Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbarer Dienstbeleg: eine Postkarte, abgestempelt in Brome am 1. Juni 1923, gerichtet an den Kreisschulrat in Gifhorn. Doch auf ihren beiden Seiten antworten zwei Dorfschullehrer auf dieselben Fragen – Ernst Luhmann aus Wiswedel und Werner Blanke aus Altendorf. Die beiden waren nicht nur Nachbarn im Schuldienst, sondern auch Schwiegervater und Schwiegersohn: Blanke hatte 1919 Luhmanns Tochter Grete geheiratet. Und ganz nebenbei erzählt die Karte vom Porto in einer Zeit, in der das Geld täglich an Wert verlor.
Der Beleg
Verwendet wurde eine Ganzsachen-Postkarte des Deutschen Reiches mit eingedrucktem Wertstempel zu 3 Mark. Am oberen Rand trägt sie die Werbezeile Nimm ein Postscheckkonto!, am unteren den Preisvermerk Preis: Freigebühr + Papierzuschlag
Die Anschrift lautet:
An
Herrn Kreisschulrat
Baumgarten
Gifhorn
Zwei Tagesstempel BROME vom 1. Juni 1923, 3–4 Uhr nachmittags, entwerten die Zusatzfrankatur. Auf der Rückseite hat die Behörde den Eingang vermerkt: ein blauer Stempel „Der Kreisschulrat zu Gifhorn“ mit der Journalnummer 1348 und dem handschriftlichen Datum 2/6. 23. Die Karte war also am Tag nach der Aufgabe in Gifhorn.


Zwei Antworten auf einer Karte
Die Rückseite beschrieb Lehrer Luhmann in Wiswedel, datiert auf Donnerstag, den 31. Mai 1923:
Wiswedel, d. 31. Mai 1923.
Ein Verhandlungsgegenstand mit dem hiesigen Elternbeirat hat sich noch nicht gefunden.
An dem Konzert von Hudemann werden von hier etwa 10 Kinder in Brome teilnehmen.
Die Lage der Sommer- und Herbstferien ist festgesetzt:
Schluß: 20. 7. / 22. 9. – Wiederbeginn: 11. 8. / 13. 10.
Luhmann, Lehrer.
Auf der Vorderseite, im Feld für den Absender, folgt am Freitag, dem 1. Juni, die Antwort aus Altendorf:
Altendorf, den 1.6.23.
Ein Elternrat ist hier nicht vorhanden.
Am Konzert Hudemann werden ca 15 Kinder aus Altendorf teilnehmen.
Sommer- u. Herbstferien wie in Wiswedel.
Blanke, Lehrer
Beide Lehrer beantworten dieselben drei Punkte in derselben Reihenfolge: Elternbeirat, Konzert, Ferien. Das spricht dafür, dass der Kreisschulrat eine entsprechende Anfrage an die Schulen seines Bezirks gerichtet hatte – die Anfrage selbst liegt allerdings nicht vor.
Aus Datierung und Inhalt lässt sich auch der Weg der Karte rekonstruieren: Luhmann schrieb zuerst in Wiswedel, dann ging die Karte nach Altendorf, wo Blanke am Folgetag seine Antwort ergänzte und sich mit „wie in Wiswedel“ direkt auf die Ferientermine seines Kollegen bezog, die er ja auf derselben Karte lesen konnte. Aufgegeben wurde sie dann in Brome. Auch dies ist eine Schlussfolgerung aus dem Beleg, keine überlieferte Tatsache. Ob die gemeinsame Nutzung einer Karte aus Sparsamkeit geschah – im Juni 1923 kein abwegiger Gedanke – oder schlicht aus Bequemlichkeit unter Verwandten, bleibt offen.
