Ein Blog des Museums- und Heimatvereins Brome e.V.

Kategorie: Wiswedel (Seite 1 von 6)

Eine Postkarte, zwei Schulen: Ferientermine im Inflationsjahr 1923

Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbarer Dienstbeleg: eine Postkarte, abgestempelt in Brome am 1. Juni 1923, gerichtet an den Kreisschulrat in Gifhorn. Doch auf ihren beiden Seiten antworten zwei Dorfschullehrer auf dieselben Fragen – Ernst Luhmann aus Wiswedel und Werner Blanke aus Altendorf. Die beiden waren nicht nur Nachbarn im Schuldienst, sondern auch Schwiegervater und Schwiegersohn: Blanke hatte 1919 Luhmanns Tochter Grete geheiratet. Und ganz nebenbei erzählt die Karte vom Porto in einer Zeit, in der das Geld täglich an Wert verlor.

Der Beleg

Verwendet wurde eine Ganzsachen-Postkarte des Deutschen Reiches mit eingedrucktem Wertstempel zu 3 Mark. Am oberen Rand trägt sie die Werbezeile Nimm ein Postscheckkonto!, am unteren den Preisvermerk Preis: Freigebühr + Papierzuschlag

Die Anschrift lautet:

An
Herrn Kreisschulrat
Baumgarten
Gifhorn

Zwei Tagesstempel BROME vom 1. Juni 1923, 3–4 Uhr nachmittags, entwerten die Zusatzfrankatur. Auf der Rückseite hat die Behörde den Eingang vermerkt: ein blauer Stempel „Der Kreisschulrat zu Gifhorn“ mit der Journalnummer 1348 und dem handschriftlichen Datum 2/6. 23. Die Karte war also am Tag nach der Aufgabe in Gifhorn.

Auf der Vorderseite die Nachricht von Lehrer Blanke aus Altendorf. Rechts oben der Poststempel BROME 1.6.23, 3-4 N. Die Karte kam bereits am nächsten Tag beim Kreisschulrat Baumgarten in Gifhorn an. (Sammlung Jens Winter)
Auf der Rückseite die Nachricht von Lehrer Luhmann aus Wiswedel. Links zu sehen der Eingangsstempel des Kreisschulrarts zu Gifhorn, daneben die handschriftliche Datierung vom 2.6.1923.

Zwei Antworten auf einer Karte

Die Rückseite beschrieb Lehrer Luhmann in Wiswedel, datiert auf Donnerstag, den 31. Mai 1923:

Wiswedel, d. 31. Mai 1923.
Ein Verhandlungsgegenstand mit dem hiesigen Elternbeirat hat sich noch nicht gefunden.
An dem Konzert von Hudemann werden von hier etwa 10 Kinder in Brome teilnehmen.
Die Lage der Sommer- und Herbstferien ist festgesetzt:
Schluß: 20. 7. / 22. 9. – Wiederbeginn: 11. 8. / 13. 10.
Luhmann, Lehrer.

Auf der Vorderseite, im Feld für den Absender, folgt am Freitag, dem 1. Juni, die Antwort aus Altendorf:

Altendorf, den 1.6.23.
Ein Elternrat ist hier nicht vorhanden.
Am Konzert Hudemann werden ca 15 Kinder aus Altendorf teilnehmen.
Sommer- u. Herbstferien wie in Wiswedel.
Blanke, Lehrer

Beide Lehrer beantworten dieselben drei Punkte in derselben Reihenfolge: Elternbeirat, Konzert, Ferien. Das spricht dafür, dass der Kreisschulrat eine entsprechende Anfrage an die Schulen seines Bezirks gerichtet hatte – die Anfrage selbst liegt allerdings nicht vor.

Aus Datierung und Inhalt lässt sich auch der Weg der Karte rekonstruieren: Luhmann schrieb zuerst in Wiswedel, dann ging die Karte nach Altendorf, wo Blanke am Folgetag seine Antwort ergänzte und sich mit „wie in Wiswedel“ direkt auf die Ferientermine seines Kollegen bezog, die er ja auf derselben Karte lesen konnte. Aufgegeben wurde sie dann in Brome. Auch dies ist eine Schlussfolgerung aus dem Beleg, keine überlieferte Tatsache. Ob die gemeinsame Nutzung einer Karte aus Sparsamkeit geschah – im Juni 1923 kein abwegiger Gedanke – oder schlicht aus Bequemlichkeit unter Verwandten, bleibt offen.

