Manchmal erzählen kleine Dinge die größten Geschichten. Eine unscheinbare Postkarte, mehr als ein Jahrhundert alt, verbindet zwei Kontinente, zwei Menschen und die großen Hoffnungen der Auswanderung: Ein Brief aus der deutschen Heimat an eine Schwester in der fernen Neuen Welt.

Der Anfang: Eine Postkarte aus Brome

Mit dem Poststempel vom 20. Juli 1914 aus Brome (Niedersachsen) schickte ein gewisser Ernst eine Postkarte an seine Schwester nach Amerika. Die Adresse lautete: 309 Starling Avenue, Joliet, Illinois, USA.

Die Empfängerin war seine Schwester, genannt Mis A. Z. Morison – eine Auswanderin, die sich in der fernen Stadt Joliet ein neues Leben aufgebaut hatte. Der Nachname Morison deutet darauf hin, dass sie geheiratet hatte, wahrscheinlich einen Mann englischer oder schottischer Herkunft. Leider kennen wir den genauen Vornamen nicht, da Bruder Ernst nur die Initialen schreibt.

Der Text: Worte voller Sehnsucht

Liebe Schwester

Ich habe Deinen Brief erhalten habe mich sehr gefreut über die Bilder Ich schreibe auch bald einen Brief Es grüßt

Dein Bruder

Ernst

Nur wenige Worte, aber sie sagen so viel. Ernst hat einen Brief seiner fernen Schwester erhalten – vermutlich über den Ozean verschickt und nach Wochen angekommen. Er freute sich über die Bilder, die sie ihm mitgesendet hatte – vielleicht Fotos ihres neuen Lebens in Illinois, ihrer Familie, ihres Hauses.

Die Antwort ist herzlich und persönlich: Es grüßt Dein Bruder Ernst – eine Phrase, die Nähe und Zuneigung ausdrückt, obwohl die beiden durch den Atlantischen Ozean getrennt sind.

Der historische Kontext: 1914

Das Jahr 1914 war kein gewöhnliches Jahr. Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Wenige Wochen später würde Europa in den Ersten Weltkrieg stürzen. Nur acht Tage, nachdem Ernst die Postkarte abgeschickt hat, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die Lage eskalierte aufgrund der damaligen politischen Verhältnisse schnell. Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg.

Ernst und seine Schwester ahnten nicht, dass dies eine der letzten Postkarten sein würde, die zwischen ihnen über den Atlantik reisen könnte. Der Krieg würde die Verbindung zwischen Europa und Amerika drastisch verändern. Ob die beiden nach dem 1. Weltkrieg noch Kontakt hatten, wissen wir bisher nicht.

Die deutsche Auswanderungsbewegung

Zwischen dem 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderten Millionen von Deutschen aus – getrieben durch wirtschaftliche Not, fehlende Landverfügbarkeit und die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Neuen Welt. Die USA, besonders Illinois mit seinen großen Industriestädten wie Chicago und Joliet, waren Magneten für diese Auswanderer. Damals wanderten auch aus Brome einige Einwohner in die USA aus, so z.B. der Schmied Wilhelm Remmler im Jahr 1853.

Wer war Mis A. Z. Morison?

Die Geschichte der Schwester ist leider größtenteils verloren gegangen – nur der Nachname eines Ehemannes und die Initialen A. Z. sind erhalten geblieben. Doch ihre Geschichte ist typisch für Millionen von Frauen ihrer Zeit:

  • Sie war Deutsche, geboren in Brome oder der näheren Umgebung
  • Sie wanderte aus – wahrscheinlich zwischen 1880 und 1910
  • Sie heiratete einen Mann mit dem Namen Morison (wahrscheinlich englischer oder schottischer Herkunft)
  • Sie baute sich ein neues Leben in Joliet, Illinois auf
  • Sie korrespondierte mit ihrer Familie in Deutschland

Sie war eine von Millionen, die sich trauten, alles hinter sich zu lassen und in einer fremden Sprache, in einer fremden Kultur ein neues Leben zu beginnen. Ihre Beharrlichkeit und ihr Mut sind in dieser Postkarte eingraviert.

Epilog: Die Suche geht weiter

Die Geschichte von Mis A. Z. Morison und Ernst ist nicht zu Ende. Mit moderner genealogischer Forschung, Volkszählungsdaten und digitalen Archiven könnten ihre Namen, ihre vollständigen Geschichten, vielleicht sogar Fotos gefunden werden.