Elternbeirat, Konzert und Ferien
Elternbeirat. Die Frage nach dem Elternbeirat war 1923 noch neu: Elternbeiräte an den Schulen gab es in Preußen – und damit auch in der Provinz Hannover – erst seit der Revolution von 1918/19. Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich weit die Sache in zwei benachbarten Dörfern gediehen war: In Wiswedel bestand ein Elternbeirat, hatte aber noch nichts zu verhandeln; in Altendorf gab es gar keinen. Bemerkenswert ist auch die Wortwahl – Luhmann schreibt „Elternbeirat“, Blanke „Elternrat“.
Konzert. Aus Wiswedel sollten etwa 10, aus Altendorf rund 15 Kinder an einem Konzert „von Hudemann“ in Brome teilnehmen. Wer Hudemann war und was für ein Konzert es war, geht aus der Karte nicht hervor. Diese Frage ist offen – Hinweise aus der Leserschaft sind willkommen.
Ferien. Besonders aufschlussreich ist der dritte Punkt: Die Ferientermine wurden nicht zentral verordnet, sondern vor Ort festgelegt. Nach Luhmanns Angaben endete der Unterricht vor den Sommerferien am Freitag, 20. Juli, und begann wieder am Samstag, 11. August 1923 – die Sommerferien dauerten also vom 21. Juli bis zum 10. August, gerade drei Wochen. Vor den Herbstferien war am Samstag, 22. September, Schluss; Wiederbeginn war am Samstag, 13. Oktober. Die Herbstferien liefen damit vom 24. September bis zum 12. Oktober 1923. Dass der Unterricht jeweils an einem Samstag wieder einsetzte, erinnert daran, dass die Sechstagewoche damals selbstverständlich war.
Kurze Sommer- und lange Herbstferien – das passt zu einem ländlichen Schulbezirk, in dem die Kinder bei Getreide- und Kartoffelernte gebraucht wurden.
Porto im Inflationsjahr 1923
Im Juni 1923 war die Hyperinflation in vollem Gang. Die Postkarte war ursprünglich für die Portoperiode vom 1. Oktober bis 14. November 1922 ausgegeben worden, in der eine Postkarte im Fernverkehr 3 Mark kostete. Mutmaßlich wurde sie im Oktober 1922 aufgelegt. Schon der Preisvermerk „Freigebühr + Papierzuschlag“ zeigt die beginnende Geldentwertung: Der Käufer zahlte nicht nur das Porto, sondern auch einen Zuschlag für das Papier der Karte – ein Aufpreis, der bereits im Herbst 1922 erhoben wurde.
Im Juni 1923 galt die Portoperiode vom 1. März bis 30. Juni 1923, in der eine Postkarte im Fernverkehr bereits 40 Mark kostete. Die Karte wurde deshalb mit zwei Freimarken mit Schnittermotiv nachfrankiert: einer orangeroten Marke zu 12 Mark (Michel-Nr. 240) und einer ockerbraunen Marke zu 25 Mark (Michel-Nr. 242). Einen Monat später, ab dem 1. Juli 1923, hätte dieselbe Karte schon 120 Mark gekostet – und bis zum Jahresende sollten die Portosätze in Milliarden- und Billionenbeträge steigen.
Lehrer Ernst Luhmann in Wiswedel
Über den älteren der beiden Lehrer, mit vollem Namen Ernst Heinrich August Luhmann, geben drei Schulchroniken Auskunft. Er wurde am 2. Dezember 1872 in Sülze im Kreis Celle geboren und besuchte ab Michaelis 1890 das Lehrerseminar in Lüneburg. Die Schulchronik Brome berichtet über seinen Dienstantritt:
Am 16. September 1893 übernahm der für die 2. Schulstelle von der Königlichen Regierung zu Lüneburg komm[issarisch] ernannte Schulamts=Kandidat Ernst Luhmann, geboren am 2. Dezember 1872 zu Sülze (Hann.) den Unterricht in der Mittel= und Unterklasse. Derselbe wurde zum 15. Juni 1896 nach Emmen bei Hankensbüttel versetzt.
