Der Friedhof Wiswedel wurde 1882 eingerichtet. Das älteste noch erhaltene Grab der heutigen Anlage ist die letzte Ruhestätte einer jungen Frau, die nur 19 Jahre alt wurde: Anna Marie Dorothee Schulze.

Die Inschrift
Auf der Vorderseite des Steins steht:
Hier ruht in Gott
unsere liebe Tochter
Anna Marie
Dorothee Schulze,
geb. d. 17 März 1869
gest. d. 25. Novbr. 1888
Auf der Rückseite findet sich – heute nur noch schwer zu entziffern – ein Trauervers, wie er für Gräber junger, unverheirateter Frauen im 19. Jahrhundert typisch war:
Sie war so sanft, sie war so gut,
die jetzt in diesem Grabe ruht,
zu ihrer Eltern
Schmerz.
Der hoffnungsvollen
Knospe gleich
erblühte sie: und mild
und reich
war ihr ge-
treues Herz.
Das Bild der Knospe, die sich gerade erst entfaltet hat und dann abrupt vergeht, war eine gängige Metapher der Zeit – ein stilles Zeugnis für den Schmerz einer Familie, die ihr Kind viel zu früh verlor.
Wer war Anna Marie Dorothee Schulze?
Anna Marie Dorothee wurde am 17. März 1869 in Wiswedel geboren, als zweites Kind des Halbhöfners Johann Heinrich Schulze (1838–1903) und seiner Frau Marie Dorothee, geb. Kuhrs (1847–1915). Der Hof, aus dem die Mutter stammte, ist heute als Hof Klopp in Wiswedel bekannt.

Als junge Frau ging Dorothee als Haushaltslehrling in die Lehre bei Familie Stackmann in Wittingen – ein für die Zeit üblicher Weg, um sich auf die eigene Haushaltsführung vorzubereiten. Dort erkrankte sie an einer Blinddarmentzündung, die zu einer Bauchfellentzündung führte, an der sie am 25. November 1888 verstarb. Eine Appendektomie, wie sie heute jede Blinddarmentzündung folgenlos beherrschbar macht, war 1888 noch kein etablierter chirurgischer Eingriff – ein Durchbruch der Bauchhöhle mit nachfolgender Peritonitis verlief zu dieser Zeit fast immer tödlich.
Da Dorothee in Wittingen starb, ihre Familie sie aber auf dem heimatlichen Friedhof in Wiswedel beisetzen wollte, war für die Überführung ein amtlicher Leichenpass nötig – ein Dokument, wie es im 19. Jahrhundert für den Transport eines Leichnams über Gemeindegrenzen hinweg vorgeschrieben war und das bis heute erhalten ist.

Erhalten ist zudem ein Foto Dorothees, vermutlich anlässlich ihrer Konfirmation entstanden – eines der wenigen Bilder, die von ihr überliefert sind.

Der Zaun – eine Verbindung nach Brome
Ein besonderes Detail verbindet das Grab in Wiswedel mit dem Bromer Friedhof: Der schmiedeeiserne Zaun, der Dorothees Grabstelle umgibt, entspricht in Ausführung und Dekor genau jenem Zaun, der die Grabstelle der Familie Jaeger in Brome einfasst – angefertigt von der Bromer Schlosserei Junge. Die Werkstatt fertigte solche kunstvollen Grabeinfassungen offenbar nicht nur für Brome selbst, sondern auch für die umliegenden Dörfer – ein kleines, aber schönes Zeugnis dafür, wie eng die Region über solche Handwerksbetriebe miteinander verflochten war.

Ein stilles Denkmal
Das Grab der Dorothee Schulze ist heute das älteste erhaltene Zeugnis auf dem Friedhof Wiswedel – und durch Inschrift, Leichenpass und den kunstvollen Zaun ein ungewöhnlich dicht dokumentiertes. Es erzählt von einem kurzen Leben, das durch eine Krankheit endete, die heute jeden Schrecken verloren hat, und von einer Familie, die ihrer Tochter mit einem Vers und einem gestalteten Grab ein bleibendes Andenken setzte.
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