Elternbeirat, Konzert und Ferien

Elternbeirat. Die Frage nach dem Elternbeirat war 1923 noch neu: Elternbeiräte an den Schulen gab es in Preußen – und damit auch in der Provinz Hannover – erst seit der Revolution von 1918/19. Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich weit die Sache in zwei benachbarten Dörfern gediehen war: In Wiswedel bestand ein Elternbeirat, hatte aber noch nichts zu verhandeln; in Altendorf gab es gar keinen. Bemerkenswert ist auch die Wortwahl – Luhmann schreibt „Elternbeirat“, Blanke „Elternrat“.

Konzert. Aus Wiswedel sollten etwa 10, aus Altendorf rund 15 Kinder an einem Konzert „von Hudemann“ in Brome teilnehmen. Wer Hudemann war und was für ein Konzert es war, geht aus der Karte nicht hervor. Diese Frage ist offen – Hinweise aus der Leserschaft sind willkommen.

Ferien. Besonders aufschlussreich ist der dritte Punkt: Die Ferientermine wurden nicht zentral verordnet, sondern vor Ort festgelegt. Nach Luhmanns Angaben endete der Unterricht vor den Sommerferien am Freitag, 20. Juli, und begann wieder am Samstag, 11. August 1923 – die Sommerferien dauerten also vom 21. Juli bis zum 10. August, gerade drei Wochen. Vor den Herbstferien war am Samstag, 22. September, Schluss; Wiederbeginn war am Samstag, 13. Oktober. Die Herbstferien liefen damit vom 24. September bis zum 12. Oktober 1923. Dass der Unterricht jeweils an einem Samstag wieder einsetzte, erinnert daran, dass die Sechstagewoche damals selbstverständlich war.

Kurze Sommer- und lange Herbstferien – das passt zu einem ländlichen Schulbezirk, in dem die Kinder bei Getreide- und Kartoffelernte gebraucht wurden.

Porto im Inflationsjahr 1923

Im Juni 1923 war die Hyperinflation in vollem Gang. Die Postkarte war ursprünglich für die Portoperiode vom 1. Oktober bis 14. November 1922 ausgegeben worden, in der eine Postkarte im Fernverkehr 3 Mark kostete. Mutmaßlich wurde sie im Oktober 1922 aufgelegt. Schon der Preisvermerk „Freigebühr + Papierzuschlag“ zeigt die beginnende Geldentwertung: Der Käufer zahlte nicht nur das Porto, sondern auch einen Zuschlag für das Papier der Karte – ein Aufpreis, der bereits im Herbst 1922 erhoben wurde.

Im Juni 1923 galt die Portoperiode vom 1. März bis 30. Juni 1923, in der eine Postkarte im Fernverkehr bereits 40 Mark kostete. Die Karte wurde deshalb mit zwei Freimarken mit Schnittermotiv nachfrankiert: einer orangeroten Marke zu 12 Mark (Michel-Nr. 240) und einer ockerbraunen Marke zu 25 Mark (Michel-Nr. 242). Einen Monat später, ab dem 1. Juli 1923, hätte dieselbe Karte schon 120 Mark gekostet – und bis zum Jahresende sollten die Portosätze in Milliarden- und Billionenbeträge steigen.

Lehrer Ernst Luhmann in Wiswedel

Über den älteren der beiden Lehrer, mit vollem Namen Ernst Heinrich August Luhmann, geben drei Schulchroniken Auskunft. Er wurde am 2. Dezember 1872 in Sülze im Kreis Celle geboren und besuchte ab Michaelis 1890 das Lehrerseminar in Lüneburg. Die Schulchronik Brome berichtet über seinen Dienstantritt:

Am 16. September 1893 übernahm der für die 2. Schulstelle von der Königlichen Regierung zu Lüneburg komm[issarisch] ernannte Schulamts=Kandidat Ernst Luhmann, geboren am 2. Dezember 1872 zu Sülze (Hann.) den Unterricht in der Mittel= und Unterklasse. Derselbe wurde zum 15. Juni 1896 nach Emmen bei Hankensbüttel versetzt.

