Die Postkarte trägt auf der Bildseite die Aufschrift „Gruss aus Benitz“ und zeigt zwei Fotos. Das eine zeigt das „Gasthaus Melzian“, das andere eine verschneite „Dorfansicht“. Rund um die beiden Bilder und quer darüber hat ein Mädchen namens Luise in Kurrentschrift einen Gruß an ihre Freundin Martha geschrieben. Die Karte ist damit zweierlei zugleich. Sie zeigt zwei sonst unbekannte Ansichten aus Benitz, und sie erzählt ein kleines Stück Kindheit auf dem Dorf um 1900.

Ein Brief unter Freundinnen
Luise schreibt:
Geliebte Freundin!
Ich teile Dir hier mit das ich lange nicht geschrieben habe, denn ich habe schon lange Zeit nicht wieder an gedacht. Darum will ich diesmal aber auch mehr schreiben.
Liebe Freundin! Ich theile Dir auch mit das nun bald Weihnachten ist und ich würde mich sehr freuen, wenn mir der Weihnachtsmann auch viel brächte.
Liebe Freundin!
Nun habe ich wohl schon genug geschrieben denn in diesen kleine Dorfe geschieht ja nicht viel. Es ist mir aber leid daß wir nach Ostern nicht mehr zusammen können spielen. Es ist Dir gewiß auch leid Martha, ja?
Es grüßt herzlich Dir Deine Freundin Luise.
Schreib bald wieder.
Der Text ist so offen und unbekümmert, wie Kinder schreiben. Luise gibt freimütig zu, dass sie lange nicht an die Freundin gedacht hat, und verspricht, es dafür diesmal mit einem längeren Brief wiedergutzumachen. Sie freut sich auf Weihnachten und hofft auf reiche Geschenke vom Weihnachtsmann. Und sie stellt nüchtern fest, dass im Dorf nicht viel passiert. Dann aber kommt der Satz, auf den der ganze Brief zuzulaufen scheint: Nach Ostern werden die beiden nicht mehr zusammen spielen können. Luise bedauert das und möchte hören, dass es Martha genauso geht.
Den Grund nennt Luise nicht. Ob die beiden sich gestritten hatten oder ob etwas anderes sie trennen würde, lässt sich aus dem Text allein nicht sagen. Ein Blick auf die Empfängerin bietet allerdings eine naheliegende Erklärung (siehe unten).
Mitteilung und Anrede sind über die ganze Bildseite verteilt. Die Zeilen laufen um die Fotos herum, an den Rändern entlang und teils sogar über die Bilder. Das hat einen einfachen Grund: Die Anschriftseite der Karte ist nicht geteilt. Sie war allein für die Anschrift bestimmt. Wer etwas mitteilen wollte, musste auf die Bildseite ausweichen.
Eine Postkarte, die nie mit der Post ging
Die Anschriftseite ist mit vorgedrucktem „Postkarte“ und „An“ versehen. Luise hat sie sorgfältig ausgefüllt:
Schülerin Martha Heinemann
ads. Herrn Wilhelm Heinemann
in Benitz
bei Brome

