Auf der Rückseite einer alten Ansichtskarte von Brome steht, klein und in roter Schrift gedruckt, ein Name, der leicht zu übersehen ist: „W. Süpke, Buchhdlg. u. Buchb., Brome”. Es ist der Verlagsvermerk des Mannes, der die Karte herausgebracht hat – und ein Hinweis auf ein Gewerbe, das über Jahrzehnte zum Alltag des Fleckens gehörte, heute aber fast vergessen ist. Grund genug, dem Buchbindermeister Wilhelm Süpke einmal nachzugehen.
Eine Eröffnung im August 1877
Der Anfang ist ungewöhnlich genau überliefert. Im Salzwedeler Wochenblatt vom Dienstag, dem 28. August 1877, findet sich eine Geschäftsanzeige, mit der Wilhelm Süpke sein neues Unternehmen ankündigte:
Indem ich hierdurch zur öffentlichen Kenntniß bringe, daß ich hier eine Buchbinderei u. Buchhandlung eröffnet habe, bitte ich ein geehrtes Publikum zugleich um gefällige Aufträge ergebenst. – Da meine Buchbinderei mit Hülfs-Maschinen ausgestattet ist, so bin ich im Stande, gefällige Aufträge prompt und preismäßig auszuführen. Brome, den 22. August 1877.

Die Anzeige verrät mehr, als sie auf den ersten Blick zeigt. Süpke eröffnete nicht nur eine Werkstatt, sondern verband Buchbinderei und Buchhandlung – Handwerk und Handel unter einem Dach. Und er warb ausdrücklich damit, dass seine Buchbinderei „mit Hülfs-Maschinen ausgestattet” sei. Das war 1877 ein Verkaufsargument: Ein Betrieb, der maschinell arbeitete, konnte schneller und günstiger liefern als eine rein handwerkliche Werkstatt. Süpke präsentierte sich also von Beginn an als ein Mann, der mit der Zeit ging.
Der Buchbindermeister Wilhelm Süpke
Wilhelm Süpke wurde am 12. November 1853 in Brome geboren und starb dort am 4. August 1912. Er war also ein Kind des Ortes, das im Alter von noch nicht 24 Jahren sein eigenes Geschäft gründete. Werkstatt und Laden hatte er in der Steimker Straße 1. Wo genau er die Ausbildung zum Buchbinder durchlief und den Meistertitel erwarb, ist bisher nicht bekannt – eine der Lücken, die seine frühen Jahre noch umgeben.

Der Drucker des Ortes
Am aufschlussreichsten ist vielleicht, was von Süpkes Arbeit erhalten geblieben ist. Im Archiv des Museums Burg Brome liegen zahlreiche Dokumente, die Wilhelm Süpke sen. gedruckt hat: Rechnungsbögen hiesiger Firmen und Vereine, Eintrittskarten für Bälle und dergleichen mehr. Das ist ein unscheinbarer, aber sprechender Bestand. Denn er zeigt, welche Rolle ein solcher Betrieb im Leben eines Landfleckens spielte.
Wer im Brome des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen Vordruck brauchte – ein Kaufmann seine Rechnungsformulare, ein Verein seine Einladungen, ein Ballkomitee seine Eintrittskarten –, ging zu Süpke. Die Druckerei war die Stelle, an der die kleinen gedruckten Dinge des öffentlichen und geschäftlichen Lebens entstanden.
In diese Reihe gehört auch die Ansichtskarte von Brome, deren Rückseite den Verlagsvermerk trägt. Sie zeigt auf der Bildseite vier kolorierte Ansichten – Bahnhof, Hauptstraße, Markt mit Kriegerdenkmal und eine Partie mit der Burg – überschrieben mit dem Reim „Im ganzen deutschen Vaterland, ein Brome nur am Ohrestrand.” Solche Mehrbildkarten waren um die Jahrhundertwende beliebt, und dass ein örtlicher Buchhändler sie im eigenen Verlag herausbrachte, war durchaus üblich: Verlage, Druckereien und Buchhandlungen waren die typischen Herausgeber von Ansichtskarten.
Vater oder Sohn?
Bei dieser Karte stellt sich die Frage, wer sie gedruckt hat: Stammt sie von Wilhelm Süpke sen. oder von seinem gleichnamigen Sohn? Hier gibt der Poststempel einen Hinweis: Er trägt die Jahreszahl 1913. Die Karte muss in der Zeit von der Eröffnung des Bromer Bahnhofs Ende 1909 bis Anfang 1913 entstanden sein. Wann genau Wilhelm Süpke sen. das Geschäft seinem Sohn übergeben hat, steht nicht fest. Somit wissen wir auch nicht, ob Wilhelm sen. oder jun. diese gedruckt hat. Fest steht aber, dass sie in Brome von Süpke gedruckt wurde.


Wilhelm Süpke jun. hat sich geschäftlich noch breiter aufgestellt und im Jahr 1930 das Gebäude Hauptstraße 3 erworben. Hierzu heißt es in der Bromer Schulchronik:
Die früher Lenzsche Bürgerstelle geht 1930 in den Besitz von W. Süpke über, der in dem Hause seit Jahren einen Tuchladen nebst Druckerei und Kaufmannsgeschäft betrieben hatte.

Ein Handwerk, das verschwand
Der Beruf des Buchbinders, wie ihn Wilhelm Süpke sen. und sein Sohn ausübten, verband mehrere Tätigkeiten, die wir heute getrennt denken: das Binden von Büchern, den Handel mit ihnen sowie das Drucken von Formularen und Karten. Ein solcher Betrieb war weniger spezialisiertes Handwerk als vielmehr ein kleines Versorgungszentrum für alles, was mit Papier, Schrift und Büchern zu tun hatte.
Von diesem Gewerbe zeugen heute die eher unscheinbaren Archivalien, wie Rechnungsbögen, Eintrittskarten sowie die Ansichtskarte mit ihrem Reim vom Brome am Ohrestrand.
Besonderer Dank gilt Steffen Langusch (Stadtarchiv Salzwedel) für die Übermittlung der obigen Geschäftsanzeige aus dem Jahr 1877.
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