In Emmen trug Luhmann selbst in die Schulchronik ein, er sei zum 15. Juni 1896 zum Lehrer an der Schule zu Emmen, Inspektion Wittingen III, ernannt und am 14. Juni von Pastor Hildebrandt im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Hankensbüttel eingeführt worden. Nach gut drei Jahren wechselte er nach Wiswedel. Die dortige Schulchronik vermerkt:

Vom 1. Oktober 1899 ab ist der Lehrer Ernst Luhmann zum Lehrer in Wiswedel ernannt worden. Derselbe wurde am 15. Oktober von Herrn Pastor Eicke im Nachmittagsgottesdienst in der Kirche zu Brome eingeführt. […] Am 17. Oktober 1899 übernahm er den Unterricht an der hiesigen Schule.

Die feierliche Einführung durch den Ortspastor zeigt, dass die Volksschule damals noch unter geistlicher Aufsicht stand. 1923 dagegen ging die Meldung an einen staatlichen Kreisschulrat – auch das ein Stück Schulgeschichte, das der Beleg sichtbar macht.

Luhmann blieb mehr als drei Jahrzehnte in Wiswedel und trat 1933 in den Ruhestand. Er starb am 29. März 1948 in Rethen bei Meine – also in dem Ort, in dem sein Schwiegersohn Werner Blanke von 1929 bis 1945 Lehrer war.

Werner Blanke – Lehrer und Heimatkundler

Werner Blanke, mit vollem Namen Wilhelm Heinrich Werner Blanke, wurde am 16. Juni 1895 in Ahlden (Kreis Verden) geboren. Nach der Präparandenausbildung in Leer ab 1909 kam er 1913 – wie zwei Jahrzehnte vor ihm Luhmann – an das Lehrerseminar in Lüneburg. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und kämpfte in Frankreich und Russland. 1916 war er nach mehrfacher Verwundung nicht mehr kriegsverwendungsfähig und kehrte an das Seminar zurück. Nach einer ersten Stelle in Hankensbüttel (1916–1917) wurde er zum 1. April 1917 Lehrer in Altendorf.

Zwei Jahre später notierte er:

24.IV.1919 Heute habe ich mich mit Grete Luhmann verlobt. Ich kann nicht darüber schreiben. Ich habe keine Ruhe. Möge Gott seinen Segen dazu geben.

Gut drei Monate später, am 31. Juli 1919, heirateten Werner Blanke und Grete Luhmann. Als die beiden Lehrer im Juni 1923 ihre Antworten auf dieselbe Karte schrieben, meldeten sich also Schwiegervater und Schwiegersohn gemeinsam beim Kreisschulrat.

Zum 1. Oktober 1929 wechselte Blanke nach Rethen und unterrichtete dort bis 1945. Dann wurde er aus politischen Gründen dem Dienst entlassen und vom 2. August bis 27. November 1945 im politischen Lager Westertimke festgehalten. Von 1949 bis Mai 1950 war er erneut Lehrer in Rethen, danach von 1950 bis 1961 wieder in Altendorf. Als die Altendorfer Schule aufgelöst wurde, unterrichtete er – obwohl bereits pensioniert – noch bis 1969 an der Mittelpunktschule Brome. Er hatte einen 13 Sunden-Vertrag, unterrichtete aber leidenschaftlich gern unentgeltlich die volle damalige Stundenzahl, manchmal auch darüber hinaus. Die Mittelpunktschule Brome hatte zu der Zeit nämlich einen gewaltigen Lehrermangel. Im Alter von 74 Jahren beendete er aus gesundheitlichen Gründen den Schuldienst. Werner Blanke starb am 24. Juni 1991 im Alter von 96 Jahren in Altendorf.

Was die Karte erzählt

Eine Dienstkarte mit drei knappen Mitteilungen – und doch steckt in ihr ein Querschnitt durch das Jahr 1923: die jungen Elternbeiräte der Weimarer Republik, eine Schulverwaltung, die ihre Ferien nach den Bedürfnissen des Dorfes festlegte, ein rätselhaftes Konzert in Brome und ein Porto, das sich binnen Monaten vervielfachte. Dazu zwei Lehrerbiographien, die über Seminar, Schuldienst und Familie eng miteinander verbunden sind.

Ein Brief an den Doktor — ein Postbeleg aus der Inflationszeit 1923

Manche Fundstücke erzählen ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick. Ein schlichter Briefumschlag, adressiert an einen Bromer Arzt, abgestempelt am 23. März 1923 — auf den ersten Blick nichts Besonderes. Und doch führt dieser Beleg mitten hinein in ein Jahr, das den Menschen in Brome und im ganzen Deutschen Reich in Erinnerung bleiben sollte: das Jahr, in dem das Geld seinen Wert verlor.

