Bisher stand Dr. med. Gustav Andrae stets als Empfänger im Mittelpunkt. Dieser Umschlag dreht das Bild um: Hier ist der Bromer Arzt einmal selbst der Absender. Der Brief führt uns ins Jahr 1920, in die frühe Phase der Inflation — und er trägt den gedruckten Briefkopf der Praxis, was ihn zu einem besonders sprechenden Zeugnis macht.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Geschäftsumschlag mit einem gedruckten Absenderkopf unten links:

Dr. med. Andrae Brome (Hannover) Postscheckkonto Hannover 14990.

Adressiert ist er in kräftiger blauer Tinte an:

Herrn Louis Andrae Markoldendorf Kr. Einbeck

Entwertet wurde die Sendung mit einem Ortsstempel Brome vom 29.10.20 10-11V — also dem 29. Oktober 1920, vormittags zwischen 10 und 11 Uhr. Oben auf der Vorderseite findet sich ein Bleistiftvermerk „Marken umseitig” — ein Hinweis des Absenders oder des Postbeamten darauf, dass die Frankatur ausnahmsweise auf der Rückseite klebt.

Die Frankatur des Briefes befindet sich auf der Rückseite.

Absender und Empfänger — zweimal Andrae

Der gedruckte Briefkopf weist den Absender eindeutig aus: die Praxis von Dr. med. Andrae in Brome. Der Empfänger, Louis Andrae in Markoldendorf im Kreis Einbeck, trägt denselben Familiennamen. Ob und wie die beiden verwandt waren, lässt sich aus dem Beleg allein nicht belegen — die Namensgleichheit legt eine familiäre Verbindung nahe, ist aber keine gesicherte Tatsache. Festhalten lässt sich der Befund: Der Bromer Arzt schrieb Ende Oktober 1920 an einen Namensvetter in der Nähe von Einbeck, rund 130 Kilometer südlich von Brome.

Die Frankatur — 40 Pfennig auf der Rückseite

Der Bleistiftvermerk „Marken umseitig” verweist auf die Besonderheit dieses Umschlags: Die Marken sitzen nicht wie üblich vorne oben rechts, sondern auf der Rückseite, wo sie zugleich die Umschlaglasche überkleben. Insgesamt sind es vier Germania-Marken der damals gültigen Freimarkenserie — zwei rote Werte zu 5 Pfennig und zwei violette Werte zu 15 Pfennig.

Die beiden violetten Marken sind dabei kleine Zeitzeugen für sich: Sie tragen den schwarzen Aufdruck „5 Pf für Kriegsbeschädigte” (Michel-Nr. 106, verausgabt am 1. Mai 1919). Es handelt sich um eine der allerersten deutschen Zuschlags- oder Wohlfahrtsmarken — der Aufdruck kennzeichnete einen sozialen Zuschlag zugunsten der Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs, während der postalische Frankaturwert unverändert 15 Pfennig blieb.

In der Summe ergibt das 40 Pfennig. Und genau das war der korrekte Frankatur: In der Portoperiode vom 6. Mai 1920 bis 31. März 1921 kostete ein Fernbrief bis 20 g eben 40 Pfennig. Die Sendung ist also portogerecht frankiert.

Die beiden Ausgaben der Kriegsbeschädigten-Marke unterscheiden sich allein durch ihr Wasserzeichen (Michel 106a bzw. 106b); welche Variante hier vorliegt, lässt sich vom Verfasser des Blogbeitrags nicht eindeutig bestimmen.

Ein Alltagszeugnis aus der frühen Inflation

Der Reiz dieses Belegs liegt in seiner Beiläufigkeit. Ein Arzt schreibt einen Brief — vielleicht privat an einen Verwandten, vielleicht in einer geschäftlichen Angelegenheit; der gedruckte Briefkopf mit Postscheckkonto deutet auf regen Schriftverkehr der Praxis hin. Die 40 Pfennig Porto wirken aus heutiger Sicht bescheiden, und das waren sie 1920 auch noch: Die große Geldentwertung stand erst bevor. Wenige Jahre später, 1923, sollte derselbe Fernbrief erst 100 Mark, dann 1000 Mark und schließlich Milliarden kosten.

So fügt sich dieser Umschlag in die Reihe der Andrae-Belege ein — als früher Ausgangspunkt einer Entwicklung, deren dramatische Beschleunigung die späteren Stücke von 1923 dann in vollem Umfang zeigen. Und als kleines Stück Bromer Alltagsgeschichte: ein Brief, der die Praxis des Dr. Andrae für einen Moment greifbar macht.