Wer heute von Zicherie aus den Tülau Heuweg nach Osten geht, erreicht nach kurzer Strecke die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Eine schwarz-rot-goldene Grenzsäule steht dort am Wegrand, daneben ein Schild mit einer Eule: „Nationales Naturmonument“. Der Weg ist matschig, die Bäume färben sich herbstlich. Dass hier bis 1989 einer der am stärksten gesicherten Grenzabschnitte Europas verlief, ist auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen.

Der Tülau Heuweg an der Landesgrenze heute. Rechts eine Grenzsäule und das Schild des Nationalen Naturmonuments „Grünes Band“. (Oktober 2026)

Ein Turm für die Führung

Jenseits der Landesgrenze, bei Böckwitz auf heute sachsen-anhaltischem Gebiet, steht noch einer der Beobachtungstürme der DDR-Grenztruppen. Es handelt sich um einen sogenannten Führungsturm mit einer Grundfläche von 4 × 4 Metern, errichtet 1979. Anders als die schlanken Beobachtungstürme mit nur 2 × 2 Metern Grundfläche, die vor allem der Überwachung des Grenzstreifens dienten, bot dieser Turmtyp Platz für eine Führungsstelle, von der aus der Einsatz der Grenzposten in einem Abschnitt geleitet wurde.

Der weiß gestrichene Betonbau steht auf einem kleinen Erdhügel. Oben ein umlaufendes Fensterband, darüber eine Plattform mit Geländer. In den Wänden darunter sitzen schmale Sehschlitze, unten ein vergitterter Lüftungsauslass.

Der Führungsturm heute, Teil des Grenzlehrpfades Böckwitz. (Oktober 2026)

Ein Blick über den Zaun

Ein undatiertes historisches Foto zeigt denselben Turm aus westlicher Richtung. Im Vordergrund steht eine weiß gestrichene Absperrstange, rechts eine gestreifte Grenzsäule. Dahinter verläuft der Grenzzaun, davor stehen Fahrzeugsperren aus gekreuzten Stahlträgern. Über dem Zaun ragt der Turm auf; auf seinem Dach ist ein runder Aufbau zu sehen, vermutlich ein Suchscheinwerfer.

Am Zaun sind noch die Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 zu erkennen. Daraus lässt sich die Aufnahme eingrenzen: Die DDR baute die SM-70 an der innerdeutschen Grenze im Raum Brome im Jahr 1984 ab. Da der Turm erst 1979 errichtet wurde, dürfte das Foto zwischen 1979 und 1984 entstanden sein. Diese Datierung ist ein Schluss aus dem Bildinhalt, kein überliefertes Aufnahmedatum.

Das Foto stammt aus einer Ausstellung des Zollkommissariats Brome, die bis 1990 im Zollgebäude auf dem Gelände der Burg Brome gezeigt wurde. Es zeigt die damalige Führungsstelle südlich Böckwitz am heutigen Grenzlehrpfad. Der Turm ist im original erhalten geblieben. Die Anhöhe auf der der Turm steht ist deutlich zu erkennen.

Die Natur holt sich das Gelände zurück

Damals stand der Turm frei auf dem geräumten Kontrollstreifen und war von der Grenze aus weithin sichtbar. Genau das war seine Aufgabe: sehen, ohne selbst verdeckt zu werden. Heute ist er von der Landesgrenze aus nicht mehr zu sehen. Birken, Kiefern und Eichen sind auf dem ehemaligen Grenzstreifen hochgewachsen und verdecken die Sicht.

Dass die Natur sich hier das Terrain zurückerobert hat, ist inzwischen auch rechtlich festgeschrieben. Seit 2019 ist das Grüne Band in Sachsen-Anhalt per Landesgesetz als Nationales Naturmonument geschützt, unter dem programmatischen Namen „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“. Daran erinnert das Eulenschild am Tülauer Heuweg an der heutigen Landesgrenze.

Denkmal am Grenzlehrpfad

Der Turm gehört heute zum Grenzlehrpfad Böckwitz, der an mehreren Stationen die Anlagen der ehemaligen innerdeutschen Grenze erklärt, und steht unter Denkmalschutz. Er ist damit eines der wenigen erhaltenen baulichen Zeugnisse des Grenzregimes im Raum Brome.