Von Kartoffelstärke bis Maltose: Die wechselvolle Geschichte einer Fabrik, die fast ein Jahrhundert lang das Leben im Dorf Croya prägte.

Im Jahr 1884 gründeten Bauern aus Croya und der näheren Umgebung eine Aktiengesellschaft mit dem Ziel, den Kartoffelanbau in der Region zu stärken und die Ernte gewinnbringend zu verarbeiten. So entstand die Actien-Stärke-Fabrik Croya in Croya. Den Betrieb nahm die Fabrik wohl 1886 auf. Wer genau zu den ersten Aktionären gehörte, ließ sich bislang nicht ermitteln.

Vorderansicht der Stärkefabrik Croya (1954)

Die Anfänge: Eine Fabrik auf Aktien

Das Handbuch der deutschen Aktien-Gesellschaften von 1898/99 gibt uns zumindest einen Einblick in die damaligen Verhältnisse. Das Unternehmen verfügte über ein Kapital von 70.800 Mark, aufgeteilt in 236 Aktien zu je 300 Mark. Als Direktion sind H. Peckmann, C. Wienecke und E. Wienecke verzeichnet. Der Zweck des Unternehmens war schlicht und eindeutig: die Fabrikation von Kartoffelstärke.

Wirtschaftlich lief es allerdings schon früh nicht rund. In den Geschäftsjahren 1890/91 und 1891/92 wurde noch eine Dividende von 3 Prozent an die Aktionäre ausgeschüttet – danach nicht mehr. Bis 1897/98 blieb die Ausschüttung aus. Die Fabrik produzierte zwar, warf aber keinen Gewinn ab.

Stärkefabriken der Umgebung (1898/99) im Vergleich

OrtStammkapitalDividende 1890/91Dividende 1897/98
Croya70800 Mark3%0%
Glüsingen66000 Mark4%7%
Radenbeck66000 Mark3,5%6%
Wittingen63300 Mark9%8%

Stilllegung und Neuanfang

Die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre brachte das vorläufige Ende: Die Fabrik stellte den Betrieb ein, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig war und ihre Anlagen längst veraltet waren. Eine kostspielige Modernisierung wäre nötig gewesen – doch dazu kam es zunächst nicht.

Der Wendepunkt kam 1937, als die Hamburger Firma C. F. Hildebrandt das Werk von den Aktionären aufkaufte. Die Maschinen wurden erneuert, die Produktion wieder aufgenommen. 1937 verarbeitete die Fabrik täglich bis zu 60 Tonnen Kartoffeln.

Kriegswichtige Produktion

Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Fabrik eine unerwartete Rolle in der Versorgungswirtschaft. Die Schulchronik von Croya berichtet:

In den Kriegsjahren wurden auch Kartoffeln getrocknet. Die Kartoffel wurde in Scheiben geschnitten und getrocknet. Die getrockneten Kartoffeln wurden für die Wehrmacht hergestellt. Im Sommer wurde auch Spinat getrocknet.

Produktion in den Nachkriegsjahren

1945 ergänzte Hildebrandt die Produktion um eine Sirupanlage. Kartoffelstärke wurde nun zu Maltose und Glukose weiterverarbeitet. In der Nachkriegszeit – zwischen 1945 und der Währungsreform 1948 – nutzte man diese Anlage, um aus Stärke einen süßen Brotaufstrich herzustellen. Die Chronik beschreibt das Verfahren anschaulich:

Die erzeugte Stärke wurde durch ein besonderes Verfahren verzuckert, durch Kochen eingedickt, das entstandene Produkt hieß Maltose. Maltose konnte man auch als Brotaufstrich verwenden. Aus Maltose konnte man auch Alkohol herstellen.

Wachstum und neue Rohstoffe

Nach der Währungsreform 1948 kehrte die Fabrik zur Stärkeproduktion zurück. Die feuchte Stärke wurde in Säcken nach Hamburg geliefert und dort in anderen Werken der Firma Hildebrandt weiterverarbeitet. Die Maltose- und Glukoseproduktion wurde 1950 in Croya eingestellt und an den Hauptstandort in Hamburg verlagert.

Im gleichen Jahr versuchte man, die produktionsfreien Zeiten zwischen den Kartoffelsaisons zu überbrücken – durch die Verarbeitung von Milokorn. Das Experiment scheiterte jedoch an den zu hohen Rohstoffkosten.

Ab 1953 öffnete sich die Fabrik einem ganz anderen Rohstoff: Maniok, angeliefert als Mehl aus Belgisch-Kongo. Die Ausbeute war allerdings ernüchternd: Aus dem Maniokmehl ließen sich in Croya nur etwa 10 Prozent der enthaltenen Stärke gewinnen, während die Rückstände – die sogenannte Pülpe – noch rund 60 Prozent Stärke enthielten. Die Pülpe wurde schließlich als Tierfutter für die Schweinemast verkauft.

1954 hatte die Fabrik im Zweischichtbetrieb eine Kapazität von 100 Tonnen Kartoffeln und 18 Tonnen Maniok täglich. Rund 20 Menschen arbeiteten dort.

Kartoffellager der Stärkefabrik Croya (1954)

Gestank, Abwässer und das Ende

Mit dem Wachstum der Fabrik wuchs auch die Belastung für das Dorf. Die Geruchsbelästigung nahm erheblich zu. Dazu kamen Probleme mit den Abwässern: Zunächst wurden diese ungeklärt in den Landgraben eingeleitet, was zu Fischsterben führte. Hildebrandt ließ daraufhin große Absetzbecken bauen, in denen sich Schmutz und Eiweißstoffe absetzen sollten – doch auch diese Lösung war nicht dauerhaft: Die Becken begannen zu gären und verbreiteten einen, wie die Schulchronik berichtet, „furchtbaren Gestank“.

Über Abhilfemaßnahmen wurde noch gesprochen, als Hildebrandt die Fabrik am 21. Oktober 1965 an Dr. Oetker verkaufte. Der neue Eigentümer betrieb das Werk noch einige Jahre weiter, bevor er es schließlich wegen Unrentabilität schloss.

Den Abschluss dieser Geschichte hält die Schulchronik in wenigen trockenen Sätzen fest:

Eine Firma wurde beauftragt, das Fabrikgelände für 60.000 DM abzureißen, der Bauschutt mußte auf dem Gelände unter Erdoberfläche eingebuddelt werden, damit fand die Beerdigung der Fabrik auf eigenem Gelände statt.

Abwasser- und Pülpebecken der Stärkefabrik Croya (1954)
Spatenfeste Pülpe (1954)