In der Schulchronik von Croya liegt eine kolorierte Federzeichnung. Sie zeigt eine Fachwerkscheune mit verbrettertem Giebel und Ziegeldach, eingerahmt von hohen Laubbäumen. Unten links steht die Bildunterschrift „Scheune auf Hof Nr. 9 in Croya“, unten rechts die Signatur „F. Brandes 1948“. Gezeichnet hat sie Friedrich Brandes. Die Scheune gibt es heute nicht mehr. Erhalten ist neben der Zeichnung ein altes Foto. Auf dem Foto ist die Bauinschrift aber nicht zu lesen. Für den Wortlaut der Inschrift ist die Zeichnung deshalb die einzige Quelle.

Die Zeichnung von 1948
Der Zeichner hat die Scheune schräg von vorn gesehen, mit Blick auf den Giebel. Das Giebeldreieck ist senkrecht verbrettert und hat eine schmale Luke und eine Bodenklappe. Auf der Spitze sitzt eine Firstzier. Darunter liegt das Fachwerkgeschoss mit dem großen zweiflügeligen Tor in der Mitte. Links davon ist eine kleine Tür, rechts ein Gefach mit Ziegelausfachung und schräger Strebe. Die linke Längswand zeigt ein regelmäßiges Fachwerk mit hellen Gefachen. Am rechten Bildrand ist ein Backsteingebäude angeschnitten.
Aus welchem Anlass Friedrich Brandes die Scheune zeichnete und wie das Blatt in die Schulchronik kam, ist bislang offen.
Die Inschrift
Über dem Tor läuft ein Balken über die ganze Breite des Giebels. Er trägt einen geistlichen Spruch:
In Gottes Namen fang ich an, Was mir zu thun gebühret; Mit Gott wird alles wohlgetan Und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen thut, Mit glaubensvollem Sinn und Muth, Das muß uns wohl gedeihen. Gott ist, der das Vermögen schafft, Was Gutes zu vollbringen; Er giebt uns Segen, Muth u[nd] Kraft
Es sind Verse aus dem Kirchenlied „In Gottes Namen fang ich an“ von Salomo Liscow, entstanden um 1674. Auf dem Balken steht die vollständige erste Strophe und der Anfang der zweiten. Das Lied endet in der zweiten Strophe so:
Er gibt uns Segen, Mut und Kraft
und lässt das Werk gelingen.
Ist er mit uns, gibt sein Gedeihn,
so muss das Werk gesegnet sein.
Ausgerechnet die Zeilen über das Gelingen des Werks fehlen also. Warum der Text mitten im Satz abbricht, lässt sich nicht sagen. Es kann sein, dass auf dem Balken kein Platz mehr war. Es ist aber auch möglich, dass der Zeichner nicht den ganzen Text übernommen hat. Ob er die Inschrift vollständig abgezeichnet hat, können wir nicht prüfen, denn das Original ist verloren.
Unter dem Spruch stehen zwei Namen:
K. F. Randhahn – L. M. Beinhorn
In der Zeichnung stehen vor beiden Namen noch weitere Zeichen. Sie lassen sich nicht entziffern. Es liegt nahe, dass dort B H (Bauherr) und B F (Baufrau) standen.
Zwei kleine Tafeln vervollständigen die Angaben. Über der kleinen Tür links steht der Name des Zimmermanns, im Ziegelgefach rechts das Baudatum:
Zimmer M[eister] Böse
Errichtet den 30. März 1825
Gebaut hat die Scheune also Zimmermeister Böse aus Brome. Mit „errichtet“ ist der Tag gemeint, an dem das Fachwerk aufgestellt wurde, nicht die Fertigstellung des ganzen Baus.
Das Foto

Es gibt aber auch einen Unterschied. Auf dem Foto wirkt die linke Längswand stark verwittert. Mehrere Gefache scheinen offen oder nur mit Brettern verschlossen zu sein. In der Zeichnung sind die Gefache dagegen hell und geschlossen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen, die sich ohne Datierung des Fotos nicht entscheiden lassen. Entweder entstanden Foto und Zeichnung in einem größeren zeitlichen Abstand. Oder der Zeichner hat den Bau gefälliger dargestellt, als er tatsächlich aussah. Das sollte man im Blick behalten, wenn man die Zeichnung als Quelle nutzt: Sie gibt den Bau 1948 so wieder, wie Friedrich Brandes ihn sah – oder sehen wollte.
Der Inschriftbalken über dem Tor ist auf dem Foto zu erkennen, die Schrift aber nicht.
Ein zweiter Balken mit Namen
In einer Scheune, die heute auf dem Grundstück steht, ist ein beschrifteter Balken verbaut. Er sitzt als Riegel im Fachwerk und ist dort erkennbar zweitverwendet. Die Inschrift ist in großen, stark verschnörkelten Buchstaben geschnitzt. Sie beginnt:
B[au] H[err] J. Friedrich Randhahn; B[au] F[rau] M. I…
Der Rest der Inschrift ist bislang nicht gelesen.
Es liegt nahe zu fragen, ob dieser Balken aus der Scheune von 1825 stammt. Dagegen spricht einiges. Die Inschrift nennt andere Personen: einen J. Friedrich Randhahn und eine Frau mit den Initialen M. I…, nicht K. F. Randhahn und L. M. Beinhorn. Auch die Schrift sieht anders aus. Die Zeichnung zeigt einen langen Liedtext in kleiner, gleichmäßiger Schrift. Auf dem Balken dagegen stehen nur Namen, und die Anfangsbuchstaben sind mit Schleifen und Ranken verziert. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass der Balken von einem anderen und vermutlich älteren Gebäude auf dem Hof stammt.
Offen bleibt, in welchem Verhältnis J. Friedrich Randhahn zu K. F. Randhahn stand. Die Kirchenbücher könnten das klären.

Was bleibt
Die Scheune auf Hof Nr. 9 ist verschwunden. Ihr Spruch und die Namen ihrer Erbauer sind trotzdem überliefert. Das verdanken wir allein einer Zeichnung, die 1948 in eine Schulchronik eingeklebt wurde. Sie zeigt, welchen Wert solche unscheinbaren Quellen haben. Viele Bauinschriften der Region sind mit den Gebäuden verloren gegangen, ohne dass jemand sie festgehalten hat. Diese hier hat jemand abgezeichnet, gerade noch rechtzeitig.
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