Der Beleg

Vor uns liegt ein Umschlag, der als Drucksache verschickt wurde — der entsprechende Aufdruck ist oben auf der Vorderseite noch schwach zu erkennen. Adressiert ist er in schwungvoller Schrift:

An Herrn Dr. med. Andrae in Brome

Frankiert wurde die Sendung mit zwei Briefmarken zu je 10 Mark, zusammen also 20 Mark. Die roten Marken gehören zur Dauermarkenserie „Posthorn” (Michel-Nr. 206, verausgabt 3. Juni 1922) — einer der schmucklosen, rasch herzustellenden Freimarkenserien, mit denen die Reichspost auf die immer neuen Portoerhöhungen der Inflation reagierte. Entwertet sind sie mit einem Poststempel, dessen Ortsangabe sich als Hankensbüttel lesen lässt, mit dem Datum 23.3.23 9-10V (23.03.1923 um 9–10 Uhr Vormittag).

Die Rückseite trägt einen runden violetten Absenderstempel. Auch wenn er blass und teilweise verwischt ist, lässt er sich entziffern:

Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Damit ist der Weg der Sendung geklärt: Sie ging von der Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen an den Bromer Arzt — ein ganz alltäglicher Vorgang im Schriftverkehr zwischen einer Krankenkasse und dem behandelnden Kassenarzt, und gerade deshalb ein aufschlussreiches Zeugnis.

Drucksache mit Stempel Hankensbüttel vom 23. März 1923 an Dr. med. Andrae in Brome (Sammlung Jens Winter)
Absenderstempel auf der Rückseite: Landkrankenkasse für den Kreis Isenhagen in Isenhagen

Der Empfänger: Dr. med. Gustav Andrae

Der Adressat ist Dr. med. Heinrich Gustav Andrae (Rufname Gustav), der über zwei Jahrzehnte hinweg das ärztliche Leben in Brome mitprägte. Nach den Ärzteverzeichnissen des Reichs-Medizinal-Kalenders erhielt er seine Approbation 1907 und ist in Brome durchgehend von 1912 bis mindestens 1935 nachweisbar. Er rückte damit um 1911/12 in eine Lücke nach, die der Tod des jung verstorbenen Dr. Walter Braun(e) gerissen hatte.

Zeit seines Wirkens teilte sich Andrae die ärztliche Versorgung des Fleckens mit Dr. Friedrich August Otto Hornhardt (approbiert 1896), der sogar noch länger — von 1903 bis mindestens 1935 — in Brome praktizierte. Zwei Ärzte für einen Ort, dessen Einwohnerzahl in diesen Jahren bei rund 1.100 lag: Das war eine für ländliche Verhältnisse durchaus ordentliche Versorgung.

Eine kleine Eigenheit am Rande: Der Familienname erscheint in den amtlichen Verzeichnissen in wechselnder Schreibung — mal Andrae, mal Andrä, mal Andräe. Das konstante Approbationsjahr 1907 sichert jedoch, dass stets dieselbe Person gemeint ist. Auf unserem Umschlag ist die Form „Andrae” gewählt.

20 Mark Porto – und was das über das Jahr 1923 verrät

Hier wird der Beleg zum Zeitdokument. 20 Mark Porto für eine Drucksache — das klingt nach viel und war zugleich schon fast nichts mehr wert. Genau 20 Mark kostete eine Drucksache bis 25 g seit dem 1. März 1923; unser Brief ist also portogerecht frankiert. Wie kurz diese Gültigkeit währte, zeigt der nächste Tarifschritt: Schon zum 1. Juli 1923 stieg dieselbe Drucksachengebühr auf 60 Mark — eine Verdreifachung binnen vier Monaten. Zum Vergleich: Für den einfachen Fernbrief galt in denselben Wochen ab dem 1. März 1923 ein Porto von 100 Mark.

Um die Größenordnung einzuordnen: Wenige Jahre zuvor, in der Portoperiode vom 1. August 1916 bis 30. September 1918, hätte eine solche Drucksache drei Pfennig gekostet. Im März 1923 waren daraus 20 Mark geworden — und das war erst der Anfang. Die eigentliche Hyperinflation beschleunigte sich erst ab dem Sommer 1923; im Herbst kletterten die Portosätze dann in astronomische Millionen- und Milliardenbeträge, bis zur Währungsreform im November/Dezember 1923, als die Rentenmark die entwertete Papiermark ablöste und das Briefporto wieder bei 10 Rentenpfennig lag. Unser Brief vom 23. März steht also gleichsam an der Schwelle: Das Geld war schon stark entwertet, aber der völlige Absturz kam erst.