In Emmen trug Luhmann selbst in die Schulchronik ein, er sei zum 15. Juni 1896 zum Lehrer an der Schule zu Emmen, Inspektion Wittingen III, ernannt und am 14. Juni von Pastor Hildebrandt im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Hankensbüttel eingeführt worden. Nach gut drei Jahren wechselte er nach Wiswedel. Die dortige Schulchronik vermerkt:
Vom 1. Oktober 1899 ab ist der Lehrer Ernst Luhmann zum Lehrer in Wiswedel ernannt worden. Derselbe wurde am 15. Oktober von Herrn Pastor Eicke im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Brome eingeführt. […] Am 17. Oktober 1899 übernahm er den Unterricht an der hiesigen Schule.
Die feierliche Einführung durch den Ortspastor zeigt, dass die Volksschule damals noch unter geistlicher Aufsicht stand. 1923 dagegen ging die Meldung an einen staatlichen Kreisschulrat – auch das ein Stück Schulgeschichte, das der Beleg sichtbar macht.
Luhmann blieb mehr als drei Jahrzehnte in Wiswedel und trat 1933 in den Ruhestand. Er starb am 29. März 1948 in Rethen bei Meine – also in dem Ort, in dem sein Schwiegersohn Werner Blanke von 1929 bis 1945 Lehrer war.
Werner Blanke – Lehrer und Heimatkundler
Werner Blanke, mit vollem Namen Wilhelm Heinrich Werner Blanke, wurde am 16. Juni 1895 in Ahlden (Kreis Verden) geboren. Nach der Präparandenausbildung in Leer ab 1909 kam er 1913 – wie zwei Jahrzehnte vor ihm Luhmann – an das Lehrerseminar in Lüneburg. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und kämpfte in Frankreich und Russland. 1916 war er nach mehrfacher Verwundung nicht mehr kriegsverwendungsfähig und kehrte an das Seminar zurück. Nach einer ersten Stelle in Hankensbüttel (1916–1917) wurde er zum 1. April 1917 Lehrer in Altendorf.
Zwei Jahre später notierte er:
24.IV.1919 Heute habe ich mich mit Grete Luhmann verlobt. Ich kann nicht darüber schreiben. Ich habe keine Ruhe. Möge Gott seinen Segen dazu geben.
Gut drei Monate später, am 31. Juli 1919, heirateten Werner Blanke und Grete Luhmann. Als die beiden Lehrer im Juni 1923 ihre Antworten auf dieselbe Karte schrieben, meldeten sich also Schwiegervater und Schwiegersohn gemeinsam beim Kreisschulrat.
Zum 1. Oktober 1929 wechselte Blanke nach Rethen und unterrichtete dort bis 1945. Dann wurde er aus politischen Gründen dem Dienst entlassen und vom 2. August bis 27. November 1945 im politischen Lager Westertimke festgehalten. Von 1949 bis Mai 1950 war er erneut Lehrer in Rethen, danach von 1950 bis 1961 wieder in Altendorf. Als die Altendorfer Schule aufgelöst wurde, unterrichtete er – obwohl bereits pensioniert – noch bis 1969 an der Mittelpunktschule Brome. Er hatte einen 13 Sunden-Vertrag, unterrichtete aber leidenschaftlich gern unentgeltlich die volle damalige Stundenzahl, manchmal auch darüber hinaus. Die Mittelpunktschule Brome hatte zu der Zeit nämlich einen gewaltigen Lehrermangel. Im Alter von 74 Jahren beendete er aus gesundheitlichen Gründen den Schuldienst. Werner Blanke starb am 24. Juni 1991 im Alter von 96 Jahren in Altendorf.
Was die Karte erzählt
Eine Dienstkarte mit drei knappen Mitteilungen – und doch steckt in ihr ein Querschnitt durch das Jahr 1923: die jungen Elternbeiräte der Weimarer Republik, eine Schulverwaltung, die ihre Ferien nach den Bedürfnissen des Dorfes festlegte, ein rätselhaftes Konzert in Brome und ein Porto, das sich binnen Monaten vervielfachte. Dazu zwei Lehrerbiographien, die über Seminar, Schuldienst und Familie eng miteinander verbunden sind.
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