Elisabeth Damke, die Brüder Wilhelm und Fritz, dazu die gesamte Verwandtschaft Heling – die Schwiegermutter Marie Heling, die Brüder und Schwestern seiner Frau. Als Trostwort steht darunter der alte Vers:

„Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden.”

Die Anzeige kündigt zugleich die Gedächtnisfeier an, die am Sonntag, dem 25. Februar 1917, in der Kirche zu Jübar stattfand.

Auch die Gemeinde Gladdenstedt nahm Abschied. Der Ortsvorstand würdigte in seinem Nachruf vom Februar 1917 Ottos „zuvorkommendes, freundliches Wesen” und seinen „offenen geraden Sinn”, durch die er sich die Liebe und Achtung aller Gemeindemitglieder erworben habe. Der Männergesangverein Gladdenstedt, dessen Dirigent Otto seit seinem Amtsantritt gewesen war, gedachte am 18. Februar 1917 seines Wirkens für den Verein, das „stets unvergessen bleiben” werde.

Ein dritter Nachruf kam vom Lehrerverein Jübar, unterzeichnet von Kantor Beneke. Er reiht Ottos Tod ein in die lange Kette der Verluste, die der Krieg unter den Lehrern des Kreises anrichtete: „Wiederum hat der Tod einen der treuesten, aufrechtesten und tapfersten der Lehrerschaft entrissen.” Sein „stilles ruhiges Wesen”, seine Wahrheitsliebe und seine Treue blieben, so heißt es dort, „ein unauslöschbares Denkmal in unsern Herzen”.

Todesanzeige der Familie im „Salzwedeler Wochenblatt“, Donnerstag, 15. Februar 1917 (Quelle: Stadtarchiv Salzwedel)
Nachrufe des Ortsvorstandes und des Männergesangvereins Gladdenstedt („Salzwedeler Wochenblatt“, Mittwoch, 21. Februar 1917 – Quelle: Stadtarchiv Salzwedel)

„Heute in 14 Tagen findet die Gedächtnisfeier für Otto statt.“

Wie sehr der Tod Otto Damkes die Familie Heling traf, zeigt ein Brief vom 11. Februar 1917, den Maries Schwester Frida an die im Feld stehenden Brüder Adolf und Hermann schrieb. In ihm mischen sich die praktischen Sorgen um Maries Zukunft – die Frage der Wohnung in Gladdenstedt, die der Pastor mit ihr besprechen wollte – mit der Trauer um den Verstorbenen:

„Heute in 14 Tagen findet die Gedächtnisfeier für Otto in Jübar statt. Schade das Ihr nicht hier sein könnt zu der Gedächtnisfeier. Der Pastor von Jübar hat auch Mariechen gebeten möchte gern ein Bild von Otto haben.”

Der Brief endet mit den Worten „In tiefen Schmerz Frida”. Nun war Marie Witwe, kaum zwei Jahre nach jener Hochzeit am dritten Ostertag, bei der schon niemand hatte feiern dürfen. Ihre Brüder Hermann und Adolf überlebten den Krieg – ihre Karten reichen noch bis in den Herbst 1918 –, doch der junge Lehrer, der so oft „Macht Frieden!” unter die Briefe seiner Frau geschrieben hatte, erlebte diesen Frieden nicht mehr.

Die Inschrift am Kriegerdenkmal Gladdenstedt ist heute nicht mehr lesbar, so dass an den Gefallenen Lehrer Otto Damke nicht mehr öffentlich vor Ort gedacht werden kann.

Das Kriegerdenkmal in Gladdenstedt heute (Foto vom 9. November 2025): Die Namen der Gefallenen des 1. Weltkrieges sind nicht mehr lesbar!
Das Kriegerdenkmal Gladdenstedt früher: Der Name von Otto Damke ist unter dem Jahr 1917 zu erkennen. (Foto: Kreisarchiv des Altmarkkreises Salzwedel)