Genau das macht solche Belege für die Regionalgeschichte so wertvoll. Es ist ein Alltagszeugnisse, das im Kontext der Post- und Wirtschaftsgeschichte die ganze Dramatik des Jahres 1923 zeigt. Eine Krankenkasse schreibt ihrem Kassenarzt — ein Vorgang, der sich hundertfach wiederholte. Und der aufgeklebte Wert von 20 Mark hält die damals ständig steigende Inflation fest.

Ein Stück Bromer Postgeschichte

Für die Heimatgeschichte ist ein solcher Umschlag ein doppeltes Fundstück: Er dokumentiert zum einen die Postgeschichte unserer Region in der Inflationszeit, zum anderen ein Stück Bromer Medizingeschichte — verkörpert im Namen des Dr. Gustav Andrae, der die Kranken des Fleckens durch diese unruhigen Jahre begleitete.

Anna Marie Dorothee Schulze (1869–1888) – Das älteste Grab auf dem Friedhof Wiswedel

Der Friedhof Wiswedel wurde 1882 eingerichtet. Das älteste noch erhaltene Grab der heutigen Anlage ist die letzte Ruhestätte einer jungen Frau, die nur 19 Jahre alt wurde: Anna Marie Dorothee Schulze.

Grab von Anna Marie Dorothee Schulze auf dem Friedhof Wiswedel. (Foto: Ulrich Schulze, Wiswedel)

Die Inschrift

Auf der Vorderseite des Steins steht:

Hier ruht in Gott

unsere liebe Tochter

Anna Marie

Dorothee Schulze,

geb. d. 17 März 1869

gest. d. 25. Novbr. 1888

Auf der Rückseite findet sich – heute nur noch schwer zu entziffern – ein Trauervers, wie er für Gräber junger, unverheirateter Frauen im 19. Jahrhundert typisch war:

Sie war so sanft, sie war so gut,

die jetzt in diesem Grabe ruht,

zu ihrer Eltern

Schmerz.

Der hoffnungsvollen

Knospe gleich

erblühte sie: und mild

und reich

war ihr ge-

treues Herz.

Das Bild der Knospe, die sich gerade erst entfaltet hat und dann abrupt vergeht, war eine gängige Metapher der Zeit – ein stilles Zeugnis für den Schmerz einer Familie, die ihr Kind viel zu früh verlor.

Wer war Anna Marie Dorothee Schulze?

Anna Marie Dorothee wurde am 17. März 1869 in Wiswedel geboren, als zweites Kind des Halbhöfners Johann Heinrich Schulze (1838–1903) und seiner Frau Marie Dorothee, geb. Kuhrs (1847–1915). Der Hof, aus dem die Mutter stammte, ist heute als Hof Klopp in Wiswedel bekannt.

Die Eheleute Marie Dorothee, geb. Kuhrs und Johann Heinrich Schulze vermutlich mit ihrer ältesten Tochter, über die keine weiteren Informationen überliefert sind. Im Hintergrund steht die Stiefmutter von Johann Heinrich Schulze, Catharina Dorothea Schulze, geb. Schröder.

Als junge Frau ging Dorothee als Haushaltslehrling in die Lehre bei Familie Stackmann in Wittingen – ein für die Zeit üblicher Weg, um sich auf die eigene Haushaltsführung vorzubereiten. Dort erkrankte sie an einer Blinddarmentzündung, die zu einer Bauchfellentzündung führte, an der sie am 25. November 1888 verstarb. Eine Appendektomie, wie sie heute jede Blinddarmentzündung folgenlos beherrschbar macht, war 1888 noch kein etablierter chirurgischer Eingriff – ein Durchbruch der Bauchhöhle mit nachfolgender Peritonitis verlief zu dieser Zeit fast immer tödlich.

Da Dorothee in Wittingen starb, ihre Familie sie aber auf dem heimatlichen Friedhof in Wiswedel beisetzen wollte, war für die Überführung ein amtlicher Leichenpass nötig – ein Dokument, wie es im 19. Jahrhundert für den Transport eines Leichnams über Gemeindegrenzen hinweg vorgeschrieben war und das bis heute erhalten ist.