Die Marke ist eine 10 Pfennig der Ausgabe „Krone/Adler“ mit der Inschrift „REICHSPOST“ (Michel Nr. 47). Sie trägt einen Teilstempel, der nicht auf die Karte übergeht. Die Zähnung ist an einer Ecke beschädigt. Alles deutet darauf hin, dass die Marke von einem älteren Brief abgelöst und nachträglich auf die Karte geklebt wurde. Dazu passt auch der Wert: 10 Pfennig war das Porto für einen Inlandsbrief. Eine Postkarte im Inland kostete damals nur 5 Pfennig. Mit der Post befördert wurde die Karte vermutlich nicht. Wahrscheinlich hat Luise sie persönlich überbracht oder überbringen lassen.
Unten links steht außerdem mit Bleistift das Wort „frei“, daneben eine Zickzacklinie. Das ist der Vermerk für eine freigemachte Sendung.
Wenn die Karte tatsächlich von Hand überbracht wurde, wäre die vollständige Anschrift mit Vater, Ort und „bei Brome“ eigentlich überflüssig gewesen. Dass Luise trotzdem eine richtige Anschrift schrieb, eine Marke aufklebte und sogar „frei“ vermerkte, wirkt wie ein Spiel mit der Post der Erwachsenen. Das ist eine Deutung. Zu ihr passt aber, dass Luise schreibt, sie habe „lange nicht geschrieben“ – die beiden Freundinnen haben sich demnach offenbar regelmäßig Briefe geschrieben.
Die Empfängerin: Martha Heinemann
Über die Empfängerin wissen wir mehr als über die Absenderin. Marie Berta Martha Heinemann wurde am 19. März 1888 in Benitz geboren. Ihre Eltern waren der Anbauer Wilhelm Friedrich Karl Heinemann und Marie Dorothea Heinemann, geb. Schulze, beide in Benitz. Der „Herr Wilhelm Heinemann“ der Anschrift ist also ihr Vater.
Auf der Karte wird Martha als „Schülerin“ angeredet. Das hilft bei der Datierung. Kinder wurden damals in der Regel zu Ostern aus der Volksschule entlassen, in dem Jahr, in dem sie 14 Jahre alt wurden. Für Martha wäre das Ostern 1902 gewesen. Zusammen mit dem Hinweis auf das nahe Weihnachtsfest spricht deshalb viel dafür, dass die Karte im Dezember 1901 geschrieben wurde. Das wäre zugleich die naheliegende Erklärung für Luises Bedauern: Nach der Schulentlassung begann für viele Kinder auf dem Land die Arbeit, auf dem elterlichen Hof oder als Magd oder Knecht in fremden Diensten. Damit war die gemeinsame Spielzeit vorbei.
Auch das ist eine Deutung. Sie hängt davon ab, wie alt Luise war, und darüber wissen wir bisher nichts. Möglich ist auch, dass Luise selbst Ostern 1902 die Schule verließ oder dass ein Umzug bevorstand. Ein frühes Jahr scheidet nicht völlig aus. Ohne Poststempel bleibt die Datierung eine begründete Schätzung.
Wer Luise war, ist offen. Dass sie von „diesem kleinen Dorfe“ schreibt und eine Karte mit Benitzer Ansichten wählt, legt nahe, dass sie selbst in Benitz wohnte. Die Kirchenbücher von Brome könnten helfen, in Frage kommende Mädchen dieses Namens und Alters zu finden.
Gasthaus Melzian
Über das Gasthaus Melzian in Benitz haben wir bisher keine weiteren Informationen. Die Postkarte ist das einzige uns bekannte Zeugnis dieses Gasthauses.

Das Foto zeigt einen lang gestreckten, niedrigen Bau mit Ziegelfassade und großem Dach. Vor der Hauswand stehen Bäume. Links neben der Tür hängt ein Schild, rechts über dem Eingang ist ein weiteres Schild zu sehen, rechts daneben eine Laterne an einem Ausleger. Vor dem Haus hat sich eine Gruppe für den Fotografen aufgestellt: Frauen mit hellen Schürzen und Hauben, Kinder und Männer in dunkler Kleidung. Dazwischen stehen mehrere Fahrräder. Vermutlich handelt es sich um die Wirtsfamilie und Gäste. Wer die Personen waren, wissen wir nicht.
Benitz im Schnee
Das zweite Foto trägt nur die Beschriftung „Dorfansicht“.

Es zeigt eine verschneite Dorfstraße, gesäumt von hohen, kahlen Bäumen. Rechts verläuft ein Zaun, dahinter sind Häuser zu erkennen. Links am Bildrand steht ein weiteres Gebäude.
Ansichtskarten zeigten Dörfer meistens im Sommer. Eine Winteransicht ist eher die Ausnahme. Gerade zu Luises Weihnachtsgruß passt sie allerdings gut. Ob Luise die Karte deshalb gewählt hat, lässt sich natürlich nicht sagen.
Was aus Martha wurde
Martha Heinemann heiratete am 7. November 1913 in der Kirche zu Brome Johann Heinrich Friedrich Bratze, geboren am 1. März 1881 in Guleitz. Die Ehe dauerte nicht lange. Bratze fiel am 29. Juni 1915 im Ersten Weltkrieg. Nach rund anderthalb Jahren Ehe war Martha mit 27 Jahren Witwe. Sie heiratete nicht wieder.
Ob die Freundschaft mit Luise über die Schulzeit hinaus hielt, wissen wir nicht. Dass Martha die Karte aufbewahrt hat, lässt vermuten, dass sie ihr etwas bedeutete.
Neubau des Wohnhauses (1912)
Kurz vor der Hochzeit ihrer Tochter erbauten Wilhelm und Marie Heinemann geb. Schulze im Jahr 1912 ein neues Wohnhaus. Die beiden Gedenkplatten über der Haustür erinnern an dieses Ereignis.

Nicht Kunst, noch Fleiss und Arbeit nützt, Wenn Gott, der Herr das Haus nicht schützt.

Du wollest Herr, um Christi Willen, Dies Haus mit Deinem Segen füllen.

Wer weiß mehr?
Zum Gasthaus Melzian und zur Absenderin Luise wissen wir bislang nichts. Wer dazu Hinweise hat, Fotos besitzt oder Familienüberlieferungen kennt, meldet sich gern beim Museums- und Heimatverein Brome.
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