Leichenpass zur Überführung des Leichnams von Anna Marie Dorothee Schulze von Wittingen nach Wiswedel, ausgestellt vom Königlichen Landrat des Kreises Isenhagen (26.11.1888).

Erhalten ist zudem ein Foto Dorothees, vermutlich anlässlich ihrer Konfirmation entstanden – eines der wenigen Bilder, die von ihr überliefert sind.

Foto von Anna Marie Dorothee Schulze – vermutlich anlässlich ihrer Konfirmation aufgenommen.

Der Zaun – eine Verbindung nach Brome

Ein besonderes Detail verbindet das Grab in Wiswedel mit dem Bromer Friedhof: Der schmiedeeiserne Zaun, der Dorothees Grabstelle umgibt, entspricht in Ausführung und Dekor genau jenem Zaun, der die Grabstelle der Familie Jaeger in Brome einfasst – angefertigt von der Bromer Schlosserei Junge. Die Werkstatt fertigte solche kunstvollen Grabeinfassungen offenbar nicht nur für Brome selbst, sondern auch für die umliegenden Dörfer – ein kleines, aber schönes Zeugnis dafür, wie eng die Region über solche Handwerksbetriebe miteinander verflochten war.

Grab von Anna Marie Dorothee Schulze mit dem geschmiedeten Zaun. Der gleiche Design findet sich auch am Grab der Familie Jaeger auf dem Bromer Friedhof. (Foto: Ulrich Schulze, Wiswedel)

Ein stilles Denkmal

Das Grab der Dorothee Schulze ist heute das älteste erhaltene Zeugnis auf dem Friedhof Wiswedel – und durch Inschrift, Leichenpass und den kunstvollen Zaun ein ungewöhnlich dicht dokumentiertes. Es erzählt von einem kurzen Leben, das durch eine Krankheit endete, die heute jeden Schrecken verloren hat, und von einer Familie, die ihrer Tochter mit einem Vers und einem gestalteten Grab ein bleibendes Andenken setzte.

Freiwillige Feuerwehr Wiswedel

Nachdem die Gemeinde Wiswedel im Jahr 1911 eine Feuerspritze angeschafft und im Jahr 1912 ein Feuerwehrhaus gebaut hat, existierte wohl auch ab 1911 eine Freiwillige Feuerwehr. Allerdings sind schriftliche Unterlagen über die Freiwillige Feuerwehr Wiswedel zwischen 1913 und 1948 bislang nicht vorhanden.

Im Jahr 1949 berichtet die Wiswedeler Schulchronik über eine „Feuersbrunst“:

Feuersbrunst.

In der Nacht vom 11. zum 12. Juli 1949 brannte dem Bauern Martin Behne die auf dem Wirtschaftshofe gelegene Scheune, ein ziemlich baufälliges Gebäude, ab. Nur dem Umstand, das es eine windstille Nacht war, ist es zu verdanken, das die ebenso alten Nachbargebäude vom Feuer verschont blieben. Der Verdacht der Brandstiftung fiel auf einen Flüchtling, den bodenreformierten Bauern P. Heitzmann aus der Altmark, der im Hause Behne wohnt. Der Verdacht wurde aus dem Umstand hergeleitet, das Flüchtling u. Bauer nicht gerade freundschaftlich zu einander standen. Der Verdacht erwies sich als völlig grundlos. In der Scheune verbrannten eine neue Dreschmaschine u. andere wertvolle landwirtschaftliche Geräte. Wie man hört, soll der entstandene Schaden ausreichend durch Versicherung gedeckt sein.


Weil der Brunnen vor der Gastwirtschaft beim Löschen der Scheune nicht genug Wasser hergab, wurde vom Gemeinderat beschlossen, in der Nähe einen neuen bohren zu lassen. Bereits im Oktober 1949 wurde laut Isenhagener Kreisblatt an der Weggabelung Benitz-Voitze mit dem Brunnenbau begonnen.

Nach dem 2.Weltkrieg war nach Aussagen älterer Wiswedeler neben der Handdruckspritze auch eine Tragkraftspritze, TS-8 mit 2-Takt-Motor, vorhanden. Sie hatte jedoch erhebliche Startschwierigkeiten. Am Motor mussten häufig die Zündkerzen ausgewechselt und der Vergaser gereinigt werden.

In einer der Eichen neben dem Feuerwehrhaus war zum Schlauchtrocknen eine Rolle als Aufzug angebracht. Diese ist heute noch vorhanden.

Einige Männer von den in Wiswedel untergebrachten Flüchtlingsfamilien verstärkten zunächst die Mannschaft der Feuerwehr, zogen aber bald in andere Orte.

Am Teich in der Schweineweide wurde durch Befestigung der Böschung eine Wasserentnahmestelle eingerichtet.

Die Gemeinde Wiswedel beschaffte 1961 einen VW-Transporter als TSF-T und eine TS-8/8 von Metz mit VW-Motor.

Feuerwehr Wiswedel beim Festumzug zum 40 jährigen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Radenbeck 1965
Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Wiswedel beim Feuerwehrfest in Radenbeck

Wegen Überalterung der Aktiven bekam die Ortswehr immer mehr Personalprobleme. Die Mindeststärke-Verordnung konnte nicht mehr erfüllt werden. Im Dezember 1974 lud das Kommando der Freiwilligen Feuerwehr Brome die Wiswedeler Kameraden zur Versammlung ins Gasthaus Wiswedel ein. Die Anwesenden der Freiwilligen Feuerwehr Wiswedel beschlossen der Ortswehr Brome beizutreten.

Zum 1. Januar 1975 wurden fünf Ehrenmitglieder, fünf Altersabteilung und acht Aktive aus Wiswedel in die Freiwillige Feuerwehr Brome aufgenommen.

Die Dienstbeteiligung war jedoch zu gering, so dass alle ab Januar 1977 „Fördernde Mitglieder“ der Bromer Wehr wurden. Die Freiwillige Feuerwehr Wiswedel wurde von der Samtgemeinde Brome aufgelöst und die vorhandene Ausrüstung und das Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Brome übergeben.

Feuerwehrhaus Wiswedel vor dem Umbau – Es diente seit der Auflösung der Wiswedeler Feuerwehr der Bromer Feuerwehr als Lagerraum. Ab 2011 wurde es zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut. (Foto undatiert)

Das Wiswedeler Tragkraftspritzenfahrzeug sollte verkauft werden. Es wurde der Samtgemeinde von den Bromer Feuerwehrkameraden abgekauft. Die damaligen Bromer Gerätewarte beseitigten alle Korrosionsschäden und bauten das TSF-T zum Mannschaftswagen um.

Ab August 1977 stand der Bromer Wehr ein neu lackierter VW-Bulli mit neun Sitzplätzen zur Verfügung. Das Fahrzeug wurde besonders von der Jugendfeuerwehr, aber auch vom Musikzug und den Aktiven benutzt. Weil die Samtgemeinde Brome sich nicht an einem Mannschaftswagen beteiligen wollte, wurden alle Betriebs- und Reparaturkosten aus der Kameradschaftskasse der Freiwilligen Feuerwehr Brome bezahlt. Nach zehn Jahren Dienstzeit in Brome bekam der VW-Bus keine TÜV-Plakette mehr. Die Reparaturkosten überstiegen den Zeitwert um ein Vielfaches und der Bulli mußte ausgemustert werden.

Im Feuerwehrhaus in Wiswedel wurde von der Feuerwehr Brome eine Zwischendecke eingezogen und das Tor regelmäßig gestrichen. Leider unterblieb seitens der Samtgemeinde Brome die bauliche Unterhaltung. Trotzdem konnten dort die Bromer Handdruckspritze von 1891 und die beiden ausgemusterten Feuerwehranhänger trocken und ohne Holzwurmbefall untergestellt werden.

Im Zuge der Dorferneuerung in Wiswedel erfolgte ab 2011 der Umbau des Feuerwehrhauses zum Gemeinschaftshaus.

Dorfgemeinschaftshaus Wiswedel (2019)

Bau des Feuerwehrhauses Wiswedel (1912)

Im Jahr 1912 wurde in der Gemeinde Wiswedel für die im Jahr zuvor beschaffte Handdruckspritze ein Spritzenhaus gebaut. Als Standort wurde ein Grundstück der Realgemeinde an der Straße nach Radenbeck neben der Hofstelle von Christoph Pohlmann ausgewählt. Den Auftrag erhielt Maurermeister Heinrich Meyer aus Radenbeck.

Einschließlich aller Material- und Frachtkosten wurden laut Kassenbuch der Gemeinde Wiswedel 1.475,20 Mark für die Erstellung des Spritzenhauses aufgewendet. Auch hierfür wurde laut Quittung von der Provinzial-Brandkasse ein Zuschuss gewährt. In der Regel erstattete sie 25 % Gesamtkosten. Demnach hätte die Gemeinde Wiswedel 368,80 Mark erstattet bekommen.

Das Holz für der Dachstuhl und das Tor kamen aus dem Wald der Gemeinde. Die Sparren und Deckenbalken wurden von den Zimmerleuten aus Tülau vor Ort behauen und errichtet. Aus gehobelten Lärchenholz fertigte der ortsansässige Tischler Friedrich Präger das Tor. Die Fenster hatte der Wiswedeler Schmiedemeister Heinrich Tepelmann aus Eisenprofilen geschweißt. Am Abrechnungstag der Gemeinde, immer der 27.12. jedes Jahr, wurden die Kosten der am Bau beteiligten Wiswedeler Bürger abgerechnet.

Maurermeister Heinrich Meyer (Radenbeck) erstellte für den Bau des Spritzenhauses in Wiswedel diesen Kostenanschlag. Er veranschlagte die Kosten auf 1098,56 Mark.

Die tatsächlichen Kosten für den Bau waren wie folgt:

DatumHandwerker und HelferZweckGoldmark
03.07.1912Heinrich MeyerKostenvoranschlag Feuerwehrhaus1.038,56


Maurerarbeiten725,14


Zimmererarbeiten164,20


Dachdeckerarbeiten120,50


Eisenwaren28,72




03.06.1912
Fracht für 300 Mauersteine29,75
04.06.1912
Antrag Provinzialgenossenschaft Hannover0,10
05.06.1912
Baugenehmigung für Spritzenhaus0,20
09.06.1912
Fracht für 200 Mauersteine19,70
14.06.1912
Fracht für 200 Mauersteine19,70
14.06.1912
Fracht für Eisenträger (Bahnhof-Baustelle)0,40
14.06.1912Otto FehseZimmererlohn37,68
15.06.2012
Mauersteine443,00
20.06.1912
Antrag auf eine Beihilfe zum Spritzenhaus0,10
19.11.1912Maurermeister Heinrich MeyerArbeitslohn für Maurerarbeiten282,18
02.12.1912Dachdeckermeister KellerArbeitslohn für Dachdeckerarbeiten50,12
11.12.1912Eisen SiemerEisenträger für Spritzenhaus18,85
27.12.1912Friedrich PrägerSpritzenhaustür angefertigt25,00
27.12.1912Christoph PohlmannDachlatten gefügt4,50
27.12.1912Gastwirt KloppKalk und Nägel5,27
27.12.1912Schmiedemeister H. TepelmannSchmiedearbeiten am Spritzenhaus28,30
11.01.1913
Quittung Spritzenhausbeihilfe erhalten0,35






Mauersteine440,00


Dachziegel70,00






Bau eines Spritzenhauses1.475,20

Die Originalbauzeichnung des Feuerwehrhauses Wiswedel ist erhalten:

Nach Fertigstellung stellte die „Elektrische Überlandzentrale Kreis Salzwedel e.G.m.b.H.“ an die Gemeinde in Wiswedel einen Antrag zum Bau eines Trafohäuschen am Spritzenhaus.

Diesen stimmte der Gemeinderat am 28. August 1913 zu. Hier das Protokoll der Sitzung:

In der Wiswedeler Schulchronik wurde festgehalten, dass sich dann auch Wiswedeler Haushalte an das neue Stromnetz haben anschließen lassen:

Im Jahre 1913 schlossen sich mehrere Ortseinwohner der Überlandzentrale Kreis Salzwedel G.m.b.H. an[,] erhielten im Herbste desselben Jahres elektrisches Licht. Viele kauften auch einen elektrischen Kraftmotor, der die Dreschmaschine, Kreissäge, Schrotmühle und andere Maschinen in Betrieb setzte. Im März 1919 erhielt auch die Schule eine elektrische Lichtanlage.

Es dauerte einige Jahre bis alle Anwesen in Wiswedel am Stromnetz angeschlossen waren. Laut Chronik bekam die Schule Wiswedel erst 1919 einen Stromanschluss.

Durch Rechnungen im Kleinbahnarchiv ist belegt, dass der Bahnhof Benitz-Wiswedel erst 1937 einen Stromanschluss bekam. Für den Leitungsbau von Wiswedel zum Bahnhof an Holzmasten entlang der Benitzer Straße entstanden Kosten von 1473,95 Mark. Hinzu kam die Elektroinstallation durch Fa. Hermann Bublitz aus Wittingen von 354,67 Mark.

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